09.12.1968

„ES KRACHT AN ALLEN ECKEN UND ENDEN“

Rudi Dutschke nimmt zum SPIEGEL-Bericht (49/1968) Stellung, in dem der Komponist und Apo-Mann Hans Werner Henze, 42, als geschmäcklerischer Eklektizist bezeichnet wurde, dessen Werke das bourgeoise Musik-Ideal reproduzieren.
Der "Fall" Hans Werner Henze zeigt die sich permanent wendende Form der Lüge und Halbwahrheit der SPIEGEL-Maschinerie, die der "neo-liberale" Bestandteil der Erhaltungsstrategie des Spätkapitalismus darstellt.
Denkt nur an die Zerschlagungstaktik gegen den Vertreter des persischen Volkes Bahman Nirumand, als er und wir den Beherrscher der persischen Massen, den Schah, "bekämpften". Ihn hätten wir erschießen müssen, das wäre unsere menschliche und
revolutionäre Pflicht als Vertreter der "Neuen Internationale" gewesen. Kaum war einer von uns, einer des neuen Typus
menschlichen Verhaltens, Benno Ohnesorg, erschossen worden, erschien im SPIEGEL das schöne, "vom Schah entwickelte" Persien.
Warum berichtet der SPIEGEL nicht über die neuen Erschießungsformen des Schahs In diesen Tagen? Über Hans Werner Henzes Musik können der praktische Revolutionär und Kommunist Luigi Nono und andere mehr sich äußern.
Mich interessiert hier allein die politische Rolle und Funktion der Kulturabteilung der SPIEGEL-Maschinerie. "Früher" war die "Kulturseite" das einzige "linke" Getto der Massenmedien (gleich Medien der Herrschenden gegen die Massen). Nicht einmal das "linke Getto" Ist noch zu finden.
Graß" der wohl bald im Bonner Innenministerium mitarbeiten wird, darf "kulturell" breit kritisiert werden. Die politische Bekämpfung von Grau, die wichtiger als alles andere ist, findet sich in den Medien der Erhaltung von "Ruhe Sicherheit" nicht. Die politischen Buchtexte" die so etwas, genauer praktische Theorie betreiben, werden nicht zur "Kenntnis" genommen.
Hans Werner Henze wird zur Zeit von seinen "ehemaligen Freunden", den Mitarbeitern der Medien gegen das Volk bekämpft. Warum? Weil Henze dabei ist, sich aus diesen herrschenden Institutionen herauszubrechen" sich einen neuen Weg der politischen und musikalischen Haltung, menschlichen Daseins zu erkämpfen. Darin allein sehe ich Henzes Entwicklung, seinen Lernprozeß und die Schaffung neuer Beziehungen des Musikers Henze mit den lohnabhängigen Massen des Volkes. Wer das praktisch durchführt, muß von den herrschenden Verrätern der Interessen, Hoffnungen und Bedürfnisse der Massen total bekämpft werden.
Wenn Henze wieder so wird, wie er "früher" war, werden die Erhaltungsmedien des Systems ihn wieder lieben, er wäre erneut Ins Lager der Integration zurückgekehrt.
Wer ist Konterrevolutionär? Der Musiker des neuen Anfangs, der lernende" sich an Aktionen gegen das System beteiligende Henze oder die beherrschten, unterentwickelt gehaltenen Vertreter der Medien, die Objekte des schon wackelnden Spätkapitalismus?
Ein objektiver Vertreter der Konterrevolution, der "Herr ohne Namen" aus der "Kulturabteilung" der SPIEGEL-Maschinerie, hält den zur Außerparlamentarischen Opposition gehörenden Henze vom Standpunkt "der modernen Musik" für "konterrevolutionär". Wer arbeitet wo, für wen und für was? -- Das ist die Grundfrage. Henze arbeitet tatsächlich schon seit längerer Zeit in unserem Gesamtlager der revolutionären und antiautoritären Sozialisten, die gegen den autoritären Staat der spätkapitalistischen Basis kämpfen.
