07.10.1968

SCHALLPLATTEN NEU IN DEUTSCHLANDWir sind schick

Hans Werner Henze: „Cantata della Fiaba Estrema“, „Whispers from Heaveniy Death“, „Being Beauteous“. Edda Moser. Sopran; Rias. Kammerchor; Philharmonisches Kammerorchester Berlin; Dirigent: Hans Werner Henze. Deutsche Grammaphon 139 373 SLPM; 25 Mark. Hans Werner Henze: „Musen Siziliens“, „Moralitäten“. Joseph Rollino, Paul Sheftel, Piona; Dresdner Kreuzchor; Mitglieder der Staatskapelle Dresden; Gewandhaus-Orchester Leipzig; Dirigent: Hans Werner Henze. Deutsche Grammophon 139 374 SLPM: 25 Mark.
Mit Vibraphontupfern, Splitterklängen und ausgezackten Zwölftonmelodien hat der radikale Avantgardist Henze 1948 Walt Whitmans aphoristisches Poem "Wagst du es jetzt, o Seele" zur Minikantate " Whispers from Heavenly Death" vertont. Den kecken Versuch lehnte das Publikum der Darmstädter Musik-Ferienkurse ab. Die fünf Sätze waren ihm zu fad und zu geschwätzig.
Mit Bläserpastell, Gitarrengezirp, süchtigen Soprankoloraturen und empfindsamem Chorgesang machte der Society-Neutöner Henze 1963 aus Elsa Morantes Traumstück "Alibi" die "Cantata della Fiaba Estrema". Das effektbewußt hingeschummerte Pianissimo-Pasticcio, das barocke Suiten-Praxis mit Strawinskis Klassizismus verbindet, riß die Züricher Premierengemeinde zu Großapplaus hin. Sie wähnte sich "fast bestürzt an den tiefen Quellen, aus denen Henzes Inspiration schöpft" ("Neue Zürcher Zeitung").
So dokumentiert die erste der beiden Platten mit Henzescher Vokalmusik Henzes Wandlung vom neugierigen Experimentierer zum cleveren Handwerker, der weiß, wie man Effekte macht und das Publikum befriedigt; die zweite zeigt, wie er zum Besserwisser wurde:
In den "Moralitäten", drei kleinen Schuloperetten, die Henzes Librettist Wystan Hugh Auden 1967 nach Fabeln des Äsop zubereitet hat, singt der Diatonsetzer als dreiklangtrunkener Musikant vom bösen Modernismus, der "im Debakel" endet, und läßt heranwachsende Jugend in Orffscher Manier höhnen: "Was heißt chromatisch und harmonisch! Wir sind schick und elektronisch! Weg mit dem Establishment! Es leb' die Nicht-Musik, das Schockmoment!"
Inzwischen hat er freilich selber dem Establishment den Kampf angesagt. Wenn auch nur privat. Als Komponist hält es der Apo-Aktivist nach wie vor mit dem Guten, Schönen und Teuren. Jedenfalls hat zur Verbreitung seiner Musik auf Wunsch des Henze-Dirigenten Henze die größte deutsche Schallplattengesellschaft, unterstützt vom größten deutschen Musikverlag (Schott), die größten deutschen Interpreten verpflichtet. Und die leisten wirklich Großes.

DER SPIEGEL 41/1968
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