02.12.1968

November 1918: „Kartoffeln - keine Revolution“

4. Fortsetzung und Schluß
Das Ende der Republik begann in
der zweiten Januar-Woche des Jahres 1919 -- zwei Monate nach dem Anfang. In dieser Woche marschierten Deutschlands Sozialisten gegeneinander auf, die nur vereint fähig gewesen wären, die Demokratie gegen die Antidemokraten von rechts und von links zu verteidigen.
In dieser Woche trafen die Sozialdemokraten Entscheidungen, die dazu beitrugen, daß die SPD -- anderthalb Jahre später -- fast die Hälfte der Wähler verlor und -- ein paar Jahre später -- macht- und hilflos zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten in die Enge geriet.
Das war in Wirklichkeit das Historische an dieser deutschen Revolution: der Kampf der Genossen gegeneinander, und da gab es auch Blut und Barrikaden. Es war eine paradoxe Revolution: Nicht die Linken standen gegen die Rechten, sondern die Linken gegen die ganz Linken. Eine große Stunde deutscher Geschichte wurde so zu einem Zwist zwischen kleinmütigen Deutschen.
"Was alles wäre uns erspart geblieben", schrieb 1968 Sozialdemokrat Paul Nevermann -- 1918 Vorsitzender des Lehrlingsrats einer Hamburger Maschinenfabrik, nach dem Zweiten Weltkrieg 54 Monate Regierungschef an der Alster -, "wenn die Sozialdemokratie in der Weimarer Republik einig und dadurch stärker gewesen wäre." Erspart geblieben wäre den Deutschen, so jedenfalls Nevermann, Drittes Reich und Zweiter Weltkrieg, denn "ohne Spaltung der Arbeiterbewegung" wäre die NSDAP "eine kleine Partei geblieben".
Am 6. Januar 1919 riefen Unabhängige, Revolutionäre Obleute und Kommunisten die radikalen Genossen und Arbeiter in die Siegesallee: "Erscheint in Massen. Uni Großes handelt es sich nunmehr! Nieder mit der Regierung Ebert Scheidemann."
Ebert und Scheidemann beorderten ihre Gefolgschaft in die Wilhelmstraße: "Jetzt ist unsere Geduld zu Ende. Wir wollen uns nicht länger von Irrsinnigen und Verbrechern terrorisieren lassen. Es muß endlich Ordnung in Berlin geschaffen werden."
In Eberts Arbeitszimmer, Wilhelmstraße 77, berieten derweil die Regierung und der vom Kongreß des Arbeiter- und Soldatenrats eingesetzte Zentralrat über die heikle Revolutionslage. Die Sozialdemokraten waren unter sich: Nach den Weihnachtsunruhen vor Schloß und Marstall hatten die USPD-Volksbeauftragten Ihre Ämter niedergelegt, und den Zentralrat hatten die Unabhängigen schon bei der Wahl boykottiert.
"In ziemlicher Aufregung stand man umher", erinnerte sich Gustav Noske, den SPD-Chef Ebert ("Gustav, du mußt sofort kommen") telephonisch aus Kiel abberufen hatte. Und Noske, der an der deutschen Küste Ruhe und Ordnung schnell wiederhergestellt hatte, wußte auch für die deutsche Hauptstadt Rat: "Ich bin der Meinung, daß nun mit Waffengewalt Ordnung geschafft werden muß."
Dieser Meinung waren die anderen Genossen in Eberts Arbeitszimmer auch. Ebert sagte: "Dann mach du doch die Sache", und Noske akzeptierte: "Meinetwegen, einer muß der Bluthund werden."
"Diese Worte lösten lastendes Schweigen und Totenstille aus", erinnerte sich Reichskanzlei-Sekretär Walter Oehme, der dabei war, "alle sahen erstaunt auf Noske."
Der Sozialdemokrat und neue Volksbeauftragte für das Militärwesen wurde nun auch Oberbefehlshaber einer Truppe, die es noch gar nicht gab. "Sei nur ruhig", tröstete er seinen Parteichef, "es wird alles wieder gut werden." Und die Menge draußen vor der Reichskanzlei richtete er auf: "Verlaßt euch darauf, ich bringe euch Berlin in Ordnung."
Unordnung war entstanden, als die preußische SPD-Regierung am 4. Januar 1919 den USPD-Mann Emil Eichhorn seines Amtes als Berliner Polizeipräsident enthob, Eichhorn sich jedoch weigerte, diese "Machtposition des revolutionären Proletariats" (Historiker Rosenberg) zu räumen.
Preußens Sozialdemokraten war der Polizeichef schon lange suspekt. Er hatte zwar in den ersten Kriegsmonaten, wie andere brave Sozialdemokraten auch, die Burgfriedenspolitik seines Parteivorstandes gebilligt und als Redakteur des Sozialdemokratischen Pressebüros auf patriotische Gesinnung gesehen. Aber später wurde der Linke irre an der rechten SPD. Eichhorn schloß sich den Unabhängigen an und übernahm die Leitung der Berliner Sowjet-Agentur "Rosta", von der er auch noch als Polizeichef Gehalt bezog.
Unerträglich wurde Eichhorn den Sozialdemokraten, als er öffentlich gegen die Einberufung der Nationalversammlung polemisierte, sich eine Privatarmee zulegte -- die rund 2000 Mann starke Sicherheitswehr, In der nur Linksradikale dienen durften -, geheime Waffenlager anlegte und, am 24. Dezember, den in Schloß und Marstall von Regierungstruppen belagerten Matrosen gar bewaffnete Arbeiter zu Hilfe schickte.
Am Abend des 4. Januar befaßten sich der Berliner USPD-Vorstand und die Revolutionären Obleute mit der Absetzung des Parteifreundes. "Man war sich einig", berichtete USPD-Politiker Richard Müller, "daß der Schlag gegen Eichhorn abgewehrt werden müsse." Aber wie, das "wurde weder eingehend erörtert noch festgelegt".
Liebknechts Kommunisten jedoch, die zu gleicher Zeit tagten, sahen klarer. Sie kamen zu dem Schluß, daß es nicht möglich sei, den Fall Eichhorn zum Anlaß revolutionären Umsturzes zu machen. Eine auf das "Proletariat gestützte Regierung" hätte "nicht länger als 14 Tage zu leben",
Gemeinsam protestierten USPD, Revolutionäre Obleute und Kommunisten gegen Eichhorns Absetzung: "Mit dem Schlage ... soll das ganze deutsche Proletariat, soll die ganze deutsche Revolution getroffen werden." Und gemeinsam riefen sie das Berliner Proletariat auf: "Das könnt, das dürft ihr nicht dulden. Heraus darum zu wuchtigen Massendemonstrationen."
"Man könnte dem Problem eine Doktordissertation widmen" " schrieb später Historiker Rosenberg, "ob dieser Aufruf zum bewaffneten Aufstand auffordern sollte oder nicht." Die Arbeiter jedenfalls, die am nächsten Tag zu Zehntausenden in der Siegesallee aufmarschierten, hatten Waffen mitgebracht, auch Maschinengewehre und Panzerautos. "Die Stimmung der Leute", hieß es in einem offiziellen Bericht der preußischen Regierung, "war außerordentlich erregt."
Und ein paar hundert wollten die Waffen auch benutzen. Sie drangen in Zeitungsredaktionen ein und besetzten Bahnhöfe. Sie fanden "überall Widerspruch", so der Preußen-Rapport, "aber nirgends Widerstand".
Arbeiter der Berliner Großbetriebe Schwartzkopff, AEG und Knorrbremse zogen zum SPD-Zentralorgan "Vorwärts", öffneten die schweren Eisentore mit Dietrichen und legten den Zeitungsbetrieb lahm.
Später rückte Verstärkung an: Rund 300 Mann mit Handgranaten, Karabinern und Maschinengewehren. Verpflegung holten sich die Besatzer von der Straße. Sie stoppten mit Lebensmitteln beladene Lastwagen und räumten sie aus. Unter der Beute befanden sich 235 Eimer Marmelade.
Rund 200 bewaffnete Soldaten und Zivilisten bemächtigten sich des Mosse-Verlages. Sie verbarrikadierten Türen und Fenster, machten die Maschinengewehre klar und ließen die Mannschaften regelmäßig zum Appell auf dem Innenhof antreten. "Natürlich wurden", so die preußische Regierung, "auch Zigaretten und Lebensmittel entwendet,"
Ähnlich geschah es bei Ullstein und der Druckerei Büxenstein, bei der Reichsdruckerei und dem Wolffschen Telegraphenbüro, wo laut Regierungsbericht eine "Frauensperson" die Hauptrolle gespielt habe, die von den Spartakisten mit "Rosa" angeredet wurde und "möglicherweise, wenn auch nicht sicher, Rosa Luxemburg gewesen" sei.
