12.08.1968

BIOGRAPHIEN / DISNEYHang zur Brutalität

Walter Elias Disney war ein hochdekorierter Mann: Als er 1966 im Alter von 65 Jahren starb, hinterließ er eine Kollektion von acht Doktorhüten, 39 "Oscars", vier Fernseh"Emmys", einer amerikanischen Freiheitsmedaille, einem französischen Bändchen der Ehrenlegion, einem deutschen Bundesverdienstkreuz, einem mexikanischen Orden vom Aztekischen Adler sowie 900 weiteren Auszeichnungen für kulturelle, pädagogische und humane Grolltaten.
Im selben Jahr verbuchte das Disney-Imperium erstmals einen Umsatz von 464 Millionen und Nettoeinnahmen von 50 Millionen Mark. Im selben Jahr durchwanderten 6,7 Millionen Besucher "Disneyland"; sahen 240 Millionen Menschen in aller Welt einen Disney-Film; genossen 100 Millionen Disneys Kunst im Fernsehen; hörten 50 Millionen Disney-Hits; lasen 800 Millionen ein Disney-Buch oder -Heft; konsumierten 150 Millionen Disneys Comic strips.
Denn Disney, "erfolgreichster Mythenfabrikant, -Verpacker und -Lieferant aller Zeiten" ("Newsweek"), bot nun einmal ein unerreichtes Gemisch von Vergnüglichkeit und Optimismus, Verspieltheit und Sentimentalität, seit er 1928 seine Mickey Mouse auf Amerika und die restliche Menschheit losgelassen hatte.
Was immer er seither mit seinen Disney Productlons auch produzierte, ob Minnie Mouse, Pluto, Goofy, Donald Duck, Dumbo, Bongo oder die "Three Little Pigs", ob Peter Pan, Cinderella oder Pinocchio, Tom Sawyer oder Mary Poppins -- es entsprach immer dem Bekenntnis, das er einst von sich gab: "Ich glaube", sprach Disney, "daß die meisten Menschen lieber lächeln möchten statt sich künstlich deprimieren zu lassen."
Anderthalb Jahre nach Disneys Tod in Hollywood kommt nun ein Disney-Biograph namens Richard Schickel, 35, der Kritik an Disney übt*.
Der spätere Goldwater-Anhänger Disney war, laut Schickel, "ständig leicht verdrossen, weil er weder Donald Duck noch Pluto zeichnen konnte. Selbst Mickey Mouse hatte ein anderer entworfen, nämlich Ub Iwerks, ein alter Disney-Freund aus der Zeit vor Hollywood".
Disney sei auch nicht der gute "Onkel Walt" gewesen, sondern ein knauseriger und herrschsüchtiger Chef, dessen "Hang zur Brutalität" von seinen Angestellten gefürchtet wurde. Der intellektuelle Filmkritiker Schickel meint, Disney sei kaum belesen gewesen, habe Kunst gern mit Obszönität gleichgesetzt und das Wort "Kultur" für "unamerikanisch" gehalten.
Selfmademan Disney aus dem Mittelwesten, von einer Kritikerin als "der wohlbekannte Autor von 'Alice im Wunderland', der kompletten Werke William Shakespeares und der 'Encyclopaedia Britannica'" definiert, verwandelte jegliche Kunst nach dem Geschmack seines Publikums: Er lieferte -- und sein Publikum, erwachsen und kindlich, hat es ihm gedankt -- heitere Träume von einer gefühlvollen Welt, in der das Gute siegt.
Ein Träumer allerdings war Disney selbst keineswegs. Er war ein Amerikaner vom Schlage der Ford und Edison -- ein Genie in der Ausbeutung technischer Neuerungen. Als einer der ersten brachte er einen Tonfilm (1928) und einen Farbfilm (1932)
* Richard Schickel: "The Disney Version". Verlag Simon and Schuster, New York; 384 Seiten; 6,50 Dollar.
auf den Markt. Als allererster drehte er einen abendfüllenden Zeichentrickfilm ("Schneewittchen", 1937), verwendete Stereo ("Fantasia", 1940) und präparierte sich Ende der dreißiger Jahre fürs damals noch utopische Fernseh-Geschäft.
Sein eigenes Paradies eröffnete Disney 1955 in der Nähe von Los Angeles -- jenen riesigen Vergnügungspark namens Disneyland voll nachgemachter Matterhörner und Eisberge, nachgemachter Mississippi-Dampfer und Tom-Sawyer-Flöße, nachgemachter Bären, Indianer, Krokodile, Kraken und Nixen (ohne Brustwarzen).
In Disneyland gibt es keine Aufsichtspersonen" sondern 2300 "Leute-Spezialisten", die angewiesen sind: "Sie haben ein ehrliches Lächeln zu zeigen, das von innen kommen muß Denken Sie daran, daß Sie fürs Lächeln bezahlt werden."
Mit Disneyland, jenem "wahrhaft amerikanischen Traum", habe sich Disney "das lebendige Denkmal seiner selbst und seiner Ideen vom Guten, Wahren und Schönen in dieser Welt errichtet" (Schickel).
Auf der New Yorker Weltausstellung 1965 stellte Disney eine lebensgetreue Nachbildung des amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln zur Schau -- ein Monstrum, das laut Prospekt "48 verschiedene Körperhaltungen sowie 17 Kopf- und Gesichtsbewegungen ausführen" konnte.
"Hier", so klagt Disneys Biograph Schickel pathetisch, "ist die Enthumanisierung der Kunst vollends erreicht -- erreicht von einem verblendeten Mann, der immer, und dies mit gutem Gewissen, nach einer humaneren Kunst gesucht hat."
Aber Schickel mag da mäkeln, wie er will -- die Disney Productions, nunmehr angeführt von Walt Disneys Bruder Roy, 75, blühen weiter. Neueste Projekte sind unter anderem ein Wintersport-Zentrum in der kalifornischen Sierra Nevada und ein zweites Disneyland in Florida. "Wir haben", sagt Bruder Roy, "den schönsten Zehnjahresplan, den wir uns wünschen können."

DER SPIEGEL 33/1968
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