14.10.1968

KONGO / JUSTIZMayi Mulele

Ein Motorboot tuckerte über den Kongo-Strom, von Brazzaville nach Kinshasa. An Bord: Justin-Marie Bomboko, 40, Außenminister des Kongo-Chefs Joseph-Désíréu Mobutu und -- dessen erbitterter Feind Pierre Mulele, 39.
Nach achtjähriger Ächtung kam Mulele heim. Er war Erziehungsminister und Musterschüler des Mobutu-Gegners Lumumba gewesen. Bomboko hatte ihm Pardon verheißen, Armeechef General Bobozo gab einen Empfang zu seinen Ehren. Muleles neue Freiheit begann mit einem Fest.
Drei Tage später, am vorletzten Mittwoch, war ausgefeiert: Kongo-Präsident Mobutu kam aus Marokko zurück, Mulele wurde verhaftet und ins Militärlager Kokolo eingeliefert.
Denn auf ihn, so meinte der erzürnte Staatschef, treffe seine unlängst verkündete Amnestie denn doch nicht zu: "Pierre Mulele", so Mobutu, "wird wie ein Kriegsverbrecher verurteilt."
Muleles Verbrechen: Er hatte Lumumbas Lehre vom neutralistischen, sozialistischen Kongo weitergetragen. Nach dem Sturz Lumumbas war er zur Gegenregierung Gizenga ins nordkongolesische Stanleyville geflohen. Als Gizenga-Botschafter ging er nach Kairo -- und blieb im Ausland, als Lumumba 1961 ermordet wurde.
Fortan traf man ihn überall dort, wo der Tote als leuchtendes Vorbild galt -- in Guinea, in der Tschechoslowakei, in der Sowjet-Union. Am meisten aber lernte Mulele in China: Mindestens fünf Monate lang brachte man ihm dort bei, was Mao Tse-tung vom Guerillakrieg lehrt.
Der Kongo bekam die Lektion zu spüren. Denn 1963 kehrte Mulele zurück. Zum erstenmal wurde Maos Theorie in Schwarzafrika praktiziert:
Überall im Kongo regten sich Rebellen, attackierten Muleles fanatisierte Horden mit Giftpfeilen, Macheten und modernen Waffen Zivilisten und Soldaten der Regierungsarmee.
Ganze Landstriche fielen in ihre Hand, denn Mulele mischte Ideologie mit Aberglauben: Er selbst galt bald als unsterblich, Medizinmänner machten die gläubigen Rebellen mit "Mayi Mulele" (Wasser des Mulele) unverwundbar. Ganze Kompanien der Kongo-Armee liefen davon, wenn "Mayi Mulele"-Krieger angriffen.
Doch als weiße Söldner für Mobutu kämpften, half auf die Dauer kein Mulele-Zauber mehr. Muleles Freunde im revolutionären Ausland verloren die Lust, den Krieg zu bezahlen. Mitte September setzte Mulele sich in den anderen Kongo-Staat ab, in die ehemals französische Kolonie mit der Hauptstadt Brazzaville. Dann kam er zurück und verlor seine Freiheit.
Radio Brazzaville versuchte, General Mobutu beim "Soldatenwort" zu nehmen. Doch der stellte den Gefangenen vor ein Sondergericht. Nach nächtlicher Sitzung fiel letzten Dienstag das Urteil: Pierre Mulele, von keinem Anwalt verteidigt, wurde zum Tode verurteilt -- und einen Tag später erschossen.

DER SPIEGEL 42/1968
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