04.11.1968

KUNST / MIXED MEDIAGrüüüüüünnnnnnn

Die Tänzer jappten nach Luft, hüpften mit letzter Kraft und konnten doch nicht aufhören. Betäubt von Beat, psychedelischen Filmbildern und 20 Elektronenblitzen pro Sekunde, zuckten 40 New Yorker Studenten stundenlang in einem runden Plastik-Käfig.
Die Eingeschlossenen in der Mini-Diskothek (Phantasiename: " Fanflashstick") wirkten im Blitzlicht gespenstisch -- "wie Standphotos, die langsam durch einen Projektor laufen" ("The New York Times"). Den Gespenstern jedoch machte die Tortur -- so eine Teilnehmerin -- "mehr Spaß als alles, was je erlaubt war".
Das stimulierende Vergnügen, dem der "Fanflashstick"-Erbauer, die Künstler -- Kommune "Us -- Company" (Usco), eine "Erweiterung des Bewußtseins und eine Steigerung aller Sinneswahrnehmungen" zutraut, ist das Resultat der Verbindung von Plastik, Film, Musik und Elektronentechnik zu einem neuen Typ des schon von Richard Wagner proklamierten Gesamtkunstwerks: Das neue Ding heißt "Mixed Media"; auch Intermedia, Multimedia wird es genannt.
Es ist das letzte Wort für die Kombination aller herkömmlichen Kunstgattungen (Medien) mit Hilfe technischer Materialien und Tricks. Nach den Malern und Bildhauern zu beiden Seiten des Atlantiks mixen nun immer häufiger auch Dramatiker, Komponisten, Choreographen die Medien zu einer aktuellen, "großartigen und schönen Kunstform" (Usco):
* Im Mixed-Media-Ballett "Clowns" demonstriert der New Yorker Tänzer Robert Blankshine die neue Mischtechnik zwischen Neonröhren und huschenden Filmbildern beim Tanz in einer riesigen Plastikblase.
* Im Mixed -- Media -- Schauspiel "Snows"
* in der mixed-media-oper "geschichte von einem feuer" des deutschen dieter schönbach (uraufführung: juni 1968) bewegen sich lichtpunkte, schrott-skulpturen und überdimensionierte ballons mit sängern und 640 diapositiven zur musik alter fahrradfelgen und rostiger blechbüchsen. > Im Mixed-Media-Konzert "Die Schildkröte, ihre Träume und Reisen" peinigt der US-Komponist La Monte Young, ein Jünger des musikalischen Happening-Pioniers John Cage, bei Bildprojektionen sein Publikum zwei Stunden mit einem einzigen, bis zum Ohrenschmerz verstärkten Vokal-Akkord. Mit solchen Bühnen-Torturen und Spiel-Aktionen haben Avantgardisten die Konsequenz aus einer Entwicklung gezogen, in deren Verlauf sich die Kunst immer weiter von ihren klassischen Formen entfernt hatte:
Tafelmaler kamen über plastische Materialreliefs allmählich zu vorgewölbten Leinwänden, Bildhauer über kinetische (bewegliche) Skulpturen zu raumfüllenden Arrangements (Fachjargon: "Environments"). Dramatiker erprobten derweil im Theater das Publikums-Mitspiel oder baten nach Zufalls-Regeln zum Happening.
Dem Zug zum Vermischten folgten trotz finanzieller Einbußen -- auch die amerikanischen Pop-Maler Robert Rauschenberg und Andy Warhol: Um kostspielige Mixed-Media-Shows zu zeigen, gaben sie ihre einträgliche Malerei auf; denn -- so der New Yorker Multimedia-Manager John Brockman -- "das ist doch vorbei. Wer will noch Objekte? Was interessiert, ist allein der Prozeß -- die gesehene, gefühlte, sinnlich wahrgenommene Umwelt".
Für intensivere Umwelt-Erfahrungen warb Brockman in den USA mit seiner Wanderausstellung "Intermedia '68". Auf dieser ersten Mixed-Media-Tournee sollte ein 1000-Volt-Schock die Besucher lehren, daß -- so Brockman -- "die Elektrizität immer gegenwärtig ist", und eine gewaltige Glühbirne sollte neue Empfindungen für Licht und Schatten wecken. Hauptstück der Brockman-Schau jedoch war der tönende, flimmernde, blitzende Hexenkessel "Fanflashstick" aus der Usco-Werkstatt, einer verlassenen Kirche nördlich von New York.