Den Volksbeauftragten in der Reichskanzlei schien die Situation so prekär, daß sie sich, so Scheidemann, "mit aller Vorsicht aus dem Hause schlichen": "Einer hinter dem anderen, mit 300 Schritten Abstand." Ebert erwog wieder einmal, Berlin zu verlassen. Den Parteifreund Hermann Müller beauftragte er vorsichtshalber, irgendwo in der Provinz eine neue Regierung zu bilden, wenn seinem Kabinett etwas zustoßen sollte.
Doch so gefährlich war es keineswegs. Denn während Spartakisten und Arbeiter Pressehäuser eroberten, war die Masse der Proletarier längst wieder zu Hause, und die Führer, die nicht an Aufstand dachten, wußten nicht einmal von den spontanen Aktionen.
Beeindruckt von dem großen Demonstrationserfolg überlegten sie, was weiter zu tun sei, "Die Redner überboten sich gegenseitig mit Kraftworten und Forderungen", so Augenzeuge Richard Müller. Aber zu Entscheidungen reichte es nicht, "weil niemand klar umgrenzte Maßnahmen vorschlug".
Erst als der "Vorwärts"-Handstreich bekannt wurde und Leutnant Heinrich Dorrenbach von der Volksmarine-Division euphorisch erklärte, seine Matrosen wie auch alle Berliner Regimenter hielten es mit den Aufständischen und in Spandau verfüge die Truppe über 2000 Maschinengewehre und 20 Geschütze, wuchs die Entschlossenheit.
Liebknecht, bis dahin wie Rosa Luxemburg überzeugt, daß die "Machteroberung nicht eine einmalige, sondern eine fortschreitende" sein sollte, forderte nun als erster Kampf. Der ebenso eigensinnige wie Impulsive Berliner Rechtsanwalt, der, so fand Harry Graf Keßler, wie ein Pastor redete -- "langsam und gefühlvoll die Worte singend" -, wollte der gerade gegründeten KPD revolutionäres Prestige verschaffen. Rosa Luxemburg aber schimpfte: "Karl, wo bleibt unser Programm?"
Wilhelm Pieck schloß sich dem "Karl, der aus den Wolken kam" (Rosa Luxemburg) an wie "der Putz! leck dem Leutnant" (Hermann Müller). Der spätere DDR-Präsident rief aus: "Sofort muß der Kampf aufgenommen werden." Und auch der alte Ledebour war nun dafür: "Wenn schon, denn schon. Und wenn schon, dann rasch und aufs Ganze."
Mit 64 gegen sechs Stimmen beschlossen die Revolutionäre Im Polizeipräsidium den gewaltsamen Sturz der Regierung Ebert/Scheidemann. Sie setzten einen Revolutionsausschuß ein, der nach der Machtergreifung die Staatsgeschäfte übernehmen sollte, und beriefen Liebknecht für die Kommunisten, Ledebour für die Unabhängigen und Paul Scholze für die Revolutionären Obleute zu gleichberechtigten Vorsitzenden.
Ein Aktionsprogramm, geschweige denn ein Revolutionsprogramm hatten die Revolutionäre aber immer noch nicht, und sie bekamen auch keines. "Nichts geschah", bemängelte später ein von Walter Ulbricht, Lenin und
selbstkritisch -- von Wilhelm Pieck mitverfaßtes KP-Geschichtswerk, "um die Massen zu organisieren, in den Betrieben Kampfabteilungen zu bilden, den Feind zu beobachten, die Verbrüderung der revolutionären Arbeiter mit den Truppen herbeizuführen."
Am folgenden Tag gingen die Linksradikalen und die von der SPD enttäuschten Arbeiter wieder auf die Straße, und wieder brachten sie Waffen mit.
"Vom Roland bis zur Viktoria standen die Proletarier Kopf an Kopf", schrieb das Spartakus-Blatt "Rote Fahne": "Eine Armee von 200 000 Mann, wie kein Ludendorff sie gesehen."
Aber die Armee hatte keinen Ludendorff. "Sie standen", so die "Rote Fahne", "von früh um neun Uhr In Kälte und Nebel, und irgendwo saßen die Führer und berieten. Der Nebel stieg, und die Massen standen weiter. Aber die Führer berieten ... Die Massen fieberten vor Erregung: Sie wollten eine Tat, auch nur ein Wort, das ihre Erregung besänftigte. Fast keiner wußte, welches. Denn die Führer berieten. Der Nebel fiel wieder und mit ihm die Dämmerung. Traurig gingen die Massen nach Hause; Sie hatten Großes gewollt und nichts getan."
Freilich: Wieder gingen nicht alle nach Hause. Bewaffnete Trupps drangen in das Regierungsviertel ein und versuchten, die Reichskanzlei zu stürmen. Doch Unteroffizier Suppe mit zwei Kompanien ("Suppengarde") schlug sie zurück. 25 Aufständische wurden erschossen, 50 verwundet.
Andere griffen die Moabiter Kaserne an. Doch da standen die Freiwilligen des Obristen Wilhelm Reinhard. Er ließ ein Feldgeschütz eine unscharfe Manöverkartusche abfeuern und aus Maschinengewehren schießen -- "und alles flüchtete", so der Obrist, "riß Weiber und Kinder um und eilte heulend von dannen". Als Reinhard zu seinen Männern auf den Kasernenhof trat, "standen die Bedienungen lachend an den Waffen".
Unterdessen lieferte auch Liebknechts Revolutionsausschuß dem Revolutionär Lenin einen neuen Beleg für dessen ebenso sarkastische wie zutreffende Bemerkung, wonach die Deutschen keinen Bahnhof besetzen würden, wenn sie zuvor nicht eine Bahnsteigkarte gelöst hätten.
Auf Befehl des Revolutionsausschusses zog Matrose Lemmgen von der Volksmarinedivision mit 300 Mann aus, um das Kriegsministerium zu erobern. Dem 28jährigen Leutnant Bruno Hamburger, mit dem sie wegen Übergabe verhandelten, reichten sie ein Schriftstück, das eigentlich erst nach dem Sieg publik werden sollte:
"Kameraden, Arbeiter! Die Regierung Ebert/Scheidemann hat sich unmöglich gemacht. Sie ist von dem unterzeichneten Revolutionsausschuß ... für abgesetzt erklärt. Der unterzeichnete Revolutionsausschuß hat die Regierungsgeschäfte vorläufig übernommen."
Aber das Schriftstück war, wie Hamburger bemängelte, nicht ordnungsgemäß unterzeichnet: "Da hätte ja jede Stenotypistin die Regierung stürzen können.
Dem Matrosen Lemmgen leuchtete das ein. Er eilte zum Revolutionsausschuß zurück und ließ sich von Liebknecht und Scholze die fehlenden Unterschriften geben; für Ledebour, der gerade nicht da war, unterschrieb Liebknecht gleich mit.
Aber Lemmgen, der inzwischen erfahren hatte, daß seine Volksmariner sich für neutral erklärt hatten, wollte das Kriegsministerium nun nicht mehr erobern. Er steckte das Papier in die Tasche und meldete sich krank.
Was in deutschen Geschichts- und Schulbüchern noch heute als Spartakisten-Aufstand bezeichnet wird, war damit eigentlich beendet. Kleine Trupps besetzten in den folgenden Tagen wohl noch ein paar Bahnhöfe, aber an Regierungssturz und Machtübernahme dachte niemand mehr,
Die KP-Zentrale erwog sogar, die Aufständischen zur Aufgabe zu ermuntern. Doch dann brachte die Partei es doch nicht über sich, die Arbeiter, die sie durch Agitation und Demonstration in eine revolutionäre Aktion hineinmanipuliert hatte, wieder herauszumanipulieren. "Fast donquichottisch", so Luxemburg-Biograph Nettl, "sprangen Rosa Luxemburg und die KPD einem revolutionären Unternehmen bei, das sie nicht angefangen hatten, dessen Ziele sie nicht billigen konnten, das man aber trotzdem nicht scheitern lassen durfte."
