02.09.1968

OSTBLOCK / RUMÄNIENTarzan aus Temeschwar

Es ist unfaßbar", rief Rumänenführer Nicolae Ceausescu mit heiserer Stimme, "daß sozialistische Staaten die Freiheit und Unabhängigkeit eines anderen Staates schänden."
"Es gibt keine Rechtfertigung, die man akzeptieren könnte, kein Motiv, um auch nur einen Augenblick der militärischen Intervention in die Angelegenheiten eines sozialistischen Bruderlandes zuzustimmen", proklamierte der Staats- und Parteichef auf dem Platz der Republik in Bukarest.
Dann ordnete Ceausescu an, Betriebskampfgruppen im ganzen Land umgehend zu bewaffnen. Mehr als 100 000 Rumänen jubelten ihrem Partei- und Landesherrn zu.
Das war am Mittwoch vorletzter Woche, 13 Stunden und 30 Minuten nach dem Einfall sowjetischer Truppen und ihrer Block-Verbündeten in die Tschechoslowakei. Rumänien, sechstes Mitglied des Warschauer Paktes, machte mobil.
Zwei Tage später paradierten über 5000 blauuniformierte, mit automatischen Gewehren bewaffnete Volkskämpfer vor dem versammelten Präsidium der rumänischen KP. Ausländischen Regierungen teilte Ceausescu offiziell mit, daß er -- im Gegensatz zur tschechoslowakischen Führung -- im Falle einer sowjetischen Invasion Schießbefehl an die Armee geben werde.
Zehn Jahre benötigte Rumänien, um sich -- behutsam -- von der Sowjet-Union zu befreien, Jetzt bangt der Staat wieder um seine Unabhängigkeit.
Rumänien unterhält als einziges kommunistisches Land -- mit Ausnahme des moskaufernen Jugoslawien und der UdSSR selbst -- diplomatische Beziehungen zur Bundesrepublik. Nach dem Nahostkrieg im vergangenen Jahr weigerte es sich, die Beziehungen zu Israel abzubrechen und das Land als Aggressor zu verurteilen. Von allen Ostblockstaaten hat Rumänien die engsten Wirtschaftskontakte zum Westen. Ein Rumäne -- Außenminister Corneliu Manescu -- ist derzeit Präsident der Vollversammlung der Vereinten Nationen.
Vor zehn Jahren verließen die letzten russischen Truppen Rumänien -- damals galt das Land als einer der sichersten Satelliten Moskaus.
Vor zehn Jahren begingen die Sowjets aber auch einen für sie verhängnisvollen Fehler: In der osteuropäischen Wirtschaftsgemeinschaft Comecon teilten sie den Rumänen die Rolle des Rohstofflieferanten und Agrarproduzenten zu. Gheorghe Gheorghiu-Dej aber, Rumäniens Parteiführer, wollte das Land industrialisieren.
Sowjetrußland war nicht bereit -- oder nicht in der Lage -, dem sozialistischen Bruderstaat Industrie-Anlagen zu liefern, Der wandte sich an den Westen. Heute ist Westdeutschland -- nach der Sowjet-Union -- Rumäniens wichtigster Handelspartner. Der Anteil der Comecon-Länder am Gesamthandel ging von 80 Prozent 1960 auf etwa 50 Prozent in diesem Jahr zurück,
Rumänien steigerte seine Industrieproduktion zwischen 1948 und 1967 um etwa 13 Prozent jährlich -- die höchste Zuwachsrate aller europäischen Staaten.
Zwar führte die wachsende Wirtschaftsmacht den südosteuropäischen Sozialisten-Staat zu größerer Unabhängigkeit, doch der wachsende Nationalismus ließ gleichzeitig Konflikte ausbrechen, die kommunistische Solidarität nahezu zwei Jahrzehnte lang verdeckt hatte.
Rumänien hat jene Krankheit geerbt, die den Balkan mehr als ein halbes Jahrhundert lang zum Unruheherd Europas gemacht hat: völkische Minoritäten und Grenzkonflikte mit den Nachbarn.
Jeder fünfte der 19 Millionen Rumänen spricht eine fremde Muttersprache. 14 verschiedene Völkerschaften leben in dem Donaustaat -. zum Teil in geschlossenen Siedlungsgebieten.
