13.02.2006

PSYCHOLOGIEStilles Leiden

Wenn Kinder auf einmal nur noch mit ihren engsten Verwandten sprechen, sind Eltern, Ärzte und Lehrer meist ratlos. Dabei ist die Störung nicht selten - und fast immer hilft eine Therapie.
Marvin war drei Jahre alt, als er nach und nach das Sprechen einstellte. "Er redete mit immer weniger Menschen", erinnert sich seine Mutter.
Marvin sprach nicht mehr mit Freunden der Familie, nicht mehr mit anderen Kindern, nicht mehr mit den Großeltern. Wenn Besuch kam, durfte niemand sein Zimmer betreten. Am Ende waren die Eltern und die zwei Schwestern die Einzigen, bei denen der Junge nicht eisern schwieg.
Der Kinderarzt tippte auf Trotzphase. "Das müssen Sie aussitzen", riet er den Eltern.
Doch es wurde nicht besser. "Bis heute hat Marvin kein Wort mit seinen Erzieherinnen im Kindergarten gewechselt", sagt seine Mutter, "er spricht nur mit ein paar Kindern, aber das auch nur abseits der Gruppe." Marvin ist jetzt sechs Jahre alt, im Sommer kommt er in die erste Klasse.
Wer hört, wie der Knirps mit dem dunklen Haar mit seiner Sprachtherapeutin plaudert, wie er lacht und Fotos von der Mutter-Kind-Kur auf Langeoog kommentiert, käme kaum auf die Idee, dass Marvin den meisten Menschen heute mit starrem Schweigen begegnet. Der Sechsjährige schaut dann auf den Boden und presst die Lippen fest zusammen. "Je mehr man ihn zum Sprechen auffordert, desto mehr macht er zu", erzählt seine Mutter.
Seit eineinhalb Jahren fährt Marvin einmal pro Woche ins Sprachtherapeutische Ambulatorium der Dortmunder Universität. Erst in der 15. Sitzung im Therapieraum, der mit Teppichboden und Kindermöbeln wie ein Spielzimmer aussieht, hörte Logopädin Kerstin Bahrfeck-Wichitill zum ersten Mal seine Stimme.
Hinter einer Scheibe, die nur von außen durchsichtig ist, sitzt ein Trupp Studenten und verfolgt jede Therapiestunde. "Jetzt muss er noch den Transfer schaffen, auch außerhalb des Therapiezimmers zu kommunizieren", erklärt Bahrfeck-Wichitill.
Marvin hatte Glück: Seine Eltern erfuhren bereits zu Beginn der Kindergartenzeit, dass nicht Sturheit oder Trotz hinter seinem schrulligen Benehmen steckt. Marvin hat selektiven Mutismus (vom Lateinischen "mutus" für "stumm") - eine Form der Sozialphobie, bei der die Betroffenen, häufig schon kleine Kinder, nur noch mit einem engbegrenzten Personenkreis sprechen. "Eine Amtsärztin sagte uns, dass Marvin Mutismus hat", erzählt seine Mutter, "wir hatten davon noch nie gehört."
So geht es nicht nur den Eltern: Auch Ärzten, Erziehern und Lehrern ist das krankhafte Schweigen häufig unbekannt. Obwohl etwa 3 von 1000 Kindern an selektivem Mutismus leiden, wird die Störung oft spät oder gar nicht entdeckt. "Mutismus wird leicht mit Schüchternheit verwechselt", erklärt die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Nitza Katz-Bernstein, die das Dortmunder Ambulatorium leitet. Und: "Diese Kinder leiden still; sie sind leichter zu ignorieren als stotternde oder hyperaktive Kinder."
Die US-amerikanische Mutismus-Forscherin Elisa Shipon-Blum schätzt sogar,
dass bis zu 7 von 1000 Kindern von der Störung betroffen sind - sie wäre damit häufiger als Autismus. "Mutismus kommt öfter vor, als wir belegen können", sagt Shipon-Blum, "weil er oft übersehen, falsch diagnostiziert und falsch behandelt wird."
