26.08.1968

TSCHECHOSLOWAKEI / SOWJET-EINMARSCHPotschemu?

Vor einem halben Jahrhundert schenkten die Russen der Menschheit eine neue Religion, die ewigen Frieden verhieß in einer klassenlosen Gesellschaft von Glücklichen.
Sie erhoben sich zum moralischen Weltgewissen, und viele nahmen ihnen diesen Anspruch ab.
Denn Amerika übte in Vietnam hartnäckig moralische Selbstverstümmelung, und gegen Maos rabiate Kulturrevolutionäre erschienen die Russen wie in die Jahre gekommene Biedermänner.
Der Sowjetstern, so glaubte die Welt allmählich, symbolisiere nicht mehr den Terror von Ost-Berlin und Ungarn, den Ungeist der Stalinzeit, das Raketen-Abenteuer von Kuba.
Unter dem roten Banner der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, so suggerierten die Revolutions-Erben im Kreml der Welt mit wachsendem Erfolg, gedeihe der Mittlergeist von Taschkent, das Streben nach globaler Vernunft, der Wille zu einer wohltemperierten Politik der kühlen Köpfe - gegen die Hasardeure zwischen Peking und Washington.
Bis letzten Dienstag 23 Uhr. Das Dröhnen der viermotorigen "Antonow AN-12"-Transporter über der Moldau, das Kettengerassel der Sowjetpanzer zerrissen alle Illusionen und warfen die Welt um 20 Jahre zurück - in die Ära des Kalten Weltkriegs.
In wenigen Stunden einer Nacht besetzten eine Viertelmillion roter Soldaten die 127 870 Quadratkilometer große Tschechoslowakei. Genossen an der Moldau, die freilich namenlos blieben, hatten sie angeblich gerufen. In Wahrheit waren die Truppen einmarschiert, um jene kleine Freiheit der Tschechen und Slowaken zu zermalmen, die der roten Vormacht ihre phrasenhafte Heilslehre rupfte. Die braununiformierten Roten kamen wie einst die Feldgrauen Hitlers bei Nacht nach Böhmen, Mähren und in die Slowakei.
Sie kamen wieder aus Deutschland - wie damals: über den Grenzort Zinnwald im Erzgebirge. Sie kamen aus jenem Deutschland Walter Ulbrichts, das den tschechoslowakischen Genossen noch kurz zuvor scheinheilig in militärischen Sandkastenspielen gegen die angeblich aggressionslüsternen Deutschen vom Rhein beigestanden hatte.
Gespenstisches geschah, als "sowjetische, polnische, ostdeutsche, ungarische und bulgarische Truppen im Widerspruch zu den fundamentalen Prinzipien der Beziehungen zwischen sozialistischen Staaten unsere Grenzen überschritten" - so das Präsidium der tschechoslowakischen KP über die Invasion der Genossen.
Die Sowjets unterboten noch jene zwei Stunden und 46 Minuten, die Prags Verteidigungsministerium vor Wochen in einem heimlichen Planspiel als vermutliche Zeitspanne errechnet hatte, in der die Nervenzentren des langgestreckten Landes besetzt sein könnten. Die Russen-Invasion weckte in Bonns einstigem Generalinspekteur Trettner wehmütige Erinnerungen an die Präzision des Hitler-Einfalls.
Moskaus Militär-Muschiks wußten allerdings manchmal nicht, wo sie waren und was sie taten: Sowjetsoldaten wähnten sich in Polen und im Manöver. Wenn sie aber wußten, wo sie waren, meinten sie, eine Konterrevolution niederzuschlagen, und wunderten sich, warum die Frauen auf den Straßen weinten.
Sie irrten nicht nur darin. Russische Panzersoldaten hielten das Nationalmuseum am Prager Wenzelsplatz für das Rundfunkgebäude und zerfetzten die Fassade mit MG-Salven.
Vor dem monumentalen Haus des Zentralkomitees der KPC zogen sowjetische Fallschirmjäger mit roten Mützen auf: eine Kopfbedeckung, die sie zum erstenmal bei den Jubelfeiern zum 50. Jahrestag der Sozialistischen Oktoberrevolution getragen hatten.
Die Koalitionsarmee benahm sich disparat, je nach Volkscharakter: Bulgaren taten sich als Plünderer hervor, das DDR-Kontingent - die 11. Motorisierte Schützendivision (Erfurt) und die 7. Panzer-Division (Dresden) - fühlte sich am schnellsten heimisch. Ulbrichts akkurate Sachsen kontrollierten und photographierten Autos auf den Straßen und beschlagnahmten Kameras. Sie wurden von wütenden Tschechen bespuckt.
Mit manchen polnischen Besatzern hingegen verbrüderten sich die Besetzten: Die Polen drehten oft vor Hindernissen ab, sie schossen nicht auf Tschechen.
Die Ungarn stießen besonders in der Slowakei - wo eine starke ungarische Minderheit lebt - auf Haß.
Insgesamt waren die Kameraden aus Osteuropa aber nur die Garnierung für die große Sowjetarmee. Moskau stellte vier Fünftel der Invasionsstreitmacht, sowjetisch waren die Panzer, die Flugzeuge. In kyrillischer Schrift - schwer lesbar für viele Tschechoslowaken - waren auch jene Flugblätter abgefaßt, in denen die neue Befreiung auf russisch motiviert wurde.
Die PR-Papiere der Invasionsarmee ernteten Hohn und Zorn bei den Befreiten wie in der ganzen Welt - die gestrigen Kümmernisse wurden klein.
Die Studentenrevolte sank ins Biedermeier, Biafra wieder in den Busch. Roms Pillen-Papst schien unerheblich. Griechenlands Rechte gemäßigt, Vietnam fast vergessen.
Im Mikrokosmos zu Bonn quirlte Frontstadt-Stimmung, die Insassen memorierten mit Adenauer, wie schön es ist, "in Nato" zu sein. Die um- oder abgerüsteten Kalten Krieger deutscher Nation traten wieder ans Gewehr. Denn, so sagte Bismarck nach russischer Version: "Der Herr von Böhmen ist der Herr von Deutschland."
In die Passionsgeschichte politischer Roheit von den abgeschlagenen Händen des Vercingetorix (46 v. Chr.) bis zu den verhungernden Kindern in Biafra (1968 n. Chr.) schrieben sich die Russen mit einem neuen Kapitel ein. Sie eroberten eine Kolonie, errichteten ein Protektorat - nicht an der Elfenbeinküste oder in Ostturkestan, sondern mitten in Europa. Die Welt las die Handschrift.
