26.08.1968

HANDEL / WEINStumpf und Stiel

Als "Kossovo Polje" soll sich auf westdeutschen Ladenregalen künftig vertraute Ware tarnen: der jugoslawische Rotwein "Amselfelder". Ungarischer Tokajer der bei Kennern berühmten Lage "Erlauer Stier" wird "Egri Bikaver" heißen, der Südtiroler Rotwein " Kalterer See" verfremdet sich in "Lago di Caldaro di Alto Adige".
So wollen es die deutschen Winzer, die den wachsenden Markterfolg ausländischer, vor allem südosteuropäischer Weine fürchten. In den letzten acht Jahren schwoll die Weinflut aus dem Osten von 47 000 auf 230 000 Hektoliter pro Jahr.
Umsonst hatten Deutschlands Weinbauern darauf gesetzt, daß hoher EWG-Zoll und geringe Qualität den Zufluß in Grenzen halten würden. Die Ost-Winzer pflanzten neue Rebenfelder, errichteten moderne Großkellereien und boten immer bessere und billigere Weine an. Der Amselfelder, den der Binger Händler Harro Moller-Racke importiert, wurde Westdeutschlands meistgekaufter Rotwein.
Daraufhin forderten revoltierende Moselwinzer in Kröv, die Einfuhr ganz zu sperren. Außenminister Brandt, um normale Beziehungen zu den Ostblockstaaten bemüht, widersetzte sich, und der Weinbau-Lobby fiel etwas anderes ein.
Es sei, schrieb das "Weinblatt", ein "Schaden für die deutsche Weinwirtschaft, wenn in unübersehbaren Mengen ausländische Weine, vornehmlich aus den Ostblockländern, unter offensichtlich täuschenden Bezeichnungen in den Verkehr gelangen".
Den Vorwurf der Täuschung begründete das Fachblatt so, als werde es von Vertriebenen-Funktionären redigiert. Es gehe nicht an, "erst Millionen und aber Millionen Deutsche zu vertreiben, deutsche Namen und Bezeichnungen zu slawisieren, für den Export aber wieder auf das zurückzugreifen, was erst mit Stumpf und Stiel ausgerottet wurde".
So geriet in den Paragraphen 22 des neuen Bonner Weingesetzes -- es soll im Herbst dieses Jahres vom Bundestag verabschiedet werden -- das Verbot, ausländische Weinnamen ins Deutsche zu übersetzen.
Es soll sogar für geographische Namen und für die Bezeichnungen von Rebsorten gelten. Aus dem Plattensee müßte auf deutschen Etiketts Balaton werden, aus dem Banater Weinort Werschetz würde Vrsac. Riesling aus dem Banat müßte Kraeca heißen, und nur, wenn er aus altem Siedlungsgebiet deutscher Auswanderer stammt, dürfte deren Dialektwort "Zackelweiß" für Riesling verwendet werden.
Von solch erzwungenem Etikett-Kauderwelsch erhoffen sich die Erfinder des Paragraphen rückläufigen Absatz. Diese Wirkung hält auch Moller-Racke für möglich: "Der Käufer will wissen, woher der Wein kommt und was in der Flasche ist."
Gerade um Täuschungen zu verhindern, verlangt das deutsche Lebensmittelrecht die Kennzeichnung importierter Waren in deutscher Sprache. Nach der Logik des vorgesehenen Wein-Paragraphen dagegen dürfte japanischer Thunfisch nur in Büchsen mit japanischer Aufschrift, russisches Krabbenfleisch nur mit russischer Bezeichnung in Deutschland verkauft werden.
"Kossovo Polje, womöglich noch in kyrillischen Lettern", klagt Moller-Racke. "Dabei steht das Amselfeld sogar mit 17 Zeilen Im Brockhaus. In den Schlachten von 1389 und 1448 siegten auf dem Amselfeld die Türken, und wir sollen sie jetzt auf Flaschen ziehen."

DER SPIEGEL 35/1968
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