Als eine Delegation aus Unabhängigen und Revolutionären Obleuten noch am 6. Januar zu Ebert ging, um -- gegen den Willen der Kommunisten -- zwischen Revolutionsausschuß und Regierung zu vermitteln, monierte Rosa Luxemburg, die den Aufstand am wenigsten gewollt hatte: "Unterhandelt nicht! Handelt!"
Handeln wollte jetzt die SPD-Führung. Schon am Mittag des 6. Januar, nach der Unterredung in Eberts Arbeitszimmer, hatte Noske, der jeglichen Kompromiß mit den Aufständischen ablehnte, begonnen, Truppen um sich zu scharen: "Zeit war nicht viel zu verlieren,"
Um 15 Uhr beschlagnahmte der neue Oberbefehlshaber das Dahlemer Mädchenpensionat "Luisenstift" für "militärische Zwecke". Er ließ sich Tisch, Bett und Telephon in ein Klassenzimmer bringen -- "und mein Hauptquartier war fertig". Bald darauf dröhnten, wie Noske zufrieden feststellte, "die Betonwände von den stampfenden Schritten mit Nägeln beschlagener Stiefel".
So nutzte Ebert die Gespräche mit den USPD-Vermittlern, unter denen sich die ehemaligen Volksbeauftragten Haase und Dittmann sowie der frühere SPD-Theoretiker Kautsky befanden, um Zeit für die militärische Aufrüstung zu gewinnen und die Aufständischen zu verwirren, Beides gelang.
Obgleich der SPD-Chef erklärte: "Wir werden von der Waffe keinen Gebrauch zum Angriff machen", ließ er Noske den Angriff gegen die Aufständischen vorbereiten. Und obgleich er wußte, daß die Aufständischen zu bedingungsloser Kapitulation nicht bereit waren, bestand er auf Räumung der Pressehäuser als Vorbedingung jeglicher Verhandlungen -- formal durchaus zu Recht, politisch jedoch, auch für die SPD selber, verhängnisvoll. Sie verlor damit, so Kautsky, "ihren sicheren Boden unter den Füßen".
Haase beschwor den SPD-Chef: "Über alle Bedenken hinweg sollte die Frage stehen, wie kommen wir dahin, daß eine Zerspaltung des Berliner Proletariats im blutigen Kampfe zu verhüten ist." Doch die Regierung Ebert, die sich der OHL gegenüber immer wieder als gefügig erwiesen hatte, war, so Historiker Kolb, den "Linksradikalen gegenüber peinlich auf die Wahrung ihres Prestiges bedacht".
Als die Vermittlungsversuche am 8. Januar ergebnislos abgebrochen wurden, forderte der Revolutionsausschuß, der bislang immer nur beraten hatte, zum bewaffneten Aufstand auf: "Zeigt den Schurken eure Macht. Bewaffnet euch! Gebraucht die Waffen gegen eure Todfeinde, die Ebert/Scheidemann. Auf zum Kampf."
Der SPD-"Vorwärts" kündigte an: "Die Abrechnung naht."
Die Abrechnung war schon im Gange. Beteiligt waren Angehörige des "Freiwilligen Helferdienstes der Sozialdemokratischen Partei" (des späteren Regiments Reichstag), die an diesem Tage das Reichstagsgebäude und das Kaiserhof-Hotel besetzten und das Regierungsviertel sicherten. Garde-Füsiliere und die Sicherheitswehr Charlottenburg griffen das Zeitungsviertel an, wurden jedoch von den Aufständischen zurückgeschlagen. Dagegen gelang es der Republikanischen Sicherheitswehr, die von Eichhorn zu Ebert übergelaufen war, den Potsdamer Bahnhof zurückzuerobern, der wenige Stunden zuvor von Spartakisten besetzt worden war.
Am Abend des 8. Januars eroberten "Maikäfer" und Leute der Sicherheitswehr die Reichsdruckerei. 350 Mann vom Garde-Pionier-Bataillon, dem Kaiser-Franz-Garde-Grenadier-Regiment Nr. 2 und Angehörige der Republikanischen Soldatenwehr schlugen in der Nacht zum 10. Januar eine Spartakus-Attacke auf den Zentralviehbahnhof zurück, wo sich die Aufständischen verproviantieren wollten.
Ebenfalls am 10. Januar eroberte das Freiwilligenregiment Reinhard das Proviantlager von den Aufständischen zurück; Soldaten vom 5. Garderegiment griffen nach Artillerie-Vorbereitung das Spandauer Rathaus an. Vier Gefangene wurden von den Wachmannschaften "auf der Flucht" erschossen -- im fahrenden Auto.
Im übrigen ging, so der Theologe Ernst Troeltsch, "das Großstadtleben seinen Weg weiter": "Musiker und Histrionen bieten sich an allen Plakatsäulen in Massen an, die Theater spielen weiter und versammeln ihr an Gewehrschüssen vorbeiellendes Publikum in gewohnter Masse, vor allem wird, wo irgend möglich, getanzt."
Am frühen Morgen des 11. Januar begann unter Führung des Majors von Stephani der Angriff auf den "Vorwärts". 560 Potsdamer Soldaten, darunter 40 Mann vom Regiment Garde du Corps und 200 Unteroffiziersschüler, standen bereit. "Die Stimmung der Truppe war gut", hieß es in einem 1940 veröffentlichten Bericht des Oberkommandos des Heeres (OKH).
Leichte Feldhaubitzen, Feldkanonen und schwere Maschinengewehre nahmen das Gebäude unter Beschuß, das die rund 400 Aufständischen zu einer Festung hergerichtet hatten: Eingänge und Fenster waren verbarrikadiert worden, in den oberen Stockwerken und auf dem Dach standen schußbereite MGs.
Das "Wirkungsschießen", so verzeichnete der OKH-Bericht, "hatte nachhaltige Wirkung". Die Aufständischen schickten sechs Parlamentäre, die unter Führung des Arbeiterdichters Werner Möller mit Stephanis Leuten wegen Übergabe verhandeln sollten. Doch die Potsdamer forderten bedingungslose Kapitulation binnen zehn Minuten. Einer der Parlamentäre ging ins Haus zurück, die anderen wurden gefangengenommen, zusammengeschlagen und in der Dragoner-Kaserne erschossen.
"Die Verletzungen meines Gatten sind derartig", berichtete Frau Möller in der Zeitschrift "Republik", "daß von Erschießen keine Rede sein kann." Möllers Brust und Hals hätten große Schnittwunden ("wahrscheinlich von Bajonettstichen") aufgewiesen, und "zuletzt ist die linke untere Gesichtshälfte eingeschlagen, so daß auch fast das Ohr ab ist".
Unterdessen ging der Kampf um das "Vorwärts"-Gebäude weiter. Die Artillerie feuerte, Stoßtrupps, die versuchten, das Pressehaus im Sturm zu nehmen, wurden von den Aufständischen zurückgeschlagen -- aber "opferfreudig hielt der Zug trotzdem durch" (OKH).
Erst als es einem Leutnant gelang, auf dem Innenhof einen Schuppen mit einem Flammenwerfer in Brand zu setzen und der aufsteigende Qualm den Besatzern die Sicht nahm, konnten die Potsdamer in das Gebäude eindringen. Und als, so Sozialdemokrat Hermann Müller kriegerisch, "eine sicher gezielte Mine mit einem Durchfegen die Balkons samt ihren Maschinengewehren zur Erde niederriß", gaben die Aufständischen auf.
390 Verteidiger, "darunter Frauen ... und Juden" (OKH), wurden ebenfalls in die Dragoner-Kaserne gebracht, "unter Mißhandlungen der Soldateska mit Hundepeitschen, Gewehrkolben und Fußtritten". Aber sie wurden nicht erschossen. Ein Befehl, angeblich aus der Reichskanzlei, alle Gefangenen umzubringen, wurde später widerrufen; es konnte nicht geklärt werden, wer ihn gegeben hatte.
Noskes Leute, die, wie der Sozialdemokrat schrieb, darauf "gebrannt" hatten, "als erste in Berlin zu sein", kamen als letzte. An dem Kampf gegen Spartakus nahm die Truppe, rekrutiert aus alten Regimentern und neuen Freikorps und inzwischen auf 22 000 Mann angewachsen, nicht mehr teil.
Noske hatte sie mit Hilfe von General Walther Freiherr von Lüttwitz aufgestellt, laut OKH ein "Offizier bester altpreußischer Schule, tätig, unerschrocken", der dem "Umsturz scharf ablehnend gegenüberstand" -- und vierzehn Monate später zusammen mit Kapp gegen die Reichsregierung putschte, in der auch Sozialdemokraten saßen.