Im Pariser Friedensvertrag von 1947 trat Ungarn Siebenbürgen an Rumänien ab, Mehr als zwei Millionen Magyaren kamen unter die Regie von Bukarest.
Von den Russen fordern die Rumänen die Rückgabe Bessarabiens und der Nordbukowina, die im Hitler-Stalin-Pakt von 1939 der Sowjet-Union zugesprochen worden waren.
Mehr als zwei Millionen Rumänen gerieten damals unter sowjetische Herrschaft. Die letzten Widerstandsgruppen konnten die Russen erst 1964 ausräumen. Nikita Chruschtschow: "Die Rumänen können Bessarabien nicht verschmerzen."
Da Ceausescu die Sowjets zu keiner Grenzrevision bewegen konnte, attackierte er den Warschauer Pakt. Bereits im Mai 1966 hatte Rumäniens KP-Chef die sowjetische Auffassung von der europäischen Sicherheit als "nicht mehr der Wirklichkeit entsprechend" qualifiziert und einen turnusmäßigen Wechsel des östlichen Pakt-Oberkommandos gefordert, das stets ein Sowjetgeneral führt. Dieselbe Forderung, vom Prager General Prchlik angemeldet, war einer der Gründe für die sowjetische Besetzung der Tschechoslowakei.
Ceausescu aber hatte seinen Widerstand gegen die Sowjet-Union noch verschärft:
* Im Mai 1967 warf er Moskau vor, die rumänische KP unterwandern zu wollen;
* im März 1968 zog er seine Verhandlungsdelegation vom Budapester Konsultativtreffen der kommunistischen Parteien zurück, weil der syrische Kommunistenführer Bagdasch Rumäniens Missionschef einen "Chauvinisten" geschimpft hatte;
* im März, Juli und August dieses Jahres war Rumänien von den Scherbengerichten in Dresden, Warschau und Preßburg über die CSSR ausgeschlossen, obgleich dort auch Beschlüsse des Warschauer Paktes und des Comecon gefaßt wurden -- deren beider Vollmitglied Rumänien ist.
Wenn auch die außenpolitischen Extratouren der Bukarester Genossen den sowjetischen Nachbarn reizten, einen innenpolitischen Vorwand zum Eingreifen wie in der Tschechoslowakei fanden die Russen in Rumänien nicht: Die Diktatur der Kommunistischen Partei, ihre "führende Rolle", ist unangefochtener als in den meisten anderen Ostblockstaaten.
Als die Partei ihre Macht antrat, war sie eine verschwindende Minderheit: Im Sommer 1944, bei der Besetzung durch die Rote Armee, gab es nur knapp 2000 eingeschriebene Kommunisten.
Meute ist die KP Rumäniens eine Massenpartei -- sie regiert noch immer mit harter Hand: Rumäniens Presse ist völlig gleichgeschaltet und von stalinistischer Monotonie, Selbst hohe Beamte des Außenministeriums haben nur eine verläßliche Informationsquelle: die -- ungestörten -- Rundfunksendungen des Westens.
Touristen und Geschäftsleute aus dem Westen sind in Extra-Hotels untergebracht. Zwar können sie sich frei bewegen, aber rumänische Gesprächspartner müssen -- nach einer Anweisung vom Februar dieses Jahres -- über jedes Gespräch mit Ausländern Protokoll führen und der Partei berichten.
Erst im April dieses Jahres -- zwölf Jahre nach der Sowjet-Union -- startete Nicolae Ceausescu vorsichtig eine kleine Entstalinisierung. Der 1946 von den Sowjets ermordete Erste Generalsekretär der rumänischen KP, Stefan Foris, und der 1954 nach sechsjähriger Haft hingerichtete Kommunisten-Führer Lucretiu Patrascanu, der als erster KP-Führer nach dem Krieg gegen die Ausbeutungsmethoden der Sowjets protestiert hatte, wurden rehabilitiert.
Ceausescu entließ den Innenminister und Polizeichef Alexandru Draghici -- und unterstellte die Geheimpolizei direkt der Parteiführung.
