23.09.1968

AUSLÄNDER / GRIECHENTür zu

Der Journalist Pavlos Bakojannis, 33, Grieche mit Wohnsitz in München, besitzt - eine Ausnahme für Ausländer in der Bundesrepublik -- einen Waffenschein und die besondere Fürsorge der deutschen Politischen Polizei. Münchens Polizisten empfehlen dem Griechen, im Straßenverkehr Vorsicht und besonders beim Besteigen und Verlassen seines Wagens Umsicht walten zu lassen.
Die Ordnungshüter hegen die Befürchtung, daß Bakojannis einem arrangierten Unfall zum Opfer fallen könnte. Denn der Journalist ist verantwortlich für die griechische Redaktion des Bayrischen Rundfunks und wegen seiner Sendungen auf die schwarze Liste der Athener Regierung geraten.
München sendet jeden Tag 45 Minuten in griechischer Sprache für Gastarbeiter und andere Griechen in der ganzen Bundesrepublik. Nur zu gern würden. Vertreter des Athener Militärregimes den griechischen Rundfunkredakteur Bakojannis mundtot machen.
Doch Christian Wallenreiter, Intendant des Bayrischen Rundfunks und oberster Dienstherr von Bakojannis, wies alle Angriffe gegen die angeblich einseitigen, antinationalen und antigriechischen Fremdsprachen-Sendungen aus seinem Haus als "nicht stichhaltig" (so Wallenreiter an die Bayerische Staatskanzlei) zurück. Der Grieche darf weiter jeden Samstag seine streitbaren Kommentare sprechen.
Da schaltete sich der Presseattaché bei der Griechen-Botschaft in Bonn, Perikles Tatsopoulos, ein. Am 12. März dieses Jahres um zwölf Uhr fünf rief Tatsopoulos aus Bonn Bakojannis in München an. Nach der Einleitung "Mach die Tür zu ..." fragte der Presseattaché den Landsmann: "Kannst du nicht am kommenden Samstag keinen Angriff machen?"
Bakojannis: "Nein -- unmöglich!" Darauf Tatsopoulos: "Zum Henker, Paul, es ist eine interessante Sache ... Du mußt verstehen, wenn ich 'interessant' sage -- eins ist nur interessant auf dieser Welt."
Was das sei, wollte Tatsopoulos "nicht am Telephon" sagen. Journalist Bakojannis erfuhr aber von einem anderen griechischen Diplomaten, daß sein Einlenken auf griechischen Obristenkurs im Bayrischen Rundfunk den Athenern etwa 200 000 Mark wert sein würde.
Presseattaché Tatsopoulos -- er wurde inzwischen abberufen -- bat den Griechen in München noch dreimal telephonisch um ein Treffen; vergeblich.
Solchen Versuchungen und Pressionen sehen sich Griechen in Deutschland ausgesetzt, die nicht mit dem Athener Regime konform gehen. Und so ist auch aufschlußreich, wie Bakojannis-Landsmann Dimitri Soulas, 30, bei einer deutschen Firma in Ungnade fiel.
Soulas, kaufmännischer Angestellter bei der Münchner "Atlanta Handelsgesellschaft Harder & Co.", die Obst aus Griechenland "einführt, mußte eines Tages sein repräsentatives Büro mit zwei Telephonanschlüssen im Erdgeschoß der Fruchtimportfirma mit dem Fernschreibraum im ersten Stock tauschen. Der Dienstwagen wurde ihm entzogen, schließlich durfte der Sachbearbeiter für griechische Importe nur noch am Fließband arbeiten: Er wickelte Grapefruits aus.
Seine Verfehlung: Er war nach Errichtung der Militärdiktatur in Griechenland im vorigen Jahr Mitglied der "Gesamtgriechischen Antidiktatorischen Union" geworden*.
Den politisch engagierten Obstkorrespondenten Saulas erklärte der Handelsattaché am königlich-griechischen Generalkonsulat in München, Gerassimos Papawassiliou, zur "Persona non grata" und ließ wissen, Soulas werde "offiziell keinen Zutritt mehr zu den
* Ziel dieser Union ist laut Satzung "die Beseitigung der Diktatur in Griechenland, die volle Wiederherstellung und Absicherung der demokratischen Institutionen, des Parlamentarismus und der Menschenrechte sowie der Unabhängigkeit Griechenlands".
Büroräumen" des Konsulats haben. So jedenfalls klagte es Soulas-Chef, Atlanta-Prokurist Hilmar von Bötticher, auf des Griechen Dolmetschkunst angewiesen, schriftlich seiner Zentrale in Bremen, Dazu Papawassiliou: "Ich habe nur gesagt, daß die Griechen ihn nicht akzeptabel finden."
"Ohne Rücksicht auf dessen politische Einstellung" muß aber die Atlanta Handelsgesellschaft Harder & Co. "mit jedermann handeln", wie sie selbst in einem Brief schrieb. Diese "volkswirtschaftliche Aufgabe" (von Bötticher zum SPIEGEL) sehen die Obsthändler durch das Verbleiben von Soulas in der Firma gefährdet.
Da Harder & Co. keinen Kündigungsgrund hatten, beten sie den Griechen zunächst, aus München in die Bremer Zentrale zu retirieren, dann aus der "Gesamtgriechischen Antidiktatorischen Union" auszuscheiden, Als Soulas beides ablehnte, forderten sie ihn auf zu gehen.
Soulas kündigte nicht, obwohl auch seine Kollegen an der Münchner Großmarkthalle anfingen, ihn zu hänseln; "Teufel von Thessaloniki" nannten sie ihn oder "heimlichen Sozialistenführer".
Dann -- Attaché Papawassiliou hatte Soulas als Dolmetscher abgelehnt -- quartierte die Atlanta ihren ohnehin "seelisch niedergeschlagenen" (Soulas) Mitarbeiter in eine Schwesterfirma aus, wo er tagelang unbeschäftigt mi Konferenzraum sitzen mußte. Schließlich halbierte die Firma das Gehalt von 1200 auf 600 Mark und kündigte ihm, als er dagegen protestierte.
Vor dem Münchner Arbeitsgericht gab es vor zwei Wochen einen Vergleich: Soulas bekommt bis zum Jahresende sein Gehalt voll und obendrein eine Abfindung von 2500 Mark. Handelsattaché Papawassiliou hat den Landsmann Soulas inzwischen bei sich empfangen und "ihm Zurückhaltung empfohlen". Auch dem SPIEGEL rät er: "Ich würde Sie bitten, lassen Sie diese Beschäftigung bitte vorläufig beiseite ... man wird nicht dem gemeinsamen Streben nach Schaffung guter Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern nützen."

DER SPIEGEL 39/1968
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