28.10.1968

Peter Härtling über Siegfried Lenz: Deutschstunde“EINE EINS FÜR SIGGI

Peter Härtllng, 34, schrieb die Romane „Im Schein des Kometen“, „Niembsch oder Der Stillstand“ und „Janek“. -- „Deutschstunde“ ist der erfolgreichste deutsche Roman dieses Herbstes; Auflage bisher; 75 000.
Dieses Buch spielt eine Rolle durch: die des Sohnes, der sich erbittert vom Vater löst. Es fragt sich nur, ob es die Rolle durchhält, ob es nicht über den Sohn hinwegredet, ob es nicht Vergangenheit einholt auf Kosten der Genauigkeit. Franz Schonauer hat in einer Rezension boshaft bemerkt, daß die guten Kritiken kaum die "Deutschstunde" meinen, vielmehr ihren Autor, der ein reizender und ehrenwerter Mann sei. Es ist schlimm, wenn man einen Schriftsteller mit Komplimenten prügelt, um sein Buch madig zu machen. Freilich, auch dieses Buch ist ehrenwert, und das ist seine Schwäche.
Siggi Jepsen, Zögling in einer Anstalt für schwererziehbare Jugendliche, ist angehalten, einen Aufsatz über "Die Freuden der Pflicht" zu schreiben: eine therapeutische Strafarbeit. Er füllt Schulheft um Schulheft mit Erinnerung, mit der Geschichte seines Vaters, des "nördlichsten Polizeiposten Deutschlands", der in der Pflicht erstarrte und die Krankheit der Pflicht um sich verbreitete.
Der Sohn redet, abwägend, dagegen an. Er hat seinen Modellfall, der ihm die Analyse erleichtert, seine Verzweiflung anschaulich macht: Der Vater war befreundet mit dem Maler Nansen, dessen Bilder als nordischglühende Ikonen geschildert werden. 1943 bekommt Polizist Jepsen aus Berlin den Auftrag, dem Maler jegliche Arbeit zu untersagen: Malverbot. Und er wacht darüber, daß es eingehalten wird. Die Kinder verstehen ihn nicht, der ältere Sohn, den das Gewissen aus der Armee ins Elternhaus treibt, wird in die Pflicht gestoßen. Auch die Tochter. Siggi versucht die Bilder Nansens zu retten, er stellt sich offen gegen den Vater.
Das ist der Kern der Geschichte. Lenz erzählt ruhig, ausholend, breitet Kleinigkeiten aus. Er malt Landschaften nach, weite Horizonte über der Ebene; er vergißt Randfiguren nicht. Er ist dem Beschriebenen treu. Und seine Sprache beruhigt durch Verläßlichkeit; sie ist nicht aufwendig, scheut Abbrüche, Tonänderungen, verwörtlichte Hysterien. Es ist die Sprache, die er dem Heimzögling Siggi Jepsen zutraut. Lenz ist, das ist bemerkenswert, nie unsicher gegenüber seiner Figur. Er gestattet ihr kaum Widerborstigkeit, kaum Jargon, das Milieu spricht nicht mit. Siggi schreibt so, wie er sich vermutlich seinen Scheitel zieht: gerade und ordentlich.
Dieser Roman wird durch Stilisierung und durch Stil zwiefach anfechtbar. Der Vater wie der Maler sind aus der Fasson geraten: übergroß in ihren divergenten Pflichten, zur Lehre für alle als Denkmäler ins Flachland gestellt. Sie haben, wie Siggi, ihre Rolle zu spielen, und sie dürfen sich nicht versprechen, die Stichworte sind ihnen lückenlos gegeben. Die Angst, Wut, Ohnmacht jener Zeit bleiben gedämpft. Der Konflikt reduziert sich auf Starrsinn und banalen Heroismus.
Lenz, der mit Recht an die Peripherie auswich, um der schablonenhaften Retrospektive auf die Nazizeit zu entgehen, diesen erkalteten und wiederholbaren Emotionen eines getrübten Gewissens, hat dennoch Klischees mitgeschleppt. Sie entstellen den alten Jepsen weniger als den Maler: Nansen ist das Klischee des Künstlers in dürftiger Zeit, Nolde auf Niebüll, Dulder und Visionär, Magier und Mensch in unserer Mitte. Die Szene, in der Jepsen dem Maler die Hiobspost überbringt, zeigt deutlich, wie hier Personen leise erhöht werden:
