26.08.1968

DER PAPST IN DER HÖLLE

SPIEGEL-Redakteur Günther Zacharias mit Paul VI. in Bogota

Mit wehender Soutane steigt Paul VI. die Rolltreppe vom Flugzeug herab, wirft sich zu Boden und küßt den Beton: "Ich segne dich, Amerika." Dann umarmt er Staatspräsident Carlos Lleras Restrepo.

Zum erstenmal betritt am letzten Donnerstag um 10.20 Uhr kolumbianischer Zeit ein Papst Lateinamerika, mit 200 Millionen Gläubigen die Hochburg des Katholizismus, zugleich aber auch der Kontinent des hungernden Unterproletariats, in dem seit Jahren das Wort "revolución" umgeht.

Über "revolución" spricht Paul VI. so unmißverständlich, wie er vor vier Wochen über die Pille sprach. Noch auf dem Flugplatz macht er seinen "geliebten Söhnen und Töchtern" Lateinamerikas deutlich, daß allein "ein geordneter Fortschritt ... und ein stets friedliches Zusammenleben" die soziale Not des katholischen Subkontinents lösen können.

Die Söhne und Töchter Bogotdá denken an diesem Tag nicht an ihre Not. Sie bereiten dem exotischen Gast einen Empfang, wie er nur in Südamerika möglich ist. Zu Hunderttausenden stehen sie dichtgedrängt an den Straßen, schreien, weinen und singen "Viva eI papa, aleluya". Sie durchbrechen die Polizeiketten, um dem Papst die Hand zu küssen oder wenigstens seine schwarze Lincoln-Limousine zu berühren.

Um dem lebensgefährlichen Taumel an der zwölf Kilometer langen Strecke vom Flugplatz Eldorado zur Catedral Primada zu entgehen, beschleunigt die päpstliche Kolonne ihr Tempo immer mehr und braust zuletzt mit 60 Kilometern Geschwindigkeit durch die Séptima Carrera, die Parade-Avenue Bogotás.

Ein Junge wird vom Papst-Pkw angefahren, Nonnen fallen in Ohnmacht, Dutzende Begeisterte werden mit geknickten Rippen ins Krankenhaus geschafft.

Gemeinsam mit Interpolchef José da Cunha und den Sicherheitsbeamten des Vatikans hatte Kolumbiens Polizei, wie die Regierungspresse stolz meldete, ein absolut sicheres System ausgeklügelt, das den Papst vor Anhängern und Widersachern schützen sollte. Schon vor Beginn des 39. Eucharistischen Kongresses besetzten 30 000 Uniformierte die Stadt, Tausende von Geheimpolizisten faßten als Zuträger Posten. Militärpolizisten bewachten Banken und Kaufhäuser, Kirchen und öffentliche Toiletten.

Auf dem Campo Eucaristico wird wenig über Kirche gesprochen, dafür bieten folkloristische Gruppen liturgischen Jazz dar, gehen die Kongressisten zeitweilig im Gewimmel der Polizeiuniformen unter. In der Kathedrale wachen zu beiden Seiten des Altars bewaffnete Militärpolizisten, auch in abgelegenen Stadtvierteln stehen an den Straßenkreuzungen motorisierte Einsatzkompanien bereit.

Denn die Castro-treue Nationale Befreiungsarmee hat angekündigt, sie werde sich den Papstbesuch nicht entgehen lassen, um auf ihren Freiheitskampf aufmerksam zu machen. Beim Papst entschuldigen sich die Befreier im voraus: Ihm werde natürlich kein Haar gekrümmt.

Auch der rote Monsignore Germán Guzmán erweist dem Papst Reverenz. Auf der Frontseite des linken Blattes "Frente Unido" stellt er Paul VI. und Che Guevara nebeneinander und kommentiert: "Die Pflicht jedes Christen ist es, revolutionär zu sein. Die Pflicht jedes Revolutionärs ist es, Revolution zu machen.

In den Nächten vor dem Papstbesuch hatte die Polizei Jagd auf Bettler, streunende Hunde und vor allem auf die "gamines" gemacht: von ihren Eltern im Stich gelassene Kinder, die vom Betteln und Stehlen leben und in den kalten Nächten von Bogota eng aneinandergekauert in dunklen Winkeln schlafen. Bis zur Anreise des Papstes wurden Tausende "gamines" abtransportiert. Um die Studenten fernzuhalten, verlängerte die Regierung die Semesterferien bis zum Montag nach der Abreise des Papstes.

Der Heilige Vater, der zu den Armen Südamerikas gekommen war, darf die Armen nicht sehen. Der Besuch im Elendsquartier Las Colinas, der ursprünglich im Programm stand, wurde gestrichen. In den Holzhütten dieser von Arbeitslosen gewaltsam besetzten Hügelstadt lebt das Unterproletariat von Bogotá. Acht bis zehn Menschen hausen hier zusammen mit ihren Hühnern und Schweinen in einem Raum.

Statt der Papstvisite bei den Armen Südamerikas wurde das vom Staat errichtete Paradequartier Venecia gewählt, in dessen sauberen, mit kunstvollen Gittern verzierten Einfamilienhäusern man selbst in Europa gutverdienende Facharbeiter und Kleinbürger vermuten würde.

