13.02.2006

Blech für die Welt

Global Village: Wie Schrottautohändler aus aller Herren Länder in der Hansestadt ihr Glück suchen
Brandstiftung auf dem Gebrauchtwagenbasar an der Billhorner Brückenstraße in Hamburg. Mitten in der Nacht stehen plötzlich sieben Autos in Flammen. Alles gute deutsche Ware: Mercedes, Opel, Volkswagen, keiner älter als zehn Jahre.
Für den Autohändler Tarek El-Khaled aus dem Irak ist es der Ruin. Die Autos waren sein ganzes Kapital. Tarek meint zu wissen, dass Tschetschenen die Täter waren. Die Männer aus dem Kaukasus hatten am Nachmittag mit ihm über einen Wagen verhandelt. Der Kaufpreis, den sie zahlen wollten, lag unter Tareks Einkaufspreis. Er sagte njet. Als sie vom Hof gingen, stießen sie wilde Drohungen aus. Der Brand war wohl die Rache.
Politisch habe die Abfackelei nichts zu bedeuten, heißt es in der Polizeiwache 41, die Billhorn betreut. Das sei gewöhnliche Kriminalität.
Die Polizei neigt dazu, sich möglichst nicht einzumischen, solange ein strafrechtlich bedeutsamer Grenzwert nicht überschritten wird. Die Händler verhalten sich angepasst. Viele operieren am Rande der Legalität. Wer auffällt, riskiert die Abschiebung.
Früher war dies ein Huckepackbahnhof für Autoreisezüge. Heute werden hier ausgemusterte Oldies für den Export nach Afrika und Osteuropa von Lastwagen huckepack genommen.
Es sieht ein bisschen nach Borderline-Geschäften aus. Doch der Eindruck täuscht. Weil die Käufer normalerweise gar nicht erwarten, dass Autos, die eigentlich reif sind für die Schrottpresse, sich aus eigener Kraft bewegen, werden keine kaputten Getriebe mit Sägemehl aufgefrischt und keine Tachos zurückgedreht. Rosstäuschereien sind eher die Ausnahme.
Die Preisofferten liegen überwiegend im 500-Euro-Bereich, abzüglich einer Verhandlungsspanne von 15 bis 20 Prozent. Die versifften alten Müll- und Leichenwagen, für die es im Kaukasus und im Orient offenbar immer noch Abnehmer gibt, sind etwas teurer.
Auf dem Autobasar an der Billhorner Brückenstraße spricht man vorwiegend Russisch, Türkisch und Arabisch. Mit Deutsch kann man sich aber durchschlagen. Allerdings, Deutsche verirren sich selten an diesen tristen Ort.
Es kommt vor, dass Versicherungsbetrüger versuchen, hier einen Wagen zu verkaufen. Hinterher melden sie ihn als gestohlen und kassieren noch mal von der Versicherung. Obwohl sie meist schon für den halben Marktwert zu haben sind, werden diese Okkasionen nicht gern genommen. Ein VW Golf der neuesten Baureihe fällt hier auf wie ein Papagei unter Saatkrähen. So etwas provoziert nur Scherereien mit der Polizei.
Die Billhorner Automeile ist kein Spielplatz für Leute, die richtig reich werden wollen, eher eine Außenstelle der Dritten Welt. Sie ist auch nicht einzigartig. Solche Exklaven gibt es überall: in Berlin, München, Frankfurt und im Ruhrgebiet.
Das ganze Areal ist ungefähr zehn Fußballfelder groß und mit beweglichen Stahlzäunen parzelliert. Die Vorsichtigen haben ihre Barrikaden mit Stacheldraht gekrönt.
Zurzeit ist nicht viel zu tun. Das Geschäft mit dem Blech für die Welt geht schlecht. Wachhunde lümmeln sich in der Wintersonne. Es riecht nach Benzin und Knoblauch. In einem alten Bus sitzen drei dicke Männer in Sandalen und Blousons, spielen Karten und essen Pellkartoffeln.
Eine Zeitung schrieb nach dem Brandanschlag, im Billhorner Gebrauchtwagendorado sei ein Feuer ausgebrochen. "Dorado" bedeutet so viel wie "vergoldet". Aber hier ist gar nichts aus Gold. Der Export von Schrottautos ist auch in besseren Zeiten Kapitalismus in seiner ärmlichsten Form.
Mit etwas Glück kann man an einem kaputten Auto 300 oder 400 Euro verdienen. Kein großer Profit. Doch in Tschetschenien kann die Familie eines Taxifahrers ein halbes Jahr davon leben.
Die Gewinnerwartungen stehen in keinem Verhältnis zu den Risiken. Wer in diesem Gewerbe keine "eisernen Ohren" hat, wie man hier sagt, kann sich auf dem Weg zum großen Deal leicht verstolpern.
Wie der arbeitslose Industriearbeiter Boris Sakaschwili. Er kam im August mit einem geliehenen russischen Wolga und einem selbstgebauten Pkw-Anhänger aus Wladikawkas in Nordossetien, um hier ein ausgemustertes Mercedes-Taxi zu kaufen, das er daheim dann mit Gewinn veräußern wollte. Aber er hatte dreimal Pech. Erst drehte ihm ein Landsmann an einer Tankstelle ein Bündel Falschgeld an. Dann merkte er, dass der Wagen, den er gekauft hatte, kaum sanierbar war. Und auf dem Heimweg nahmen ihm Straßenräuber in Weißrussland die Brieftasche und den Wolga mitsamt dem aufgeladenen Mercedes ab.
Glückssucher Boris kehrte wieder um. Er hat sich noch mal Geld gepumpt, für 400 Euro einen zwölf Jahre alten VW Golf gekauft und weitere 300 Euro in die Reparatur gesteckt. Wenn der Wagen durch den TÜV geht, will Boris ihn nach Nordossetien überführen. Diesmal wird er die Südroute nehmen. Der Weg durch die Türkei und durch Georgien ist sicherer als die russische Rollbahn.
Vorübergehend jobbt Boris jetzt als Verkäufer bei einem armenischen Kollegen. Er wohnt in einem Kleinbus. Weil er jeden Cent als Startkapital braucht, isst er zweimal am Tag Tütensuppe und Reis mit roter Sauce. Boris will aufbrechen, wenn er sicher sein kann, dass auf dem Balkan kein Schnee mehr fällt. Und wenn der Geldverleiher die VW-Räder wieder herausgibt, die er als Pfand zurückbehalten hat. ERICH WIEDEMANN
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 7/2006
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