Verstärkung schickte General Ludwig Maercker: "Da wollen wir einspringen." Seinen freiwilligen Landesjägern schärfte er ein: "Die Bedrohung ist eine arge, die Rosa Luxemburg ein Teufeisweib und Liebknecht ein Kerl, der aufs Ganze geht."
Am 11. Januar, als das Potsdamer Regiment noch um den "Vorwärts" kämpfte, rückte Oberbefehlshaber Noske an der Spitze einer dreitausend Mann starken Streitmacht -- "wilde Burschen", urteilte Major Volkmann, "durch Krieg und Revolution verdorben" -- in die Reichshauptstadt ein. "Es war ein übler Regentag", erinnerte sich Noske, und "kein Mensch konnte wissen, wie die Sache ausgehen würde".
Die Sache ging gut aus. Nicht ein einziger Schuß fiel. "Der Alpdruck", so Noske, "der eine Woche lang auf Berlin gelastet hatte, wich."
Nach der "Vorwärts"-Kapitulation gaben auch die Aufständischen in den anderen Pressehäusern auf, und am nächsten Tag wurde die letzte Spartakus-Bastion im Polizeipräsidium von Artillerie und Minenwerfern sturmreif geschossen. Diesmal ordnete die Regierung sogleich an, daß die Gefangenen vor ordentliche Gerichte gestellt werden sollten, "ihr Leben zu schonen und von einem standrechtlichen Verfahren abzusehen" sei.
Das KPD-Zentralbüro wurde von Militär besetzt, die Einrichtung demoliert. Die Spartakus-Führer wurden verhaftet oder tauchten unter. Aber anders als Marx, Engels und Lenin" die sich ohne Bedenken ins Ausland abgesetzt hatten, wenn ihre Sicherheit bedroht war, brachten es Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg nicht über sich, die Revolutionäre im Stich zu lassen. Sie wollten auch weiterhin die "Rote Fahne" redigieren.
Rosa Luxemburg leitartikelte: "Die Revolution wird sich morgen schon "rasselnd wieder in die Höh' richten' und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: Ich war, ich bin, ich werde sein." Und Karl Liebknecht schrieb am 15. Januar: "O, gemach! Wir sind nicht geflohen, wir sind nicht geschlagen."
Am Abend des gleichen Tages stöberten Bürgerwehr und Soldaten die Kommunistenführer in der Wohnung des Kaufmanns Siegfried Markussohn, Berlin-Wilmersdorf, Mannheimer Straße 43, auf und schleppten sie in das Eden-Hotel, das Stabsquartier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division. Der Erste Generalstabsoffizier, Hauptmann Waldemar Pabst, den Noske seinen "rührigsten Offizier" nannte, befahl, die beiden "politischen Verführer" auf dem Wege ins Moabiter Untersuchungsgefängnis zu "liquidieren".
Auch die Modalitäten legte Pabst genau fest: Liebknecht sei "auf der Flucht", Rosa Luxemburg "aus einer erregten Menschenmenge heraus" zu erschießen. Die Toten sollten dann, einer nach dem anderen, als "unbekannt" im Leichenschauhaus abgegeben werden.
Es kam allerdings etwas dazwischen. Vor dem Eden-Hotel traktierte Jäger Otto Runge die Gefangenen vorab mit Kolbenhieben, Rosa Luxemburg lebensgefährlich. Dann erst setzte sich der Transport in Bewegung: zwei Kraftfahrzeuge, im ersten Liebknecht mit dem Kapitänleutnant Horst von Pflugk-Harttung und vier Leutnants, im zweiten Rosa Luxemburg mit Oberleutnant Kurt Vogel und fünf Mannschaften.
Liebknechts Auto blieb mitten im dunklen Tiergarten stehen. Die Begleiter sagten: "Plötzlich Panne." Zu Fuß ging es weiter, Liebknecht voran. Leutnant Liepmann feuerte; gleich nach dem ersten Schuß brach der Kommunistenführer zusammen.
Der tödliche Schuß auf Rosa Luxemburg fiel planwidrig bereits hundert Meter vom Eden-Hotel entfernt, wo der Knall noch gehört wurde. Transportführer Vogel ließ den Leichnam in den Landwehrkanal werfen, aus dem der entstellte Körper erst viereinhalb Monate später wieder auftauchte.
Pflugk-Harttung und Vogel meldeten im Stab der Garde-Kavallerie-Schützen-Division Vollzug. Vogel sagte, wie es gewesen war, empfahl aber, der Öffentlichkeit weiszumachen, erregte Zivilisten hätten sich Rosa Luxemburgs bemächtigt und sie verschleppt. Generalstäbler Pabst rügte den disziplinlosen Vogel, übernahm aber dessen Version für das offizielle Divisions-Kommuniqué Pabst später zum SPIEGEL auf die Frage, wie sein Chef, der Sozialdemokrat Noske, reagiert habe: "Er hat mir lange die Hand gedrückt."
Als die Nachricht vom Doppelmord in der Reichskanzlei bekannt wurde, flüsterte SPD-Unterstaatssekretär Kurt Baake, der gern Minister für "Schöne Künste" werden wollte: "Die beiden L sind tot ... Das ist das Ende. Die Regierung muß sofort zurücktreten."
Das SPD-Zentralorgan "Vorwärts" schrieb an diesem Tag über Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht: "Sie haben sich selbst bekannt als Bürgerkriegshetzer, als Proletariermörder, Brudermörder, und ewig muß ihnen das furchtbare Wort in den Ohren gellen: Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden."
Gegen elf Uhr kam Noske in die Reichskanzlei, "laut und breit wie immer", fand Sekretär Oehme. Die verzagten Genossen fuhr er an: "Ihr habt Nerven wie hysterische alte Weiber. Krieg ist Krieg. Na ja, ihr wart eben nie dabei."
Noske blieb dabei: Am 17. Januar erließ er einen Schießbefehl, wonach seine Soldaten zur Waffe greifen mußten, wenn sie "angegriffen oder mit einem Angriff gefährlich bedroht" würden, aber auch wenn "ein Gefangener entspringt oder auch nur einen Versuch dazu macht".
"Niemals kann der Soldat eine Entschuldigung für die Nichterfüllung seiner Pflicht finden", reglementierte Noske preußisch, "wenn er nicht ... den gesetzlich bestimmten Gebrauch von seinen Waffen rechtzeitig und vollständig gemacht hat."
Preußisch verfuhr er auch mit den Soldatenräten. "Ihr seid euch über eure Befugnisse nicht im klaren", rügte der Sozialdemokrat, "wir werden euch das in den nächsten Tagen schon zeigen." Und nach dem noch frischen Sieg über Spartakus drohte Noske, die Regierung werde einschreiten, "wie sie anderswo auch schon eingeschritten ist".
Die SPD-Regierung hatte gesiegt. Aber die Republik hatte ihre Marneschlacht verloren. Die Kluft zwischen Sozialdemokraten und Unabhängigen wurde "zum Abgrund" (Kautsky), und auch bei den eigenen Genossen wuchs das Unbehagen mit der SPD-Führung.
Schon am 9. Januar hatten 40 000 Arbeiter der AEG- und Schwartzkopffwerke bei Ebert gegen weiteres Blutvergießen protestiert. Über 200 000 Arbeiter anderer Berliner Betriebe und Tausende aus der Provinz, die es keineswegs mit Spartakus, aber auch nicht mehr mit dieser SPD hielten, forderten "Rücktritt der Regierung" und "Einigung der Arbeiterschaft über die Köpfe der Führer hinweg".
Die Großberliner Arbeiter- und Soldatenräte verlangten am 10. Januar eine Regierung, die eine "wirkliche sozialistische Politik treibt". Die sozialdemokratischen Räte wollten ausdrücklich festgehalten wissen, daß auch sie "diese zu ungeheurem Blutvergießen führende Politik ... nicht mehr unterstützen, sondern für die Beseitigung dieser Regierung mit allen sozialistischen Arbeitern zusammenwirken".
Aber die Arbeiter in Berlin und anderswo dachten nicht nur an Regierungssturz" sondern mit einem Mal auch an die Revolution, um die sie sich betrogen fühlten. So kritisierten Sozialdemokraten und Unabhängige des Frankfurter Arbeiter- und Soldatenrats" die Regierung habe es unterlassen, was zur "Sicherung der Revolution" notwendig gewesen sei -- den "reaktionären Geist in allen Verwaltungsstellen zu beseitigen" und die "Krongüter einzuziehen", die "Verstaatlichung des Bergbaus einzuleiten" und das "Enteignungsrecht des Staates dem Großgrundbesitz gegenüber festzulegen".
