25.11.1968

FRANKREICH / WÄHRUNGSKRISEGold zurück

Zum ersten Mal kam Charles de Gaulle das Wort "dévaluation du franc" -- Franc-Abwertung -- über die Lippen. Es war ein Dementi. Ein Abschlag vom Franc-Wechselkurs, so verkündete der General am Mittwoch vorletzter Woche, "wäre die schlimmste Absurdität".
Noch vor acht Monaten hatte de Gaulle sich gebrüstet. sein Franc sei "so gut wie Gold" und sich stark genug gefühlt, dem Dollar die Führungsrolle unter den Weitwährungen streitig zu machen. Jahrelang schulmeisterte er die Engländer wegen ihrer permanenten Währungsschwierigkeiten und verweigerte dem britischen Pfund 1967 kaltherzig die Kredithilfe. Die Engländer, so tönte es aus dem Elysée-Palast, sollten erst einmal einen genauen Plan zur Sanierung ihrer Lotterwirtschaft vorlegen.
Heute ist de Gaulles Franc die schlechteste Währung der Welt. Schon am Freitag vorletzter Woche stießen die Spekulanten aller Länder ihre Franc so eilig ab wie früher nur die sieche Britenwährung. Für wenige Minuten notierte der Kurs an der Pariser Börse sogar unter der offiziellen Parität: 125,45 Franc für 100 Deutsche Mark statt 125,29.
Am darauffolgenden Wochenende eilten Frankreichs Krämer und Kapitalisten mit Koffern voll Banknoten über Grenzen, um auf belgischen, Schweizer und deutschen Bahnhöfen und Flughäfen Hartvaluta einzutauschen. Weil der Franc-Strom zur Flut anzuschwellen drohte, nahmen eidgenössische Wechselstuben am Sonntagmittag nur noch 500 Franc an. Und die Bahnhofs-Schalter der Deutschen Verkehrs-Kredit-Bank tauschten pro Kopf höchstens 1000 Franc.
Seither wird die französische Valuta, die der General noch vor acht Monaten über den Dollar erheben wollte, an allen Bankplätzen Europas nur noch mit Risiko-Abschlägen bis zu zehn Prozent gehandelt.
Aufgeschreckt von der panischen Franc-Flucht, zitierte de Gaulle seinen Premier Couve de Murville am Montag letzter Woche zur moralischen Währungsaufrüstung vor die Kameras der ORTF. Der Franc, beteuerte Couve, kränkele gar nicht so sehr. Schuld an der Misere sei vor allem die Spekulation auf eine Aufwertung der Deutschen Mark (siehe Titelgeschichte Seite 27).
In Wahrheit hatte die Franc-Krise längst vor dem Mark-Run geschwelt, "nur die Regierung" -- so die Tageszeitung "Le Figaro" -- "hat es anscheinend nicht gemerkt".
Binnen weniger Monate erreichte der Preisauftrieb in Frankreich eine Rate von zehn Prozent. Trotz mächtiger Export-Subventionen klaffte bereits Ende Oktober in der Handelsbilanz ein Loch von 4,4 Milliarden Franc. Noch ärger ist es um die Währungsreserven bestellt. Seit dem Arbeiter- und Studenten-Aufstand im Mai verlor die Banque de France 10,6 Milliarden Mark Gold und Devisen -- nahezu 40 Prozent der von de Gaulle in Jahren zusammengerafften Bestände.
Jene Goldbarren, die Charles de Gaulle während der vergangenen zwei Jahre in Unterseebooten aus den Kasematten der USA heranschaffen ließ, müssen heute in Flugzeugen zurücktransportiert werden. Frankreichs Kapitalbesitzer schaffen Millionenbeträge Landeswährung aus Charles de Gaulles Reich hinaus, weil sie kein Vertrauen haben, es im Lande zu investieren. Am Mittwoch vergangener Woche mußte de Gaulle die Pariser Börse schließen lassen, um das völlige Ausbluten seiner Goldvorräte zu verhindern.
Der General und seine Mannschaft haben die Krise selbst in Gang gebracht. Zwar mahnte de Gaulle seit Anfang Juli Händler und Industrielle zur Preisdisziplin. Aber die Appelle verhallten, weil die staatlichen Versorgungsunternehmen als erste mit der Teuerungswelle begannen. Seit September schnellten allein Gas- und Strompreise um drei Prozent, Eisenbahntarife um fünf und die Telephongebühren um acht Prozent empor. Die Lebenshaltungskosten stiegen seither in jedem Monat um doppelt soviel wie
