21.10.1968

PRESSE / ANFÜHRUNGSZEICHENVom Sogenannten

Herbert Glossner, 35, zog aus, im deutschen Blätterwald die Spur von Gänsefüßchen zu suchen. Durch Umfrage hei 30 Chefredakteuren von bundesdeutschen Zeitungen ließ Glossner, selbst Chefredakteur der evangelischen Halbmonatsschrift "Junge Stimme", erkunden, wo und nach welchen Regeln die Deutsche Demokratische Republik (DDR) immer noch zwischen Anführungszeichen gesetzt wird.
Der "Stimme"-Fang, dessen Ausbeute Ende dieser Woche in der neuesten Nummer der Stuttgarter "Zeitung junger Christen" (Untertitel) veröffentlicht wird, zeigt: Kaum eines der antwortbereiten Blätter überläßt es dem Zufall oder dem jeweiligen Autor eines Artikels, ob DDR oder "DDR" gedruckt wird, ob das andere Deutschland als "sogenannte DDR", "Zone", "SBZ" umschrieben wird. Das Resultat der Umfrage läßt erkennen, daß die Teilung des Reiches auch das Bewußtsein von Redakteuren gespalten hat, und es macht kund, daß in westdeutschen Redaktionen die gesamtdeutsche Gegenwart noch immer unbewältigt ist -- teils, weil die Dogmen des Kalten Krieges, teils, weil die Verleger es so wollen.
"Das Wort Sowjetzone beleidigt jeden Bürger der DDR", findet Chefredakteur Joachim Besser vom "Kölner Stadt-Anzeiger". Und Egon Lutz von den "Nürnberger Nachrichten" beschied die Stuttgarter Fragesteller: "Wir haben die Begriffe "Sowjetzone "Zone" oder "SBZ" grundsätzlich aus unserem Sprachschatz getilgt, da wir der Auffassung sind, daß im anderen Teil Deutschlands kein "Phänomen sondern ein tatsächlicher Staat entstanden ist."
"Christ und Welt" hingegen, zu 30 Prozent im Eigentum des Bonner Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier, spricht "In vielen Fällen ... schlicht von der Zone" (Chefredakteur Giselher Wirsing). "DDR ohne Anführungsstriche" läßt das evangelische Wochenblatt nur gelten, "wo es sinnvoll ist".
Der "Rheinische Merkur" glaubt, daß "die Praxis, DDR in Anführungszeichen zu setzen oder das ständige Beiwort "sogenannt' hinzuzufügen, keiner besonderen Erläuterungen bedarf" (Chefredakteur Anton Böhm). Der Kölner Katholiken-Zeitung schien nämlich "die Bezeichnung "sowjetische Besatzungszone" ... dem tatsächlichen Sachverhalt ... weit besser (zu) entsprechen als "DDR".
Differenzierter befaßt sich die "FAZ" mit der Kunst des Sogenannten. "Über die Frage, ob man den Namen des Staates in Gänsefüßchen setzen muß", gebe es in dieser Redaktion "eine permanente Diskussion", ließ Hanno Kühnert aus Frankfurt die "Junge Stimme" wissen.
Springers "BZ" verwendet, "da diese Bezeichnung unter den Berlinern nach wie vor am gebräuchlichsten Ist" (Chefredakteur Malte-Till Kogge), "am häufigsten den Begriff "Zone" " Und Springers "Berliner Morgenpost" schreibt "DDR weder mit noch ohne Anführungszeichen". Stellvertretender Chefredakteur Johannes Otto: "Wir bezeichnen jenen Teil Deutschlands, in dem zur Zeit Herr Ulbricht herrscht, als Sowjetzone ... Wir sind der Meinung, daß die sich deutsch und demokratisch nennende Republik des Herrn Ulbricht erstens nicht deutsch ist ... und zweitens nicht demokratisch."
Die "Frankfurter Rundschau" -- so ihr stellvertretender Chefredakteur Karl-Hermann Flach -- hält "nichts davon ..., unangenehme Tatbestände durch sprachliche Tricks zu umgehen". Und Chefredakteur Jens Feddersen von der gleichfalls linken "Neuen Ruhr Zeitung" in Essen empfindet es als "Illusion, anzunehmen, durch Anführungszeichen ... könne die Tatsache der Existenz der DDR geleugnet werden".
Wie das Ruhrblatt schon seit sieben Jahren, so verzichtet auch Baden-Württembergs größte Zeitungsgruppe" die Ulmei" "Südwest Presse", auf die DDR-Gänsefüßchen. Ulms Chefredakteur Siegfried von Beöczy: "Sogar der Bundeskanzler hat bei Stellungnahmen der Bundesregierung die Demokratische Republik ohne Anführungszeichen genannt,"
Gegen eine "Politik mit dem Satzzeichen" wendet sich auch Chefredakteur Jesco von Puttkamer vom SPD-Organ "Vorwärts". Und die "Zeit"-Gräfin Marion Dönhoff erläuterte: "Die Anführungszeichen habe ich immer für die politische Rache des kleinen Mannes gehalten", deshalb "nenne ich die DDR: DDR" -- dies schon "seit zehn oder zwölf Jahren".
Das Ende der Gänsefüßchen prophezeit Rudolph Bernhard, Chefredakteur der "Stuttgarter Nachrichten": "Wir werden uns an die DDR ohne Gänsefüßchen gewöhnen. Auch die Bundesregierung. Und das wird gar nicht mehr lange dauern."

