28.10.1968

SCHRIFTSTELLER / SOLSCHENIZYNAm Schnittpunkt

"Die Werke Solschenizyns", so sprach Sowjet-Dichter Alexej Surkow, "sind für uns gefährlicher als die Werke Pasternaks."
Er sprach e.s In Gegenwart des Beschuldigten: auf einer Vorstandssitzung des sowjetischen Schriftstellerverbands, zu der Alexander Solschenizyn, 50, vorgeladen worden war, am 22. September 1967 in Moskau.
Die Sitzung konfrontierte den ehemaligen Lagerhäftling und Verfasser des Romans "Ein Tag Im Leben des Iwan Denissowitsch" dem Vorwurf, er diene der "bürgerlichen Propaganda", und der Aufforderung, sich von der ihm im Westen zugeschriebenen "Rolle des Führers der politischen Opposition zu distanzieren" (siehe Seite 188).
Die Sitzung war dringlich: Solschenizyn hatte in zwei Briefen -- an den IV. sowjetischen Schriftstellerkongreß (SPIEGEL 25/1967) und an den Autorenverband -- die Abschaffung der Zensur und die Freigabe seiner Bücher "Der erste Kreis der Hölle" und "Krebsstation" gefordert, deren Veröffentlichung in Rußland verhindert worden war, im Westen bevorstand.
Doch als die vom Ersten Sekretär, dem Romanautor Konstantin Fedin, geleitete Session nach fünf Stunden Dauer endete, war der Fall Solschenizyn so unbewältigt und so gefährlich wie zuvor -- ein Schlüsselfall unbewältigter sowjetischer Vergangenheit wie Gegenwart, gefährlich vor allem für Alexander Solschenizyn selbst.
Jetzt, ein Jahr später, ist der Fall in ein kritisches Stadium getreten: Westeuropäische und amerikanische Verlage (in Deutschland: 5. Fischer und Luchterhand) präsentieren in diesem Herbst Übersetzungen der Romane "Der erste Kreis der Hölle" und "Krebsstation"" Bücher eines in der Tradition Dostojewskis und Tolstois schreibenden, der westlichen Moderne fernstehenden Realisten; Werke, in denen, rigoroser als in aller bisher bekanntgewordenen sowjetischen Anti-Stalin-Literatur, das vom Diktator entstellte Rußland als ein universales Gefängnis dargestellt wird -- in der Sowjet-Union werden sie nach wie vor unterdrückt*.
Die West-Verleger können für ihre Solschenizyn-Ausgaben ein Imprimatur des Autors nicht vorweisen. Und tatsächlich hat sich Solschenizyn mehrfach gegen westliche Editionen seiner Werke ausgesprochen. Solschenizyn-Freunde befürchten dennoch, dem Schriftsteller könnte nun ein Prozeß nach Sinjawski-Daniel-Präzedenz drohen.
* Alexander Solschenizyn: "Der erste Kreis der Hölle". 3. Fischer Verlag, Frankfurt; 688 Selten; 25 Mark, "Krebsstation" (Buch 1; der zweite Teil soll 1969 erscheinen). Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied; 418 Seiten; 18 Mark.
Aber auch ohne eine so fatale Wendung: Das Schicksal des russischen Autors, den Jewgenij Jewtuschenko "unseren einzigen lebenden Klassiker" genannt hat, ist beunruhigend genug. Solschenizyns Aufstieg war exemplarisch mit der Entstalinisierung verknüpft -- seine gegenwärtige Unterdrückung ist ein deutliches Indiz für den Versuch sowjetischer Führer, die Evolution zumindest aufzuhalten.
Der 1918 im Kaukasus geborene, in Rostow am Don aufgewachsene Alexander Solschenizyn war 1941, nach dem Abschluß eines Mathematik- und Physikstudiums, zur Armee eingezogen worden und hatte vor Leningrad eine Flakbatterie kommandiert.
Im Februar 1945 fielen dem Abschirmdienst "Smersch" einige Feldpostbriefe des zweifach dekorierten Offiziers mit abfälligen Bemerkungen über Stalins mangelhafte strategische und stilistische Fähigkeiten in die Hände -- Solschenizyn wurde in Ostpreußen verhaftet, ins Lubjanka-Gefängnis nach Moskau verbracht und, ohne Anhörung, zu acht Jahren Straflager verurteilt. Er verbrachte sie In einem Spezialgefängnis bei Moskau, einer Art Getto-Forschungsinstitut für inhaftierte Wissenschaftler und Techniker (dem "Mawrino" seines Romans "Der erste Kreis der Hölle"), später in einem Lager in Kasachstan.
