07.10.1968

FORSCHUNG / ODYSSEEStrecke vermessen

Die Feste Troja war gefallen, der Trojanische Krieg beendet. Über das Ägäische Meer reisten die siegreichen Griechen zurück ins heimische Hellas.
Kriegsheld Odysseus, Herrscher über das Inselreich Ithaka im Westen Griechenlands, mußte den Peloponnes umsegeln, um in sein Heimatland zu gelangen. Doch an der Südspitze Griechenlands, vor Kap Maleia, überraschte ein Sturm die Heimkehrer-Flotte -- die Schiffe des Odysseus wurden ins offene Mittelmeer hinausgetrieben.
Damit begann für den sagenhaften Ithaka-König eine jahrelange Irrfahrt -- Thema der ältesten Abenteurergeschichte in der abendländischen Literatur: der "Odyssee" des griechischen Dichters Homer (um 750 vor Christus).
Das Epos des Homer wurde erst rund 500 Jahre nach dem Trojanischen Krieg geschrieben. Und etliche Textkritiker hatten sich schon auf den Verdacht geeinigt, es handle sich um eine phantasievolle Zusammenstellung mehrerer, ursprünglich eigenständiger Dichtungen. Nun aber glauben zwei deutsche Wissenschaftler den Beweis erbracht zu haben, daß Homers "Odyssee" die realistische und detaillierte Darstellung einer historischen Irr-Reise enthalte.
Versuche, anhand der geographischen Angaben des Dichters eine Reiseroute des Odysseus zu rekonstruieren, gab es schon seit der Antike -- mit unterschiedlichem Ergebnis: Odysseus, so glaubten einige Forscher zu erkennen, sei nach Osten ins Schwarze Meer verschlagen worden. Andere vermuteten, er sei westwärts gereist und durch die Straße von Gibraltar in den Atlantik vorgedrungen -- bis nach Kap Hoorn oder in die Fjorde Norwegens.
Eher bescheiden mutet demgegenüber der Reise-Kurs an, den die beiden deutschen Homer-Deuter jetzt ermittelt haben: Von Kap Maleia aus, so meinen sie, habe Odysseus mit einigen Umwegen eine Seefahrt um die Insel Sizilien gemacht.
Neun Jahre lang haben die beiden Amateurforscher, der Frankfurter Architekt Hans-Helmut Wolf, 42, und sein Bruder Armin, 33, Assistent am Max-Planck-Institut für Europäische Rechtsgeschichte, an der Lösung des homerischen Reise-Rätsels gearbeitet. Ihr Forschungsbericht, der jetzt in Tübingen erschienen ist, stützt sich auf eine pedantische Analyse der meteorologischen, geographischen und nautischen Angaben Homers*. Aus den zentralen Passagen des Homer-Epos verwerteten die Brüder Wolf konkrete Reise-Daten -- etwa Hinweise auf Windrichtung oder Meeresströmung -, als handele es sich um Eintragungen im Logbuch eines Kapitäns.
Anhand dieser Angaben rekonstruierten die beiden Forscher zunächst eine schematische Route der Irrfahrt -ähnlich dem vereinfachten Streckennetz auf einer U-Bahnkarte. Das Schema besteht aus zwölf Teilstrecken, die jeweils zwischen den Landestationen des Odysseus liegen und nur die Reiserichtung anzeigen. Erst nachträglich wurde dann das abstrakte Muster in die geographische Wirklichkeit eingefügt (siehe Graphik Seite 186).
Für den ersten Fahrt-Abschnitt -- beginnend vor Kap Maleia -- gibt Odysseus an, "Nordwind" und "Strömung" hätten die Schiffe auf Fehlkurs getrieben. Da die griechischen Segler die Kunst des Kreuzens (gegen den Wind) kaum beherrschten, müßte bei Nordwind die Flotte in Südrichtung getrieben worden sein.
Doch die von Odysseus erwähnte Mittelmeerströmung, die vor Kap Maleia in Ost-West-Richtung fließt, lenkte die Schiffe nach Westen ab: Sturm und Strömung würden mithin Odysseus auf Südwestkurs verschlagen haben -- zur Küste Nordafrikas.
Wie antike Schriftsteller berichten, wurden havarierte Schiffe auf dersel-
