11.11.1968

AFFÄRENGanz hübsch

Beate Klarsfeld, geborene Künzel, 29, von Beruf "selbständig politisch tätig", sprach ins Mikrophon: "Ich habe Bundeskanzler Kiesinger geohrfeigt, weil ich der öffentlichen Meinung in der ganzen Welt beweisen wollte, daß ein Teil des deutschen Volkes, ganz besonders aber seine Jugend, sich dagegen auflehnt, daß ein Nazi an der Spitze der Bundesregierung steht."
Das war Ende der vorletzten Woche in Paris, Avenue de Versailles 196. Klarsfeld-Gatte Serge, Direktionsassistent einer Export-Firma, nahm die Aussage seiner in Berlin geborenen, durch Heirat Französin gewordenen Ehefrau auf Tonband.
Dann machte sich die Berlinerin auf in ihre Vaterstadt -- Kiesinger tagte dort mit der CDU --, um ihrem Tonbandtext die Tat folgen zu lassen. Doch erst am Donnerstag, dem letzten Tag des Parteikonvents, gelang es Beate Klarsfeld, mit einem französischen Presseausweis in die nur nachlässig bewachte Kongreßhalle zu kommen. CDU-MdB Margot Kalinke sprach am Rednerpult über das Aktionsprogramm der Union, der Kanzler gab am Vorstandstisch Autogramme.
Da, um 10.55 Uhr, schritt Beate Klarsfeld zur Aktion. Als wolle sie ein Autogramm, pirschte sie sich an den Kanzler heran; mit dem Ruf "Nazi, Nazi" schlug sie ihm von hinten mit dem Handrücken ins Gesicht.
Der Kanzler erstarrte, dann hielt er sich das linke Auge zu. CDU-Generalsekretär Heck und Sicherheitsbeamte sprangen auf, rissen die Angreiferin zurück und ließen sie abführen. Kiesinger ahnungsvoll: "War das die Klarsfeld?" Sie hatte ihn schon früher von der Zuschauertribüne des Bundestages und in Briefen an den Pariser "Combat" als Nazi geschmäht.
Parteisprecher Dr. med. Arthur Rathke untersuchte das verletzte Kanzler-Auge und konstatierte: leichte Bindehautentzündung. Später bestätigte der eilends herbeigerufene Dr. Eberhard Kleberger, Professor für Augenheilkunde, die Diagnose. Die frühere Gesundheitsministerin Schwarzhaupt und die Witwe des ehemaligen Bundestagspräsidenten Ehlers boten ihrem Parteichef Sonnenbrillen an.
Unterdessen wurde die Täterin in einem Nebenraum vernommen. Des Kanzlers Berlin-Beauftragter Ernst Lemmer, 70, versuchte ihr gut zuzureden: "Wollen Sie nicht mit mir sprechen? Ich könnte doch Ihr Großvater sein." Beate Klarsfeld antwortete: "Das will ich gerne; aber ich bleibe bei meiner Auffassung, daß an der Spitze des Staates kein ehemaliger organisierter Parteigenosse stehen darf. Ich werde ihn verfolgen, wo immer ich ihn verfolgen kann." Lemmers Resümee: "Das ist eine unbefriedigte junge Frau. Dabei sähe sie sogar ganz hübsch aus, wenn sie nicht so blaß wäre."
Zwei Stunden später, auf der abschließenden Pressekonferenz, gab sich der Kanzler galant: Die "körperliche Attacke" einer jungen Frau wolle er nicht so ernst nehmen. Aber dann unterzeichnete er im Auto auf dem Weg zum Flughafen doch noch einen Strafantrag.
Er folgte dem Drängen seiner juristischen Berater, die eine günstige Gelegenheit sahen, der Kiesinger-Feindin einen Denkzettel zu verpassen, ohne dabei das Risiko eines Prozesses eingehen zu müssen, bei dem die Kanzler-Vergangenheit diskutiert würde. Kanzler-Referent Neusel zu seinem Chef:" Hier geht es eindeutig nur um Körperverletzung."
Um 17.41 Uhr desselben Tages eröffnete Amtsgerichtsrat Eberhard Drygalla vor dem Bereitschaftsgericht des Amtsgerichts Tiergarten die Verhandlung (siehe "Gerhard Mauz" Seite 32). Zwei Stunden später erging das Urteil gegen Beate Klarsfeld: ein Jahr Gefängnis.
* Beate Klarsfeld wird am 2. April 1968 von der Zuschauertribüne des Bundestages gewiesen, nachdem sie von dort Zwischenrufe gegen Kiesinger gemacht hat.

DER SPIEGEL 46/1968
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