18.11.1968

UNTERNEHMEN SAMY-GASTSTÄTTENEinmal frei zechen

Zehn Tage lang klingelte bei Schwabings geschäftstüchtigsten Gastwirten, Anusch und Temur Samy, fast pausenlos die Registrierkasse. Zehn Tage lang scheffelten sie Sondereinnahmen. Dann stoppten die Brüder den ungewöhnlichen Geldverkehr.
Die jungen Gastronomen hatten die originelle Idee, Stammgäste und Geschäftsfreunde an ihren florierenden Supermärkten der Freude finanziell zu beteiligen. Sie gründeten eine Holding. die Schwabinger Anlagegesellschaft, mit zunächst 304 000 Mark Stammkapital.
Dann ließen sie kleingestückelte Anteilscheine im Werte von 20 bis 100 Mark drucken und verkauften sie an Gourmands und Gourmets. Aber auch Köche und Kellner sowie die Garderoben- und Toilettenfrauen konnten Kleinstpartner werden. Mit dieser Anteilwirtschaft wollen die beiden Junggastronomen den Vergnügungsbetrieb von Wahnmoching, wie Münchens frühere Künstlerkolonie Schwabing heute noch genannt wird. zu neuer Blüte bringen.
Ihr Vater, der aus Stalins Heimat, dem Kaukasus, stammt, hat ihnen eine blühende kapitalistische Phantasie vererbt. Vor 15 Jahren schickte er seinen ältesten Sohn, den Anusch (heute 34), nach München. Der sollte dort Maschinenbau studieren, aber schon nach wenigen Semestern entschied er sich für den Teppichhandel. Nachdem sich Anusch mit persischen Fußmatten Startkapital verschafft hatte und Schwiegersohn eines Vorstandsmitglieds der Allianz-Versicherung geworden war, zog er ein Mietwagen-Unternehmen mit Kleinwagen auf.
Im vergangenen Jahr verkaufte er die Minicars und stieg in die Gastronomie um. Dorthin lockte ihn sein jüngerer Bruder Temur, der in München mit der Eröffnung eines Restaurants im kaukasischen Stil -- der "Datscha" -- eine Goldader angezapft hatte. Deutsche Wohlstandsbürger und Snobs reißen sich dort um die Plätze.
Die Einnahmen ermunterten das Brüderpaar, weitere Lokale mit einer bestimmten Note aufzumachen -- als nächstes den "Drugstore", einen Riesensalon mit vielen Spiegeln, Pop-Arabesken und Protest-Posters. Er entwickelte sich sehr schnell zum Rendezvous-Platz der anspruchsvolleren Jugend. Etwa 2000 Mini-Mädchen und Beat-Boys besuchen täglich das Mammut-Lokal und lassen 6000 Mark zurück.
Als Gipfel der Samy-Unternehmen entpuppte sich die nächste Gründung: das Action Center "Blow up", ein monströser Beatschuppen, in dem 250 Scheinwerfer im Rhythmus der Songs zucken, während Go-Go-Mädchen das tun, was man vortanzen nennt. Die prominenteste Gastspiel-Rolle übernahm (für angeblich 100 000 Mark Gage) Sammy Davis jr.
Dann arbeiteten die Brüder an einem noch originelleren Coup: Sie begannen, ihre Betriebe "gewissermaßen zu sozialisieren. Die Leute sollen wissen, daß ein Teil Schwabings ihnen gehört" (Anusch). Das Fundament dieser Gemeinwirtschaft ist die Schwabinger Anlagegesellschaft mbH, in die Anusch und Temur Samy ihren Anteil an der Nobelgaststätte "Datscha" -- 204 000 Mark -- einbrachten.
Da das Restaurant hohe Renditen abwirft, war es zulässig, die 204 000 Mark bei der Überschreibung auf die Anlagegesellschaft mit 100 000 Mark Aufschlag zu bewerten. Über die Hälfte der insgesamt 304 000 Mark Anteilscheine verkauften die Samys in kleinsten Partien. Dann ließen sie auch den Drugstore bewerten (1,8 Millionen Mark) und übertrugen wiederum mehr als die Hälfte der Summe auf ihre Anlagegesellschaft, die im Januar abermals Mini-Aktien unter das Volk streuen wird.
Die winzigen GmbH-Anteile werden als Genußscheine ausgegeben. Sie garantieren den Käufern mindestens acht Prozent Zinsen jährlich, wenn sie bar ausgezahlt werden. Wer den Ertrag jedoch in Samy-Lokalen verzehren will, erhält Wertgutscheine, die einer 13prozentigen Kapitalverzinsung entsprechen. Es kann also jeder, der einen Anteilschein über 100 Mark erwirbt, einmal im Jahr bei den Samys für 13 Mark frei zechen.
Die Genußscheine fördern nicht nur die Thekentreue -- sie verschafften den Brüdern auch einen Zuschuß für neue Unternehmungen. In wenigen Wochen wird ihre "Citta 2000" an der Münchner Leopoldstraße eingeweiht: ein Großraum-Drugstore mit 40 Boutiquen, einem Autosalon, einem Kino und zwei Gaststätten. Ein fünfter Samy-Betrieb, der rustikale Lukullus-Tempel "Bretzn", steht noch im Bau. Unter seinem Dach sollen nur Schmankerl -- bayrische Leckerbissen -- zum Bier und Enzian serviert werden.
Auch die neuen Unternehmen sollen auf Genußscheinbasis "sozialisiert" \verden. Die Brüder wollen aber streng darauf achten, daß sie die absolute Majorität (51 Prozent) behalten.
Die breite Streuung der Mini-Wertpapiere soll dafür sorgen, daß der Besucherstrom nicht nachläßt. Anusch Samy hofft: "Jeder wird doch einmal nachsehen wollen, wie sein Laden läuft."

DER SPIEGEL 47/1968
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