23.09.1968

STUDENTEN / SDSHü und Hott

Wacht auf, Verdammte dieser Erde", sangen sie, die Fäuste hoch, als ihr Konvent begann: "Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger. Alles zu werden, strömt zuhauf!"
Fünf Tage später strömten sie nach Haus, und aus allem war nichts geworden.
Als in der Nacht zum Dienstag letzter Woche die 23. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) im abfallübersäten Festsaal der Universität zu Frankfurt abgebrochen wurde, war die deutsche Linke um eine Illusion ärmer. Was sich schon im Frühjahr abgezeichnet hatte, wurde nun manifest: Der SDS, nach seinem Selbstverständnis Kerntrupp der Revolution, ist abgeschlafft zu einer Randerscheinung sich selbst lähmenden Protestes.
Fünf Tage und fünf halbe Nächte lang zerredeten die SDSler ihren Verband und die Revolution, frustrierten sich und isolierten sich. So zerschlissen und desorientiert tat sich die studentische Ultralinke dar, daß der Pariser Revolutionspraktiker Daniel Cohn-Bendit abschätzig klassifizierte: "Wandervogelverein."
"Die deutsche Revolte entläßt ihr liebstes Kind", schrieb die "Zeit" in Hamburg. Und die "Frankfurter Rundschau" sah dieses Kind schon auf dem Sterbebett: "Noch lebt der Patient. Aber er windet sich in Krämpfen. Findet sich kein Arzt vom Schlage eines Kurras oder Bachmann, wird das nächste Stadium die Agonie sein." Der Zustand des SDS ist, wie Delegierte selber erkannten, "desolat". Nach dem Ausschluß fünf KP-naher Mitglieder ist der SDS nun vollends in zwei feindliche Fraktionen -- "Antiautoritäre" und "Traditionalisten" -- zerrissen (SPIEGEL 38/1968), und er zeigt Zerfallserscheinungen. Dem Bund mangelt es
* an einem arbeitsfähigen Vorstand -- nach Rücktritten der Brüder Karl Dietrich und Frank Wolff konnten sich die Delegierten nicht auf einen neuen Vorsitzenden, sondern nur auf kommissarische "Büroverwalter" für die SDS-Zentrale einigen; Hamburger SDSler hatten gefordert: "Brecht dem Bundesvorstand die Gräten, alle Macht den Räten";
* an Geld -- der Kassen-Revisor berichtete, der alte Bundesvorstand unter den Gebrüdern Wolff habe eine fünfstellige Schulden-Summe und damit "einen Haufen finanzieller Scheiße" hinterlassen;
* an einer Organisationsreform -- aus provinzieller Eigenbrötelei wehrten Mini-Uni-Gruppen alle Versuche ab, den Verband (SDS-Ideologe Krahl: "ein diffuser Wasserkopf") durch Zentralisierung zu stärken;
an aktiven Gruppen -- in München haben Richtungskämpfe "zur faktischen Auflösung des SDS" geführt, an Rhein und Ruhr drohen Streitigkeiten Uni-Verbände "zu paralysieren" (Karl Dietrich Wolff), und in Berlin gibt es -- so höhnte ein Delegierter "nur noch eine einzige aktive Gruppe, die Projektgruppe 'Antiautoritärer Kindergarten'".
Und der SDS zeigte sich -- in diesem Stadium jedenfalls -- unfähig, eine politische Strategie zu entwickeln. Verschoben wurden angekündigte "nationale Kampagnen" in Hochschulen und Schulen, Betrieben und Kasernen.
"Der eine will die Gesellschaft mit Hü, der andere mit Hott verändern", übersetzte der "Kölner Stadt-Anzeiger" für seine Leser die schier endlosen, in Soziologesisch geführten Theorie-Debatten.
Das Tagungspräsidium, dessen Ruhe-Rufe ("Laßt das Plärren sein, damit es mit der Scheiß-Diskussion weitergeht"> als autoritär empfunden und mit Pfeifkonzerten quittiert wurden, hatte bald die Versuche aufgegeben, "die Debatte ein bißchen zu strukturieren".