Am 5. März 1953, dem Tag von Stalins Tod, wurde der Häftling Nr. 232 entlassen, blieb aber noch in sibirischer Verbannung. Im Lager war Solschenizyn an Krebs erkrankt, nach seiner Entlassung wurde er In einer Klinik in Taschkent (dem Vorbild der "Krebsstation") behandelt -- die Krankheit konnte zum Stillstand gebracht werden.
Schon während der Lagerhaft hatte Solschenizyn eine Reihe von Erzählungen im Kopf vorformuliert. Als er 1957 offiziell rehabilitiert wurde, hatte er bereits mit der Niederschrift dieser Geschichten begonnen. In Rjasan fand er eine Anstellung als Physiklehrer. Dort, wo er mit seiner Frau Natalja. einer Chemielehrerin, in einer teilweise selbstgebauten Wohnung auch heute lebt, schrieb er die Erzählung vom Lager-Alltag des unschuldigen Häftlings Iwan Denissowitsch, das Hauptbuch der antistalinistischen Sowjet-Literatur.
Solschenizyns Entdecker -- und bis heute sein Freund und Fürsprecher -- war der liberale Chefredakteur der Literaturzeitschrift "Nowy Mir", Alexander Twardowski. Er las das "Denissowitsch"-Manuskript eines Herbstabends 1982 im Bett, erkannte "einen neuen Klassiker", stand auf und zog seinen "besten schwarzen Anzug" an: "Ich mußte irgend etwas Angemessenes tun."
Twardowski schickte das Manuskript an Nikita Chruschtschow.
Dem Kreml-Herrscher, dessen Rede auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 die Entstalinisierung eingeleitet hatte, kam Solschenizyns Lagerchronik gelegen, Chruschtschow ließ in der Kreml-Druckerei 20 "Denissowitsch"-Kopien herstellen und an die Mitglieder des ZK-Präsidiums verteilen. Die entscheidende Präsidiumssitzung eröffnete er mit den Worten: "Ein gutes Buch, nicht wahr, Genossen!" Als ihm niemand antwortete, erklärte er: "Ein russisches Sprichwort sagt: Schweigen bedeutet Zustimmung", und verließ den Raum.
Mit Chruschtschows Plazet veröffentlichte Twardowski den ungekürzten "Denissowitsch" in der November-Nummer (1962) von "Nowy Mir". Die Auflage von 95 000 Exemplaren war noch am Erscheinungstag vergriffen, ebenso die bald folgende Buchausgabe von 100 000 Stück. Die Sowjet-Presse feierte den neuen Autor, vor den Buchläden standen die Käufer in Schlangen an, Hand- und Schreibmaschinen-Abschriften der Erzählung kamen in Umlauf. Bis heute haben Millionen Russen das Werk gelesen,
Die "Denissowitsch"-Veröffentlichung markiert den Höhepunkt der kulturpolitischen Liberalisierung In der Sowjet-Union. Der reaktionäre Rückschlag kündigte sich nur wenige Monate später an.
Am 8. März 1963 beschwor Chruschtschow in einer Rede die Freigeister, die er selber gerufen hatte. In Rußlands Redaktionen und Verlage, so tadelte der Solschenizyn-Förderer, ergieße sich neuerdings ein Strom von Häftlings- und Lagerliteratur, und das sei "ein sehr gefährliches Thema". Denn: "Je weniger sich jemand für das Heute und für die Zukunft unseres Landes und der Partei verantwortlich fühlt, desto gieriger stürzen sich die Sensationshascher, die Liebhaber von "Braten" auf solches Material."
"Hier", warnte der Ex-Entstalinisierer, "muß man maßhalten."
Chruschtschow hatte die Gefahr erkannt, die der Strom literarischer Vergangenheitsbewältigung vor allem für die "Zukunft der Partei" mit sich bringen mußte: Einmal freigesetzt, konnte solche "Säuberungsliteratur" kaum bei der Abrechnung mit dem Sündenbock Stalin stehenbleiben -- sie mußte zwangsläufig zu einer Kritik am System selbst fortschreiten.
