18.11.1968

GESTORBENDIETER SATTLER

DIETER SATTLER, 62. Der Architekt kam über den Posten eines "Staatssekretärs für die Schönen Künste" im bayrischen Kultusministerium zur deutschen Botschaft nach Rom -- als Kulturattaché, Sieben Jahre lang warb der Diplomat, der auch Präsident des Deutschen Bühnenvereins war, für die Wertung der Kulturpolitik als "dritte Bühne in den auswärtigen Beziehungen", bevor er als Leiter der Kulturabteilung ins Auswärtige Amt nach Bonn versetzt wurde und dort viele seiner Vorstellungen verwirklichen konnte. Während seines Dienstes in Bonn -- von 1959 bis 1966
steigerte Sattler die Haushaltsmittel seines Ressorts von 61,6 auf 216 Millionen Mark und verwandte einen großen Teil des Geldes auf den Ausbau der deutschen Auslandsschulen und Goethe-Institute. 1966 wurde der katholische Münchner als Botschafter in den Vatikan geschickt. In Rom erlag er vorletzten Sonnabend den Folgen einer Nervenentzündung.
BERNHARD MENNE, 67. In der politischen Wirrnis der Weimarer Zeit wurde er vom angehenden Priester zum engagierten Kommunisten. Er predigte in der "Raten Fahne", bis ihn -- 1928 -- auch die KPD exkommunizierte. Als Sozialdemokrat und Schriftsteller ("Der Aufstieg des Hauses Krupp") hegte er bis 1933 gemäßigteren Antikapitalismus. Nach seinem Exil in Prag und London" wieder zurück in Deutschland, schätzte und überschätzte er schließlich nationale Häuslichkeit: Die von ihm 1948 unter britischer
Besatzeraufsicht
und nach britischen Vorbildern mitgegründete "Welt am Sonntag" (Auflage zuletzt: 386 493) steuerte er als Chefredakteur so weit rechts, daß Exilfreunde wie der Ex-Kommunist und Neo-Nationalist William S. Schlamm einen geräumigen Tummelplatz fanden. Mit konservativen Kolumnen und lockerer Wochenblatt-Manier versuchte er, in der von den Tageszeitungen freigelassenen Informationslücke am Wochenende eine "Zeitung von Ruf und eine Zeitung mit Echo" zu machen und schätzte ideologiefreie Stoffe wie Mathematik, Astronomie und Raumflug. In den Augen seines Verlegers Axel Springer war er stets "ein unersetzlicher, weiser Berater".
WERNER KOLL, 66. Vierzehn Jahre lang verkörperte der Göttinger Pharmakologe das Gewissen einer Gesellschaft, die immer hemmungsloser einem modernen Götzendienst huldigt: dem Glauben an die Allmacht der Tablette. Doch Kall, seit 1954 Präsident der "Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft", kämpfte mit stumpfen Waffen gegen die Industriegiganten der Pillen-Branche. So versandte er Fragebogen an die Mediziner, um schädliche Nebenwirkungen der stetig anwachsenden Tabletten-Lawine zu ermitteln. Aber das war erst nach der Contergan-Katastrophe. In diesen Wochen sollte Kali zu einer Zentralfigur des Alsdorfer Contergan-Prozesses werden: Von der Verteidigung zum Gutachter berufen, sollte er darüber befinden, ob die Contergan-Hersteller ihr Unheilsmittel mit der branchenüblichen Sorgfalt getestet hätten. Kolls Gutachten hätte paradox lauten sollen: Ja, branchenüblich sorgsam -- aber die Sorgfalt der Branche war damals unzureichend.

DER SPIEGEL 47/1968
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