"Sie sahen einander an, der eine sitzend, der andere stehend, maßen sich schweigend einen Augenblick, forschten wahrscheinlich nach den Kenntnissen, die sie übereinander besaßen, und stellten sich vor, wie sie miteinander verkehren würden in näherer Zukunft und so weiter, zumindest aber fragten sie sich, mit wem sie von nun an zu rechnen hätten ... So wie sie sich forschend musterten, wiederholten sie, meine Ich, ein Bild des Malers, das einfach nur "Zwei am Zaun" hieß und auf dem zwei alte Männer, aufblickend im olivgrünen Licht, einander entdeckten, zwei, die sich lange gekannt haben mögen von Garten zu Garten. doch erst in diesem bestimmten Augenblick in erstaunter Abwehr wahrnahmen."
Die Szene gleitet ins Bild, wird unmerklich mythisiert. Es tönt kein Pathos, doch der kaum erwachsene Siggi Jepsen schreibt mit der nachdenklichen Erfahrung eines älteren Mannes. Dieses Zusammentreffen ist böse, denn ein tückischer Kleinkrieg wird angesagt; doch der Verweis auf das Gemälde. auf die Greisen-Idylle, glättet die Schrunden. Der Polizist Jepsen ist eine vorzügliche Erfindung, aber sein Widerpart Nansen lädiert ihn -- dieser in Pflichten knirschende Kleinmut, der Deutschland ruiniert hat, wird gegenüber dem Edelmut, den Deutschland stets sein eigen nennt, fast zur Karikatur. Siggi, der die Gemeinheit an sich selbst erfahren hat, scheut sich, die Gemeinheit beim Wort zu nehmen. Vielleicht ist die Konstellation Polizist-Künstler von vornherein ruinös für den Roman gewesen. Sie nötigte Lenz zum Idealen.
Was ihn jedoch bewogen hat, den aufbegehrenden Sohn stilistisch derart früh reifen zu lassen, ist unbegreiflich. Aus der Sicht des Jungen wäre die Chance gegeben, die Modelle der Zeit fragend zu zerstören. Er hätte, kaltblütig, Klischees zitieren können, als Muster, als Beispiele. Zwar wendet er sich gegen den Valer, aber der unselige Geist des Zweikampfes schlüpft in seine Sprache: Auf die Abwehr antwortet Anbetung, auf das Zerrbild das Vorbild. Er wehrt sich dagegen, werten zu müssen, findet "sein Vorbild" nicht; er meint, daß sein Bericht nicht wertet, daß allein ein zorniger Gleichmut ihn zusammenhält. Längst jedoch hat er den älteren Bruder und Max Ludwig Nansen auf Podeste gestellt, hat Stimmungen angeboten, die sanftmütig werten.
"Es lohnte sich -- immer lohnt es sich bei uns -- hinterherzusehen, wie jemand davongeht unter dem Ausschnitt des Himmels: da bleibt man von sich aus stehen und versammelt seine Aufmerksamkeit und ist noch jedesmal erstaunt angesichts der drückenden Überlegenheit des Horizonts."
Die Ansicht beruhigt, sie gleicht aus -- wie vieles in Siggis Erinnerungen: Er, der Gejagte, schreibt oft genug die Sprache eines zufriedenen Ruheständlers. Ohne Zweifel wird er von seinen auf schöne Einsicht erpichten Erziehern für diese Arbeit eine Eins bekommen. Siegfried Lenz, Verfasser der wunderbaren Geschichten von Suleyken, des Romans "Brot und Spiele", sollte sich mit ihr, es ist zu wünschen, nicht zufriedengeben.
Von Peter Härtling

DER SPIEGEL 44/1968
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