Schon Ende 1962, kurz nach der "Denissowitsch"-Publikation, hatte der damalige Chefideologe Iljitschow geklagt, es herrsche jetzt in der literarischen Diskussion "bisweilen eine Atmosphäre, bei der es als peinlich und altmodisch gilt, die richtigen Positionen der Partei zu vertreten". 1964 verhinderte die Partei die von Twardowski und anderen liberalen Literaten vorbereitete Auszeichnung Solschenizyns mit dem Lenin-Preis; sie hätte die liberalen Tendenzen sanktioniert und entscheidend ermutigt.
Chruschtschows Nachfolger verstärkten die Bemühungen, das "gefährliche Thema" unter Kontrolle zu bringen. Im Mai 1965 wurde Stalin erstmals wieder in einer offiziellen Rede lobend erwähnt -- von Parteisekretär Breschnew; eine schleichende Rehabilitation des Diktators begann.
Solange Chruschtschow herrschte, durfte Alexander Solschenizyn sich noch ziemlich sicher fühlen. Nach dem Sturz seines Protektors geriet der Protagonist der literarischen Entstalinisierung rasch in zunehmende Bedrängnis. Sein "Denissowitseh" verschwand aus den Bibliotheken, Parteifunktionäre setzten gezielte Verleumdungen des unerwünschten Autors in Umlauf, neue Solschenizyn-Werke wurden nicht mehr gedruckt.
Da machte sich der Bedrängte im Mai 1967 auf eine ebenso dramatische wie halsbrecherische Weise Luft. In einem offenen Brief an den IV. Schriftstellerkongreß in Moskau forderte Solschenizyn "die Aufhebung der offenen und auch der versteckten Zensur", attackierte den Schriftstellerverband als verkapptes Instrument der Repression und enthüllte die Unterdrückung seiner eigenen Schriften:
"Mein Roman "Der erste Kreis" wurde vor fast zwei Jahren vom Staatssicherheitsdienst beschlagnahmt. Dadurch wurde ich gehindert, ihn einem Verlag vorzulegen ... Meine Erzählung "Krebsstation" die vom Moskauer Schriftstellerverband zur Veröffentlichung empfohlen worden war, darf weder kapitelweise ... noch insgesamt verlegt werden."
Solschenizyn beschuldigte die Geheimpolizei, seine Manuskripte entwendet zu haben, um ihn zu diskreditieren: Unautorisierte Versionen seiner Werke kursierten bereits in Moskau und würden möglicherweise in den Westen gelangen, wo -- wegen der Nichtunterzeichnung der Copyright-Konvention durch die Sowjets -- russische Autoren ohnehin keinerlei Kontrolle über die Veröffentlichung ihrer Werke ausüben könnten.
Solschenizyns Brief, der im Westen schnell bekanntwurde, ist in der Sowjet-Union bis heute nicht publiziert worden. Wirkungen zeitigte er dort gleichwohl:
82 namhafte Sowjet-Autoren protestierten gegen seine Unterdrückung beim Schriftstellerverband. Nachwuchsautor Georgij Wladimow schrieb, der Brief sei "zu einem Dokument geworden, das schweigend zu übergehen ehrlicher Künstler unwürdig ist". Und der Romancier Weniamin Kawerin warnte seinen früheren Freund, den Verbandsfunktionär und Solschenizyn-Gegner Fedin: "Ohne es zu wissen" wirst Du zum Mittelpunkt des Argwohns, der Unzufriedenheit und der Empörung unter den Schriftstellern."
Im Herbst 1967 wurde die "Krebsstation" von Twardowskis "Nowy Mir" zur Veröffentlichung angenommen. das Manuskript in Satz gegeben. Der Autor korrigierte die Fahnenabzüge -aber als die Dezember-Nummer der Zeitschrift mit Verspätung im Februar 1968 herauskam, erschien sie ohne "Krebsstation". Konstantin Fedin soll, nach dem Solschenizyn-Hearing vom 22. September 1967, bei Breschnew das Verbot erwirkt haben.
