16.12.1968

KATHOLIKEN / BENEDIKTINERAbt Alkuins Abgang

Ein deutscher Abt sprach aus, was die Mehrheit der katholischen Laien nicht einmal zu denken wagt. Dr. Alkuin Heising, 41, nannte den "autoritären Stil" seiner Kirche "unerträglich und verhängnisvoll".
Vor Funkmikrophonen und Fernsehkameras warf der Vorsteher des Benediktinerklosters Michaelsberg in Siegburg Anfang Dezember der römischen Kurie wie dem deutschen Episkopat "absolutistische Amtspraxis", "kleinliche Gesetzesvorschriften" und "gruppenegoistische Ziele" vor. Dann verkündete er die Konsequenzen, die er gezogen habe: "Um Entpflichtung von meinem Amt als Abt habe ich gebeten, weil mich mein Gewissen dazu drängt."
In der fast anderthalbtausendjährigen Geschichte des Benediktinerordens ist Heising der erste Klosterchef, der mit so massiver Kritik um seinen Abschied einkam. Der Abgang des Abtes ist die bislang schärfste Reaktion aus der Kirche auf den konservativen Kurs der Kirche, denn in der katholischen Hierarchie rangiert ein Abt fast ebenbürtig mit dem Bischof.
Abt Heising begründete seinen Entschluß mit jüngsten Ereignissen: mit der "Reaktion" der kirchlichen Amtsautorität auf den Holländischen Katechismus (SPIEGEL 50/1968) und mit der "Verurteilung" des Reutlinger Religionspädagogen Hubertus Halbfas:
* Ende November hatte eine von Papst Paul VI. eingesetzte Kardinals-Kommission eine Revision des "Holländischen Katechismus" gefordert, weil Fragen der Erbsünde, der Jungfrauengeburt, der Dogmengültigkeit sowie der päpstlichen und bischöflichen Amts- und Lehrautorität nicht kirchenkonform beantwortet worden waren.
* Eine Woche später entband die Deutsche Bischofskonferenz den Professor Halbfas, 36, von seinen kirchlichen Aufträgen am Institut für Katechetik, im Jugendhaus Düsseldorf, bei der Zentrale des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend und im Deutschen Katechetenverein. Außerdem empfahl die Bischofskonferenz dem Rottenburger Bischof Leiprecht, er möge Halbfas den kirchlichen Lehrauftrag an der Pädagogischen Hochschule (PH) in Reutlingen entziehen.
Halbfas hatte in seinem im Frühjahr erschienenen Buch "Fundamentalkatechetik" den kritiklosen Dogmen- und Wunderglauben seiner Kirche attackiert. Daraufhin verhinderte der Kölner Kardinal Frings eine Halbfas-Berufung an die Bonner Pädagogische Hochschule.
Studenten, Professoren und Priester protestierten damals gemeinsam gegen das Kardinals-Veto. Abt Alkuin aber schrieb einen Offenen Brief, in dem er versicherte, daß Halbfas bereits dort stehe, "wo unsere katholische Theologie ... in einigen Jahren oder Jahrzehnten stehen wird".
Als die deutschen Bischöfe jetzt den progressiven Halbfas vollends mattsetzen wollten, lief die "Resolutions- und Protest-Maschinerie" -- so die Katholische Nachrichten Agentur -- wieder an. Theologiestudenten und Geistliche aus nahezu allen Bundesländern protestierten bei dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Julius Kardinal Döpfner. Sie appellierten auch an Bischof Leiprecht, den Lehrauftrag für Halbfas nicht zurückzunehmen. Halbfas-Studenten brachten ihrem Professor einen Fackelzug.
Prominentester und entschiedenster Protestierer war Abt Alkuin: "Halbfas gehört in den Lebenskreis, der mich entscheidend geformt hat." Er bewies diese Form vor zwei Wochen: In der neunhundert Jahre alten Siegburger Benediktiner-Abtei rumorte es wie nie zuvor.
Dr. Johannes Heising, Sproß einer Bad Driburger Lehrerfamilie, seit 1954 als Mönch Alkuin in diesem Kloster und seit Juli vergangenen Jahres des-
* Mit seinem Amtsvorgänger Abt Ildefons Schulte-Strathaus.
