02.12.1968

FERNSEHENDIESE WOCHE

"Unter allen Völkern", sprach Goethe, "haben die Griechen den Traum des Lebens am schönsten geträumt." Seidls Kamera träumt ihn weiter vor schimmernden Tempelmauern, Säulenstümpfen und Friesen; im milden Mondschein der ägäischen See erklingt Bouzouki-Musik.
In Athen, Olympia, Delphi und Delos beschwört Seidl die Harmonie des griechischen Kosmos mit Heldensagen, dionysischen Anekdoten und vielen historischen Informationen. Von hier kamen Wahrheit, Philosophie und Religion.
"Was", fragt Seidl, "bedeutet uns der griechische Mensch?" Er fragt es am Anfang und antwortet am Schluß: "In Griechenland wurde der Mensch zum Individuum." Das ist richtig. Aber diese Kunde bringt Seidl zu einer Zeit, da das Individuum in Griechenland wenig gilt.
Über die deutsche Leinwand ist dieser Fluß noch nie so lang und breit gerollt. Zweimal, 1951 und 1964, kam er nur verdünnt in die Kinos. Jetzt zeigt, dank ARD, der brutale Rancher Dunson (John Wayne) wieder sein wahres Gesicht: Auf großem Viehtreck schickt er sechs müde, meuternde Cowboys ins Grab und jedesmal einen Bibelspruch hinterdrein -- im deutschen Lichtspiel-Verschnitt hatte er mit rauchendem Colt nur für ein einziges seiner Opfer gebetet.
Und auch die wirklichen Hauptfiguren -- 10 000 Rinder -- sind nun richtig im Bilde: Regisseur Hawks ("Scarface", "Der tiefe Schlaf", "Blondinen bevorzugt") treibt sie 125 Minuten lang durchs endlose Texas, durch Strapazen und Stampeden.
Selten in einem Western wurde die Not mit dem Vieh so dokumentarisch gezeigt, selten auch war John Wayne eine Rolle so angemessen wie die des machtgierigen Rauhbeins Dunson in diesem "Western für Erwachsene" (Hawks): Er ist ein eigennütziger Patriarch aus Bürgerkriegszeiten; sein Adoptivsohn Matt (Montgomery Clift) hingegen zeigt beim Auftrieb demokratischen Gemeinsinn. Für Hawks ist der Konflikt leicht zu lösen. Noch bevor die Riesenherde ins Schlachthaus trampelt, sorgt das Ewig-Weibliche für Versöhnung: Alt und jung machen Halbpart.
Bunte Postkarten-Bilder von bosnischen Wasserfällen und Moscheen, dalmatinischen Volkstänzern und habsburgischen Lipizzanern suggerieren ein europäisches Urlaubsidyll. Doch wie Jugoslawien wirklich ist, sagt ein skeptischer Kommentar. Es ist ein armes Paradies, in dem Serben, Kroaten, Slowenen, Montenegriner und Mazedonier -- Titos fünf Nationen -- in Zwietracht leben.
Nur die Furcht vor dem äußeren Feind -- durch die CSSR -- Okkupation verstärkt -, die gemeinsame Partisanen-Vergangenheit und der Partisan an der Spitze halten die zerstrittenen Stämme zusammen. Und vor dem Staatschef, der bei einer Guerilla-Aktion von 1941 dokumentarisch ins Bild kommt, verzichten auch die beiden Autoren auf ihre sonst so wohltuende Skepsis: Der Marschall regiert das zerrissene Volk, so loben sie. "wie ein kluger Habsburger Kaiser in aufgeklärten demokratischen Formen unter roten Vorzeichen".
Wer den Braunen entkam, wurde von Stalin liquidiert -- Rotfront hat nur wenige Veteranen.
Fünfzig Jahre nach Gründung der KPD entsinnen sich die ergrauten Genossen vom Wedding, aus Pankow und Neukölln vor den Kameras der "Reihe Ost und West" ihrer großen Erwartungen und verlorenen Illusionen -- der Sozialisten-Prozesse von 1917 und der ersten Spartakus-Aktionen, der linken Kontroversen und des Terrors von rechts, moskowitischer Tücken und sozialdemokratischer Diffamierung.
Altes Filmmaterial übersetzt ihren Nekrolog auf die Revolution, die keine war, ins traurige Bild: Während Matrosen meutern und Hungernde demonstrieren, ruft Liebknecht die sozialistische Republik aus, agitiert in Hinterhöfen der junge Ulbricht. Und die Stimmen Lenins und Clara Zetkins klagen an -- ihre die Faschisten, seine die Linksradikalisten aller Länder.
