16.12.1968

HANDEL / FARBFILM-PREISEBillige Patrone

Auf großen Schildern in den Schaufenstern seiner 52 Filialen verkündete Photohändler Hannsheinz Porst den Westdeutschen gute Zeitung: "Es gilt wieder! Agfa CT 18 Diafilme bei Forst ab sofort 9,90 Mark. Schnell zugreifen!"
Nachdem das seit Jahren umstrittene Preishindungssystem für sogenannte Farbumkehrfilme vom Bundesgerichtshof jetzt aufgehoben wurde, startete Forst einen neuen Preiskampf. Im Streit der großen Farbfilmhersteller Agfa-Gevaert, Kodak und 3M mit dem Bundeskartellamt hatten die Karlsruher Richter gegen die Photoindustrie entschieden.
Das Urteil verhilft den knipsenden und filmenden Bundesbürgern zu erheblich preiswerteren Photofreuden. Bislang kostete beispielsweise die preisgebundene Agfacolor-Patrone CT 18 mit 36 Dia-Aufnahmen 13,90 Mark. Forst verkauft sie jetzt vier Mark billiger; farbige Kodak-Schmalfilme gibt er für 16,90 Mark ab statt für 21,50 Mark.
Zäh hatten die Hersteller Ihre Festpreise für Colorfilme verteidigt, die es ihnen erlaubten, alle Wünsche der Großabnehmer nach Sonderkonditionen abzuweisen. Das System wurde erst morsch, als vor drei Jahren in der Schweiz die Preisbindung zusammenbrach. Danach war der Dia-Film CT 18 Bestseller auf dem grauen Markt: Außenseiter kauften die Filme waggonweise in der Schweiz auf und lieferten sie frei Frankfurt für 8,30 Mark -- noch unter dem deutschen Werkabgabepreis der Agfa (9,01 Mark).
Obwohl die Preisbindung durch diese Re-Importe durchlöchert war, fanden die Wächter des Kartellamtes in Berlin keine Handhabe, Der Agfa-Konzern entzog sich ihrem Zugriff immer wieder "mit Ernst und Einfallsreichtum und allen Mitteln" (Agfa-Sprecher Dr. Rolf-Hasso Ley).
Als beispielsweise in den westdeutschen Ratio-Märkten. 10 000 Agfa-CT-IB-Filme für 9,90 Mark auftauchten, kaufte das Unternehmen von den Händlern die eigene Ware zum gebundenen Endverbrauchspreis von damals 13,50 Mark zurück. Ihre Preisbindung, so konnten die Leverkusener anschließend beteuern, sei lückenlos.
Da stießen die Kartellbeamten auf einen Ausweg. Sie entsannen sich, daß der Käufer mit dem Ladenpreis für Umkehrfilme nicht nur die Ware bezahlt, sondern auch das Entwickeln, eine Dienstleistung, deren Preis laut Kartellgesetz nicht gebunden werden darf.
So forderte das Kartellamt Agfa, Kodak und 3 M auf, diesen "Mißstand" abzustellen. Als die Firmen nicht darauf eingehen mochten, erklärte das Amt die Preisbindung für unwirksam,
Schon am nächsten Morgen offerierte Forst "Stangen" mit zehn CT-18-Filmen für 9,40 Mark je Patrone, doch er triumphierte zu früh. Noch am gleichen Tag erwirkte Agfa eine einstweilige Verfügung und blockierte damit den Beschluß der Kartellbehörde. Den gegen Forst angestrengten Prozeß gewann der Konzern.
So gestärkt, ging Agfa auch gegen die Ratio-Märkte vor, die unterdessen erneut einen großen Posten CT-18-Filme aus den Benelux-Ländern reimportiert hatten, Die Leverkusener stoppten den Niedrigpreis-Verkauf mit einer Serie einstweiliger Verfügungen. Es waren die letzten.
Ratio wehrte sich mit einer Klage bei der EWG-Kommission in Brüssel. Denn das Verbot von Zurückverkäufen ins Herkunftsland, wie es deutsche Markenartikler zum Schutz ihrer Preisbindung den ausländischen Abnehmern auferlegen, verstößt gegen Artikel 85 des EWG-Vertrags.
Die Brüsseler Kommissare ließen Agfa denn auch wissen, sie glaubten nicht, daß sie die Firma von Artikel 85 freistellen und ihr erlauben könnten, den Gemeinsamen Markt in fünf Teilmärkte mit unterschiedlichen Preisen aufzusplittern. Ziel des Vertrags von Rom sei gerade der freie Handel über die Grenzen, "Wir fallen total auf die Schnauze", klagte Agfa-Sprecher Dr. Ley, "das ist eine Art Katastrophe."
Eine weitere Niederlage mußten die Farbfilm-Produzenten am Donnerstag vorletzter Woche vor dem Bundesgerichtshof im Prozeß gegen das Kartellamt hinnehmen. Zwar gestatteten die Karlsruher Bundesrichter der Photoindustrie, auch künftig die Preise für Farbumkehrfilme zu binden. Die Entwicklungskosten hingegen dürften nicht mehr in diesen Preis einbezogen werden. Agfa und Kodak verzichteten daraufhin ganz auf die Preisbindung.
Verkaufschef Dr. Karl Steinorth von der Kodak AG vermutet, daß in Karlsruhe "ohnehin nur ein schwerkranker Mann totgeschlagen" wurde. "Bis zum Frühsommer", so der Marktstratege, "haben wir aus Brüssel das Ende der Preisbindung überhaupt."

DER SPIEGEL 51/1968
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