Der Inhalt und der Begriff der Außerparlamentarischen Opposition hat nichts mit "linken" Börsenversuchen (= "hinein" ins "Parlament") zu tun. Der Name Rätedemokratie kann temporär integriert werden. Zerschlagbar ist diese revolutionäre Grundidee für die Zeit vor, während und nach dem Aufstand des Volkes gegen die Herrschenden nicht. Immer wieder wird sie praktiziert.
Mit den Objekten der Öffentlichkeitslüge haben wir keine "Diskussionen" mehr durchzuführen. Unser Tun ist Ausdruck der praktischen Theorie der Auseinandersetzung mit dem Gesamtsystem. Dieser Kampf wird jeden Tag durch "Vorschläge" der Medien für die Erhaltung der Permanent-"Diskussion" zurückgehalten. Der Aufstand darf nicht einmal vorbereitet werden ...
Warum habe ich eigentlich dem SPIEGEL diesen "Brief" gegeben? Ist das nicht ein Moment von Integration? Ja und nein! Warum? "Ja", weil der SPIEGEL zur Zeit von Dutschke alles nimmt, muß er es wohl nach dem Attentat erst recht tun. "Nein", weil der Text nicht für das System benutzbar ist, der Inhalt und die Person nicht mehr integrierbar sind. Seit April habe ich "keine Interviews und keine Bilder akzeptiert", behandle die "Herren von der anderen Seite" nur von außen.
Hätten wir bei Henze die "Stern""Objekte" mit ihrem Teleobjektiv erwischt, so hätten die Herren das bekommen, was Kiesinger von Beate erhielt, allerdings wäre die Maschinerie der Teleobjektive von uns zerschlagen oder übernommen worden. Zur rechten Zeit, die Prozeßwelle steht vor der Tür, versuche ich politisch anzugreifen. Sehe darin die Rolle dieser einen Integrationsmöglichkeit über die Medien der Lüge.
Ja, Henze und viele andere Berühmtheiten der "Kultur und Politik" müssen von den herrschenden Institutionen integriert oder zerschlagen werden, sonst sind die schon herausbrechenden Massen noch mehr und schneller in der Lage, den ganzen falschen Laden in Frage zu stellen. Ruhe (Unterdrückung), Ordnung (kalte Bürgerkriegsvorbereitung) und Sicherheit (Angsterhaltung) sind dann total unsicher. Ja, Henze spricht tatsächlich von der Notwendigkeit der Weltrevolution. 1917 wurde dieser Begriff ein praktisches Element, heute ist die Weltrevolution in der Gestalt internationaler Praxis die Bedingung für die Möglichkeit der Totalität des Kampfes aller Völker gegen den US-Imperialismus, Spätkapitalismus und autoritären Staatssozialismus (Stalinismus in neuer Form, "geleitet von der sowjetischen Führungsclique Warschauer Pakt"),
Es kracht an allen Ecken und Enden. Nicht einmal der Überbau (Musik, Malerei, Film usw.) hält sich. Die Einheit der Massen der Lohnabhängigen und der durchaus privilegierten Studenten und Intellektuellen wäre der direkte Anfang vom Ende des Systems.
In vielen Teilen des Volkes findet sich schon der Anfang des neuen Typus menschlichen Daseins. Neue Interessen, neue Bedürfnisse und die steigende Kampfentschlossenheit setzen sich durch. Die Infiltration in Armee und Polizei geht schon, langsam aber sicher, und zwar in illegaler Farm, vor sich. Wir sind nicht "Verdammte dieser Erde", sind vielmehr Kämpfende für und Liebende des Lebens der Lohnabhängigen, der Bauern und des Eigenen. Wir warten nicht auf die Revolution, der Auf-stand wird vielmehr systematisch vorbereitet. Die ersten Schritte sind vorbei, die nächsten schwieriger, klarer und entschlossener.
Von Rudi Dutschke

DER SPIEGEL 50/1968
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