In den USA entsetzte sich Präsident auf Zeit Lyndon B. Johnson - dessen wichtigste Ost-Berater Urlaub machten - pflichtgemäß und eher mild über den "Einfall in ein wehrloses Land, bei dem das Aufwallen normaler menschlicher Freiheiten niedergetrampelt wird". Einen Protest freilich ließ er in Moskau nicht überreichen.
In Frankreich sah Charles de Gaulle seine Ostpolitik zusammenstürzen, in Großbritannien brach Harold Wilson, in Deutschland sogar Heinrich Lübke seinen Urlaub ab. Das kleine Dänemark lud Bulgariens Premier Schiwkoff vom Staatsbesuch aus und rief nach dem Weltsicherheitsrat, der auch zusammentrat, dann aber durch ein - lange hinausgezögertes - Veto des Sowjet-Delegierten Malik lahmgelegt wurde. Italien verschob die Unterzeichnung des Atomsperrvertrags, Bonn die geplanten Gespräche mit dem DDR-Minister Sölle.
An der Pariser Goldbörse kauften Sparer allein am Mittwoch 15 000 Napoléons. Aus der Vatikanstadt bekundete Papst Paul VI., bereit zur Reise nach Bogotá: "Die Ruhe Europas ist erschüttert, die der Welt bedroht, der Friede ist grausam verwundet worden."
SDS-Studenten applaudierten vorbeifliegenden Bonner Starfightern, deutsche Frauen bejubelten die roten Fahnen der Jung-Akademiker, die ihre Anti-Springer-Parolen mit Anti-Sowjet-Parolen übertüncht hatten.
Auf Wunsch des DGB hupten Berlins Autofahrer am Donnerstagmittag fünf Minuten lang; spontan blockierten Bonner Studenten schon am Mittwoch zehn Minuten lang die Mercedes-Limousine (Kennzeichen: 0-800) des Sowjet-Botschafters Zarapkin und zertrümmerten die Fensterscheiben seiner Botschaft.
In Neu-Delhi protestierten 14 sozialistische Abgeordnete mit "Dubček"-Chören vor der Sowjet-Botschaft - und wurden verhaftet. In Zürich und Genf entfernte die österreichische Fluggesellschaft "Austrian Airlines" (AUA) Werbeplakate aus den Schaufenstern: "Fliegen Sie mit AUA nach Moskau."
Überall in der Welt vereinten sich Studenten und Politiker, Arbeiter und Hausfrauen zum stummen oder lauten Protest, sogar in der langsamsten Stadt der langsamen deutschen Schweiz, in Bern, zogen 15 000 Menschen langsam durch die Straßen.
Aufgeschreckt von der sozialistischen Intervention gegen einen sozialistischen Verbündeten, vereinbarten die sowjetgeschädigten Kommunisten Frankreichs und Italiens eine Blitzkonferenz und fanden sich in - für ihre Verhältnisse - hartem Tadel.
Der geistige Ziehvater deutscher Links-Studenten, Professor Marcuse, analysierte auf einer Feier aus Anlaß des 150. Karl-Marx-Geburtstages in Jugoslawien: "Dieses Ereignis ist viel schlimmer als der Einmarsch der Sowjettruppen 1956 in Ungarn."
Polen riefen bei der Tschechoslowakischen Botschaft in Warschau an und sprachen ihr Bedauern aus. In Ost-Berlin stürmten Volkspolizisten die ČSSR-Botschaft, zerschlugen mit Äxten die Holztüren und trieben ČSSR-Touristen hinaus, die in ihrer Vertretung Rat gesucht hatten. Zweimal protestierte ČSSR-Botschafter Václav Kolař gegen den Einmarsch der DDR-Truppen.
Im Alten Zeughaus waren währenddessen immer noch die Geschenke zu bewundern, die Walter Ulbricht zu seinem 75. Geburtstag erhalten hatte - darunter eine etwa 70 Zentimeter hohe Kristallvase aus der ČSSR. Die Spender: Prags Reformer Ludvik Svoboda und Alexander Dubček.
Radio Moskau begann seine Nachrichten am Mittwoch um sechs Uhr mit Meldungen über die Landwirtschaft, vom Einmarsch wurde nichts erwähnt. Im Anschluß an die Nachrichten wurde das Programm planmäßig fortgesetzt: mit Morgengymnastik.
Albanien rief die Tschechen und Slowaken zum bewaffneten Widerstand auf, Maos Chinesen befanden: "Ein schamloser Akt." Ihre Folgerung: Die Amerikaner sind Papiertiger, die Sowjets sind Papiertiger."
Die überfallenen Völker der Tschechen und Slowaken taten alles, um das Chinesen-Zitat über die Besatzer zu rechtfertigen. Von ihrer Regierung aufgerufen, keine Gewalt anzuwenden, setzten sie Ideen gegen Armeen ein, bewiesen sie Mut vor den Mündungen von Maschinengewehren, machten sie die zweitmächtigste Militärmacht der Welt lächerlich.
Die Tschechoslowaken kämpften nicht mit Waffen - was Selbstmord gewesen wäre -, sie fochten mit Worten. Vor dem Gebäude der Nachrichtenagentur ČTK übersetzten junge Tschechen den Besatzern Artikel aus der Zeitung "Zemêdêlské noviny" ins Russische - stets darauf bedacht, die Sowjets in Debatten zu verwickeln.
"Nach 45 Jahren Freundschaft zwischen unseren beiden Völkern kommt ihr hierher und schießt auf uns", attackierte ein tschechoslowakischer Oberstleutnant einen sowjetischen Offizier. "Warum seid ihr gekommen? Warum?"
Der Russe: "Wir haben den Befehl bekommen. Wir sind Soldaten, wir gehorchen Befehlen."
Der Tscheche: "Habt ihr denn nicht über den Befehl nachgedacht? Wir in der tschechoslowakischen Armee werden dazu erzogen, über Befehle nachzudenken. Ihr seid bei Nacht gekommen, ohne Einladung. Selbst das würde noch nicht so weh tun, wenn ihr nicht angefangen hättet, auf Menschen, auf Kinder zu schießen."
Der Russe: "Wir haben nur den Befehl erhalten, hierher zu kommen. Wir haben keine Befehle erhalten, auch zu schießen. Die Truppen wurden angewiesen, sich zu benehmen. Man hat uns gesagt, unser Auftrag sei die Bekämpfung einer Konterrevolution. Aber als wir hierher kamen, haben wir keine gesehen."
Der Tscheche: "Selbst als die Deutschen uns besetzten, sind sie nicht soweit gegangen wie ihr Russen. Ihr schießt auf unsere Nationaldenkmäler" auf unsere Museen, auf unsere Burg. Warum? Warum benehmt ihr euch wie eine Besatzungsarmee?"