sen Abt, störte die klösterliche Ruhe, Er teilte den Patres mit, er wolle das Kloster nicht mehr länger leiten; seine Rückversetzung in den Laienstand habe er bereits beantragt.
Nachdem er dem Konvent -- der Gemeinschaft der Siegburger Mönche -- seine Motive dargelegt hatte, versandte er per Drucksache eine Presseerklärung an zahlreiche Redaktionen; denn auch die Öffentlichkeit müsse erfahren, warum er "nicht länger zu Trägern kirchlicher Amtsautorität" gehören könne, "welche die innerkirchliche Entwicklung blockieren".
In dieser Erklärung beschuldigte der Abt seine Kirche:
* Sie versuche statt einer "Weiterentwicklung der Glaubenslehre in Theologie und Verkündigung nur einer theologischen Meinung alleinige Geltung zu verschaffen".
* Sie unterdrücke "radikal ... religiöse Spontaneität im gottesdienstlichen Bereich".
* Sie behindere "immer wieder ... Versuche, das Ordensleben grundlegend zu erneuern".
Ausdrücklich versicherte Abt Alkuin, daß "nicht die Zölibatsfrage" ihn zu seinem Schritt bewogen habe.
Doch die Drucksache des Abtes, dem die "Rheinische Post" bescheinigt, "ein hervorragender Leichtathlet und ein glänzender Schwimmer" zu sein und seinen BMW 1600 "möglichst mit Höchstgeschwindigkeit" zu fahren, war nicht schnell genug. Einen Tag vor ihrem Eintreffen in den Redaktionen und eine Stunde vor der Rundfunkansprache des Abtes Alkuin lief bereits eine unfreundliche Gegenerklärung des Siegburger Benediktiner-Konvents über die Fernschreiber der Deutschen Presse-Agentur.
Alkuins Konfratres teilten darin mit, sie könnten die von ihrem Abt angeführten Gründe nicht anerkennen und Heisings Vorgesetzter, der Abtpräses der internationalen Benediktinerkongregation, Gabriel Brasó, habe Abt Alkuin "vorläufig seines Amtes enthoben
"Bild" machte es kurz: "Abt beklagte sich: Gefeuert!" Andere Blätter nannten den gewissenhaften Benediktiner fortan Ex-Abt, Pater oder Dr. Heising.
Als der Abtpräses jedoch zwei Tage später von Rom nach Siegburg eilte, erwies sich die Konvents-Erklärung als falsch. Sie war durch Sprachschwierigkeiten zustande gekommen, die der Siegburger Prior Reginhard Spilker mit dem in Rom residierenden Abtpräses am Telephon gehabt hatte. Brasó hatte lediglich mitgeteilt, daß der Prior vorerst die Leitung des Klosters übernehmen solle. Abt Alkuin behält auch nach seinem Abgang den Titel, bis der Heilige Stuhl ihn von den Ordensgelübden entbindet.
Abtpräses Brasó sorgte zunächst für Brüderlichkeit. Das Gespräch, das er mit Abt Alkuin führte, verlief nach beider Aussage "in einer verständnisvollen Atmosphäre". Und der Konvent des Klosters sprach sich in geheimer Abstimmung für die Entpflichtung seines Abtes von seinem Amt aus.
Der scharfen "Gegenerklärung" der Siegburger Benediktiner folgten nun Freundlichkeiten. Abt Alkuin über seine Mitbrüder: "Ich kenne sie lange. Menschlich stehen sie zu Alkuin." Ein Siegburger Pater über seinen Abt: "Wir stehen nach wie vor zu unserem Alkuin. Einen so guten Menschen haben wir als Abt noch nie gehabt. Wir sind nur nicht mit der Art und Weise einverstanden, Wie er seinen Schritt vollzogen hat."
Das Kölner Generalvikariat zeigte noch weniger Verständnis. Es ließ erklären, "Dr. Heising" habe "Papst und Bischöfe vor sein Gericht" gezogen und sie "ohne Maß beschuldigt und verurteilt", Letzte Woche bekam ein Bonner Pfarrgemeinderat einen Wink aus Köln und lud den bereits für einen Vortrag gewonnenen Abt wieder aus.
Alkuin Heising rüstet sich jetzt zu weltlichem Tun. Als Laie möchte er bald "Im Rahmen der Entwicklungshilfe Bildungsaufgaben übernehmen", denn: "Die Zukunft der Kirche hängt vom Aufbruch des gläubigen Gottesvolkes und nicht von den Amtspriestern ab."

DER SPIEGEL 51/1968
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