02.12.1968

UPTON SINCLAIR ? ARNOLD ZWEIG

Zuletzt gedachten sie nur noch wehmütig der längst vergangenen Zeiten -- der Deutsche Arnold Zweig, 81, war ein fast erblindeter Greis, doch als letzter großer Alter der DDR-Literatur hochgeehrt; der Amerikaner Upton Sinclair, 90, ein gebrechlicher Herr im Schaukelstuhl und von aller Welt vergessen.
Ihre großen Romane, die ihnen Weltruhm einbrachten, hatten sie vor mehr als einem Vierteljahrhundert geschrieben. Beide, der jüdische Preuße aus Großglogau wie der arme Puritaner aus Baltimore, erzählten von Ausbeutung und Korruption, von Elend und Big Business, von Gemetzel auf Schlachthöfen und Schlachtfeldern.
Für Zweig, der seine Karriere 1912 mit delikaten "Novellen um Claudia" begonnen hatte, fand der Klassenkampf auch im Schützengraben des Ersten Weltkriegs statt. Er predigte ihn in seinen Romanen "Der Streit um den Sergeanten Grischa" (1927) und "Erziehung vor Verdun" (1935) und beschrieb ihn dabei, so lobte Sigmund Freud, "mit geradezu unwahrscheinlicher Meisterschaft". Nur der junge Kommunist Bert Brecht blieb skeptisch. Zweigs "Menschlichkeit" schien ihm zu "bourgeois".
Da pries Brecht lieber den "Schmutzaufwühler" Sinclair, der ab 1906 in seinen Reportage-Romanen dem Haifisch-Kapitalismus Amerikas zu Leibe ging. Als Sinclair im Roman "Der Sumpf", den Freund Jack London als ""Onkel Toms Hütte" der Lohnsklaverei" rühmte, mit blutigem Naturalismus die Fleischereien in den Schlachthöfen Chicagos ruchbar machte, schlossen Konservenfabriken, und In Deutschland stiegen die Fleischpreise -- kein Wunder, daß B. B. aus diesem "Sumpf" später eine "Heilige Johanna der Schlachthöfe" auf die Bühne zog.
Sinclair, den Lenin einen "Gefühlssozialisten" nannte, wurde der lautere Chronist amerikanischer Tragödien; er stocherte in Kohle, Öl und Börse, in Hochfinanz und Unterwelt, wo Immer er Heuchelei, Bestechung, Unterdrückung witterte oder gar einen Justizmord wie im Fall Sacco und Vanzetti.
Er schrieb mehr als Balzac -- 89 Romane, 20 Theaterstücke, ungezählte Pamphlete hat er hinterlassen. Freilich, mit seinem sozialrevolutionären Elan war es eines Tages vorbei. Von da an wütete er etwa gegen den "Trank der Furie", gegen Weine und Spirituosen. Sein "Presidential Agent" Lanny Budd, der zwischen 1940 und 1953 in elf dicken Spionageromanen auf- und den Hitlers und Mussolinis entgegentritt, ist elegant und sieghaft wie James Bond; den Lohnsklaven in seinem Land kommt er nicht mehr zu Hilfe.
Für die Kommunisten war dieser einst verehrte "Anatom der kapitalistischen Gesellschaft" nun ein "Lakai der Wallstreet" geworden und nicht mehr diskutabel. Der alternde Sinclair wiederum fand, die Kommunisten der östlichen Welt hätten "das Wort Sozialismus gestohlen".
Das fand der alternde Zweig, "kulturkonservativer Idealist" von ehedem, nun gar nicht. Wenn er auch den Bourgeois in sich nie ganz verleugnen konnte -- seiner linken Sache blieb er immer treu.
Als er 1948 aus dem Palästina-Exil nach Deutschland zurückkehrte, zog es ihn nach Ost-Berlin, in die Nachbarschaft seiner Kollegen Ludwig Renn und Johannes R. Becher.
Zweigs Kraft war verbraucht. Seine letzten Romane -- drei in zwei Jahrzehnten -- diktierte er, nahezu erblindet, einer Sekretärin. Der Zyklus vom Großen Krieg, Generalthema seines Lebens, blieb unvollendet. Immerhin, ein Gesammeltes Werk von 16 Bänden war eingebracht, und seine Regierung schenkte ihm Doktoren-, Professoren-, Preis- und Ordenswürden.
In der Bundesrepublik, wo man ihn bisweilen (und fälschlich) für einen Bruder des Wiener Novellisten Stefan Zweig hielt, war er nur noch den fortgeschrittenen Lesern bekannt -- und den Polizisten. Als er 1960 einer Hamburger Tagung des PEN-Clubs präsidieren wollte, verbot die Polizei ihm die Rede. Für sie war er nicht der Autor weltberühmter Romane aus vergangener Zeit, sondern einfach ein Roter aus Pankow.

DER SPIEGEL 49/1968
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