04.11.1968

BUNDESPRESSEAMTZufall mit CV

Ein Patt zwischen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und dem Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV) bewirkt, daß der begehrte Posten eines Ministerialdirektors im Bundespresseamt (Monatsgehalt 4155 Mark) seit Monaten vakant ist.
Der hohe Beamtenrang der Besoldungsgruppe B VIII war schon vor Jahresfrist vom Parlament für den damaligen Leiter der Auslandsabteilung des BPA, Ministerialdirigent Hans Schirmer, bewilligt worden. Schirmer, ein Freund Kanzler Kiesingers aus den Jahren gemeinsamer Tätigkeit in der Rundfunkabteilung des Ribbentropschen Reichsaußenministeriums in Berlin, wurde jedoch bald zum Botschafter in Australien befördert.
Da hatte der rührige katholische CDU-Abgeordnete Heinrich Windelen dem Haushaltsausschuß des Bundestages auch schon einen Ersatzkandidaten vorzuschlagen, der nach CDU-Wunsch als Ministerialdirektor im Beamtenrang gleich hinter dem Amtsleiter, Staatssekretär Diehl, rangieren sollte: Norbert Kaps, den Leiter der Presseamts-Abteilung I "Allgemeine Verwaltung" und CV-Bundesbruder (Winfridia Münster, Eintritts-Jahrgang 1931).
Die Sozialdemokraten jedoch, seit Bildung der Großen Bonner Koalition an der Informationsmacht im BPA beteiligt, beanspruchen die Direktorenstelle für den neuen Leiter der BPA-Auslands-Abteilung, den Genossen und Ex-Botschafter Hans-Georg Stelzer.
Die sozialdemokratischen Bundesminister legten sich deshalb Im Frühjahr im Bundeskabinett gegen die Kaps-Beforderung quer. Denn die Genossen wollen eine Faustregel außer Kraft setzen, die sich in 15 Jahren christdemokratischer Alleinherrschaft etablieren konnte: daß auf Stellen, die personalpolitischen Einfluß oder die Verfügung über Geld bieten, meist ein Bundesbruder des 1856 gegründeten und 113 farbentragende katholische Verbindungen vereinenden CV-Korporationsverbandes sitzt.
Bundespräsident Heinrich Lübke, (Ascania Bonn 1914) ist ebenso CV-Philister wie der Wehrbeauftragte Matthias Hoogen (Arminia Freiburg 1924), der Verwaltungsdirektor des Bundestages Hans Troßmann (Bavaria Berlin 1925) und der Staatssekretär im Bundesinnenministerium Karl Gumbel (Falkenstein Freiburg 1928).
Die personelle CV-Macht am Rhein rührt vom Ursprung des Bonner Staates her, denn CV-Altherren waren auch Kanzler Adenauers Berater der ersten Stunde: Staatssekretär Otto Lenz (Arminia Freiburg 1921) und der damalige Ministerialdirektor im Kanzleramt Hans Globke (Bavaria Bonn 1917).
Für Lenz und Globke, die das Bundespresseamt als Machtinstrument der Regierung konzipierten, stellte einer der ersten Pressechefs, der Ministerialdirektor und CV-Mann Heinz Brand (Staufia Bonn 1907) schon ab Februar 1950 die personalpolitischen Weichen. CV-Leute rückten frühzeitig in Schlüsselstellungen ein, so Ernst Kayser (Thuringia Würzburg 1917) als Leiter der Auslandsabteilung und Karl Klein (Alania Bonn 1917) als Chef des regierungsamtlichen Bulletins.
Als Standard-Kommentar zu Beförderungen und Neubesetzungen von Stellen im Presseamt galt alsbald das Spottwort des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss: "Zufall schreibt man offenbar mit CV."
Die CV-Welle schwappte öffentlich über, als Im Mai 1955 der Ministerialdirigent Edmund ("Mundi") Forschbach (Ripuaria Freiburg 1923), Sachbearbeiter für Bundessachleistung und Landbeschaffung im Bundesinnenministerium, zum kommissarischen Bundespressechef aufrückte. Denn Forschbachs Qualifikation für das hohe Presseamt erschöpfte sich darin, daß er 1934 als Verbandsführer den CV im NS-Sinne gleichgeschaltet und zeitweilig die "CV-Mitteilungen" herausgegeben hatte.
Daß Kanzler Adenauer den Forschbach nicht leiden mochte, ihn deshalb nicht sehen wollte und nie informierte, war indes auch durch Zureden von CV-Kamerad Globke nicht zu ändern. Nachdem Forschbach ein Jahr lang die Bonner Pressekonferenzen zumeist mit der Stereotyp-Antwort "Da bin Ich überfragt" bestritten hatte, verschwand er aus dem Amt.
Intern jedoch schritt der Ausbau des CV-Bollwerks Im Presseamt hurtig fort: 1959 avancierte gar der stellvertretende Vorsitzende des CV-Altherrenverbandes, Walter Kordes (Ascania Bonn 1947), zum Personalreferenten des Hauses. Von nun an hatte die CV-Seilschaft einen zugkräftigen Spitzenmann.
