16.12.1968

AFFÄREN / HENZE

Sie bleibt

Notwendig, sagt Hans Werner Henze, 42, "sind nicht Museen, Opernhäuser und Uraufführungen ... Notwendig ist die Schaffung des größten Kunstwerkes der Menschheit: die Weltrevolution."

Letzten Montag sollte in Hamburg Henzes "Floß der Medusa", ein vom NDR In Auftrag gegebenes "Oratorio volgare e militare, in due parti", uraufgeführt werden -- statt dessen kam es zur Revolution im Saal.

Die 1060 Plätze in Halle B von Planten un Blomen waren voll besetzt, das NDR-Symphonie-Orchester stimmte schon die Instrumente, auf dem Podium standen bereit: Edda Moser (Sopran), Dietrich Fischer-Dieskau (Bariton) und Charles Regnier (Sprecher), der Chor des Norddeutschen Rundfunks, der Rias-Kammerchor und der Knabenchor St. Nikolai. Das Spiel konnte beginnen, und es begann -- ein Duo volgare e militare zwischen NDR und SDS.

Denn diese Premiere des Apo-Mannes Henze wollten die Berliner SDS-Freunde unter Gaston Salvatore, von Henze herbeigerufen, so wenig missen wie die sozialistischen Studenten der Hamburger Musikhochschule -- wenn auch aus verschiedenen Gründen: Den Hamburgern lag am Herzen, Henzes Musik als reaktionär zu entlarven, den Berlinern, ihre Hamburger Kollegen zur Räson zu bringen und aufs bürgerliche Publikum abzulenken. Ein Vorgehen gegen Henze, so argumentierte die Berliner "Projektgruppe Kultur und Revolution", nütze nur dem bourgeoisen Feind.

Nach dreitägigem Palaver war der Hamburger Flügel lahm. Aufgegeben war beispielsweise der Vorsatz, beim "Medusa"-Spiel vom Komponisten Aufklärung über Strukturen seiner Musik zu verlangen, aufgegeben auch der Plan, in den Chorgesang einzufallen, aufgegeben der Versuch, Henzes Hörer vor Henze als kulinarische Henze-Konsumenten bloßzustellen.

Am Montagabend zogen Berliner und Hamburger in sozialistischer Eintracht zu Planten un Blomen, jenem Premierenort, den Henze mit Blohm & Voss verwechselt haben will. So jedenfalls hatte der Berliner SDS den Hamburger SDS unterrichtet.

NDR-Programmdirektor Franz Reinholz, dem Henze den "Medusa"Auftrag verdankt, weiß es anders: "Henze", versichert Reinholz, "hat die Halle vorher selbst besichtigt. Er war auch über das Publikum informiert." Und dieses Publikum bestand eben nicht aus Werftarbeitern, es war, so erkannten die sozialistischen Studenten wieder einmal, ein Publikum von "Scheiß-Reichen".

Kurz vor 20 Uhr war der Trupp aktionsbereit in Halle B. Und bevor noch der Dirigent Henze aus dem Künstlerzimmer trat, war schon Che im Saal: Die Agitatoren hatten ein Che-Guevara-Porträt ans Pult gepinnt; es sollte daran erinnern, was mit Henzes Billigung im Programmheft verschwiegen worden war: Das Oratorium ist dem lateinamerikanischen Freiheitskämpfer gewidmet.

Dieses Memento schätzte NDR-Programmdirektor Franz Reinholz aber gar nicht -- er riß das Plakat herunter. Politik und Kunst, so fand er, paßten nicht zusammen.

Das fanden die Studenten keineswegs. Sie befestigten ein neues Plakat und hißten die rote Fahne, und ein Anarchistenteam, das mit Entenlockflöten und anderen Jagdinstrumenten gekommen war, hängte eine schwarze daneben. Da schlug der Rundfunk zu, die Kripo schlug mit, der Rias-Kammerchor begann, doch nicht unisono. "Die rote Fahne runter", verlangte ein Sänger, zwei Sängerinnen traten schluchzend ab: "Wir sind Berliner und haben genug von roten Fahnen." Beschwörend hob Henze die Hände -- vergebliche Geste: Die Chöre, von Henze bis zuletzt im unklaren gelassen, zu wessen Ehre sie singen sollten, verließen die Bühne und kamen nicht mehr zurück.