Mit dem früheren Staatschef Stoica, dem russophilen General Bodnaras und dem früheren Ersten Sekretär der KP und Vizepremier Apostol sitzen freilich noch heute drei Mitschuldige des Patrascanu-Prozesses im Zentralkomitee der rumänischen KP. Zwar schob Ceausescu sie auf unwichtigere Regierungsämter ab, im ZK jedoch sind sie, zusammen mit dem Vize-Premier Alexandru Birladeanu, Garanten eines harten Kurses.
Garant der absoluten Herrschaft der Kommunistischen Partei jedoch ist Nicolae Ceausescu selbst. Im Dezember des vergangenen Jahres erst schaffte er die in den meisten sozialistischen Staaten vollzogene Trennung von Partei- und Regierungsorganisation ab. Seither ist Parteichef Ceausescu -- wie Walter Ulbricht -- gleichzeitig Staatspräsident. Die örtlichen KP-Sekretäre sind entsprechend zugleich Bürgermeister. So führen Rumäniens Kommunisten in Personalunion Partei, Verwaltung und Wirtschaft.
Sie dulden Nichtkommunistisches nur, wenn es rumänisch-nationalistisch ist. Mit großem Erfolg lief vor zwei Wochen in den Kinos des Landes der 1932 gedrehte US-Spielfilm "Tarzan, der Affenmensch" an. Denn Tarzan-Darsteller Johnny Weissmüller, mehrfacher amerikanischer Schwimm-Olympiasieger, ist im Vorstadtviertel Freidorf der rumänischen Provinzstadt Temeschwar geboren.
Patriotismus dient als Bindemittel zwischen der Bevölkerung und der Partei. Die Drohungen der Russen helfen mehr als alles andere, die Rumänen noch enger an ihre KP zu binden.
Am vorletzten Sonntag drohte der Sowjet-Botschafter in Bukarest, Basow, daß Truppen des Warschauer Paktes im September zu Übungen in Rumänien anrücken werden -- so wie sie im Juni in der CsSR die Invasion probten.
Die kleinen Warschauer-Pakt-Partner lieferten propagandistische Begleitmusik. Das ungarische Kommunistenblatt "Magyr Hirlap" beschuldigte Ceausescu, "Wasser auf die Mühlen der antisozialistischen konterrevolutionären Kräfte" gegossen zu haben.
Am Montag vergangener Woche rügte ein Moskauer Fernsehkommentator: "Die offizielle Politik ... Rumäniens kann man jetzt vergleichen mit der der Nato und ähnlicher Mächte." Am Dienstag beklagte sich das polnische Parteiorgan "Trybuna Ludu", daß die rumänischen Führer den Prag-Einmarsch als "Intervention, Okkupation und Aggression" bezeichnet hätten, und beschuldigte Bukarest, einen "Zug mit politischer Munition" auf die Reise geschickt zu haben.
Da steckte Ceausescu, der wendige Ober-Rumäne, zurück. Seit Mittwoch letzter Woche verfiel Rumäniens Presse in Stillschweigen über die Ereignisse in der Tschechoslowakei: In einem Leitartikel des Zentralorgans der rumänischen KP "Scinteia" rückte "nationale Souveränität", die im Katalog rumänischer Forderungen monatelang an erster Stelle gestanden hatte, auf den vorletzten Platz.
Denn Rumänien ist von drei an der CSSR-Intervention beteiligten Ostblockstaaten eingekreist und hat 2362 Kilometer Grenze mit ihnen.
Rumäniens zwei Panzer- und sieben Panzergrenadier-Divisionen sind zum größten Teil mit veralteten Waffen ausgerüstet. Die meisten der 1200 Panzer sind Weltkrieg-II-Modelle vom Typ T-34. Auch die 15 000 Mann starke Luftwaffe verfügt nur über veraltete Flugzeuge.
Am Freitagabend meldete die Rundfunkgesellschaft BBC russische Panzerkolonnen in Bessarabien und anderen Grenzgebieten. Mehr als 15 sowjetische und bulgarische Divisionen rollten auf Rumänien zu. "Eine sowjetische Invasion", warnte der Britenfunk, "ist nicht ausgeschlossen."

DER SPIEGEL 36/1968
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