21.10.1968

Reinhard Lettau über Hubert Selby: „Letzte Ausfahrt Brooklyn“EINE AMERIKANISCHE HÖLLE

Reinhard Lettau, 39, ist durch die Erzählungsbände „Schwierigkeiten beim Häuserbauen“ und „Auftritt Manigs bekannt geworden. in diesem Herbst veröffentlichte der Autor, der die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt und derzeit im kalifornischen San Diego lebt, einen neuen Prosabond: „Feinde“. -- „Last Exit to Brooklyn“, der erste Roman des Amerikaners Hubert Selby, 39, war 1961 in England wegen „Obszönität“ verboten worden; das Verdikt wurde von einem Berufungsgericht im August dieses Jahres aufgehoben.
Das erste Buch des aus Brooklyn stammenden Amerikaners Hubert Selby, "Letzte Ausfahrt Brooklyn" (in Amerika zuerst 1964 veröffentlicht), gehört für mich zu jenen ganz seltenen Büchern, deren Lektüre in Schrecken versetzt, gegen die es keinen Widerstand gibt, da sie mit einer Unwiderlegbarkeit wirklicher Ereignisse auftreten, die man nur noch beschreiben kann, wie Wahrheiten, die zu Konsequenzen auffordern.
Im Gegensatz zur deutschen Ausgabe fehlt im amerikanischen Original die Gattungsbezeichnung Roman", und zwar mit Recht, denn es handelt sich um eine Sammlung von sechs unabhängigen, in sich geschlossenen Prosaerzählungen unterschiedlicher Länge, die einander nicht brauchen, aber den gleichen Schauplatz (Brooklyn) und, mit Ausnahme der letzten Geschichte, eine Anzahl von Personen gemeinsam haben, die sich regelmäßig in einer griechischen Bar treffen.
Es ist nämlich eine Konsequenz der dieses Buch charakterisierenden Priorität des Materials über die Weise der Darstellung, daß Selby, trotz wiederkehrender Personen, trotz mitgegebenem Mittelpunkt jenes Lokals, sich nicht dafür interessierte, den vorhandenen Stoff als "Roman" antreten zu lassen. Er hat die Geschichten jeweils um eine oder mehrere Personen herumgruppiert, dieses Buch ist notwendig so entstanden, wie es ist, Genrespekulationen waren irrelevant. Das Material bedrängt den Leser so stark, daß er sich die bei Kunstwerken entscheidende Frage, wie es gemacht sei, erst sehr spät stellen kann.
Gewalttätigkeit und Sex sind die Themen dieses Buches, seine Helden sind Arme und Ausgestoßene, Mitglieder der sogenannten Unterwelt -- Kriminelle, Schläger, Transvestiten, Schwule, Nutten -, die wir seit einiger Zeit aus der Literatur kennen, die dort aber (etwa auch bei Burroughs, Mauer, Baldwin, wie Gilbert Sorrentino richtig bemerkt) oft noch in "rötlicher Beleuchtung" auftreten.
Bei Selby gibt es keine kostbaren Sinneszugaben, nichts ist ästhetisch ausgebeutet, etwa durch grammatische Mätzchen oder Szenenanordnungen aufgepulvert, und zum Beispiel entbehrt auch die Schwulenwelt. deren Darstellung bei anderen Autoren of{ etwas Luxuriöses anhaftet, jeglicher Exotik.
In der ersten Geschichte ("Tagaus tagein") wird ein Soldat mehr oder weniger aus Langeweile von der gang der griechischen Bar halbtot geschlagen. Die Geschichte "Eine Großfürstin stirbt" schildert, vielleicht etwas zu ausführlich, Leiden und Ende des liebeshungrigen Transvestiten Georgette. "Tralala" bringt den völlig überzeugenden inneren Monolog einer Nutte, die sich in einer Art Sexualprotzerei einer ganzen Kaserne zur Verfügung stellt und dabei buchstäblich verreckt. "Streik" schildert ekelerregend genau das Schicksal des Arbeiters Harry Black, seine scheinbare sexuelle Befreiung und sein blutiges Ende. Und lediglich das meisterhafte. kurze Prosastück "Die Taufe" sowie die letzte Geschichte, "Wo die Welt zu Ende ist", scheinen einige Lichtblicke zu eröffnen.
Diese letzte Geschichte, vielleicht, weil sie komprimierter ist, vielleicht, weil ihre Helden uns bekannter vorkommen, "erkennbarer" sind, wirkt auf den Leser besonders authentisch stärkt aber auch nachträglich die Authentizität der vorhergehenden Geschichten.
In sehr ökonomischen, kurzen Texten, die viel mit genau gehörter, unheimlich differenzierender direkter Rede arbeiten (weswegen sie tatsächlich ganz unübersetzbar sind), wird der Tageslauf einer Reihe von "Familien" in einem Wohnblock des "sozialen Wohnungsbaus" geschildert, vom morgendlichen Erwachen bis zum vergeblich erhofften oder verfluchten Beischlaf. Dabei entfaltet sich das Panorama der gegenwärtigen amerikanischen Hölle.
Wie bei jeder großen moralistischen Literatur, von Sophokles bis Kafka, ist es auch hier von entscheidender Wichtigkeit, daß der Leser die Unvermeidbarkeit der Situation der Helden anerkennt: Weder können die Kinder, deren Indianerspiel auf dem Kinderspielplatz die späteren Grausamkeiten der Erwachsenen nur einübt, nach Manhattan umziehen, noch können sich die Schwarzen in Weiße verwandeln. Diese Helden, die sozial über den gangs der vorhergehenden Geschichten zu stehen scheinen, werden auch in der griechischen Bar enden.
Der Leser muß nach der Lektüre dieser Stücke, die keine Fortsetzung brauchen, einsehen, daß die Hölle in Brooklyn, die keine Wissenschaft so erschütternd darstellen könnte, den gesamten Kontext Amerikas in Frage stellt. Mit "Rostabklopfen" (wie Wolfdietrich Schnurre in einem anderen Zusammenhang neulich empfahl) ist es nicht getan, und natürlich erst recht nicht damit, daß man, dem Ratschlag Emil Staigers oder der englischen Zensoren dieses Buches folgend, die Armen und Häßlichen, die Wahrheit aus der Literatur vertreibt.
Nach den Schreckensnachrichten, die allein dieses Jahr aus Amerika gekommen sind, wird der Leser merken. daß mit diesem Buch Selby schon vor elf Jahren (als die ersten der hier gesammelten Arbeiten in Zeitschriften zu erscheinen begannen) lediglich das bis dahin unsichtbare, der Welt verborgene Amerika vorgeführt hat, indem er sich einfach auf die Darstellung jener Schauplätze und Menschen beschränkte, die er kannte:
Vor etwa einem Monat erst ist in Brooklyn eine Bande nicht-uniformierter, bewaffneter Polizisten nach Dienstschluß in einem Gerichtsgebäude über eine Gruppe unbewaffneter Neger hergefallen und hat sie zusammengeschlagen, und vor ein paar Wochen haben Polizisten, nur so im Vorbeifahren, von ihrem Streifenwagen aus zweimal das Büro der "Black Panther"-Bewegung in Oakland (Kalifornien) beschossen.
Entgegen allen noch so progressiven Analysen beweist dieses Buch, daß die Literatur nicht "tot" ist, vielleicht eben erst anfängt und nötig ist.
Von Reinhard Lettau

DER SPIEGEL 43/1968
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