09.12.1968

Nicht wundern

Kanzler Kiesinger gewährt seiner deutschfranzösischen Anklägerin Beate Klarsfeld notgedrungen Rechte wie keinem Bundesbürger: Die "kurzberockte Mini-Terroristin" ("Süddeutsche Zeitung"), die sich nach ihrem Schlag aufs Kanzler-Auge zur europäischen Vortragsreisenden in Sachen Kiesinger-Vergangenheit entwickelte, darf den deutschen Regierungschef ungestraft beschimpfen und beleidigen, wo und wie immer sie will. Frau Klarsfelds letzter Auftritt in einem Münchener Kabarett -- sie nannte Kiesinger einen Schreibtischtäter -- hätte nach Ansicht des Kanzleramts eine neue Strafanzeige gerechtfertigt. Da in einem zweiten Klarsfeld-Prozeß Kiesingers Tätigkeit im NS-Außenministerium zur Sprache käme, will sich der Kanzler nicht aus der Reserve locken lassen und "über solche Dinge nicht übermäßig wundern; aber natürlich ärgert es mich". Dennoch will Kiesinger seine Verärgerung nicht auf Kosten von Beate Klarsfeld bewältigen: Er verzichtete auf sein gerichtlich zugestandenes Recht, das Ohrfeigen-Urteil zu Lasten der Verurteilten in sechs Zeitungen ("Welt", "FAZ", "Tagesspiegel", "Rheinischer Merkur", "Bayernkurier", "Zeit") zu veröffentlichen. Weil der Kanzler "das zu dumm und zu lächerlich findet" -- so sein Referent Hans Neusel -, spart Beate Klarsfeld rund 30 000 Mark.

DER SPIEGEL 50/1968
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