Der Russe: "Unsere Soldaten haben Befehle erhalten."
Der Tscheche: "1945 seid ihr als Befreier gekommen, und wir haben euch willkommen geheißen. Jetzt kommt ihr ais Besatzer, und ihr seid nicht willkommen."
Der Russe: "Wir hatten unsere Befehle."
"Wenn ihr nun den Befehl erhieltet", so forschte der Tscheche weiter, "auch auf Russen zu schießen: Würdet ihr das tun?"
Der Russe wußte nur eine Antwort: "Wir haben unsere Befehle, wir können nicht darüber nachdenken."
Tausend Dialoge verliefen ebenso. Wo nicht diskutiert wurde, warfen Tschechen Flugblätter in russischer Sprache mit Dubček-Parolen in die Luken der Pakt-Panzer. In Preßburg gab eine Panzerbesatzung ihren Tank auf und verbrüderte sich mit den Demonstranten. Jubelnd warfen die Slowaken die Sowjets in die Höhe.
In Iglau stellten die Bewohner mitten zwischen die Besatzungspanzer einen Tisch und legten eine Unterschriftenliste aus. Tausende unterzeichneten unter den Augen der Russen "Russen 'raus" und "Solidarität mit Dubček".
Direkt vor die Ketten der Panzer malten andere das Wort "Dubček", auf die Tanks selbst kritzelten sie "Aggressor" oder einfach ein Hakenkreuz. In Preßburg antworteten Halbwelt-Damen auf Flugblätter, die ihnen aus Panzern zugeworfen wurden, indem sie ihre Röcke lüfteten und den Sowjets das nackte Hinterteil präsentierten.
In Znaim setzten die Einwohner die Fahnen auf Halbmast oder zogen schwarze Flaggen auf. Die Menschen tragen schwarze Trauerbinden, die KP-Mitglieder demonstrativ ihr Parteiabzeichen. Auf Mauern und Transparenten, selbst auf Bettüchern in den Fenstern prangen die Parolen der Besetzten: "Besatzer 'raus" oder "Dubček" oder "Asiaten, geht nach Hause".
Mit Lautsprecherwagen wirbt Znaims Grenzpolizeikaserne für Unterschriften unter eine Pro-Dubček-Resolution und berichtet, man habe sich an der Grenze von den Russen nicht entwaffnen lassen, "weil wir unsere Grenzen selbst schützen können, aber dafür unsere Waffen brauchen".
Ein Rotarmisten-Denkmal zur Erinnerung an die Befreiung 1945 sollte ursprünglich umgestürzt werden, dann fiel den Tschechen Besseres ein. Sie änderten die Sockel-Inschrift mit weißer Farbe in "Dubček".
Die Lautsprecheranlagen aus der Stalinisten-Zeit wurden nach jahrelangem Rosten aktiviert - zur Übertragung der Programme der zahllosen illegalen Freiheitssender, die sich innerhalb von Stunden überall in der Tschechoslowakei zu melden begannen.
Schon bald nach der Besetzung des Landes wurden Sender in Prag, Königgrätz, Pilsen, Aussig, Budweis, Iglau, Gottwaldov und Ostrau installiert; zur Abwehr gegen sowjetische Spürgeräte wechseln sie ständig Standort und Frequenzen. Als die düpierten Russen einen Zug mit Funkpeilgeräten anrollen ließen, wandten sich die Freiheits-Funker an die Kollegen Eisenbahner: "Je länger dieser Zug braucht, um so besser wäre es."
Unterstützung fanden die Schwarzsender ("Radio Freies Prag") auch bei Hunderten von Amateurfunkern, die ihre Meldungen weiterverbreiteten.
Die Polen-Besatzung von Königgrätz ließ die Funker so gewähren, daß tschechoslowakische Radio-Techniker sogar noch den Sender "Moldau", mit dem die Sowjets ihre Intervention verteidigen wollten, stören konnten.
Die Redakteure im Untergrund ersannen Listen gegen die Besatzer ("Kossygin und Gretschko zurückgetreten"), ließen Dubčeks Mutter innerhalb von acht Minuten zweimal appellieren: "Wo ist mein Sohn? Wenn er doch bloß ein Lebenszeichen von sich geben würde. Ich sterbe vor Angst" und empfahlen den Russen: "Sowjetische Soldaten, geht wieder nach Hause. Bitte, kehrt nach Moskau zurück, damit eure Kinder nicht einen Tag länger ohne euch sein müssen."
Alle Landsleute warnte Radio Gottwaldov: "Helft den Besatzern nicht, vermeidet jede Zusammenarbeit, ignoriert die Kollaborateure, bleibt der Regierung Cernik treu!" Und schließlich: "Gebt den Invasoren keine Lebensmittel und keine Unterkunft!"
Das hatten die meisten Tschechoslowaken freilich schon ohne Aufforderung so gehandhabt.
In Karlsbad empörten sich die Besetzten: "Kein Glas Wasser kriegen die Russen von uns." An der Grenze zu Deutschland, bei Furth im Wald, verweigerten die Tschechen bulgarischen Besatzern jede Verpflegung.
Vereinzelt griffen die fremden Soldaten zur Selbsthilfe: In Prag plünderten sowjetische Besatzer Bäckereien, in Valasské Mezirici räumten sie das Postamt aus.
In die leeren Schaufenster hängten die Geschäftsinhaber Plakate: "Hier haben die Russen alles aufgegessen" und "Lenin, steh auf, Breschnew ist durchgedreht".
Am ersten Besatzungstag schob sich in Prag zwischen die Kolonnen sowjetischer Militärfahrzeuge ein tschechischer Lastwagen. Er trug ein Plakat, auf dem - in Russisch - nur ein Wort stand: "Potschemu?" - Warum?
Warum? war die erste, verzweifelte Frage der Prager. Warum hatte die mächtige Sowjet-Union den kleinen Staat der Tschechen und Slowaken überfallen? Warum riskierte der Kreml das in den Jahren nach Stalin mühsam angesammelte Prestige, warum enttäuschte er die Hoffnung, der Sowjetstaat werde sich langsam zivilisieren, schrittweise aufgeklärten Lebensformen annähern, gesittete Koexistenz üben? Warum der plötzliche Rückfall in die Terrorzeit? Was hatten die Tschechen verbrochen, wofür wurden sie bestraft? Warum?
Der Kreml vollzog keine zornige Strafaktion zur Zügelung einer unbotmäßigen Kolonie. Er fürchtete nicht um den Verlust ferner Interessensphären, wirtschaftlicher Einflußzonen. Die Armee der Sowjet-Union marschierte auf Prag, um die Sowjet-Union zu retten.