Denn die Tanz-Trommel der Kunst-Kommunarden ("Wir sind alle eins") war wie kein zweites Ausstellungsstück geeignet, das Publikum aus seiner Reserve zu locken -- und wenn die Besucher erst einmal tanzend und tobend ins Blitzlichtfeuer geraten waren, dann hatten sie auch den wichtigsten Vorsatz der Mixed-Media-Bewegung begriffen: Totale Anteilnahme am Kunstwerk soll eine Veränderung des Zuschauer-Bewußtseins hervorrufen.
Gegen die Distanz zwischen Kunstwerk und Publikum, jenes Relikt aus der Renaissance-Ästhetik, hatten zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon die italienischen Futuristen rebelliert. Von einer disharmonischen Mischung der Medien und von schönen Schockeffekten erwarteten sie Abhilfe. Der Maler Carlo Carra etwa forderte in einem Manifest aus dem Jahre 1913 ein "Knallrooooootttttt, das schreit, und ein Grüüüüüünnnnnnn, das kreischt" als Ausdrucksmittel einer "Malerei der Töne, Geräusche und Gerüche".
Der Futuristen-Obrist Filippo Tommaso Marinetti attackierte den Gegensatz Bühne -- Zuschauerraum. Er verlangte "Lichteffekte und Tricks aller Art", um "die Sensibilität des Publikums zu einer Symphonie" zusammenzufassen, und prophezeite: "Die szenische Handlung wird auf das Parkett und die Zuschauer übergreifen."
Doch erst rund 50 Jahre später war es soweit: In einer amerikanischen Ionesco-Inszenierung wurde Parfüm in den Raum gesprüht, berührten zuwellen die Darsteller das Publikum und zwangen es am Schluß der Vorstellung, Brotbrocken zu vertilgen,
Auf solche Zwangs-Vorstellungen konnte der frühere Harvard-Dozent und amtierende LSD-Priester Timothy Leary stets verzichten, wenn er die New Yorker in einem 2000-Plätze-Saal zu seinen Mixed-Media-Shows versammelte: Wochenlang empfing er im ausverkauften Haus nur Eingeweihte.
Unter mystischen Titeln wie "Die Reinkarnation Christi" oder "Die Vision des Hieronymus Bosch" feierte der Wissenschaftler einen rüden Ritus aus Religion, Malerei, Film, Psychologie -- Offenbarung des irrationalen Untergrundes der meisten Mixed-Media-Veranstaltungen.
Leary -- von indischem Sitar-Gezirp und psychedelischen Projektionen erleuchtet -- verherrlichte "unser Sakrament LSD"" ermahnte die vorn Lichtspiel benommenen Zelebranten zum Gebrauch von "Millionen ungenutzter Gehirnzellen"" die "jeder von uns besitzt", und rühmte den Sieg "magisch-mythisch-sinnlich-halluzinatorischer Erfahrung" über das kausale Denken.
Doch die Trips ohne Drogen, die Leary vermittelte, waren nur Dienstfahrten zum Ruhm eines noch Größeren: Das "Streben nach Ganzheit, Einfühlungsvermögen und Erlebnistiefe" hatte zuerst der Medien-Forscher Marshall McLuhan ("Das Medium ist die Botschaft") gepredigt.
Seit dem Erfolg seines Buches "Die magischen Kanäle", ·in dem er für ein universelles "Stammesbewußtsein" im "elektrischen Zeitalter" und gegen die "druckorientierten Bastarde", Anhänger des altmodischen Mediums Buchdruck, streitet, gilt der kanadische Professor als Prophet der Mixed-Media-Bewegung.
"Die Verbindung zweier Medien", also sprach McLuhan, "ist ein Moment der Wahrheit und Erkenntnis, aus dem neue Form entsteht."