So kamen mitten in einer Aussprache über Organisationsprobleme Orgasmusprobleme zur Sprache. Die Berliner Filmakademikerin Helke Sander, 30, gab sich am Mikrophon als Mitglied eines "Aktionsrates zur Befreiung der Frau" aus, führte Klage über "Unterdrückung" weiblicher Mitglieder und glaubte in den SDS-Debatten ein Produkt gewisser "Verdrängungsmechanismen" zu erkennen: "Warum sprecht ihr hier von Klassenkampf und zu Hause von Orgasmusschwierigkeiten?"
Als Redner Hans-Jürgen Krahl, 25, dazu nichts sagen mochte, sprang vor ihm die rothaarige, hochschwangere Berliner Volkswirtschaftlerin Sigrid Rüger" 29, vom Stuhl und schleuderte mit dem Ruf "Konterrevolutionär... Agent des Klassenfeindes" sechs Tomaten auf Krahl; eine traf ihn, am linken Schlüsselbein.
Dem zollte Fritz Teufel, 25, Lob, der sich anderntags mit einer Spielzeug-MP nebst Zielfernrohr in die Diskussion über den "genitalen Primat des Mannes" im SDS einschaltete. Teufel empfahl, alle Genossinnen auszuschließen, "weil sie doch nur die patriarchalischen Strukturen im Verband verschleiern" und im übrigen "noch entfremdeter und blöder daherquatschen als die Genossen".
Dem "Genossen Fritz" schlug Dankbarkeit entgegen, als er sieh zudem bereit fand, ein "Resümee aus wahnsinnig viel Prozeßerfahrung" vorzutragen und Rezepte für eine geplante SDS-"Justizkampagne" anzubieten -- etwa: Eine Genossin könnte ja "dem Richter sagen, daß man ihn ungeheuer sexy findet, und ihm dann einen abküssen ... Es muß ja nicht jeder in den Gerichtssaal scheißen, obwohl ich auch das für eine sehr wirksame Methode halte".
Nach solchen Teufel-Tips glaubte SDS-Altvorsitzender Reimut Reiche "das Gefühl aller auszudrücken", als er den 1967 ausgeschlossenen -- weil damals für den SDS zu antiautoritären -- Kommunarden fragte: "Fritz, willst du wieder Mitglied werden?" Er wollte nicht: "im SDS gibt es zu viele Arschlöcher."
Nachdem philosophierende und filibusternde Papier-Revolutionäre Diskussionen über den Klassenkampf im Saale in die Länge gezogen hatten, trieb es -- am vorletzten Sonntag -- hundert aktionsdurstige SDS-Anhänger, voran den rehabilitierten Fritz Teufel, zu einem, Kaffeekämpfchen hinaus: Sie versuchten, ein Café, dessen Besitzer zuvor bärtige und langgelockte Linke hinausgewiesen hatte, zu besetzen -- und bewarfen Frankfurter Polizei-Röcke mit Tortenstücken und Negerküssen, die Lokalblätter flugs "Teufelsküsse" tauften.
Im Kongreßsaal, an" dessen Türen nachts der Frankfurter SDS-Anhänger Frank-Raimar Dziurowitz, 24, mit einem umgehängten Pappschild -- Text: "Beischlaf (weibl.) gesucht"
wartete, stritt dann wieder jeder gegen jeden. Nichts kam dabei heraus. Obwohl 25 Seiten Resolutionsanträge vorlagen, wurde nur eine einzige aktuelle Polit-Analyse -- zur CSSR-Besetzung -- verabschiedet.
Der linken Protest-Bewegung, der die SDSler entscheidende Impulse gaben, kann dieser SDS kaum noch als Avantgarde dienen. Die Große Verweigerung, die SDS-Ideologen gegenüber der Gesellschaft empfahlen, findet nun statt: im SDS gegenüber dem SDS.
Als die SDS-Tagung ohne Ergebnis zu nächtlicher Stunde abgebrochen wurde, wollte der Präsident wieder die "Internationale" singen lassen. Hundertstimmig scholl ihm ein müdes "Nein" entgegen.

DER SPIEGEL 39/1968
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 39/1968
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

STUDENTEN / SDS:
Hü und Hott

  • US-Amateurvideos: Schneeballgroße Hagelkörner ängstigen Hausbewohner
  • Brexit: Parlament erzwingt Abstimmung über Alternativen
  • Bastler-Tuning auf russisch: Das rollende Auto
  • "Viking Sky": Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera