04.11.1968

INDUSTRIE / WINTERSHALLOnkel Timms Hütte

Jeden Tag wird der Kaufmann Dr. Heinz Rosterg, 64, in Falkenstein/ Taunus um 20 000 Mark reicher. Jetzt soll der in Deutschland gänzlich unbekannte Großverdiener auf seine sichere Tagesrente verzichten.
Rostergs Kapitalquelle ist das Kali-, Öl- und Erdgas-Unternehmen Wintershall AG in Kassel, von dem er jährlich 6,9 Millionen Mark Dividende kassiert. Sein Wintershall-Besitz steht auf der Liste des kaufhungrigen Chemie-Professors Bernhard Timm. Generaldirektor der Badische Anilin- & Soda-Fabrik AG (BASF) in Ludwigshafen, obenan.
BASF-Boß Timm braucht Wintershall (12 000 Beschäftigte, 1,5 Milliarden Jahresumsatz), um seinen Konzern wieder näher an die Konkurrenten Farbwerke Hoechst und Bayer heranzubringen. Die Kasseler Kalisalze ergänzen sein Kunstdünger-Programm, und den Ölbedarf der BASF von jährlich 2,3 Millionen Tonnen können die Ölfelder und -raffinerien der Wintershall AG auf lange Zeit sichern.
Als im letzten Sommer Gerüchte von einer bevorstehenden Liaison zwischen BASF und Wintershall aufkamen und an der Börse der Wintershall-Kurs unvermittelt kletterte, stellte sich Timm ahnungslos: "Ich weiß nicht, was da passiert."
In Wahrheit hatte der Boß bereits damals die Fäden zu Wintershall geknüpft. Dabei half ihm der Bad Homburger Großindustrielle Herbert Quandt (Daimler-Benz, BMW, Varta). Quandt versprach, der BASF seinen 30prozentigen Anteil an der bergrechtlichen Gewerkschaft Wintershall in Celle zu verkaufen, einer Holding-Gesellschaft, der 51,2 Prozent der Wintershall AG gehören.
Das Quandt-Paket allein freilich war für BASF-Chef Timm wertlos, denn mehr als die Hälfte der Wintershall-Holding lag in den Händen von Dr. Heinz Rosterg. Der Mehrheits-Gesellschafter aber war durch einen komplizierten Erbvertrag seines Vaters an den Besitz gekettet.
Vater August Rosterg, zehntes Kind eines Ruhrsteigers aus Unna, hatte Anfang dieses Jahrhunderts im Werratal Kalisalze gefunden. Zwischen den beiden Weltkriegen stieg er als Mehrheitsaktionär und Generaldirektor seiner Wintershall AG zu einem der Reichsten des Reiches auf.
Anfang der vierziger Jahre begann sich August Rosterg um sein Industrie-Erbe zu sorgen, denn sein Sohn Heinz war bis dahin kinderlos. Um zu verhindern, daß der Wintershall-Besitz auseinanderfalle, schloß der Senior 1941 mit dem Junior einen merkwürdigen Erbvertrag. Der Sohn mußte auf das väterliche Erbe verzichten, hingegen durfte er das gesamte Vermögen nutzen und die Wintershall-Dividenden kassieren. 1975 aber sollte Sohn Heinz die Rosterg-Majorität an der Gewerkschaft Wintershall auf die Wintershall AG als sogenannte Nacherbin entschädigungslos übereignen.
Der Spruch des Patriarchen, der 1945 in Schweden starb, lastete wie ein Fluch auf dem Hause Rosterg, zumal Sohn Heinz in zweiter Ehe nach dem Krieg doch noch zweimal Vater wurde. Um das Erbe (Börsenwert: 200 Millionen Mark) zu retten, reichte Rosterg beim Nachlaßgericht Kassel eine Anfechtungsklage ein und hoffte, damit die Übereignung des Familienbesitzes auf den Wintershall-Konzern wirksam zu blockieren,
Die Wintershall AG dachte nicht daran, das Riesenerbe auszuschlagen, und ein langjähriger Prozeß schien unvermeidlich. BASF-Chef Timm freilich hätte dann auf den Erwerb der Wintershall-Mehrheit mindestens bis 1975, dem Zeitpunkt, da das Vermächtnis in Kraft treten sollte, warten müssen.
So schlug Timm den streitenden Erben einen Kompromiß vor: Rosterg möge seine Mehrheit an der Wintershall-Holding bereits jetzt auf die Nacherbin Wintershall AG übertragen und damit auf jährlich 6,9 Millionen Dividende verzichten. Im Gegenzug würde ei" von der Wintershall AG mit Anteilen an zwei Tochterfirmen abgefunden, so daß der drohende Totalverlust des Vermögens abgewendet würde.
Die Nacherbin Wintershall aber muß Rostergs 200-Millionen-Paket wieder abstoßen, da laut Gesetz eine Aktiengesellschaft nicht ihr eigener Großaktionär bleiben kann. Sie soll den Rosterg-Besitz umgehend an den Ludwigshafener Chemiekonzern BASF veräußern, der dann auch das Quandt-Paket (Schätzwert 125 Millionen Mark) erwerben will.
Nach dieser Transaktion wäre Bernhard Timm zwar Mehrheitsaktionär von Wintershall, aber noch nicht unumschränkter Herrscher in Kassel. Um den Kali-Konzern fest in seinen Chemietrust einbauen zu können, muß er sich an der Börse auf einen Kapitalanteil von mindestens 75 Prozent hochkaufen oder alle Wintershall-Aktionäre auffordern, ihre Papiere gegen BASF-Anteile zu tauschen.
Rund 850 Millionen Mark wollen sich die Chemiker aus Ludwigshafen die absolute Herrschaft über die Wintershall AG kosten lassen. Das Geschäft ist perfekt, wenn Rosterg dem BASF-Aufsichtsrat am Dienstag dieser Woche mitteilt, daß er seine Anfechtungsklage gegen den Erbvertrag, den er einst mit seinem Vater schloß, zurückzieht.
An Onkel Timms Hütte wird die Wintershall AG dann nur noch eines von vielen Firmenschildchen sein. Heinz Rosterg freut sich dennoch: "Der Name Wintershall bleibt erhalten."

DER SPIEGEL 45/1968
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