Ein paar Wochen später schlug die Unzufriedenheit der Berliner Genossen und Arbeiter mit den Sozialdemokraten noch deutlicher zu Buch: Der Genosse Trend marschierte zu den Unabhängigen -- den "eigentlichen" Sozialdemokraten", wie Maximilian Harden in der "Zukunft" schrieb.
So errangen Sozialdemokraten und Unabhängige am 26. Januar bei den Wahlen zur preußischen Landesversammlung zusammen fast eine Zweidrittel-Mehrheit (63,2 Prozent), die Sozialdemokraten allein aber nur ein gutes Drittel (35,1 Prozent). Am 23. Februar, bei der Wahl zur Berliner Stadtverordneten-Versammlung, überholten die Unabhängigen die Sozialdemokraten sogar: Ergebnis 33:31,7 Prozent.
Und die Kommunisten, "besessen vom Geist eines fanatischen Utopismus" (Historiker Rosenberg) und an den Wahlurnen noch Quantité négligeable, scherten sich nach dem Berliner Spartakus-Debakel erst recht nicht mehr um den "längeren Weg", den Rosa Luxemburg ihnen gewiesen hatte. Vielerorts im Reich wollten sie, wie in Berlin, die Revolution weitertreiben, aber nirgendwo hatten sie, ebensowenig wie in Berlin, Programm und Macht.
Durch die deutschen Lande fegte der Aufruhr. In Düsseldorf, wo es 14 Tote gab, verschleppten Kommunisten und radikale Arbeiter den Oberbürgermeister und nahmen 125 000 Mark aus der Stadtkasse. In Bottrop besetzten sie die Schachtanlagen, in Sterkrade das Rathaus und die Post, den Bahnhof und die Banken. In vielen Städten okkupierten sie die Zeltungshäuser.
In Hamburg formierten sich Kommunisten zum Sturm auf den Freihafen, wurden aber zurückgeschlagen. In Magdeburg holten sie 160 Gefangene aus dem Justizpalast und zogen plündernd durch die Altstadt. In Duisburg stürmten sie das Rathaus, in Nürnberg das Generalkommando, in Mannheim das Landgericht und die Theater.
Oft genügte, wie Historiker Michael Freund schrieb, ein Aufruf an den Litfaßsäulen, um die aufgebrachten Massen zu mobilisieren. Und Waffen waren "wohlfeiler als Dreschflegel" (Freund): Ein Gewehr war für zwei Mark zu haben.
Doch die Aktionen der Kommunisten, denen sich häufig linke USPD-Männer und SPD-müde Arbeiter anschlossen, blieben ohne Zusammenhang. Und gerade dort, wo es ihnen gelang, die Macht wenigstens vorübergehend zu ergreifen und nach russischem "Sowjet"-Vorbild eine Räte-Republik zu proklamieren, trat der "Dilettantismus der deutschen Linksradikalen"" so Historiker Kolb, besonders kraß zutage.
So war es in Mannheim (am 22. Februar) und in Braunschweig (am 28. Februar), wo die Räte-Proklamierung das Stückwerk radikaler Minderheiten blieb, die schon anderntags wieder klein beigeben mußten. In Cuxhaven, wo die "Sozialistische Republik" schon am 11. Januar ausgerufen worden war, machten die Linksradikalen den Umsturz nach fünf Tagen unter dem Druck der Kollegen vom Hamburger Arbeiter- und Soldatenrat rückgängig: Die Hamburger hatten mit Eingreifen gedroht.
So war es selbst In Bremen, der stärksten KP-Bastion im Reich. Dort hatten Kommunisten und linke Unabhängige am 10. Januar revoltiert und auf einer Massenversammlung vor Rathaus und Roland den Rücktritt des bürgerlichen Senats und die Berufung proletarischer Volkskommissare, das Ausscheiden der Sozialdemokraten aus dem Arbeiterrat, der Bürgerlichen aus dem Soldatenrat gefordert. Die KP-Führer hatten versichert: "Die Geschichte ist wirklich nicht so schwierig,"
Am Ende der 25-Tage-Herrschaft war dann aber die Proklamierung vom 10. Januar das einzige geblieben, was tatsächlich funktioniert hatte. In den fast vier Wochen ihrer Tätigkeit bewältigten die Räte-Republikaner lediglich die Annahme einer einzigen Vorlage, die auch die Sozialdemokraten hätten verabschieden können -- über die Arbeitslosen-Unterstützung,
Den Rest der Zeit verbrachten sie, so Kolb, mit "gegenseitigen Bezichtigungen, Geschäftsordnungsdebatten" leerem Geschwätz, persönlichen Anwürfen und Lärmszenen". Bereits nach drei Tagen verließ Bremens USPD-Chef Alfred Henke eine Sitzung des Arbeiter- und Soldatenrats, der nun oberster Gesetzgeber sein sollte, mit den Worten: "Solche Schweinerei mache Ich nicht mehr mit." Eine andere Zusammenkunft des Rats wurde "mit großer Mehrheit" ergebnislos vertagt, "weil einige Genossen mit der Straßenbahn nach Hause" mußten.
Noch bevor der Bremer Räte-Staat von selbst zugrunde gehen konnte, wurde er von außen liquidiert: Sozialdemokrat Noske ließ am 4. Februar das Detachement Gerstenberg zur "Wiederherstellung der Ordnung" in die Hansestadt einmarschieren -- obgleich die Aufrührer auch ohne Einmarsch zur Kapitulation bereit waren.
Der Bremer USPD-Funktionär Adam Frasunkiewicz, ein Schuster aus Hemelingen, begab sich zu den in Verden an der Aller versammelten Noske-Soldaten und, so der Bremer Sozialdemokrat Wilhelm Kaisen -- nach dem Zweiten Weltkrieg zwanzig Jahre lang Regierungschef an der Weser -- "winseite um Gnade". Doch Frasunkiewicz fand "nur ein verächtliches Achselzucken", was dem schlichten Kaisen noch heute "verständlich" ist.
Andere Sozialdemokraten freilich fanden das nicht so verständlich. Sie wollten sich zwar auch nicht von einer kommunistischen Minderheit regieren lassen, aber ebensowenig wollten sie von reaktionären Freikorps befreit werden. So löste Naskes Strafexpedition, bei der 28 Arbeiter und 46 Soldaten umkamen, Empörung aus.
Der sozialdemokratische Soldatenrat des IX. Armeekorps in Altona befahl Mobilmachung, "um die revolutionären Errungenschäften gegen jeden Eingriff zu verteidigen", und verkündete, es sei "Vorsorge getroffen, daß beim ersten Kanonenschuß alle Lebensmittelschiffe in die Luft fliegen und alle Brücken gesprengt werden".
Der aus Sozialdemokraten und Unabhängigen zusammengesetzte Leipziger Arbeiter- und Soldatenrat erklärte sich "mit den Revolutionären In den anderen Städten solidarisch". Aus dem Ruhrgebiet wurde telegraphiert, man werde "alle Kohlengruben unter Wasser setzen", falls die Bremer Expedition nicht abgebrochen würde.
Doch Noske rührte das nicht: "Das Telegramm steckte ich in die Tasche." Die an sich überflüssige Militäraktion rechtfertigte er mit der Überlegung, "wenn Bremen nicht in Ordnung gebracht werde, könne die Regierung sich als erledigt betrachten, weil niemand sie respektiere. Also sei jedes Risiko zu übernehmen".
Ordnungshüter Noske "begnügte sich nicht mit der Erreichung des politischen Ziels", resümierte Historiker Kolb in seinem brillanten Buch über die Arbeiter- und Soldatenräte von 1918/1919, "sondern er wollte darüber hinaus eine Demonstration der unbedingten Autorität der Regierung -- auch um den Preis eines Machtzuwachses der ultrarechten Kreise und der Abkehr vieler Arbeiter von der SPD".
Die Demonstration gelang. "Nach einem Kampftag", so notierte Noske, "wurde Bremen eingenommen. Die Bremer Führer ... flohen." Doch nun fragte sich auch Bremens Wilhelm Kaisen (Spitzname "Kaiser Wilhelm") immerhin: "Ob hier nicht nach dem gewalttätigen Stoß von links eine naturgemäße Gegenbewegung einen Stoß von rechts auslösen würde, der die kaum erst in ihren Umrissen entstehende Republik ernsthaft gefährden würde?"