Deutsche KP-Geschichte wird hier zur Totenschau, zum Protokoll von Mord und Verrat. Das Fazit der Autoren: Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und der "demokratische Kommunismus", den sie beide erdachten, wurden von den Linken ein zweites Mal umgebracht.
Der Mann auf dem Mond lebt ungemütlich. Er trägt Unterhemden mit Wasserkühlung, lutscht Trockenmenüs aus Klarsichtfolie, schluckt Zahnpasta und leidet an kosmischem Erdweh. Dafür kann er Temperaturschwankungen von 240 Grad Celsius heil überstehen; doch bevor er"s kann, wird dieser amerikanische und sowjetische Lunonaut der Zukunft noch immer gründlich abgehorcht, in Windkanäle getrieben, durch Zentrifugen geschüttelt und im Prüfstand auf den Kopf gestellt.
Über Menschliches, Allzumenschliches und medizinische Probleme bei der Tour zum Mond und retour will der TV-Redakteur Siefarth berichten -- technische Risiken bleiben ausgeschlossen. Seine Reportage, aus Nasa-Dokumenten, Standphotos, Graphiken, Karikaturen und Interviews sauber zusammengeklebt, zeigt: Mögen die lunaren Raumkapseln auch noch nicht recht funktionieren -- der Raumfahrer ist nunmehr wohl präpariert,
Der alte Solness liebt Reißbrett und Lineal, der alte Schweikart auch. Er präsentiert Ibsens spätbürgerliches Trauerspiel vom frustrierten Architekten, der so "entsetzliche Angst vor der Jugend" hat und aus jugendlicher Kraftmeierei vom Gerüst zu Tode stürzt, als statisches Genrebild einer brüchigen Gesellschaft.
Festgewurzelt steht Solness (Peter Lühr) im Biedermeier-Mobiliar, gespenstisch schleicht Frau Aline (Inge Birkmann) durch Bühnen-Wände aus Pappmaché. Ein bißchen jünger beide, ein bißchen hektischer, und sie gäben schon eine Edward-Albee-Ehe ab.
Auch für den Staatsanwalt (Bernhard Wicki) gibt es "Augenblicke, wo man sich wundert über alle, die keine Axt ergreifen".
Ja, es kommt für ihn sogar der Augenblick, da er die Robe an den Nagel hängt und selbst das Heil mit dem Beil sucht: Er ist der Gefangenschaft im Alltag müde, er will das wilde Leben des alten Schweizer Sagen-Grafen Öderland und steigt deshalb, wie Orson Welles im "Dritten Mann", hinab zu den Verdammten der Kloaken und zur Kneipen-Muse Inge
Einige Male schon hat Frisch, 57, an seine 1946 skizzierte Moritat vom Anarchisten, der Freiheit sät und Unfreiheit erntet, Hand angelegt. 1951, zur Zürcher Premiere, stampfte sein Staatsanwalt wie Wilhelm Tell auf die Bühne; 1961, in Berlin, radikalkierte ihn Ernst Schröder zum mythischen Unhold.
Nun, in neuester Bearbeitung (Koautor: Regisseur Hädrich), schlafwandelt er melancholisch und schizophren durch Untergrund und elegante Welt und weiß nicht recht, ob er träumt oder wacht.
Und der Zuschauer weiß das auch nicht. Zum Schluß scheint das Ganze nur ein Nachtmahr. Doch an den Stiefeln, in denen der Staatsanwalt zur Besinnung kommt, klebt noch der Schlamm der Unterwelt.
"Soul", rief der Black-Power-Sänger Ben E. King, "kommt ganz tief von innen" -- nun auch aus dem Fernsehgerät. Berendt hat die schwarze Seele zusammen mit dem farbigen Show-Man Hendricks fürs Nachtprogramm entdeckt -- reichlich spät und gewissermaßen im Ausverkauf: Beste Soul-Künstler wie Aretha Franklin, Wilson Pickett. oder James Brown waren für die Ko-Produzenten vom Hessischen Rundfunk und vom Südwestfunk nicht mehr erschwinglich.
So muß sich Berendt in seiner Soul-Geschichte damit begnügen, vor allem historische Figuren auftreten zu lassen: den Blues-Sänger Muddy Waters, die Gospel-"Stars of Falth" und den Jazz-Pianisten Horace Silver.
Die heißen, erotischen, aggressiven Soul-Songs aus schwarzen Gettos überläßt er dem Nachtclub-Unterhalter Joe Simon aus Hollywood.
Das politische Magazin berichtet unter anderem über "Israel als Besatzungemacht", die Inflationsangst der Deutschen als eine der Ursachen der Währungskrise und über eine dänische Mehrfamiliengemeinschaft: "Absage an das Leben zu zweit".

DER SPIEGEL 49/1968
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