* Hans-Helmut und Armin Wolf: "Der weg des Odysseus". Verlag Ernst Wasmuth, Tübingen; 276 Selten; 39 Mark.
ben Route oft ins Gebiet der Kleinen Syrte getrieben. Dort, etwa auf der Insel Dscherba, so vermuten die Brüder Wolf, könnte auch die Flotte des Odysseus gelandet sein -- laut Homer beim Volk der Lotophagen.
Vom Land der Lotophagen -- nach der Beschreibung des Odysseus vermutlich eine üppige Oasenlandschaft im heutigen Tunis -- fuhr Odysseus (der Küstenströmung folgend) zu den riesenhaften Zyklopen. Homer schildert sie als Höhlenbewohner -- sie könnten in der Gegend von Kerkenna gelebt haben. Dort jedenfalls, so fanden die Brüder Wolf, hausen noch heute die Einheimischen in höhlenartigen Quartieren.
Die nächste Etappe der Irrfahrt führt Odysseus nach Nordosten -- wiederum mit der Meeresströmung. Er gelangt zur Insel des Ajolos, des Windgottes. Aus Südrichtung kommend, so schließen die Forscher-Brüder Wolf, habe der homerische Irrfahrer die Insel Malta angelaufen.
Zu dieser Annahme paßt die Beschreibung des Odysseus, wonach die Insel von einer gewaltigen Mauer umschlossen ist: Tatsächlich gleicht die steil abfallende Südküste Maltas einem gigantischen Mauerwerk.
Von dort aus fuhr Odysseus nach Osten -- heimwärts, wie Homer schreibt. Schon habe der Irrfahrer die Lichter der Heimatküste erkennen können, da trieb ihn ein heftiger Nordoststurm zurück -- wohl wieder nach Malta. Diesmal weisen die Inselbewohner den Griechen ab. Mit beschädigten Segeln, Hilfe suchend, ruderten die Griechen nordwestwärts; die Wolfs glauben: zum Westzipfel Siziliens.
Das Kannibalen-Volk der Laistrygonen, heißt es bei Homer, vertrieb den Seefahrer von dort -- er fuhr zur Insel der Zauberin Circe -- nach Ustica. wie die Homer-Forscher Wolf erschlossen haben.
Nach einjährigem Aufenthalt reisen die Griechen weiter, versehen mit Reiseratschlägen der Zauberin, wie sie nach Hellas heimkehren könnten.
In Homers Schilderung von der empfohlenen Fahrt-Route -- vorbei an der Insel der Sirenen und den beiden in Felsen hausenden Meerungeheuern Skylla und Charybdis -- finden die Brüder Wolf eine genaue Wiedergabe der geographischen Verhältnisse in der Meerenge von Messina -- die Forscher entdeckten den beschriebenen Kurs auch in den modernen Seekarten als Schiffahrtsweg verzeichnet.
Am Ende der Durchfahrt freilich erleidet Odysseus Schiffbruch; er wird durch die Meerenge zurückgetrieben -- vermutlich ins Tyrrhenische Meer, zur Insel Lipari (Ogygia). Homer beschreibt sie als das Eiland der Nymphe Kalypso. Mit einem Floß gelangt der Seefahrer schließlich in das Reich der Phalaken, die den Umhergetriebenen zu Schiff nach Ithaka zurückbringen.
Die Rückfahrt vom Phalakenland aus hatte frühere Homer-Forscher häufig zu Spekulationen verführt: Es blieb schwer erklärlich, wie Odysseus auf dem Seeweg nach Griechenland habe fahren können, ohne nochmals die gefahrvolle Meerenge (von Messina) zu passieren. Jetzt fanden die Brüder Wolf eine plausible Deutung: Odysseus sei an die Küste von Kalabrien getrieben worden; dann habe er die italienische Halbinsel überquert und sei von ihrer Ostküste aus nach Ithaka gereist -- eine Hypothese, die sich mit Hilfe der Richtungs-Hinweise Homers stützen läßt.
Nach fast 3000 Jahren, so glauben die beiden Forscher, könne nun erstmals die Irrfahrt des Helden von Ithaka nachgemessen werden: Odysseus habe 2300 Seemeilen (4250 Kilometer) zurückgelegt -- knapp ein Zehntel der Strecke, die der britische Einhandsegler Sir Francis Chichester bei seiner Weltumseglung ins Logbuch eintrug.

DER SPIEGEL 41/1968
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