28.10.1968

ZEITGESCHICHTE / NS-ASTROLOGENWeibliches Navamsa

"Die Astrologie", verlautbarten Hitlers Propagandisten Anfang 1936, "ist orientalischer Herkunft und mit keinen Mitteln zu germanisieren ... Wir können keine Lehre brauchen, die die Volksseele vergiftet."
Acht Jahre später suchte der Chef der deutschen Spionage-Abwehr, SS-General Walter Schellenberg, sein Heil im Seelengift: Von dem Hamburger Astrologen Wilhelm Theodor Wulff wollte er vertraulich wissen, ob die Sterndeuterei wohl "für die Massenpropaganda einer Staatsidee und für die politische Lenkung eines Volkes geeignet" sei.
"Als ob die Astrologie "sie wie eine Geheimwaffe hätte retten können", erinnert sich Wulff in seinem jüngst erschienenen Buch "Tierkreis und Hakenkreuz"*, griffen hohe NS-Funktionäre -- so Führer-Vize Hell und SS-Reichsführer Himmler -- nach den Sternen, als ihr Stern zu sinken begann.
Interesse brauner Volksgenossen am Okkulten hatte Wulff -- erst mit Berufsverbot belegt, später verhaftet -- schon 1941 aLs Insasse des Konzentrationslagers Hamburg-Fuhlsbüttel ent-
* Wilhelm Th. H. Wulff: "Tierkreis und Hakenkreuz". Bertelsmann Sachbuchverlag, Gütersloh; 248 Seiten; 24 Mark.
deckt. Der Sterndeuter, der sich vom "Saturnring Hitlers umspannt" wähnte, plaudert in seinen Memoiren: "Hinter Sträuchern und Büschen saß ich, von SS-Leuten umringt, und habe damals vielen von ihnen ihr Schicksal erklären müssen." Derweil plagten sich seine Leidensgenossen mit dem Wegräumen von Flugzeugtrümmern.
Als "wissenschaftlicher Mitarbeiter" einem Berliner Forschungsinstitut des Oberkommandos der Kriegsmarine (OKM) überstellt, erfuhr Wulff im März 1942 mit "maßloser Verblüffung", daß die Nationalsozialisten "die übernatürlichen Kräfte unserer Welt" "auch zum Aufspüren der Feind-Flotte mobilisieren wollten: Er begegnete einer "wunderlichen Gesellschaft" (Wulff) von Okkultisten" die mit "einer Art indischer Schwingungslehre" nach dem Feinde loteten und dabei Hand in Hand mit Astrologen und Astronomen, mit Ballistikern und Mathematikern arbeiteten.
"Tag für Tag hockten die Pendler mit ausgestrecktem Arm über den Seekarten", beschreibt Wulff das Wirken der Spür-Runde, deren Ergebnis er freilich als "kümmerlich" bewertet.
Bei seinem astrologischen Einstand in höheren SS-Kreisen sah sich der -- vor allem von Himmler-Masseur Felix Kersten protegierte -- Verbindungsmann zum Jenseits noch massiven Drohungen ausgesetzt: Im Berliner Amt des Kripo-Chefs Arthur Nebe, wo Wulff im Juli 1943 die Anweisung erhalten haben will, sich in die Fahndung nach dem verschwundenen Mussolini einzuschalten, herrschte ihn ein Himmler-Adjutant an: "Beeilen Sie sich, rate ich Ihnen, sonst steckt der Reichsführer Sie wieder ins KZ."
Als Wulff aber ein Jahr später -- wenige Tage vor der Alliierten-Invasion in Frankreich -- dem Reichsführer Himmler erstmals begegnete, gab der sich milde gestimmt: Während eines Besuches in Himmlers Schloß Algen (Deckname: "Bergwald") fiel dem Astrologen nicht nur das ungezwungene Benehmen seines "schlecht rasierten" Gastgebers auf ("Er schlürfte mit dem Löffel Suppe ein, genauso wie man es in einer schmutzigen Kutscherkneipe ... erwarten würde"), sondern auch, daß Himmler "ganz kleinlaut "bitte" sagen" konnte.
Himmler klammerte sich nach den Darstellungen Wulffs, der sich im Kreise seiner Auftraggeber "unter Wölfen" wähnte, fortan immer stärker an die Horoskopie. Im März 1945 erzählte der oberste KZ-Aufseher Himmler dem ehemaligen KZ-Insassen Wulff von einem Unfall, den der Astrologe -- wie er jetzt berichtet -- auf den Tag genau prophezeit hatte. Himmler laut Wulff zu Wulff: "Es ist doch eigentümlich, wie das Horoskop stimmt."
Ähnliche Anerkennung registrierte Wulff früher bei Abwehr-Chef Schellenberg: "Was Sie über mein eigenes Horoskop gesagt haben, bestätige ich hundertprozentig." Und dank seines guten Drahtes zum Kosmos hat Wulff -- laut seinen Memoiren -- auch den Selbstmord Hitlers und gar Eva Brauns vorausgesehen; im Hitler-Horoskop machte Wulff den "Mars im weiblichen Navamsa des Zeichens Stier" aus -- was immer das sein mag.
Sich selber deutet Sterndeuter Wulff in seinen Erinnerungen als einen Widerstandskämpfer, der -- mit Hilfe Schellenbergs -- seine astrologische Gabe einsetzte, um Himmler zu einem Putsch gegen Hitler und zu Verhandlungen mit den Alliierten zu bewegen.
Doch obwohl Wulff dem "Reichsführer SS" stets "ungeschminkt den verhängnisvollen Ausgang" des Hitler-Kriegs vor Augen geführt haben will, zauderte Himmler; erst kurz bevor er die Giftkapsel zerbiß, bekannte er "mit Reue" (Wulff) in der Stimme: "Es ist jetzt alles zu spät."
Für den Mißerfolg seiner astrologischen Mission nennt Wulff einen einleuchtenden Grund: Seine Auftraggeber mochten nur hören, "was im Sinne ihrer eigenen Absichten war
Für Schwarzseher Wulff haben die Sterne nicht gelogen: "Der Nationalsozialismus war zerbrochen und verschwunden. Die Astrologie ... blieb."

DER SPIEGEL 44/1968
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