Zudem kommt das Thema in der Öffentlichkeit kaum vor - oder gerät schnell in Vergessenheit. So schrieb Dustin Hoffmans Darstellung eines Autisten im Film "Rain Man" Kinogeschichte. An Hauptdarstellerin Holly Hunter in "Das Piano", die nie spricht und sich nur über ihr Klavierspiel und ihre kleine Tochter mitteilen kann, erinnern sich weniger Zuschauer.
Die Dortmunder Wissenschaftlerin Katz-Bernstein gehört zu den wenigen Mutismus-Experten in Deutschland. Seit sie ihr Forschungsgebiet vor zwei Jahren auf einer öffentlichen Tagung vorgestellt hat, bekommt sie täglich Anfragen von Eltern und Erziehern, die Warteliste für die Mutismus-Therapie ist lang. "Die Behandlungen sind langwierig", erklärt die Professorin, "und es gibt nur wenige Therapeuten, die damit Erfahrung haben."
Marvin etwa brauchte einen kleinen Umweg, ehe er schließlich bereit war, mit Sprachtherapeutin Bahrfeck-Wichitill zu reden. Anfangs kommunizierte er mit ihr nur über die Handpuppe "Schnecki" - eine schüchterne Stoffschnecke, die auch nicht gleich mit jedem drauflos plappert. Zu Hause erzählte er damals nur von seinen Besuchen bei Schnecki; die Therapeutin kam in seinen Berichten nicht vor.
Oft wird der Mustismus auch deswegen so spät entdeckt, weil sich die Kinder zu Hause völlig normal verhalten. Mitunter reden sie in der vertrauten Umgebung sogar besonders viel. "Zu Hause hat Marvin viel Mitteilungsbedarf", bestätigt seine Mutter. "Wenn wir von Bekannten oder aus dem Kindergarten zurückkommen, wo er ja nicht spricht, sprudelt er förmlich über."
Zudem finden mutistische Kinder andere Wege, um sich mitzuteilen. Seit Marvins vierjährige Schwester in denselben Kindergarten geht, übernimmt sie das Sprechen für ihren großen Bruder.
Warum Kinder wie Marvin nicht reden, hat noch kein Forscher im Detail herausgefunden. Störungen in der Sprachentwicklung können die Krankheit begünstigen, ebenso der häufige Wechsel zwischen zwei Sprachen, etwa bei Migrantenkindern. Genauso wichtig ist nach Expertenmeinung die familiäre Veranlagung. Häufig treffen Mutismus-Therapeuten auf Familien, in denen ein Elternteil oder ein Verwandter ebenfalls extrem schweigsam ist. "Mutisten kommen nie aus Familien von Partylöwen", sagt der Kölner Sprachtherapeut Boris Hartmann.
Den ratsuchenden Eltern, hat der Mutismus-Therapeut beobachtet, schlägt nicht selten Misstrauen von Ärzten oder Kindergärten entgegen. "Viele glauben, wenn ein Kind schweigt, muss es etwas Schlimmes erlebt haben", erläutert Hartmann. Schnell wird den Eltern unterstellt, das Kind werde daheim misshandelt oder missbraucht oder die Familie verschweige ein anderes finsteres Geheimnis. Hartmann: "Dabei ist ein Trauma in den seltensten Fällen Ursache des selektiven Mutismus."
Der Sprachtherapeut behandelt derzeit elf selektive Mutisten, vor allem Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 14 und 26. Auf einen Platz in seiner Praxis warten weit mehr. Hartmann hat Patienten aus ganz Deutschland therapiert, auch aus der Schweiz und aus Südtirol reisten die kleinen Schweiger zur Beratung nach Köln-Brück.
Gerade die älteren Kinder haben meist einen langen Weg durch verschiedene Therapien hinter sich. Oft mussten sie die Schule wechseln oder wurden an Sonderschulen weitergereicht. "Sehr viele geraten in einen Teufelskreis aus falschen Diagnosen", berichtet Hartmann.
In seinem neuesten Buch lässt der Therapeut jetzt die Mutisten und ihre Eltern selbst zu Wort kommen. Die zehn Lebensberichte erzählen vom täglichen Leid der unfreiwillig Sprachlosen**.
Etwa von Marie, die sich im Kindergarten schmerzhaft im Gebüsch verhedderte. Nur durch Zufall entdeckte ein anderes Kind ihre Not. "Wie gern hätte sie geweint oder um Hilfe gerufen", schreibt Maries
Mutter, "doch es liefen ihr nur lautlos die Tränen herunter."
Oder von Alina, die noch auf dem Weg zum Kindergarten munter schwatze, aber völlig verstumme, sobald die Autotür aufging. "Überall dort, wo sie dachte, es könnte sie jemand hören oder gar sprechen sehen, sprach sie kein Wort mehr", berichtet die Mutter.
In Hartmanns Sprechstunden arbeiten sich die Sprechverweigerer von einzelnen Lauten bis zum ganzen Satz systematisch an den Dialog mit Fremden heran. Der Therapeut schließt einen Vertrag mit seinen Patienten: "Du lernst in der Sprachtherapie, laut die Anfangsbuchstaben von Wörtern zu sagen", lautet etwa ein Etappenziel. Später werden die Hürden höher; dann geht es um das Sprechen in der Schule: "Du meldest dich und sagst etwas", steht dann zum Beispiel im Vertrag.
Während das Schweigen der Kleinen im Kindergarten oftmals noch toleriert wird, sind die Probleme in der Schule nicht mehr zu übersehen. "Für Lehrer ist es sehr irritierend, wenn ein Kind, das ja sprechen kann, dies hartnäckig nicht tut", sagt der Wuppertaler Sprachheillehrer Reiner Bahr, der eines der ersten deutschsprachigen Bücher zum Thema geschrieben hat. "Viele Schulen kommen damit nicht klar."
Oft sind es die Eltern selbst, die aus Verzweiflung über Unkenntnis und fehlende Therapie-Angebote die Initiative ergreifen. So gab Shipon-Blum vor sieben Jahren ihre Arztpraxis auf, um sich um ihre selektivmutistische Tochter Sophia zu kümmern.
Heute spricht Sophia wieder. Shipon-Blum leitet ein Zentrum für Mutismus-Therapie in Philadelphia und hat mehr als tausend Patienten aus aller Welt behandelt. "Glücklicherweise wird die Krankheit langsam bekannter", sagt Shipon-Blum, "inzwischen wollen sich immer mehr Therapeuten und Lehrer darüber informieren."
Auch Nitza Katz-Bernstein und ihre Kollegin Katja Subellok von der Dortmunder Universität möchten künftig Schulungen für Therapeuten und Pädagogen anbieten.
Ihr kleiner Patient Marvin spricht seit kurzem wieder mit einigen jener Menschen, mit denen er jahrelang kein Wort gewechselt hat. Auf der Nordseeinsel Langeoog redete er mit allen Kindern und Kur-Betreuern - nur nicht mit den Ärzten.
"Ich weiß, dass er nie völlig offen auf andere zugehen wird", sagt seine Mutter. "Ich wünsche mir nur, dass er einmal so unbeschwert sprechen kann wie andere Kinder auch." JULIA KOCH
* Mit Holly Hunter und Harvey Keitel. ** Boris Hartmann: "Gesichter des Schweigens - die Systemische Mutismus-Therapie". Schulz-Kirchner Verlag, Idstein; 312 Seiten; 31,95 Euro.
Von Koch, Julia

DER SPIEGEL 7/2006
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