Die Feinde waren in Wahrheit nicht die Prager Reform-Genossen oder bundesdeutsche Revanchisten, sondern die Bürger unterm Sowjetstern. Sie fordern von ihren Kommunisten im Kreml, was die Bürger Prags ihren eigenen Roten abgefordert hatten - die sozialistische Demokratie.
Unterstützung für die "kühne Initiative" der Tschechoslowakei, "die für die Zukunft des Sozialismus und der ganzen Menschheit so wertvoll ist", proklamierte der sowjetische Atomphysiker und Stalinpreisträger Sacharow im Juni (SPIEGEL 31/1968). Er forderte, was die Prager verwirklicht hatten: Aufhebung der Zensur, Freilassung der Gefangenen, Sturz der Stalin-Nachfolger.
Seit Januar, als der Parteichef der ČSSR, Novotný, entmachtet wurde, vereinigten sich die progressiven Sowjet-Intellektuellen zum Protest gegen die drakonische Verurteilung junger Sowjet-Schriftsteller. Deren Untergrund-Zeitschrift "Phönix" war an Universitäten, in Redaktionen und Klubs von Hand zu Hand gegangen. Nun kursierten die Unterschriftenlisten des Protests.
Wie in der ČSSR begehrten prominente Schriftsteller und Professoren, kritische Studenten und Journalisten auf. Der lettische Kolchos-Vorsitzende Jachimowitsch, ein Freund literarischer Freiheit, schrieb einen Beschwerdebrief und wurde dafür aus der Partei gefeuert.
Dutzende von Wissenschaftlern im Forschungszentrum Nowosibirsk, so mußte das Organ der Kreml-Konservativen "Sowjetskaja Rossija" zugeben, hatten eine Protest-Petition unterschrieben.
Die Flut der Forderungen nach Geistesfreiheit bewies den Funktionären, daß die Moskauer Intellektuellen ähnlich dachten wie die Prager. Im April, als die Prager ihren Novotný auch als Staatschef entmachtet hatten, beschloß das Sowjet-ZK, die Dichtenden und Denkenden der Sowjet-Union an die Kandare zu nehmen: "Es ist notwendig, eine Offensive gegen die bürgerliche Ideologie zu führen, entschlossen gegen den Versuch aufzutreten, die der sozialistischen Ideologie der Sowjetgesellschaft fremden Ansichten in einzelne Werke der Literatur und Kunst und in andere Gebiete einzuschleusen."
Denn, so klagte das Hausblatt des Gewerkschaftsführers und ehemaligen Staatssicherheitschefs Schelepin: "Spionageorganisationen und Geheimdienste des Imperialismus suchen sich moralisch schwankende, schwache, politisch unreife und prinzipienlose Menschen aus, verstricken sie in ein Netz von Lügen und Falschinformationen und versuchen, sie gegen die sozialistischen Ideen zu mißbrauchen."
Die Zensur stoppte die Auslieferung der Mai-Ausgabe des Organs der Intellektuellen "Nowy Mir. Die Monatszeitschrift erschien im August - gereinigt und mit verminderter Auflage wegen gekürzter Papierzuteilung. Die Zensoren hatten sich erinnert, daß ein Jahr zuvor der Prager Aufruhr von dem Intelligenzblatt "Literární noviny" ausgegangen war.
Gegen "nationalistische, revisionistische und ultralinke Elemente" in der Sowjet-Union dekretierte die KPdSU: "Freiheit ist undenkbar ohne die Verantwortlichkeit eines jeden Bürgers gegenüber der Gesellschaft. Lenin hat betont: "Es ist unmöglich, in einer Gesellschaft zu leben und von dieser Gesellschaft frei zu sein.""
Die Prager Reformkommunisten schürten das sengende Feuer noch. Am 21. Juli reizte Radio Prag die fünf Ostblockstaaten, die sich in Warschau zur Klage über die Prager "Konterrevolution" versammelt hatten: "Ihre größte Sorge gilt zweifellos dem Umstand, daß eine neue Art des Sozialismus die Bürger ihrer Länder auf zu viele neue Gedanken bringen könnte."
Drei Tage später wurde der Prager ZK-Sprecher Tichy gefragt, ob bei den bevorstehenden Verhandlungen seines Parteipräsidiums mit dem Kreml-Politbüro auch die innere Situation der Sowjet-Union angeschnitten werde. Tichy lächelnd: "Warum nicht?"
Nach den Verhandlungen der beiden Parteiführungen in Čierna schrieben sie tatsächlich ins Kommuniqué: "Die Teilnehmer der Zusammenkunft tauschten ausführliche Informationen über die Lage in ihren Ländern aus."
"Es ist nicht möglich, uns die Freiheit zu geben", kommentierte der tschechoslowakische Olympiasieger und Armee-Oberst Emil Zatopek die Čierna-Zusammenkunft. "Wenn man sie uns gibt, muß man sie auch Polen, Ungarn und der DDR geben." Im Sowjet-Commonwealth entdeckte Zatopek "die gleiche Situation, wie sie die britischen Kolonien am Ende des Zweiten Weltkriegs kannten".
Innerhalb der UdSSR droht Gefahr vor allem dem Bundesstaat Ukraine. Denn dieses Glied im Sowjet-Empire hat eine 98 Kilometer lange gemeinsame Grenze mit der Tschechoslowakei.
In der Ukraine verbindet sich - wie in der benachbarten Slowakei - der Wunsch nach Freiheit von der Partei-Vormundschaft mit der Sehnsucht nach staatlicher Selbständigkeit: Im Februar beklagte sich Ukraine-Parteichef Schelest über das Eindringen westlicher Rundfunksendungen, die "Faseleien sogar von Unabhängigkeit" verbreiteten.
Westlich der Ukraine sendete Radio Prešov, eine slowakische Rundfunkstation für die ukrainische Minderheit in der ČSSR - und für die Nationalisten in der Ukraine. Sender Prešov informierte seine Hörer seit Januar über die Pläne, den Slowaken in einer Föderation Gleichberechtigung mit den Tschechen einzuräumen - eine verlockende Parole für die 45 Millionen Ukrainer. Denn die Ukraine, Industrieschwerpunkt und Lebensmittellieferant der UdSSR, wird von Rußlands Hauptstadt Moskau aus regiert.
Über Radio Prešov erfuhren die Ukrainer, daß die - in der Ukraine verbotene - griechisch-katholische Kirche in der Tschechoslowakei zugelassen wurde. Den ersten Angriff gegen die Verfechter des "demokratischen Sozialismus" führte die Kiewer Zeitung "Radjanska Ukraina" - am 6. Januar, dem Tag nach Novotnýs Entlassung.
