09.12.1968

SPRACHE / DUDENNeuer Wortschatz

Bürger der DDR sind aufs Raten angewiesen, wenn sie nicht wissen, wie man "Ausbeuterklasse", "Betriebskampfgruppe", "Friedenswacht", "Neofaschist", "Schnelldreher" oder "Luftpirat" schreibt.
Der im "Volkseigenen Betrieb (VEB) Bibliographisches Institut Leipzig" erschienene neue DDR-Duden enthält keine Auskunft. Sogar Wörter wie "Volkswohl", "Volksverbundenheit" und "Vormarsch" sucht der lernbeflissene "Arbeiterstudent" -- auch sein Stichwort fehlt im neuen Wortschatz -- vergebens.
Diese Entdeckung machten zwei Bonner Sprachforscher, Manfred Hellmann und Arne Schubert*. Hellmann untersucht seit Jahren gemeinsam mit Schubert die Wandlungen im DDR-Wortschatz und die "Spaltung der deutschen Sprache". Neues Material lieferten den beiden Sprachforschern die im vergangenen Jahr gleichzeitig in 16. Auflage erschienenen Duden-Ost und Duden-West.
Seit der letzten, 1947 herausgebrachten gemeinsamen Duden-Ausgabe des 1946 enteigneten und zum Volkseigentum erklärten Bibliographischen Instituts in Leipzig und des unter gleichem Namen neugegründeten Verlags in Mannheim sind die beiden Redaktionen in Auswahl und Definition der Wörter eigene Wege gegangen.
So rühmte der Hallenser Germanist Willi Steinberg das DDR-Rechtschreibebuch, weil es "alle Wörter führt, die das Heldentum der Arbeit und die Taten unserer Menschen für Frieden und Fortschritt widerspiegeln". Und dem Mannheimer Duden will er überlassen, "Wörter wie Armenhaus, Arbeitgeber, Armenrecht und Auslandsdeutsch weiterzuführen ... Bei uns sind Wort und Sache längst überwunden".
Tatsächlich, so stellten die Bonner Sprachforscher Hellmann und Schubert fest, verzeichne der Ost-Duden keineswegs alle Wörter, die Arbeit, Frieden und Fortschritt widerspiegelten. Es fehlen zum Beispiel: Abgabesoll, Friedenswacht, Klasseninteresse, Republikflucht und Staatssicherheitsdienst. Hingegen sind diese Wo" ter im West-Duden enthalten.
Wort und Sache, so vermuten Hell mann und Schubert, müßten in der DDR nach Steinbergs Argumentation auch dann überwunden sein wenn es um Rechtsstaat, Sozialstaat, Einheitsfront, Grenzkontrolle und Friedenskampf ginge. Auch diese Worter fanden die Bonner im Ost-Duden nicht. Und in der 15. Auflage, die 1957 erschienen war, fehlten sogar Wörter wie: Abfalleimer, Arbeiterbewegung, Jungpionier, Mülleimer und Volksarmee.
Abweichungen zwischen Ost-Duden und West-Duden entdecken die Sprachforscher auch bei den Bedeutungserklärungen, die im DDR-Duden sogar in den einzelnen Auflagen verschieden sind. Während zum Beispiel das Wort "Kosmopolitismus" von der Mannheimer Duden-Redaktion schlicht mit "Weltbürgertum" erklärt wird, definiert es die Leipziger Redaktion
* 1951: "Als Weltbürgertum getarnte Ideologie der ... Versklavung der Nationen zugunsten des Machtanspruchs des anglo-amerikanischen Imperialismus";
* 1957: "Weltbürgertum, Denkweise, die den Staatsbürger in erster Linie als Glied der gesamten Menschheit betrachtet ..."
* 1967: "Weltbürgertum, unwissenschaftliche Ideologie der imperialistischen Bourgeoisie."
Freilich spiegeln sich, laut Hellmann und Schubert, in diesen Abweichungen nicht etwa, wie Steinberg vermutet, "gesellschaftliche Unterschiede ... in diesem nicht mehr zu überbrückenden Unterschied auf dem Gebiet der Sprache", sondern, so die Bonner, "hier spiegelt sich der Wille der SED".
Entschieden lehnen Hellmann und Schubert auch "das Gerede von der angeblichen Spaltung der deutschen Sprache" ab. Obwohl der Münchner Germanistik-Professor Werner Betz 1964 bei einem Vergleich der beiden Duden allein beim Buchstaben A 400 Abweichungen im Wortbestand, 200 bei den Bedeutungserklärungen und 85 bei den grammatikalischen Formen ermittelt hat, ist für die Bonner die Spracheinheit nicht gefährdet.
Die beiden Germanisten: "Der West-Duden hat sich beim Auftreten von Abweichungen häufig dem Ost-Duden angeschlossen und in beträchtlichem Umfang Wörter aus dem Sprachgebrauch der DDR übernommen."
* Arne Schubert und Manfred W. Hellmann: "Duden aus Leipzig und Mannheim". Veröffentlicht in "Deutsche Studien", Heft 23/1968; Verlag Carl Schünemann, Bremen.

DER SPIEGEL 50/1968
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