18.11.1968

KLARSFELDRote Rosen

Wo Kurt Georg Kiesinger hingeht, da will auch sie hingehen. Letzten Mittwoch in Brüssel war Beate Klarsfeld, 29, des Kanzlers ohrfeigende Berliner Nemesis, schon lange vor ihm zur Stelle.
Im Hotel "Trattoria" hatte sie sich mit ihrer französischen Schwiegermutter eingemietet und bereitete sich auf einen Kampftag vor, denn abends wollte der Bonner Regierungschef vor der "Grande Conférence Catholique" einen Vortrag halten.
Schläge standen diesmal nicht auf dem Klarsfeld-Programm. " Um zu zeigen, daß ich nicht hysterisch bin und durchaus soliden Hintergrund habe", sollten von ihr lediglich Brüsseler Studenten etwas über Kiesingers Tätigkeit im Dritten Reich erfahren.
Aber schon morgens um 7.30 Uhr erkannte Beate Klarsfeld, daß europäische Protest-Prominenz auch Last bringt. Zwei Kriminalbeamte in Zivil erschienen im Hotel, gaben ihr 15 Minuten zum Anziehen und konzedierten erst auf den Einwand der Schwiegermutter -- "Mais Messieurs, nous sommes des dames" -- 30 Minuten.
Dann wurden Steckbrief-Photos gemacht, und Beate Klarsfeld mußte schriftlich versprechen, daß sie vor 15 Uhr das Land verlassen werde. Belgiens Geheimdienstchef Caeymaex, um Kiesingers Sicherheit besorgt, hatte den Justizminister Vranckx von der Anwesenheit der Einzelkämpferin unterrichtet; der Minister war daraufhin tätig geworden.
Aber auch hier halfen Proteste. Beate Klarsfeld durfte noch so lange bleiben, daß sie vor 300 Zuhörern in der Brüsseler Universität ihre Kiesinger-Aufklärung loswerden konnte. Erst um 17.14 Uhr, kurz vor des Kanzlers Ankunft auf dem Flughafen, verließ sie Brüssel per Bahn in Richtung Paris.
Die Klarsfeld-geimpften Studenten aber blieben, und etwa 100 von ihnen unterbrachen später Kiesingers Vortrag über Europa im Palais der Schönen Künste mehrfach minutenlang mit "Nazi"-Rufen.
Sie warfen Knallkörper, zeigten Kanzler-Porträts mit dem Text "Wanted for Schreibtischmörder" und ließen Handzettel mit der NS-Parteinummer des Redners (2 633 930) und dem Datum seines Beitritts (1. März 1933) von der Galerie flattern. Kiesinger blickte starr vor sich hin.
Anstifterin Beate Klarsfeld sann derweil im Zug, wie sie ihre ambulante Kampagne samt Prozeßkosten weiter finanzieren könne. Ihrem Mann Serge Klarsfeld fällt es bereits schwer, seine Steuern pünktlich zu bezahlen.
Ansporn zum Weitermachen brachten zwölf rote Rosen. Als Anerkennung hatte sie der deutsche Schriftsteller Heinrich Böll nach Paris geschickt.

DER SPIEGEL 47/1968
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