Seitdem spitzt sich der Konflikt um Solschenizyn zu. Etwa 5000 private Abschriften seiner Manuskripte, so wird geschätzt, kursieren derzeit in Rußland. In den Westen, so berichtete "New York Times"-Vizechef Harrison E. Salisbury, gelangten "Der erste Kreis der Hölle" und die "Krebsstation" teils als Manuskript-Kopie, teils uf Fahnenabzügen -- und zum Teil "wahrscheinlich aus tschechoslowakischen Quellen". Auf dem denkwürdigen Kongreß der CSSR-Schriftsteller Im Sommer 1967 wurde die Verlesung von Solschenizyns Anti-Zensur-Brief gefordert,
Die in Frankfurt erscheinende exilrussische Zeitschrift "Grani" behauptete, der sowjetische Journalist Victor Louis, der 1967 eine unautorisierte Version der Swetlana-Memoiren in den Westen lanciert hatte, habe im Auftrag des KGB nun auch eine frisierte "Krebsstation" westwärts geschickt, um so die Veröffentlichung des Romaos in "Nowy Mir" zu blockieren.
Victor Louis dementierte. Und die Moskauer "Literaturnaja Geseta" dementierte -- in der bislang einzigen offiziellen sowjetischen Stellungnahme zum Fall Solschenizyn -, daß der Sicherheitsdienst in der Wohnung des Schriftstellers Manuskripte beschlagnahmt habe.
Aber das Organ des Schriftstellerverbandes griff auch an: "Das ganze Benehmen A. Solschenizyns auf der Sitzung (am 22. September 1967) trug ausgesprochen demagogischen Charakter."
Der "Prawda"-Chefredakteur Simjanlo wurde im Leningrader "Haus der Presse" mündlich deutlich: "Solschenizyn, .. ist ein Schizophrener. Das Lagerthema ist sein einziges Thema seine fixe Idee. Solschenizyns Werke sind gegen das Sowjetregime gerichtet. Er findet in ihm nur Eiterherde und Krebsgeschwülste. Das Positive bemerkt er nicht ... Würden seine Werke der Gesellschaft nützen, dann würden sie auch gedruckt. Ein Stück Brot kann er sich immer verdienen. Solschenizyn ist Physiklehrer, soll er doch sein Lehramt weiter ausüben."
Und doch: Der Fall des Alexander Issajewitseh Solschenizyn ist noch nicht entschieden. Seine Werke und deren wahrheitssucherische Radikalität, mehr noch ihre Veröffentlichung im Westen, gefährden ihn -- ihr literarischer Rang, sein wachsender internationaler Ruhm und auch die Bedeutung, die er als Symbolfigur des Widerstands gegen eine Restalinisierung für einen großen Teil der sowjetischen Intelligenz besitzt, schützen ihn zugleich.
"Es gilt zu begreifen", so schrieb Alexander Twardowski Anfang dieses Jahres in einem Brief an Konstantin Fedin, der erst jetzt in den Westen gelangte*, "daß Solschenizyn uns nicht mehr als solcher beschäftigt -- wie hoch man ihn auch schätzen mag -, sondern weil er ... am Schnittpunkt zweier entgegengesetzter Tendenzen des öffentlichen Bewußtseins in unserer Literatur steht, von denen die eine, dank der Unvermeidlichkeit des historischen Prozesses, in die Vergangenheit, die andere in die Zukunft gerichtet ist."
Der "Nowy Mir"-Chef sprach sich dagegen aus, "hinter geschlossenen Türen" eine Frage zu behandeln, "die eine geradezu ungeheure gesellschaftliche und politische Bedeutung gewonnen hat", und forderte den Verbandssekretär noch einmal auf, sein negatives Urteil in Sachen Solschenizyn zu revidieren, dessen "Krebsstation" zur Veröffentlichung freizugeben.
Twardowski an Fedin: "Ich bin nicht so naiv, anzunehmen, daß Sie ... nun in Tränen ausbrechen, Ihren Ansichten über den Fall Solschenizyn eine anders Wendung geben werden. Aber ich zweifle nicht daran, daß Sie das tun werden müssen, die Verhältnisse werden Sie dazu zwingen ..."
* Abgedruckt in der exilrussischen Zeitschrift "Possev" (10/1968), Frankfurt.

DER SPIEGEL 44/1968
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