07.10.1968

KONZERNE / SPRINGER Vorwärts und rückwärts

Redakteure und Verlagsleute der Hamburger Tageszeitung "Die Welt" reagieren seit langem auf die Gerüchte über den Chefredakteur ihres Blatts mit einem verfremdeten Werbevers: "Alle reden von Starke. Wir nicht!"
Nun werden sie doch reden. Denn für Hermann Franz Gerhard Starke, 52, der erst zwei seiner zehn Vertragsjahre als "Welt"-Chefredakteur absolviert hat, wurde Ende vergangener Woche ein Nachfolger bestimmt: Herbert Kremp, 40, Chefredakteur der CDU-freundlichen "Rheinischen Post" in Düsseldorf.
Der Wechsel in der "Welt"-Spitze ist Teil einer Umschichtung im Führungspersonal des Springer-Konzerns, die sich manchen Hausfreunden wie ein "normales Revirement", Eingeweihten aber wie "der Ausdruck einer Verleger-Neurose oder wie ein Schauprozeß" darstellt.
Nach dem spektakulären Rückzug des Generalbevollmächtigten Christian Kracht (Nachfolger: Peter Tamm) in das Finanzressort und dem Ausscheiden des Verlagsdirektors Ernst Naumann (SPIEGEL 38/1968) dreht sich's weiter im Konzern:
* Adam Vollhardt, 58, Springers persönlicher Referent und Reisemarschall (einziges politisches Kredo: "Die Wiedervereinigung ist die Schicksalsfrage der Deutschen"), wurde gestürzt und liegt im Krankenhaus; Nachfolger: der Berliner Heilmut Cawl; er Ist Kaufmann, ein "Spezialist für Fehleraufdeckung" und daher als "betriebswirtschaftlicher "Frankenstein'" gefürchtet -- wie Hans Dieter Müller in seinem Buch "Der Springer-Konzern" schrieb.
* Horst Mahnke, 54, wird. abgelöst als Geschäftsführer des redaktionellen Beirats eines hauptsächlich von Chefredakteuren gebildeten Exekutivatabes, der Springer als politische Progranimier-Zentrale für die Redaktionen seiner Blätter dient.
* Ernst J. Cramer (Abteilung: Elektronische Publikationsmittel) avancierte zum Springer-Assistenten. "Bild" -Verlagsleiter Hans Jürgen Mesterharm bekommt neue Aufgaben in der Berliner Abteilung des Konzerns.
Nach welchen Regeln die Figuren im Springer-Schach verrückt oder ersetzt werden, bleibt vorerst selbst Eingeweihten ein Geheimnis. Ein Springer-Direktor: "Zur Zeit probieren wir mal alles rückwärts und vorwärts durch. Wie das Ende aussieht, weiß noch kein Mensch."
Das gilt insbesondere für Springers Renommierblatt: Die "Welt"-Lage soll künftig bestimmt werden von einem Mann, der sich selbst gelegentlich als "Führernatur" bezeichnet und den Sekretärinnen heimlich "Nußknackergesicht" nennen.
Katholik Kremp ist ein Mann, der seine Meinung präzise formuliert (über Lückes Rücktritt: "Mangel an Krisengewandtheit") und mit der Aufrichtigkeit eines Kolpingbruders gegen "Fellachen"-Gesinnung wettert -- wo immer er sie wittert.
Kremp bevorzugte bei der "Rheinischen Post" junge Leute mit noch nicht so stark ausgeprägtem eigenem Willen, und er krempelte die seit 1963 von ihm geführte Zeitung gründlich um. Die früher eher langweilige, trocken-konservative Zeitung lockerte er durch bunte Kurzbeiträge auf, die er gern zu einem lebhaften, an "Bild" orientierten Umbruch arrangierte.
Der gewichtige Mann, der seine häufigen Bierreisen in die Düsseldorfer Altstadt kürzlich durch eine längere Abmagerungskur unterbrochen hat, wandelte sich nach der Beobachtung von Kollegen vom Kalten Krieger zu einem "eher liberalen CDU-Mann" -- der freilich angesichts von Studentendemonstrationen noch von "Abwehr, ja Brechreiz" befallen wird. Bei öffentlichen Auftritten -- ·so in Höfers Frühschoppenrunde gegen "Stern"-Chef Henri Nannen -- spricht er stets und gekonnt den konservativen Part, und gelte es auch" Heinrich Lübke zu verteidigen.
Sein Vorgänger bei der "Welt", Hermann Franz Gerhard Starke, meldete sich am Wochenende für 14 Tage aus der Redaktion ab. Er, der "Ruhe in die Redaktion bringen" wollte und darüber die Hoffnungen der Redakteure auf eine Liberalisierung des Blattes enttäuschte, ging nach Helgoland. Dort, wo er einst auch den Entschluß gefaßt hatte, die "Welt"-Führung (für 12 000 Mark monatlich) zu übernehmen, erlebt er nun das Ende seiner "Welt".

DER SPIEGEL 41/1968
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.