Während im Reich, wo es im November kaum Revolution gegeben hatte, allenthalben Unruhen ausbrachen, Linksradikale auf die Straße gingen, Räte-Regierungen kamen und verschwanden, die Linken zusammen mit den Rechten gegen die ganz Linken kämpften, ging es in Bayern, wo es im November am meisten Revolution gegeben hatte, noch leidlich ordentlich zu. Dort gab es, so Historiker Rosenberg, "keinen Krieg der Sozialisten gegeneinander".
Ordnung herrschte, weil USPD-Mann Kurt Eisner -- den selbst Noske einen "uneigennützigen, geistreichen Mann" nannte, der allerdings kein Realpolitiker sel -- den Genossen mehr Revolution verhieß und solange Bayerns Sozialdemokraten ihn unterstützten -- obgleich die Ordnung in Bayern den Sozialdemokraten in Berlin keineswegs behagte.
Eisner, in dessen -Arbeitszimmer noch immer ein Porträt des letzten Bayern-Königs hing, versprach genau das, was nun immer mehr Genossen im ganzen Reich wollten: Ordnung und Wandel, Parlamentarismus und Räte.
In Berlin waren Regierung und Räte entzweit. In München waren sie einig. Den Berliner Sozialdemokraten galten die Räte als Vortrupps bolschewistischer Diktatur, dem Münchner USPD-Mann Eisner galten sie, so US-Historiker Allan Mitchell, als "Schutz gegen Konterrevolution ... und Bolschewismus".
Mehr noch: Eisner waren die Räte, wie anderen Räte-Anhängern auch, Instrument einer wahren Demokratie, die sich nicht darin erschöpfte, "daß alle drei oder fünf Jahre ein Zettel in die Urne geworfen und alles dann den Führern und Vertretern überlassen wird".
Eine neue Welt wollte Eisner schaffen, und er hörte nicht auf, davon zu schwärmen. Auf einer Revolutionsfeier, die der Literat selber im ehemaligen Hoftheater inszenierte, dirigierte Bruno Walter die Leonoren-Ouvertüre. Als danach der Vorhang aufging, stand auf der Bühne Kurt Eisner in schwarzem Gehrock und -- zum erstenmal seit Monaten -mit ordentlich geschnittenem Haar.
Von der Revolution sprach er, "wie man von einer heiligen Reliquie sprechen würde" (Mitchell). Nachdem Goethe rezitiert worden war, erhob sich alles feierlich und stimmte den letzten Vers des "Gesanges der Völker" an: "O, Welt, werde froh!" -- verfaßt von Kurt Eisner.
Doch am Ende blieb die frohe Welt auch in Bayern ein Traum. "Die rückläufige Bewegung der deutschen Revolution", so Historiker Rosenberg, machte sich bald auch an der Isar bemerkbar.
Bayerns Sozialdemokraten, die Eisners Politik bis dahin zumindest toleriert hatten, übten schließlich Partei-Räson und gingen auf Ebert-Kurs. Sie verlangten Landtagswahlen für den 12. Januar und Ausschluß der Räte von der Gesetzgebung.
Als Eisner ihnen nachgab, war es auch in Bayern mit der Ordnung aus. Am 6. Dezember 1918 besetzten Linksradikale die Redaktionen einiger Münchner Zeitungen, brachen in die Wohnung von SPD-Chef Erhard Auer ein und zwangen ihn mit vorgehaltenem Gewehr, ein Rücktrittsgesuch zu unterschreiben.
Eisner eilte sogleich herbei, ließ die Redaktionen wieder räumen und überredete die Eindringlinge, aus Auers Wohnung zu verschwinden: Es sei alles "sicherlich gut gemeint", sprach er, "aber es war nicht gut". Seinen Innenminister Auer besänftigte er mit dem Hinweis: "Das Ganze war mehr faschingsartig."
Um Fasching hatte es sich freilich nicht gehandelt, und das wußte auch Eisner. Anführer des Aufruhrs war der Schriftsteller Erich Mühsam gewesen, Begründer der "Vereinigung Revolutionärer Internationalisten", die sich Bayerns Spartakusbund anschloß.
Bei der Gründungsversammlung war Eisner dabei, aber nur, um -- ähnlich wie Rosa Luxemburg bei der KP-Gründung -- die Radikalen zu warnen. "Überschätzen Sie Ihre Kräfte in Deutschland nicht", hielt er den Genossen vor. "Wenn ich das deutsche Volk richtig verstehe, so will es nach viereinhalb Jahren Blutvergießens in geordneten Zuständen leben."
Für Ordnung konnte nun auch Eisner nicht mehr sorgen. Bei den Landtagswahlen erlitten seine Unabhängigen mit nur 2,5 Prozent der Stimmen und drei Sitzen im Landtag eine totale Niederlage. Auers Sozialdemokraten erzielten 33 Prozent und 61 Sitze. Die sozialistische Einheitsfront, die Eisner zusammengehalten hatte, wirkte nun gegen ihn. Stärkste Partei jedoch wurde die bürgerliche Bayrische Volkspartei (66 Mandate).
Da gab Eisner auf. Am 21. Februar, wenige Stunden bevor der neue Landtag zusammentrat, verfaßte er seine Kapitulation: "Die revolutionäre Regierung hat einstimmig beschlossen, ihre Ämter ... dem Landtag zur Verfügung zu stellen." Dann steckte er den Text in seine Aktentasche und machte sich zu Fuß auf den Weg ins Landtagsgebäude.
Als er gegen zehn Uhr am Promenadeplatz um die Ecke bog, kam quer über die Straße ein junger Mann auf ihn zu, zog einen Revolver aus dem Regenmantel und feuerte zwei Schüsse ab, die Eisner in den Kopf trafen und auf der Stelle töteten,
Der Mann hieß Anton Graf Arco auf Valley, Leutnant, 22 Jahre alt, Sohn eines bayrischen Offiziers. Vor dem Gericht begründete der Graf ein Jahr später seine Tat: "Ich hasse den Bolschewismus, ich liebe über alles mein braves Bayernvolk. Ich bin treuer Monarchist."
Vor dem Mordanschlag hatte Arco niedergeschrieben: "Eisner erstrebte die Diktatur der Anarchie. Er ist Bolschewist. Er ist Jude. Er ist kein Deutscher ... Er verrät das Vaterland ... also.*"
Die Schüsse vom 21. Februar machten der Revolution in Bayern kein Ende, sondern setzten eine neue in Gang, in der die von Sozialdemokraten und Bürgerlichen gefürchteten Linksradikalen erneut bewiesen, wie schwach und hilflos sie in Wirklichkeit waren.
In der falschen Annahme, am Eisner-Attentat trügen die Sozialdemokraten die Schuld, stürzten Metzger Alois Lindner und Bäcker Frisch, beide Mitglieder des Arbeiterrats, in den Landtag. Während Frisch an der Saaltür stehenblieb, feuerte Lindner auf den SPD-Chef Auer und verwundete ihn schwer. Dann erschoß er den Major
* Ein Münchner Gericht verurteilte Arco zum Tode. Später wurde das Urteil in lebenslängliche Haft umgewandelt. 1924 wurde der Graf begnadigt und freigelassen. Er kam 1945 bei einem Autounfall ums Leben. von Jahreiß, der sich ihm entgegenstellte, und gab noch einen weiteren Schuß ab, der den Volkspartei-Abgeordneten Heinrich Osel tötete.
Von einer Stunde zur anderen war Bayern dem Chaos preisgegeben. In den nächsten 70 Tagen gab es fünf Machtergreifungen, und jedesmal ging es weiter nach links. Zuerst regierten die Räte unter dem Lehrer und Sozialdemokraten Ernst Nickisch, dann eine SPD-Regierung unter dem Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann, der wie Eisner "eine gesetzlich geregelte Mitarbeit der Räte" neben dem Parlament versprach.
Am 5. April wollte nun plötzlich ein Sozialdemokrat die Räte-Republik ausrufen: der Minister für Militärische Angelegenheiten, Ernst Schneppenhorst. Die Partei pfiff ihn allerdings zurück, was den SPD-Mann nicht daran hinderte, weiter Minister zu bleiben, als andere -- Niekischs Revolutionärer Zentralrat -- zwei Tage später die Räte-Republik tatsächlich ausriefen. Doch schon am 8. April gab der Lehrer auf: Die Lage "ist unhaltbar". Die Nachfolge trat der Anarchist und Schriftsteller Ernst Toller an.