Grundsatz des Personalchefs Kordes: "Wer durch die Schule einer solchen Verbindung gegangen ist, ist bei gleicher Eignung immer einem Nichtkorporierten überlegen."
Die neunjährige Amtszeit von Kordes, so seufzte der neue Bundespressechef Günter Diehl Mitte November vorigen Jahres, sei "nicht ohne Folgen geblieben".
Protestant Diehl hatte sich in der Vergangenheit (er leitete von 1960 bis 1966 die Auslandsabteilung des BPA) schon gelegentlich energisch gegen Bedrängnis durch den CV gewehrt. Auch die Abteilung II (Nachrichten) unter dem Ministerialdirigenten Hansfrieder Rost, die für Informationen der Bundesregierung nach innen zuständig ist, behauptete sich als evangelische Domäne.
Und so klingt der Konfessionsproporz des Hauses ganz unverfänglich: Nach amtsinterner Statistik sind 30 leitende BPA-Herren bis zur Referentenebene evangelisch und nur 18 katholisch. Die Positionen jedoch, die personellen Einfluß bieten oder Fonds zu verwalten haben, gerieten fast alle fest in CV-Hand.
Von den fünf Presseamts-Abteilungen werden heute zwei von CV-Beamten geleitet:
* die Abteilung I (Allgemeine Verwaltung) von Ministerialdirigent Norbert Kaps und
* die Abteilung V (Bild, Ton, Publikationen) von Ministerialdirigent Alfred Kloft (Badenia Frankfurt 1949).
Von den drei stellvertretenden Abteilungsleitern gehören wiederum zwei dem CV an:
* in der Abteilung I der Ministerialrat Bruno Wegerhoff (Bavaria Berlin 1949), der zugleich das Referat "Haushalt, Finanzen, Zentrale Mittelbewirtschaftung" verwaltet, und > in der Abteilung III (Inland) der inzwischen vom Personalreferat wegbeförderte Ministerialrat Walter Kordes, der jetzt zugleich für das Referat Innenpolitik zuständig ist.
Auch sonst halten sich CV-Vertreter gut im Presseamtsgeschäft. So etwa der Referatsleiter III/5 (Wissenschaft, Frauen, Jugend, Sport) Christian Hilgers (Asgard Köln 1929) oder der Leiter des mächtigen Referats 2 In der Auslandsabteilung (Frankreich, Benelux-Länder, Italien, Osterreich, Schweiz, Israel, EWG und andere europäische Organisationen), Ministerialrat Hans Stercken (Novesia Bonn 1947).
Die Bundesbildstelle leitet Gerhard Ilgner (Rheno-Danubia Innsbruck 1930), dem Afrika-Referat steht Josef Koch (Guestfalia Tübingen 1928) vor, und Stellvertreter im Referat Entwicklungshilfe ist Klaus Doberschütz (Borusso-Saxonia Berlin 1953). Im Planungsstab wirkt Günter Darius (Rheinfels Bonn 1959), im "Bulletin" Hans Pollmann (Bavaria Bonn 1951), im Informationsfunk Josef Habbel (Tuiskonia München 1950) und Im Afrika-Referat Adolf Bost (Ascania Bonn 1955).
In die Leitung der vom Presseamt subventionierten Fernsehgesellschaft "trans-tel", die das Ausland mit deutschen Fernsehfilmen versorgt, ist inzwischen der Regierungsdirektor Gerd Krause-Brewer (Ripuaria Freiburg 1933) abgewandert. Aber im Fernsehreferat des BPA sitzt auch noch Norbert Matern (Tuiskonia Königsberg-Bonn), der zugleich als verantwortlicher Redakteur der CV-Verbandszeitschrift "Academia" fungiert.
Eingesessene CV-Platzhalter aus ihren Positionen wegzusprengen, wie es sich der neue Amtsherr und alte CV-Gegner Diehl wünscht, gelingt wegen beamtenrechtlicher Schwierigkeiten -- wie im Fall Kordes -- allenfalls durch Beförderung.
Im Presseamt erfreuen sich unterdes die etablierten Herren auch der mehr zufälligen Früchte ihrer Position. Als Amtschef Diehl vor einigen Wochen ein vom Bundespräsidenten zugeteiltes Kontingent von Orden zu vergeben hatte, traten "kraft ihrer Dienststellung die Herren Kloft, Kordes, Wegerhoff und Freibüter zur Dekoration mit dem Verdienstkreuz zweiter Klasse an.
Von ihnen gehört einzig Fernsehreferent Freibüter nicht zum CV. Er trat vor Jahren aus familiären Gründen vom nicht farbentragenden "Kartellverband Katholischer Deutscher Studentenvereine" (KV) zum ebenfalls katholischen und farbenlosen "Unitas-Verband" (UV) über.
Die Unterschiede zwischen den drei katholischen Verbindungen liegen nach einem studentischen Merkspruch jenseits der Konfession: "CV säuft, KV tanzt, Unitas betet."

DER SPIEGEL 45/1968
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