18.11.1968

Bonn„DIE OHRFEIGE WAR EIN POLITISCHER AKT“

SPIEGEL: Was versprachen Sie sich von der öffentlichen Ohrfeige für Bundeskanzler Kiesinger?
KLARSFELD: Mit Worten allein ist in Deutschland, zumindest gegen den Nazismus, wenig zu erreichen. Seit einem Jahr führe ich nun eine Kampagne gegen Kiesinger. Ich habe in der Bundesrepublik 30 000 Broschüren über Kiesingers Nazi-Vergangenheit verteilt, Pressekonferenzen und Vorträge in Universitätsstädten gehalten und an den Bundestag geschrieben. Das Echo blieb schwach.
SPIEGEL: Sie wollten es mit Gewalt verstärken?
KLARSFELD: Es war kein Gewaltakt, sondern ein politischer Akt. Und wenn jemand von einer Frau geschlagen wird, kann man das überhaupt nicht als Gewalttätigkeit betrachten, sondern eher als eine Mißachtung.
SPIEGEL: Hatten Sie die Beherrschung verloren?
KLARSFELD: Nein, die Ohrfeige wurde bereits am 9. Mai dieses Jahres geplant, war also lange vorbereitet.
SPIEGEL: Warum haben Sie Kiesinger aufs Auge geschlagen?
KLARSFELD: Ich wollte nicht von vorn kommen, denn dann hätte er noch zurückzucken können, und mein Arm wäre zu kurz gewesen. Ich mußte mich ihm also von hinten nähern, er bemerkte das, drehte den Kopf und sah mich an. Da mußte ich zu schnell handeln. Ich wollte die Wange treffen. Daß es das Auge wurde, ist wirklich ein Irrtum.
SPIEGEL: Was halten Sie von Ihrer Verurteilung in Berlin?
KLARSFELD: Daß ich zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden bin, zeigt, wie ungerecht Deutschlands Justiz ist. Der Mann, der Rudi Dutschke in der Gedächtniskirche blutig geschlagen hat, bekam nur 200 Mark Strafe. Und ich, die einen Nazi geschlagen hat, bekomme das Maximum von einem Jahr Gefängnis.
SPIEGEL: Werden Sie zu einer Berufungsverhandlung nach Deutschland zurückgehen?
KLARSFELD: Selbstverständlich. Denn seit einem Jahr versuche ich, einen öffentlichen Prozeß zu bekommen, in dem ich die Nazi-Vergangenheit von Kiesinger aufdecken kann.
SPIEGEL: Planen Sie weitere Ohrfeigen?
KLARSFELD: Nein. Meine Aufgabe wird jetzt sein, durch Dokumentation und Vorträge -- unter anderem dort, wo Kiesinger auftritt, wie jetzt in Brüssel -- die Menschen über die Vergangenheit des Bundeskanzlers aufzuklären.
SPIEGEL: Soll Ihr Beispiel die Frauen zur Nachahmung anfeuern?
KLARSFELD: Daß eine Frau auf diese Weise ins politische Leben eingetreten ist, sehe ich als weiteren Schritt vorwärts zur Emanzipation der deutschen Frau. Ich habe nicht studiert, ich bin eine einfache Bürgerin. Aber eines Tages habe ich gefühlt, daß ich dies für Deutschland, und um die Ehre Deutschlands zu retten, tun mußte.

DER SPIEGEL 47/1968
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