28.10.1968

ANDERE UND UNSERE NEGER

Schwarzer Urwald überwucherte die olympische Stätte, ja richtig: "Der Urwald schien ins Stadion gekommen zu sein" und -- auch das hörte "Die Welt": "Dumpfes Buschtrommelgedröhn sandte die Botschaft von strahlenden Siegen farbiger Athleten in die Welt."
"Bild" bemitleidet einen Deutschen, der "dazu verurteilt" Ist, "nur gegen Schwarze zu boxen ..." "Bild"-Leser klagten, daß "bei dieser Neger-Olympiade nicht viel herauskommt". Und mit wenigstens noch weißen Buchstaben auf schwarzem Grund verbreiteten "Bild"-Titelzeilen die Erkenntnis: "Da sahen sie nur noch schwarz.
Die weißen 10 000-m-Favoriten hatten keine Luft für Olympia-Medaillen -- sie wurden Opfer der "Höhenmenschen" aus dem Schwarzen Erdteil."
Wir wissen, den von Ihrer bekannten Mentalität her trägen und faulen Schwarzen verhilft nicht Leistung zum Sieg über den weißen Mann, sondern irgendein finsterer Höhenzauber. Und dieser Höhenzauber ist so heimtückisch ausgedacht, daß er nur den Schwarzen aus dem dunklen Erdteil die Beine rührt, nicht aber den Mexikanern die auch mexikanischem Höhenklima nicht gänzlich unangepaßt sind.
"Hohn", rief Gert Mehl gleich zweimal in all seine Fernsehmikrophone, "Hohn" sei es, daß der "ein bißchen zu verkalkte" Brundage von "gleichen Bedingungen" gesprochen habe. Das ist nicht unser Olympia, nein, das sind -- wußte der nie irrende oder zumindest unbeirrbare Heinz Maegerlein -- "Olympische Spiele der Menschen die immer in solchen Höhen trainiert haben".
Darum durfte sich auch so ein Dunkelhäutiger wie der 5000-Meter-Sieger Gamoudi aus dem Flachland Tunesien nicht wundern, wenn ihn der kühl analysierende Maegerlein erst einmal zu einem Eingeborenen des Hochlandes Marokko ernannte. Wie sonst hätte er siegen können?
Überhaupt, nicht nur die schwarzen Höhenmenschen, alle Schwarzen haben einen unfairen Vorteil gegen uns. Das hat sogar schon die Wissenschaft erkannt. Am Mittwoch verbreitete der Deutschlandfunk die Deutung eines Professors für die Negersiege: "Ursprünglich haben sie mitgespielt, und sie waren dankbar fürs Mitspielen." Jetzt aber ist es für sie ein "Kampf" gegen den weißen Mann.
Damit ist auch schon erklärt, daß die tiefer geborenen Menschen von "Black Power" aus den USA ständig siegten. Ja, es war etwas, was Weiße Schwarzen nie antun würden, nämlich eine "Unhöflichkeit" -wie das Deutsche Fernsehen so treffend erkannte, wenn diese reichlich dunklen Neger die wehrlose US-Fahne und -Hymne mit der Faust bedrohten.
So ist es "hart aber notwendig", daß die Amerikaner -- laut "BZ" -- "Front gegen Politisierung der Spiele" machen. Die beiden Neger hatten doch nur die "Gunst der Stunde" ("BZ") genutzt, "um demonstrativ dem eigenen Vaterland eine Ohrfeige zu versetzen", Amerika "mußte hart durchgreifen".
Und gottlob, "Bild"-Titel". "Die Protest-Neger wurden gefeuert!" Einer dieser Protest-Neger sagte zum Abschied: "Die Weißen kennen das Problem nicht. Nur wenn es um Medaillen geht, kann man uns gebrauchen, Unsere Erfolge haben jetzt "Nordamerikaner" errungen. Wären wir besiegt worden, hätten "die Neger" versagt!"