Die Botschaft gefiel vor allem den Künstlern. Unter McLuhans Einfluß begannen beispielsweise die Usco-Leute Wort, Bild und Elektronik in einer Art von Spielautomaten zu mischen, weil "gerade das Spiel" (nach McLuhan) "die brennenden Probleme des gegenwärtigen Lebens abkühlt, indem es sie spielerisch nachahmt".
Auch die politischen Probleme. Die Usco-Kommunarden glauben -- so der amerikanische Kritiker Richard Kostelanetz im bislang einzigen Buch über die Mixed-Media-Kunst -- "daß eine Veränderung des gesellschaftlichen Bewußtseins auch Veränderungen in der Politik bringen wird".
Davon sind vor allem die Misch-Künstler in Deutschland überzeugt. Ihre Werke und Vorführungen sind eher politische als ästhetische Aktionen, Learys LSD-Mystik und McLuhans Spiel gilt ihnen wenig: Sie fabrizieren lieber ideologisch verbrämte Mixturen: Als einen von 9000 farbigen Glühbirnen erhellten "Diskussionsort" montierten die Hamburger Kunststudenten Klaus Geldmacher und Francesco Mariotti in der Kasseler Documenta einen begehbaren Würfel aus Stahlschienen. Ziel der Disputanten: "Veränderung politischer Gegebenheiten".
Mit Dia-Werfern, Filmprojektoren" eigenen "Sprech-, Hör-, Seh-Texten" und dem pedantischen Eifer eines Volkshochschuldozenten protestiert der Düsseldorfer Ferdinand Kriwet in einem "Mixed Media" genannten Aktionsvortrag unablässig gegen "Praktiken" künstlerische Phänomene in ein starres System von Kunstdisziplinen zu zwingen".
Und auch der Veteran der deutschen Happening-Bewegung, der Kölner Wolf Vostell, redet noch mit. Und immer noch so: "Die Unerklärbarkeiten und Zumutbarkeiten der Phänomene um uns herum erhalten größeren Informationsgehalt als die Interpretation der Dinge über die Dinge."
Den dunklen Worten entsprechen Kunst-Ereignisse von adäquater Dürftigkeit; deshalb wohl finden deutsche Mixed Media nur selten Widerhall bei einem großen Publikum.
Amerikas Jugend unter 30 dagegen, die neue herrschende Klasse, hält Learys Schamanen-Ritual, dem "Fanflashstick"-Bombardement auf die Sinne, den neuen Theater-Riten und den McLuhan-Reden ohne Langeweile stand; das Fernsehen, ihr dritter Elternteil, hat sie hinreichend für die neuen Medien erzogen.
Ihre Bereitschaft, auf neue Heilslehren der Kunst stets ohne Vorurteile zu reagieren, bringt inzwischen nicht allein den Künstlern Nutzen:
Psychedelische Projektionen, Blitzlicht und Schlagzeug-Donner haben schon Mixed-Media-Gottesdienste in Kirchen und Synagogen ermöglicht. Versandhäuser verkaufen Blitz-Lampen und Konverter für Partys.
Eine Papierfabrik engagierte die Usco-Männer und steigerte mit einer Spezial-Version von "Fanflashstick" den Absatz ihrer Servietten um 17 Prozent. Das technische Zubehör von Mixed-Media-Darbietungen half den Ausstellern der "Expo" von Montreal bei der Eigenwerbung, und in amerikanischen und nunmehr auch in deutschen Tanz-Diskotheken ("Blow up". München; "Cream Cheese", Düsseldorf) heben animierende Elektronik-Installationen die Stimmung der Tänzer bei Bier und Beat.
Die kommerzielle Ausbeutung der effektvollen, von prominenten Kritikern längst als neue Kunstform anerkannten Mixed Media durch kunstfremde Branchen scheint die waghalsigen Kunst-Theorien der amerikanischen Mixed-Media-Praktiker John Cage ("Theater ist da, wo sich jemand befindet"), La Monte Young ("Musik ist da, wo jemand zuhört") und Merce Cunningham ("Tanz ist da, wo sich jemand bewegt") zumindest in einem Aspekt zu bestätigen:
Die Mixed-Media-Bewegung, so die "New York Times", "hat die einst unüberwindlichen Barrieren zwischen populärer Unterhaltung und hochstehender Kunst beseitigt".

DER SPIEGEL 45/1968
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