ČSSR-Zeitungen in ukrainischer Sprache aus Prešov werden von den Kiewer Staatssicherheitsbehörden abgefangen. Den - in Prag gepriesenen kritischen Roman "Sobor" des Ukrainers Oles Hontschar holten ukrainische Komsomol-Brigaden aus den Kiewer Buchhandlungen und verbrannten die Exemplare.
Seit 1965 wurden in der Ukraine über 200 Schriftsteller und Wissenschaftler verhaftet. Sie hatten "Rückkehr zur Leninschen Nationalitätenpolitik" verlangt oder - so der Jurist Iwan Kandyba in einem Brief an Parteichef Schelest - Beschwerden vorgetragen: "Die Gewerkschaftsfunktionäre sind heute zu Handlangern der Fabrikdirektoren geworden." Kandyba erhielt 15 Jahre Haft.
Er gehörte einer Zelle ukrainischer Kommunisten an, die ein liberales Reformprogramm für die Partei entworfen hatten. Zellenleiter Lew Lukjanenko wurde bereits 1960 zum Tode verurteilt, die Strafe dann aber in 15 Jahre verschärftes Arbeitslager umgewandelt. Während eines Prozesses in Lemberg mußten gegen Demonstranten Wasserwerfer eingesetzt werden.
138 ukrainische Intellektuelle unterschrieben Protest-Resolutionen gegen die Verurteilung der Moskauer "Phönix"-Literaten. Am 2. Juli setzte die Polizei wieder ukrainische Literaten fest, darunter die Lyrikerin Lina Kostenko. Der "Werjowka-Nationalchor" und das Philharmonische Orchester von Kiew wurden gesäubert. Die Kiewer "Prawda Ukrainy" polemisierte gegen einen Leserbrief von Jugendlichen, die angefragt hatten: "Warum macht in Polen, der ČSSR und Jugoslawien niemand jungen Leuten Vorwürfe, weil sie moderne Lieder singen und nach Pop-Musik tanzen?"
Auf der Konferenz der fünf moskautreuen Parteiführer in Warschau war Ukraine-Chef Schelest als sechster Führer dabei und nahm auch an der Konferenz zu Čierna teil. Er empfahl, mit dem tschechoslowakischen Experiment Schluß zu machen, ehe sein ukrainischer Machtbereich angesteckt werde.
In Warschau erhielt Scharfmacher Schelest Unterstützung vor allem von DDR-Chef Ulbricht. Schon nach dem Novotný-Sturz Ende März hatte Ostdeutschlands SED ihrem mittleren Funktionärskorps auf Bezirksversammlungen eine vertrauliche Lagebeurteilung vorlesen lassen: Der Prager Reform-Parteichef Dubček sei nicht mehr Herr der Situation; seine Genossen Smrkovský und Císař träten als echte Konterrevolutionäre auf. Die DDR habe sich bereit erklärt, eine Gegenregierung notfalls auch mit Gewalt zu unterstützen.
Moskau versuchte es zunächst mit Androhung von Gewalt und ließ unter dem Vorwand von "Stabskommando-Übungen" Sowjettruppen in die ČSSR einrücken. Die standen immer noch im Lande, als das Warschauer Konzil am 15. Juli beschloß: "Nach unserer Überzeugung ist eine Situation entstanden, in der die Bedrohung der Grundlagen des Sozialismus In der Tschechoslowakei die gemeinsamen Lebensinteressen der übrigen sozialistischen Länder gefährdet."
Um den Prager demokratischen Sozialismus von Ihren Ländern fernzuhalten, forderten die Parteichefs vor allem, die Tschechen sollten die Meinungsmedien wieder der Parteikontrolle unterwerfen. Die Prager lehnten ab, ihre wichtigste Errungenschaft - die Meinungsfreiheit - preiszugeben.
Schon jetzt war der Warschauer Pakt zur Intervention bereit - der Vorwand, ein Waffenlager in Nordböhmen, zur Stelle, ein als Hilferuf gewerteter Brief der roten ČSSR-Volksmiliz eingegangen. Sowjetische Betriebsversammlungen erklärten ihre Bereitschaft zur Hilfeleistung.
Ziel des Eingriffs: Einsetzung eines Kabinetts von Novotný-Anhängern. "In ihren Wohnungen, ihren Sommerhäusern, am Schwarzen Meer", so mahnte Radio Prag, warteten abgehalfterte Prager Politiker auf die Stunde ihrer Rückkehr.
Der Kommunist Dubček hatte einen Fehler begangen - weil er Demokrat war: Lenin hatte gelehrt, eine Revolution müsse ihre Gegner rasch an die Wand stellen, ehe sie die Gegenrevolution organisieren könnten. Dubček aber hatte seinen Gegner Novotný mit 5000 Kronen im Monat (1250 Mark) pensioniert. Von seinem Landsitz Orlik bei Prag aus sann Novotný auf Rache.
Die Prager demokratischen Sozialisten, die eine Einladung nach Warschau mißtrauisch abgelehnt hatten, erklärten sich zu Gesprächen mit Sowjet-Vertretern in Čierna bereit - auf tschechoslowakischem Territorium, dicht an der Grenze zur Ukraine.
Vor dem Treffen in Čierna behauptete die "Prawda", westliche Agenten wollten die ČSSR "auf den Weg der Sozialdemokratie stoßen", um sie "wieder in eine deutsche Provinz zu verwandeln", und erinnerte an Prags Abhängigkeit von sowjetischer Wirtschaftshilfe.
Zur Eröffnung der Čierna-Konferenz drohte die "Prawda": "Die Gefahr ... hat sich verstärkt, die Zeit duldet keinen Aufschub!"
Am zweiten Konferenztag veröffentlichte die "Prawda" dann den "Brief der 99", unterschrieben von 60 Funktionären der Praha-Autowerke (4500 Arbeiter und Angestellte) und 39 Familienangehörigen, in dem die Anwesenheit von Sowjettruppen in der ČSSR gepriesen wurde: "Alle ehrlichen Menschen freuen sich, Sie in unserem Lande herzlich begrüßen zu dürfen!"
Dann mobilisierte Moskau in den westlichen Sowjetrepubliken Lettland, Weißrußland und der Ukraine die Reservisten, laut Militärblatt "Roter Stern" zu "einer der größten Übungen, die jemals in der Sowjetarmee stattgefunden haben".