Der Komponist Henze jedoch war entschlossen, den Genossen seine revolutionäre Gesinnung erstmals durch die Tat zu beweisen. "Die rote Fahne", sprach Henze, "sie bleibt."

Während NDR-Intendant Gerhard Schröder (SPD), längst schon im sicheren Übertragungswagen, um 20.19 Uhr den Live-Tumult stoppte und seinen Hörern einen Mitschnitt der Generalprobe funkte, sammelte sein Stellvertreter, der Freiherr von Hammerstein-Equord (CDU), im Saal gegen den Widerstand der Demonstranten Banner und Plakate ein; wenig später brach ein Trupp von 25 Polizisten, Visier am Kampfhelm, in die Halle ein. "Nazis!" "Faschisten!" rief es aus dem Publikum. Ein Künstler schrie begeistert: "Nieder mit den Roten!"

"Die Polizei", erläuterte Hammerstein, "hat auf Wunsch des NDR bereitgestanden, der Demonstrationen für möglich hielt und für die Sicherheit seiner Mitarbeiter, des Publikums und wertvoller Instrumente vorzusorgen hatte."

NDR-Mitarbeiter Ernst Schnabel, Librettist der "Medusa", bekam die Vorsorge gründlich zu spüren. Mehrere Polizisten warfen ihn durch eine Glastür, expedierten ihn mit sechs weiteren Delinquenten zum Polizeipräsidium, nahmen seine Fingerabdrücke und sperrten ihn bis Mitternacht in Einzelzelle 7. Schnabel zu Hammerstein-Equord: "Wir frühstücken nicht mehr miteinander."

Unterdessen sorgte Hammerstein in Planten un Blomen weiter für Ordnung. Als Henze das Publikum informierte: "Das Eingreifen der Polizei hat die Diskussion verhindert", riß Hammerstein ihm das Mikrophon aus der Hand. Die Hände im Parkett reagierten mit rhythmischem Ho-Tschi-minh-Klatschen, und Henze klatschte mit -- dreimal. Dann entschwand er durch eine Hintertür.

In den Ätherwellen war zu der Zeit das "Floß der Medusa" schon weit vorangetrieben -- auf gewohnt konterrevolutionärem Kurs.

"Wo immer", urteilte die "Süddeutsche Zeitung", "die Chöre sangen, gab es den alten, schwebend irisierenden Henze-Klang, der keinem wehtut und nie markant wird. Das Orchester ... erinnerte merkwürdig oft an Richard Strauss."

Dem Musikkritiker Heinrich von Lüttwitz erschien die "Medusa" als "tragikomisches Absurdum" voll "romantischer Farben", mit "mal rumpelig, mal pingelig hinkomponierten Rezitativen und Melodramen".

Henze-Biograph Klaus Geitel sah das "Floß" im "Ozean einer empfindungsreichen, aber allzu ausgedehnten, lyrisch eingefärbten Monotonie".

Mag sein, daß dieser Abend, wie Henze meint, ihn politisch "ein Stück weitergebracht" hat. Die Henze-Fans in der Apo aber haben versagt -- so siebt es der gegenwärtig am gründlichsten analysierende Musiktheoretiker Heinz-Klaus Metzger, der sich mit dem "antiautoritären Flügel des SDS identifiziert".

"Die Apo", prophezeit Metzger, "wird sinnvolle Verhältnisse erst gestiftet haben, wenn deutsche Musiker sich nicht mehr weigern, unter einer roten oder auch unter einer schwarzen Fahne aufzutreten, sondern ein Werk Henzes aufzuführen. Und zwar aus streng musikalischen Gründen. Denn für diesen Komponisten gilt leider nicht einmal Tucholskys Bonmot: "Wegen schlechter Witterung fand die deutsche Revolution in der Musik statt.'"


DER SPIEGEL 51/1968
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 51/1968
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AFFÄREN / HENZE:
Sie bleibt