Finanzminister wurde Silvio Gesell, der Erfinder des Schwundgeldes*, Außenminister ein Dr. Franz Lipp, der -- wie Noske zu berichten wußte -- "zweimal wegen Größenwahns im Irrenhaus untergebracht gewesen" war und nun sogleich einen Funkspruch nach Moskau absetzte. Inhalt: "Das Proletariat Oberbayerns" sei "glücklich vereint", und Bamberg Sitz des "Flüchtlings Hoffmann, welcher aus meinem Ministerium den Abtrittsschlüssel mitgenommen hat".
Mitglied der Räteregierung war auch der Schriftsteller und Eisner-Bewunderer Gustav Landauer, der durch sein Buch "Aufruf zum Sozialismus" als politischer Theoretiker in ganz Deutschland bekannt geworden war. Auf einer Ansichtskarte, die sein
* Papiergeld, das wöchentlich ein Tausendstel seines wertes verliert. Damit wollte Gesell erreichen, daß sich keine Zinseinkommen bilden und Geld schnell umläuft, was nach Geselis Theorie Wirtschaftskrisen verhindern würde.
eigenes Konterfei zeigte, schrieb er einem Freund: "Läßt man mir ein paar Wochen Zeit, so hoffe ich, etwas zu leisten; aber leicht möglich, daß es nur ein paar Tage sind, und dann war es ein Traum."
Mehr als ein paar Tage dauerte der "Karneval des Wahnsinns" (so Noske) nicht. Aus Berlin drahtete Ebert an Hoffmann in Bamberg, es sei notwendig, daß "Wiederherstellung früheren Zustandes in Bayern baldigst erfolgt", andernfalls erscheine "militärisches Vorgehen einzig mögliche Lösung".
Der erste militärische Schlag mißlang. Regierungstreue Garnisons-Truppen konnten zwar die Räteregierung absetzen, mußten dann aber vor der Übermacht der unter kommunistischer Führung kämpfenden Arbeiter und Soldaten weichen. An diesem Palmsonntag, dem 13. April, fiel die ganze Macht den Kommunisten zu.
Im Hofbräuhaus wählte eine Versammlung von Betriebs- und Soldatenräten den in Rußland unter dem Namen Niessen geborenen KP-Chef Eugen Leviné zum Vorsitzenden eines vierköpfigen Vollzugsrats und damit zum Regierungschef der Räterepublik. Auf Flugblättern wurde verkündet: "Heute endlich hat Bayern die Diktatur des Proletariats errichtet. Die Sonne der Weltrevolution Ist aufgegangen."
Doch die Sonne schien nur trübe. Was die Münchner Regierungs-Räte zustande brachten, war nicht mehr und nicht besser, als was die Genossen zwei Monate zuvor in Bremen getan hatten. Die Räteversammlungen, die Gesetze machen sollten und nahezu in Permanenz tagten, verloren sich in persönlichen Streitigkeiten, theoretischen Diskussionen und Auseinandersetzungen darüber, ob außer Nahrungsmitteln auch Schmuck beschlagnahmt werden sollte.
Zahllose Gesetze wurden angekündigt, aber nie erlassen. Wie am Fließband wurden Verordnungen hergestellt, doch niemand befolgte sie. Der Schriftsteller Josef Hofmiller berichtete:
"Immer wieder wird eingeschärft, daß ja kein Kuchen gebacken werden dürfe. Dabei sind In jeder Konditorei und Bäckerei die Kuchen öffentlich ausgestellt ... Jedes Zusammenstehen des Publikums auf den Straßen Ist verboten. Dabei sind die Ansammlungen genauso wie bisher. Jedes Plündern wird mit dem Tode bestraft. Dabei wird lustig drauflos geplündert."
Ein kommunistischer Funktionär gestand, "man hätte es zwar machen wollen wie In Rußland, aber niemand hätte genau gewußt, wie es dort gemacht worden wäre".
Das einzige, was wirklich zustande kam, war die "Rote Armee", die Rudolf Eglhofer, einem 26 Jahre alten Matrosen, unterstand, ungefähr 15 000 Mann stark war und über Maschinengewehre, Geschütze und sogar ein paar Flugzeuge verfügte. Als die Räteregierung nach einem Streit zwischen Toller ("Wir Bayern sind keine Russen") und Leviné am 27. April auseinanderfiel, übernahmen die Rotarmisten die Macht. Leviné klagte seiner Frau: "Es werden schwere Tage kommen."
Am 1. Mai jubelte Lenin auf dem Roten Platz in Moskau: "Die Arbeiterklasse ... feiert ihren Tag nicht nur In Sowjetrußland frei und offen, sondern auch In ... Sowjetbayern."
Am selben 1. Mal traten Truppen unter dem Befehl des preußischen Generalleutnants von Oven zum Angriff auf "Sowjetbayern" an. Verantwortlich für die "Reichsexekution", wie er selber das Unternehmen nannte, war wieder Gustav Noske. Der Sozialdemokrat ("Ich hatte doch wahrhaft das übelste Geschäft während der ganzen Revolution") appellierte an seine Truppe: "Ich erwarte ..., daß die ganze Unternehmung In echt kameradschaftlichem großdeutschen Sinne durchgeführt wird."
Die Angreifer gingen, wie später die Kriegsgeschichtliche Forschungsanstalt des Heeres konstatierte, nach der Devise vor, daß "rücksichtslose Schärfe und Strenge den Brand am leichtesten und raschesten ersticken".
557 Menschen kamen im Verlauf der Reichsexekution ums Leben. "Die gemeine Verfolgungssucht bestimmter bourgeoiser Elemente, die von rasendem Haß gegen alle ehrlichen und offenen Bekenner des Sozialismus erfüllt sind", schrieb damals das SPD-Blatt "Münchner Post", "machte keinen Unterschied zwischen Mehrheitssozialisten (SPD), Unabhängigen und Kommunisten."
Im Luitpold-Gymnasium machten die Roten zehn Geiseln nieder, die Weißen töteten 21 Mitglieder des katholischen Gesellenvereins St. Joseph, die sich harmlos zu einem Glase Bier getroffen hatten.
Räte-Chef Leviné ("Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub") wurde zum Tode verurteilt. Mühsam erhielt 15 Jahre, Toller fünf Jahre und Nickisch zwei Jahre Gefängnis.
Mit anderen Räteführern wurde kürzerer Prozeß gemacht. Rotarmisten-Chef Eglhofer wurde erschossen, Gustav Landauer im Haus von Frau Eisner verhaftet und in einem Lastauto abtransportiert. Im Zuchthaus Stadelheim schlug ihm ein Offizier die umgedrehte Reitpeitsche über den Kopf und gab seinen Soldaten den Angriff frei.
Es blieb unklar, ob Landauer erschossen oder erschlagen wurde. Zeugen hörten seine letzten Worte: "Erschlagt mich doch. Daß ihr Menschen seid."
Spartakus-Aufstand in Berlin, Räte-Aufruhr In Bremen und München wie die Unruhen, die zwischen Januar und Juni 1919 an vielen Ecken des Reichs aufgeflackert waren und beispielsweise im März in der Reichshauptstadt 1200 Menschenleben forderten (Noske: "Natürlich hat es ... Späne gegeben"), erhellen es: Die 1918/1919 in Deutschland wirklich Revolution machen wollten -- Kommunisten, linke Unabhängige, radikale Arbeiter -- konnten sie nicht machen.
Aber auch: Was es an "revolutionärer Gymnastik" (Richard Müller) gegeben hat, war weit weniger Aktion revolutionärer Avantgarde als Reaktion der erst durch das gegenrevolutionäre Verhalten der SPD radikalisierten Massen.
Wahr ist, daß die Mentalität dieser SPD selbst ein kleines bißchen Revolution nicht zuließ. Wie sollte auch eine Partei, die, so der liberale Journalist Theodor Wolff, in Schillers Ränkestück "Kabale und Liebe" immer "fleißig und anständig die Rolle des alten Vaters Miller gespielt hat, plötzlich den jungen feurigen Ferdinand darstellen"?
Nicht wahr ist aber, daß eine von Kommunisten herauf beschworene Bolschewisten-Gefahr der SPD die Politik auf nötigte, die sie tatsächlich betrieb -- eine These, so der Mannheimer Historiker Erich Matthias 1968, die "von sozialdemokratischer Seite immer wieder kolportiert und auch von der Geschichtsschreibung auf genommen wurde".