Dabei waren die Manövertruppen aus der Tschechoslowakei noch immer nicht völlig abgezogen. Soldaten in Zivil kamen zusätzlich in das Land, in der Maske friedlicher Touristen, mit Bussen und "Aeroflot"-Maschinen. Sowjetische "Wolga"-Personenwagen mit Polizeifunkausrüstung rollten über die Tschechengrenzen.
Aus der ČSSR zurückgekehrte Sowjettruppen faßten gleich hinter der Grenze auf polnischem Gebiet Posten. In den Süden der DDR wurden sowjetische Panzerverbände verlegt; manche bauten Baracken für längeres Bleiben, bei anderen klappte der Nachschub so schlecht, daß sie wegen Mangels an Proviant DDR-Deutsche anbettelten.
In Preßburg unterschrieben Russen und Tschechen - mit den rasch hinzugezogenen anderen Ostblock-Parteien - dann zwei Tage später eine Willenserklärung, die Einverständnis vortäuschte. Die Tschechoslowaken sicherten zu:
▷ die "führende Rolle" der Kommunistischen Partei und die innerparteiliche Herrschaft der Parteispitze ("demokratischer Zentralismus"); "nationale Besonderheiten" sollten lediglich "in Betracht gezogen werden";
▷ eine "Erziehung der Volksmassen im Geiste der Ideen des Sozialismus und des proletarischen Internationalismus, unversöhnlichen Kampf gegen die bürgerliche Ideologie, gegen alle antisozialistischen Kräfte" - womit sich Pressefreiheit kaum noch vereinbaren ließ;
▷ die "gegenseitige Hilfe und Unterstützung" zwischen den Ostblockstaaten mit der "Bereitschaft, ihre Aktionen auf dem internationalen Schauplatz abzustimmen und zu koordinieren" - wodurch eine eigenständige Außenpolitik unmöglich geworden wäre.
Dafür handelte Dubček eine "Achtung der Souveränität und nationalen Unabhängigkeit, der territorialen Integrität" ein, wenn auch nicht die ausdrückliche Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten.
Das Kommuniqué von Preßburg enthielt nur altgewohnte Formulierungen, von denen jeder Kommunist wußte, was sie bedeuteten - auch Dubček.
Er hatte bis an die Grenze des Nervenzusammenbruchs mit seinen Gegnern verhandelt; Sowjetparteichef Breschnew weinte mehrmals. Am dritten Tag des Gefechts reiste Dubčeks Frau Anna mit einem Sohn ins Ausland: zunächst nach Wien, dann nach Jugoslawien.
In Prag forderten demonstrierende Jugendliche Rechenschaft: Sie riefen nach "Wahrheit" und skandierten "Verrat". Sie fürchteten, über den spröden Text des Abkommens hinaus seien Geheimabsprachen getroffen worden. Und wirklich berichtete Dubček-Genosse Smrkovský, man habe die "Einstellung der gegenseitigen Polemik" vereinbart - wovon nichts im Kommunique stand.
Am Mittwoch voriger Woche behaupteten Partei- und Staatsführung der DDR in der Tat: "Die Delegation der KPC hatte sich verpflichtet, unverzüglich die politische Leitung von Presse, Rundfunk und Fernsehen im Geiste des Sozialismus zu sichern, ohne Verzögerung ein Gesetz zur Unterbindung der Tätigkeit der antisozialistischen Parteien, Klubs und Organisationen zu erlassen
Und: Eine Parteigruppe "mit A. Dubček an der Spitze ... verheimlichte die getroffenen Vereinbarungen vor den Mitgliedern der KPČ und vor dem tschechoslowakischen Volk". Indes: Auch die SED verheimlichte diese Zusatzabreden - falls sie je getroffen wurden.
In den folgenden Tagen versuchte Dubčeks Parteipräsidium tatsächlich, auf die Meinungsmedien der Tschechoslowakei Einfluß zu nehmen. Parteisekretär Císař forderte die Journalisten auf, "die Interessen der Partei und des Staates zu beachten" und das Verantwortungsgefühl von Staatsmännern zu zeigen. Ein Prager Publizist dazu: "Was Verantwortung ist, kann nicht allein die Partei bestimmen."
Der Chefredakteur des KP-Organs "Rudé právo", das Parteipräsidiums-Mitglied Svestka, entließ zwei progressive Redakteure und ersetzte sie durch konservative Journalisten. Verlegern und Chefredakteuren leitete das Innenministerium ein "Verzeichnis der Staatsgeheimnisse in der ČSSR" zu. Umfang: 35 Seiten.
Wahrscheinlich hatten die Russen noch energischere Maßnahmen erwartet. Wahrscheinlich hatten sie auch erwartet, daß die Prager zumindest ihre Treue zum Warschauer Pakt nicht wieder ins Zwielicht geraten lassen würden.
Jedoch: Nach Preßburg verlangten mehrere Zeitungen eine Rehabilitierung des Generalleutnants Prchlík, jenes Politoffiziers, der eine Revision des Warschauer Pakts empfohlen hatte und deswegen von seinem Posten als Leiter der ZK-Abteilung für Sicherheit und Verteidigung entlassen worden war. Jetzt erklärte sogar Verteidigungsminister General Dzúr, Prchlíks Äußerungen seien im wesentlichen richtig gewesen.
Am "Graben" im Stadtzentrum von Prag legten junge Leute Unterschriftenlisten für eine Auflösung der roten Volksmiliz und für freie Wahlen aus. Die Prager Stadtverwaltung ordnete an, die Listenführer sollten ihre Tische in einer Vorstadt aufstellen. Kein Polizist verlieh dem Befehl Nachdruck.
Kein Zweifel: Die Tschechoslowaken waren dabei, die Prellburger "Essentials" zu vernachlässigen - jedenfalls in Moskauer Augen.
Ihr Reformkurs litt an einem inneren Widerspruch: Sie konnten nicht den Primat einer Staatspartei garantieren und gleichzeitig Meinungsfreiheit geben - die Vorstufe politischer Organisationsfreiheit, die Vorstufe mithin eines pluralistischen, also westlich-parlamentarischen Staatsaufbaus.
Sie konnten versuchen, Zwischenformen zu finden - neue Parteien nur innerhalb der Nationalen Front doch wahrscheinlich war die ursprünglich intellektuelle Revolution dafür schon zu weit nach unten durchgestoßen. Der Konflikt war - logisch wie politisch - unausweichlich.
Zudem rührte die Partei selbst noch an das Prinzip des "demokratischen Zentralismus", worunter Kommunisten seit Jahrzehnten die innerparteiliche Diktatur verstehen: Das Parteipräsidium legte ein neues Statut vor, das die Rechte der Minderheiten in der Partei schützen sollte und damit alle roten - und selbst westliche - Traditionen brach.