im Juli.
Im Oktober beschloß de Gaulle, mit 13,97 Milliarden gepumpten Franc die Wirtschaft anzukurbeln, doch gleichzeitig stoppte er die Investitionslust der Unternehmer mit massiven Steuererhöhungen. Die Einkommen der Reichen wurden bis zu 15 Prozent höher belastet. Von Frankreichs Erben will der Staat sogar 50 Prozent mehr als bisher kassieren.
Sofort nachdem die neuen Steuern verhängt worden waren, begannen Frankreichs wohlhabende Kleinbürger und reiche Großkapitalisten ihre Ersparnisse zu liquidieren und außer Reichweite des Fiskus zu bringen. Woche für Woche transferierten sie immer mehr Franc ins Ausland.
Hilflos mußte der Präsident zusehen, wie sich der Nimbus seines Franc verflüchtigte. Die Berge von Gold in den Kellern der Banque de France, an deren Glanz der General sich erwärmte, wurden von seinen eigenen Landsleuten abgetragen. Allein in den ersten 14 Novembertagen verlor Frankreich noch einmal nahezu 750 Millionen Mark Währungsreserven.
Um den Gold- und Devisenschwund zu bremsen, erhöhte Notenbank-Präsident Jacques Brunet am Dienstag vorletzter Woche den Diskontsatz für Wechsel auf sechs Prozent und kürzte den französischen Banken obendrein das Kreditpotential um zwei Milliarden Franc. Am vergangenen Mittwoch beschnitt Finanzminister Francois-Xavier Ortoli auf Weisung seines Chefs auch noch die Staatsausgaben um fast zwei Milliarden Franc.
Mit dem späten Sanierungsversuch will die Regierung die längst fällige Abwertung des Franc verhindern: auf Kosten der Franzosen. Für de Gaulle ist der Gedanke, seinen Franc abwerten zu müssen, wie es seine von ihm verachteten Vorgänger in der Vierten Republik taten, ein wahres Greuel. Zudem käme ein Währungsschnitt dem Zugeständnis gleich, daß der politische Führungsanspruch des Generals auch ökonomisch keine Basis hat. Spottete "L'Express": "Ein Dollar-Fresser, Gold-Champion und Heros des gesunden Geldes wie der General kann doch nicht wie ein gewöhnlicher Premierminister Ihrer Majestät seine Währung abwerten."
Obwohl Frankreichs Devisenreserven bislang keineswegs erschöpft sind -- die Banque de France verfügt noch immer über etwa 113 Milliarden Mark in Gold und Devisen -, sollen die in der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zusammengeschlossenen Industrieländer einen sogenannten Swap-Kredit über einige Milliarden Mark einräumen. Mit dem gepumpten Geld will de Gaulle die Spekulanten abwehren und sein Gold schonen.
Die Franzosen freilich müssen trotzdem draufzahlen. Denn auf die Dauer kann der Franc-Kurs nur dann gehalten werden, wenn die Regierung Couve de Murville dem Land eine ökonomische Generalkur verordnet und auf den dringend benötigten Wirtschaftsaufschwung verzichtet. Sie müßte 1969 das geplante Budget-Defizit von etwa zehn Milliarden Franc beseitigen und dabei jene Milliarden Investitionsbeihilfen streichen, die für das Wachstum und die Modernisierung der Wirtschaft vorgesehen sind. Damit würde sich das Heer der heute 600 000 Arbeitslosen beträchtlich vergrößern.
Die Attacke des Generals auf die führende Währungsmacht des Westens, die USA, ist zusammengebrochen, und sein Plan, das Gold wieder auf den internationalen Währungs-Thron zu heben, vor aller Öffentlichkeit als ein Wahn entlarvt. Sein eigenes Wort: "Das Gold ist der ewige und wahre Gradmesser" verurteilt ihn jetzt selbst.
Denn am vergangenen Wochenende zeigte dieser Gradmesser an: Frankreichs Staatschef steht vor den Trümmern seiner Politik und davor, daß aus der Absurdität doch noch Realität wird.

DER SPIEGEL 48/1968
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