DER SPIEGEL 43/1968
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 43/1968
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PRESSE / ANFÜHRUNGSZEICHEN:
Vom Sogenannten

Video 07:00

Filmstarts der Woche Mark Wahlberg gegen die Roboterautomonster

  • Video "Filmstarts der Woche: Mark Wahlberg gegen die Roboterautomonster" Video 07:00
    Filmstarts der Woche: Mark Wahlberg gegen die Roboterautomonster
  • Video "London evakuiert Hochhäuser: Das ist total übertrieben" Video 01:34
    London evakuiert Hochhäuser: "Das ist total übertrieben"
  • Video "Webvideos der Woche: Gerade noch zu retten" Video 02:48
    Webvideos der Woche: Gerade noch zu retten
  • Video "OOCL Hong Kong: Weltgrößtes Containerschiff läuft größten britischen Hafen an" Video 00:43
    OOCL Hong Kong: Weltgrößtes Containerschiff läuft größten britischen Hafen an
  • Video "US-Fahndungsvideo: Streit zwischen Autofahrer und Biker eskaliert" Video 01:01
    US-Fahndungsvideo: Streit zwischen Autofahrer und Biker eskaliert
  • Video "Videoanimation zum G20-Gipfel: Das sind Hamburgs neuralgische Punkte" Video 02:04
    Videoanimation zum G20-Gipfel: Das sind Hamburgs neuralgische Punkte
  • Video "Chronik des Brexits: Wie sich die Briten gleich drei Mal verzockten" Video 02:45
    Chronik des Brexits: Wie sich die Briten gleich drei Mal verzockten
  • Video "Mysteriöses Phänomen: Würden Sie in diesem Fluss schwimmen?" Video 01:08
    Mysteriöses Phänomen: Würden Sie in diesem Fluss schwimmen?
  • Video "Revolutionäre Technik: Ein Aufzug, der ganz ohne Seil auskommt" Video 01:06
    Revolutionäre Technik: Ein Aufzug, der ganz ohne Seil auskommt
  • Video "Ein Jahr Brexit-Abstimmung: Breaksit for One" Video 03:06
    Ein Jahr Brexit-Abstimmung: Breaksit for One
  • Video "Gewitter in Berlin: Blitze schlagen in Fernsehturm ein" Video 00:51
    Gewitter in Berlin: Blitze schlagen in Fernsehturm ein
  • Video "Zynische Trump-Rede: Wir bauen die Mauer aus Solarmodulen" Video 01:30
    Zynische Trump-Rede: "Wir bauen die Mauer aus Solarmodulen"
  • Video "Völlig verladen: Bagger vs. Lastkahn" Video 01:00
    Völlig verladen: Bagger vs. Lastkahn
  • Video "Zweisitziger Hubschrauber: Riesendrohne zum Selberfliegen" Video 01:30
    Zweisitziger Hubschrauber: Riesendrohne zum Selberfliegen
  • Video "Game of Thrones: Neuer Trailer zu Staffel 7 veröffentlicht" Video 01:50
    "Game of Thrones": Neuer Trailer zu Staffel 7 veröffentlicht