Moskau merkte auf: Die "Prawda" begann am vorletzten Freitag, den Pragern die fortlaufenden Verstöße gegen die sowjetische Interpretation des Preßburger Abkommens vorzuhalten.
Die Vorbereitungen zur bewaffneten Intervention traten in ihr Endstadium. Als die Verhandlungsführer von Preßburg nach dem Wochenende am Montag, dem 5. August, wieder in ihren Parteibüros die Arbeit aufnahmen, fanden sie die Rücktrittserklärung des Stabschefs der Warschauer-Pakt-Streitkräfte, Sowjetgeneral Kasakow, vor.
Sie setzten an seine Stelle den Armeegeneral Schtemenko, der schon unter Stalin sowjetischer Generalstabschef und Vizeverteidigungsminister war. Stalinist Schtemenko befehligte bis zu Stalins Tod die Sowjettruppen in der DDR, verschwand dann aus der Öffentlichkeit und leitete später den Nachrichtendienst der Sowjetarmee.
Am Tag nach Schtemenkos Ernennung verließ Ex-Parteichef Novotný Prag. Er reiste für einen Drei-Wochen-Urlaub nach Bulgarien; dort trat er mit Sowjet-Beauftragten in Dauerkontakt.
Doch die Russen täuschten sich, wenn sie immer noch auf Novotný-treue Kader in der ČSSR setzten: Sie existierten nicht. Um so notwendiger schien den Russen die Intervention. Drei Tage später, am 9. August, begaben sich auch Sowjetparteichef Breschnew und Staatsoberhaupt Podgorny, früherer Parteichef der Ukraine, ans Schwarze Meer, um Ferien zu machen. Gleichzeitig wurden die Großmanöver in der westlichen Sowjet-Union abgeschlossen. Am übernächsten Tag begannen neue Manöver an den Grenzen der Tschechoslowakei.
Jugoslawiens Tito erschien zu Besuch. Er versprach den Pragern jeglichen Beistand.
In der folgenden Woche - der letzten vor der Sowjet-Intervention - kam SED-Chef Ulbricht nach Karlsbad. Er gab sich konziliant und redete von baldigem Urlaub. Der Gedanke, er müsse sich im Interventionsfall entsprechend sowjetischem Verlangen mit seiner Nationalen Volksarmee am Einmarsch beteiligen, schien ihm, obwohl er selbst die Konfrontation mit den Pragern vorangetrieben hatte, unbehaglich: 19 Jahre Ringen um Welt-Prestige und Anerkennung konnten verloren sein, sobald sich DDR-deutsche Soldaten an der Besetzung der ČSSR beteiligten.
Schließlich kam Rumänenführer Ceausescu nach Prag, von den Tschechen bejubelt, obwohl innenpolitisch harter Stalinist, und selbst der Gefahr einer Sowjet-Intervention ausgesetzt: Für den Herbst hatte Moskau schon vor Monaten Manöver an der türkischen Grenze angekündigt. Ceausescu schloß mit Dubček am 16. August einen Freundschafts- und Beistandspakt.
Am selben Tag fuhr die SED-Parteispitze an die Ostsee in Klausur. Der Kreml geriet in Zeitnot, wenn er losschlagen wollte: Am 26. August sollte der slowakische Parteitag zusammentreten, der den Preßburger Parteisekretär Bilak - einen Vertrauensmann Moskaus - abwählen wollte. Und am 9. September sollte der Parteitag der Gesamtpartei von Tschechen und Slowaken eröffnet werden - dort war mit einem überwältigenden Sieg der Dubček-Anhänger zu rechnen. Ein neues, völlig liberales Zentralkomitee wäre gewählt worden - das wollten die Russen offenbar verhindern.
Zudem mehrten sich die Anzeichen dafür, daß die Prager Parolen im Ostblock Nährboden fanden. Sowjetische Komsomolzen schickten ein "Freundschaftsdokument" an die Prager Gesellschaft für tschechoslowakisch-sowjetische Freundschaft. Sowjetische Intellektuellen-Verbände legten dem Moskauer Zentralkomitee Resolutionen zur Vergangenheits-Bewältigung vor. In Polen proklamierte der Parteichef von Kattowitz, Gierek, "Freiheit der Kritik zum Besten des Sozialismus ohne Furcht vor der Obrigkeit".
Für Montag, den 19. August, wurde - mitten in der Urlaubs- und Erntezeit - das Zentralkomitee der KPdSU nach Moskau einberufen. Breschnew und Podgorny brachen ihren Urlaub ab. Beschlüsse des ZK aber wurden nicht bekanntgegeben - ob es überhaupt tagte, ist ungewiß.
Möglich scheint, daß Moskaus Liberale einen Chruschtschow-Coup von 1958 wiederholen wollten: Der Volksfreund hatte damals gegen ein renitentes Parteipräsidium die Partei-Legislative, das ZK, alarmiert. Und tatsächlich annullierte das ZK den Präsidiumsbeschluß, der Chruschtschow absetzte.
Moskaus Liberalen mag letzte Woche ein ähnliches Unternehmen mißlungen sein: Unter dem Eindruck, daß die Prager Reform-Kommunisten doch weitergehen würden, als sie versprochen hatten, bildete sich im Politbüro eine konservative Mehrheit. Die Intervention wurde beschlossen.
Am Dienstag rollten die Panzer - überstürzt: Die militärische Blitz-Aktion war ungenügend abgesichert. Das Drängen der Konservativen, der Militärs, der Geheimpolizei, des Ukrainers Schelest führte beispielsweise dazu, daß ein Einsatzplan für die sowjetischen Staatssicherheitsbeamten zunächst nicht vorlag - sie trafen erst zwei Tage nach den Truppen in Prag mit einer Tupolew-Sondermaschine ein.
Sie hatten kaum Verhaftungslisten - obwohl die Listen mit Zehntausenden von Unterschriften, einschließlich vollständiger Adressen, von Befürwortern des Prager "Literárni listy"-Aufrufs zur Unterstützung Dubčeks rechtzeitig entwendet worden waren.
Die Adressen von Politikern und Journalisten, Redaktionen und Rundfunkstationen mußten erst ermittelt werden, der Standort von Reserve-Sendern des Rundfunks ließ sich nur langsam ausmachen.
Vor allem aber: Noch 48 Stunden nach der Besetzung hatten die Besatzer keinen prominenten Tschechoslowaken gefunden, der sie in das Land gerufen haben könnte. Sowjetische Formal-Moral aber erfordert, daß jemand gerufen hat.