Weder retteten damals die Sozialdemokraten "Deutschland vor dem Bolschewismus"" wie 1968 der SPD-Pressedienst in einem Jubiläums-Artikel behauptete, noch gab es das "Entweder-Oder", das der Kieler Geschichtsprofessor Karl Dietrich Erdmann in einem Fachblatt beschrieb: Entweder die "soziale Revolution im
* Nach der Wahl zum Staatsoberhaupt durch die Nationalversammlung mit dem neuen Reichsministerpräsidenten Scheidemann (links) und Reichswehrminister Noske. Bund mit den auf eine proletarische Diktatur hindrängenden Kräften" -- oder "die parlamentarische Republik im Bund mit konservativen Elementen wie dem alten Offizierskorps".
Tatsächlich bauten sich die Sozialdemokraten, guten Glaubens, gewiß, den Popanz selber auf. Und tatsächlich ließe sich ohne eben diese SPD-Politik, so Historiker Matthias, die "sich seit der Jahreswende 1918/1919 steigernde Attraktion des Beispiels der revolutionären Tat der Bolschewiki ... nicht begreifen".
Die von Sozialdemokraten keineswegs nur gespielte, objektiv jedoch unbegründete und politisch verhängnisvolle Angst vor russischen Zuständen trug dazu bei, daß auch das mögliche und für Republik wie Demokratie unerläßliche Quantum an Revolution nicht verwirklicht wurde. Und selbst den deutschen Bürger überraschte, daß so gar nichts geschah.
"So reif ist die Zeit", sprach der Dichter Rainer Maria Rilke damals, während er die Hand ein paarmal öffnete und schloß: "Man kann sie jetzt formen." Aber die SPD formte nicht andere, sondern paßte sich selber an.
Der linksliberale Publizist Helimut von Gerlach, von November 1918 bis März 1919 Unterstaatssekretär im Preußischen Innenministerium, urteilte richtig: "Spielend leicht wäre es damals gewesen ... die Fürstenvermögen zugunsten des Volks zu enteignen". Aber führende Sozialdemokraten wollten noch im November die Fürsten behalten.
Während in den baltischen Staaten, in Polen und der Tschechoslowakei die Landpfründe aufgeteilt wurden (was die Bauern für den neuen Staat einnahm), und ein deutscher Großgrundbesitzer gestand: "Hätte uns im November 1918 die Republik die Hälfte unseres Besitzes konfisziert, so hätten wir die andere Hälfte als ein Geschenk des Himmels angesehen", erwogen die SPD-Chefs auch nicht eine noch so bescheidene Agrarreform.
Und während der Erste Rätekongreß sogar mit Stimmen der sozialdemokratischen Delegierten "mit großer Mehrheit" beschloß, die für eine Sozialisierung "reifen Industrien" zu vergesellschaften, machten sich die SPD-Führer daran, die während des Krieges vom Staat dirigierte Schwerindustrie zu reprivatisieren.
"Die Junker behielten ihre ganze Wirtschaftsmacht, die sie seitdem so trefflich gegen die Republik ausgenützt haben", schrieb Publizist von Gerlach. "Die Bauern aber waren tief enttäuscht, daß ihnen die Republik zwar neue Steuern, aber kein neues Land gebracht hatte, und marschierten wieder nach rechts."
Aber, so klagte im Jahre 1968 Bonns SPD-Pressedienst, "die damaligen gesellschaftlich dominierenden Schichten wußten den Männern des 9. November keinen Dank, ja, sie begeiferten sie mit geradezu manischem Haß".
So war es denn auch: Die dominierenden Schichten stempelten ihre November-Retter zu November-Verbrechern. Und aus sozialdemokratischen Patrioten, die 1914 gehorsamst ins Feld rückten, die bis zum Ende "diszipliniert" und "brav" sein wollten (Friedrich Naumann) und es auch nach Verdun und Kaiserschlacht noch blieben, die bei Kriegsende es gar auf sich nahmen, dem Volke zu vertuschen, daß nicht Zivilisten, sondern die Militärs es waren, die um Waffenstillstand flehten -- aus diesen roten Patrioten wurden wieder vaterlandslose Gesellen, die der ungeschlagenen Armee den Dolch In den Rücken gebohrt haben sollten.
"Durch Parteisucht verblendet, haben die Sozialdemokraten um ihrer eigenen Herrschaft willen das Land dem Feind preisgegeben", schrieb der konservative Graf Kuno von Westarp über eben die Partei, die, wie Wilhelm Im August 1914, auch im November 1918 keine Parteien, sondern nur Deutsche kannte. Und der deutschnationale Ostelbier Elard von Oldenburg-Januschau, der alles behalten hatte und später bei Reichspräsident Paul von Hindenburg gegen die Republik konspirierte, klagte: "Ich finde keine Worte, um meinen Schmerz über das Geschehen des November 1918 wiederzugeben."
Historiker Friedrich Meinecke konstatierte am 9. November 1928: "Der 9. November 1918 kann, darf und wird nie ein nationaler Feiertag werden." Er wurde es nicht -- bis heute. Er wurde Quell einer Legende, die dem deutschen Bürger lieb geblieben ist -- bis heute.
Noch heute gilt vielfach, was rechte Männer damals in Umlauf gebracht haben: Die Revolution, "die große Verbrecherin", habe "Sittlichkeit, Staatsordnung und Wirtschaft" zertrümmert -- so die Deutschnationale Volkspartei; die Sozialdemokraten hätten "das Deutsche Reich vernichtet, die Rote Fahne ist Deutschlands Leichentuch" -- so der Völkische Reinhold Wulle.
"Ehre und Freiheit stahl man uns in jenem fluchwürdigen November, als man hinterrücks die Front erdolchte" -- so Hermann Göring. "Am 9. November eroberten zusammengelaufene Horden die Macht" -- so Joseph Goebbels.
In Wirklichkeit waren Deutschlands Sozialdemokraten zahmer, als die Rechte sie malte und als den Demokraten lieb sein konnte. Als am 6. Februar 1919 im schwarz-rot-gold geschmückten Nationaltheater von Weimar die Nationalversammlung zusammentrat, Ebert Reichspräsident, Scheidemann Reichsministerpräsident und Noske Reichswehrminister wurde, hatte die SPD ihr Ziel erreicht, aber eine Chance vertan.
Die von Ferdinand Lassalle zur "Magenfrage" der Partei erhobene Stimmzettel-Spekulation erwies sich als falsch. Bei den Wahlen zur Nationalversammlung hatten für die Sozialdemokraten nicht eine absolute Mehrheit, sondern nur 37,9 Prozent gestimmt: ganze drei Prozent mehr als 1912. Schon anderthalb Jahre später -- bei den Reichstagswahlen im Juni 1920 -- liefen der SPD fast die Hälfte ihrer Wähler davon, nach links zur USPD, deren Stimmenanteil von 7,6 Prozent auf 17,9 Prozent anwuchs.
Die anderen Deutschen bewegten sich schon hin zu einem neuen Reich. Die bürgerliche Deutsche Demokratische Partei, mit der die SPD 1919 koaliert hatte, verlor, ebenfalls 1920, drei Fünftel Ihrer Wähler, während die ganz rechte Deutschnationale Volkspartei zwei Fünftel hinzugewann. Die gerade 16 Monate alte Weimarer Koalition, zu der auch das Zentrum gehörte, war damit am Ende.
In der Republik, die führende Sozialdemokraten im November 1918 noch als "etwas Minderwichtiges" (Eduard David, nun Präsident der Nationalversammlung) angesehen und Im Februar 1919 dann selber gemacht hatten, blieben die Sozialdemokraten ohnmächtig. Nur In vier der 17 Regierungen stellten sie den Kanzler (insgesamt 35 Monate). Und in elf Regierungen waren sie überhaupt nicht vertreten (103 Monate).
Es war -- 1918 -- genauso gekommen, wie August Bebel einst vorausgesagt hatte: "Die bürgerliche Gesellschaft arbeitet so kräftig auf ihren eigenen Untergang los, daß wir nur den Moment abzuwarten brauchen, in dem wir die ihren Händen entfallene Gewalt aufzunehmen haben."
Der Moment war da. Aber es waren keine Sozialdemokraten da, die Gewalt aufzunehmen.
Ende
Von Wolfgang Malanowski

DER SPIEGEL 49/1968
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November 1918: „Kartoffeln - keine Revolution“

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