Wir deutsche Weißen -- vom Schicksal geschlagen mit armen Verwandten, die in einem Phänomen wohnen -- kennen und schätzen dieses Problem durchaus. Zonen-Siege müssen nicht einsam dahinkümmern, gewinnt einer der Dortigen eine Medaille, so werden sie stets in deutsches Gemein-Eigentum übergeführt. Die Schlagzeile der "nacht-depesche" lobte "2 X Silber für Deutschland", als Milde aus der DDR seine Medaille gewann. Auf Seite sechs derselben Ausgabe rügte die Titelzeile, "DDR"-Achter ist ausgeschieden".
Auch die "Frankfurter Rundschau" war bei der Medaille für DDR-Nordwig bereit, das Glück unserer minderen Brüder zu teilen. Überschrift: "Die großen Sieger aus dem Schatten: Durchbruch der deutschen Athleten mit Gold, Silber und Bronze." Bei Verlusten dagegen besann man sich in der gleichen Ausgabe auf die Eigenstaatlichkeit der anderen -- links-liberal wie man ist -- sogar ohne kränkende Strichelchen. "FR"-Überschrift: "Wieder DDR-Niederlage".
So wäre alles in guter Ordnung. Siegen die Brüder, dann siegen wir (Schlagzeile der "Hamburger Morgenpost" nach dem Milde-Sieg: "Endlich! Zweimal Silber für uns!"). Und verlieren können sie ganz für sich allein, notfalls sogar eigenstaatlich.
Aber diese schöne Ordnung zerbrach Anfang letzter Woche: "Rad-Vierer um Gold betrogen", schrie die "Bild"-Schlagzeile am Dienstag auf. Und siehe, unsere minderen Brüder hatten uns tückisch das sichere Gold gestohlen. Warum? Weil wir besseren Deutschen untereinander nach guter deutscher Art verkehren. Nur, "Bild" sagt es, "nur weil einer die Hand auf die Schulter des Kameraden legte", nahm man uns das Gold. Sofort erkannte "Bild" ·den Feind: "Auf Einspruch eines Funktionärs der Sowjetzone wurde Deutschland disquaiifiziert."
Mochte nachmittags im Fernsehen auch der Mannschaftschef des bundesdeutschen Vierers bekennen, daß der Verlust der Goldmedaille "in Ordnung" war, weil Jürgen Kissner einen "krassen Verstoß gegen das Reglement" begangen hatte, die Wut der "Bild"-Nation war geweckt. Fernseh-Kommentator Angermann deckte -- nach "Bild"-Muster -- entsetzliche Hintergründe auf: "Die deutsche Mannschaft gewinnt und wird disquailfiziert durch eine Jury,
der ein Pole angehört -- Polen durch Deutschland aus dem Rennen geworfen -; durch einen Italiener -- ebenfalls durch Deutschland aus dem Rennen geworfen -- und einen Ostdeutschen, jenem Verband, dem Jürgen Kissner bis 1964 angehörte." Jetzt war es schon egal, ob Kissner zu Recht oder zu Unrecht disqualifiziert wurde, es galt nur noch, die bösen Feinde zu entlarven, die uns solches antaten.
Abends im NDR enthüllte Kominentator Willi Knecht schlimmste Korruption. Die internationalen Spitzenfunktionäre des Radfahrverbandes hätten aus Ost-Berlin "Meißner Porzellan als Ehrengeschenke" erhalten, und sie hätten auch "nicht selten Ihren Urlaub im Elbsandsteingebirge" verlebt. Klar, daß so die "ideologisch gezüchtete Eifersucht jedes Ost-Berliner Funktionärs auf bundesdeutsche Medaillengewinne" bei den Verantwortlichen rasch ihr Ziel erreichte.
"Bild" gefiel diese Verschwörungstheorie so gut, daß es am nächsten Tag -- ohne Quellenangabe -- die schönsten Sätze des Knecht-Kommentars wörtlich als eigene Erkenntnis druckte. Darüber die -- durchaus nicht selbstkritisch gemeinte -- Balken-Überschrift: "Das ist heller Wahnsinn!"
Von Otto Köhler

DER SPIEGEL 44/1968
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