So bürokratisch mußten sich Moskaus Bürokraten immer legitimieren, wenn sie befreiten - seit ihrer ersten Intervention. Sie galt - gleich nach der Oktoberrevolution 1917 - der Ukraine.
Die Ukraine hatte sich vom auseinanderfallenden russischen Vielvölkerstaat getrennt und zur selbständigen Republik erklärt. Am 17. Dezember 1917 richtete die Petrograder Sowjetregierung an Kiew ein 48-Stunden-Ultimatum: Die Ukrainische Nationalrepublik sei "einer systematischen bourgeoisen Politik zum Opfer gefallen" und unterstütze konterrevolutionäre Bewegungen.
Einen Tag später griff Sowjetrußland ein. Seit einem Tag amtierte eine unter dem Schutz von Rotgardisten aus Petrograd und Moskau gegründete Sowjetregierung in Charkow, die überwiegend nicht aus Ukrainern, sondern aus Russen bestand.
Beim Einmarsch in die polnischen Ostgebiete ließen 1939 die Russen lokale Sowjets sie um Anschluß bitten, die es bis dahin nicht gegeben hatte. Die baltischen Staaten erwarben sie, nachdem unter Sowjetdruck gebildete Regierungen Moskau darum gebeten hatten.
In Ungarn 1956 ließen sie sich wieder von einer unter ihrer Obhut gebildeten Regierung rufen.
Als die Sowjet-Panzer durch Prag rollten, konnten die Russen zwar ein Hilfe-Ersuchen vorweisen, aber niemanden, der es unterzeichnet hätte. Sie konnten das Land zwar in einem Zug militärisch, nicht aber politisch erobern - und schon gar nicht für sich gewinnen.
Aus Wohnhäusern schleuderten empörte Tschechen brennende Matratzen auf Sowjet-Soldaten. In Karlsbad stießen sie einen Russen ins Wasser. Sie bohrten Reservekanister der Panzer an und entzündeten das auslaufende Benzin. Mehrere Tanks verglühten.
Vor dem Haus des Rundfunks in Prag tanzten tschechische Jugendliche auf einem grauen Panzerwrack. Daneben hatten sie, an einem Laternenpfahl, ein beim Panzeraufmarsch zerdrücktes Fahrrad aufgehängt und dazugeschrieben: "Erinnerung an unsere Brüder aus Moskau."
Nahe dem Grenzübergang Schirnding, in Pomezi, pirschten sich zwei tschechoslowakische Soldaten an einen sowjetischen Panzerspähwagen heran und saugten per Schlauch den Reservetank leer.
Benzin, Mangelware seit der Besetzung der Firma "Benzina" durch die Russen, benötigten vor allem die Politiker. Ein Untergrundsender rief die Bevölkerung auf, Treibstoff für kommunistische Funktionäre zu spenden.
Denn am wirksamsten kämpfte die Kommunistische Partei gegen die kommunistischen Invasoren.
Inmitten der von 500 Russenpanzern zernierten Hauptstadt kamen am Donnerstag 1182 von 1543 gewählten Delegierten zu einem außerordentlichen Parteitag der KPC zusammen, der ursprünglich zum 9. September einberufen war.
Sie kamen auf geborgten Fahrrädern, zu Fuß, in Krankenwagen in den geheimen Unterschlupf, und sie trotzten fast einstimmig dem Ultimatum des sowjetischen Kommandeurs General Iwan Pawlowski.
Der hatte die Bildung einer neuen, von Dubček-Männern gesäuberten Regierung bis Donnerstag nacht gefordert. Die Delegierten erklärten sich mit Dubčeks Kurs solidarisch und wählten ihn und seine Reformer-Mannschaft bei nur einer Stimmenthaltung wieder.
Dann stellten die Delegierten des Parteitags - und eines neugewählten Zentralkomitees, das später zusammentrat - selbst ein Ultimatum. Innerhalb von 24 Stunden, so forderten sie Pawlowski auf, sollten die Besatzer die gefangenen Politiker mit Alexander Dubček an der Spitze freilassen. Sie selbst sollten sofort abziehen!
Auch die tschechoslowakische Armee, bis dahin auf Befehl des Staatschefs Svoboda still in ihren Garnisonen, meldete sich. 190 Angehörige des Verteidigungsministeriums verlangten ultimativ die Entlassung der gefangenen Reformkommunisten. "Andernfalls erwarten wir vom Präsidenten der tschechoslowakischen Republik einen Befehl, unsere Armee zum Schutz dieser gesetzmäßigen Repräsentanten einzusetzen."
Donnerstag und Freitag näherte sich die Tragödie ihrem Höhepunkt. Junge Prager wiesen den Besatzern mit weißer Farbe auf dem Straßenpflaster den Weg: "Moskau 1800 Kilometer".
Als ein Untergrundsender am Freitag die Nummern von Autos bekanntgab, mit denen Kollaborateure vom Staatssicherheitsdienst auf Verhaftungsfahrt gingen, waren binnen Minuten zahlreiche Häuserwände mit den Nummern AE 3091, AL 4816, ABA 7119, RK 5313, AD 4819 versehen. Als wenig später zwei der Kollaborateurswagen gesichtet wurden, zerstörten Passanten die Fahrzeuge und übergaben die Fahrer der tschechischen Polizei.
Am Mittag, als die Ultimatums-Frist abgelaufen war, heulten Sirenen und läuteten Glocken. Das besetzte Land erstarrte in einem einstündigen Generalstreik.
Staatspräsident Svoboda flog zu einem verzweifelten Rettungsversuch für sein zum zweitenmal in 30 Jahren überfallenes Volk nach Moskau. Er wurde dort mit 21 Schuß Salut und fähnchenschwenkenden Russen empfangen. In Prag aber schossen Sowjetsoldaten nicht Salut - sie schossen auf Svobodas Landsleute.
Während ein erstes Kommuniqué über die Moskauer Gespräche von "kameradschaftlicher Atmosphäre" berichtete, verbreitete sich in Prag das Gerücht, die Sowjet-Besatzer hätten jenen Mann erschossen, der in den letzten Monaten zu einem Symbol der Hoffnung nicht nur für die Kommunisten in der Welt geworden war: Alexander Dubček.
An den Grenzen der roten Ketzer-Republik Rumänien marschierten Truppen des Warschauer Paktes auf - so wie vor Wochen und Monaten an den Grenzen der Tschechoslowakei.
Die Rumänen gruben sich ein. Sie fürchteten, das nächste Opfer sowjetischer Flurbereinigung zu werden.
* Sowjetischer Panzer am 21. August 1968 in Prag.

DER SPIEGEL 35/1968
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