"Der Papst ist nur von Diplomaten und Kirchenfunktionären umgeben, die von unseren Problemen keine Ahnung haben", sagt Pater Gustavo Péez Jiménez, Leiter des kolumbianischen Instituts für Sozialentwicklung. "Das wahre Elend bekommt er nicht zu sehen." Die Slum-Bewohner von Las Colinas erwiesen dem Gast aus Rom dennoch ihre Reverenz. Sie hißten auf ihren Elendshütten die Landesflagge oder das weißgelbe Banner des Vatikans.

Auch die Kirche bietet sich dem Papst wie ein Elendsquartier dar -- innerlich zerrissen, vom Schisma bedroht. Junge Priester leisten der regierenden Kaste und dem herrschenden Sozialsystem erbitterten Widerstand. Diese "camilistas", die sich auf ihren vom Militär erschossenen Amtsbruder Camilo Torres berufen, flehten den Papst in immer neuen Bittschriften an, seine Südamerika-Reise abzusagen. "Der Papst darf nicht kommen und den Mördern des Volkes die Hand drücken", heißt es in einem ihrer Appelle. Tausend konservative Priester forderten daraufhin den Papst in einem Gegenappell auf, die "kommunistische Wühlarbeit" ihrer jungen Kollegen zu verbieten.

Und diese zerrissene Kirche sucht Priester. 5600 Laien muß jeder Seelenhirte in Südamerika im Durchschnitt betreuen (in Deutschland ist das Verhältnis etwa 1:1000). 40 Prozent aller Geistlichen sind Ausländer.

In Argentinien, Brasilien und Chile verringerte sich in den letzten 13 Jahren der Priesternachwuchs um 50 Prozent, während sich die Bevölkerung verdoppelte. Und das katholische Seminar in Boliviens Hauptstadt La Paz besucht zur Zeit nur ein Seminarist. Nach seiner Weihe wird er der erste Absolvent des Instituts seit vier Jahren sein.

Dennoch bekräftigte Papst Paul Ende Juni unbeirrt den Zölibat katholischer Priester -- und hielt damit neue Anwärter fern.

Im katholischen Vakuum missionieren protestantische Sekten -- vor allem die Pfingstbewegung -- mit wachsendem Erfolg: Von 60 000 (1916) stieg die Zahl der Protestanten in Lateinamerika auf fast zwölf Millionen. Bei ihnen sorgt ein Priester für etwa 400 Gläubige.

Lateinamerikas Indios und Neger schließlich -- sie machen etwa die Hälfte der Bevölkerung des Subkontinents aus -- wenden sich immer mehr vom Kreuz ab und ihren alten Göttern zu: In Brasilien hat der afrikanisch beeinflußte Macumba-Kult heute fast 20 Millionen Anhänger.

Auf dem "katholischen Kontinent" vom Rio Grande bis nach Feuerland schwindet der Einfluß des römischen Papstes. Eine Kirche, die dem Elend der Massen lange Zeit schweigend zusah, handelte sich die Gleichgültigkeit ihrer Gläubigen ein: Wahrscheinlich weniger als zehn Prozent der etwa 200 Millionen Katholiken Lateinamerikas praktizieren, was die Kirchen predigen.

Dennoch brachte Papst Paul den Lateinamerikanern Rezepte mit, die zwar der traditionellen Lehre der Kirche entsprechen, nicht aber ihre Autorität stärken. Sein vier Wochen alter Bann gegen die Geburtenkontrolle paßt schlecht zur Realität dieses Subkontinents: Lateinamerikas Bevölkerung wächst am schnellsten auf der Welt -- um drei Prozent im Jahr. Die Nahrungsmittelproduktion aber steigt nur um zwei Prozent.

Im Eucharisten-Gastland Kolumbien hat jede Frau zwischen 15 und 54 Jahren im Durchschnitt sechs Kinder. In der Hauptstadt Bogotá -- heute 1,7 Millionen Einwohner -- werden in 15 Jahren schon acht Millionen Kolumbianer Brot und Arbeit suchen.

In diesem Bogotá kursieren Plaketten mit dem päpstlichen Wappen und der Inschrift "Papa no -- Pepa si" (Papst nein -- Pille ja). Man kann die Pille in jeder Apotheke ohne Rezept kaufen -- doch kaum jemand in Bogota weiß, daß es sie gibt.

Tausende von Ärzten und Sozialhelferinnen, die in der staatlichen Gesundheitsfürsorge arbeiten, werden von der amerikanischen Ford Foundation dafür bezahlt, daß sie den Kolumbianern die Pille oder andere Arten der Familienplanung schmackhaft machen. Der fromme Staatspräsident läßt sie gewähren: Er will sein Wirtschafts-Entwicklungs-Programm nicht durch überflutenden Kindersegen gefährden.

Das sonst schmuddelige Zentrum von Bogotá ist aufgeputzt wie zum Karneval. In den Schaufenstern hängen Tausende von Papst-Konterfeis zwischen Nylonwäsche, Schnapsflaschen und imitierten Schrumpfköpfen. Paul-Bilder schmücken die Altäre der -- in Bogotá offiziell verbotenen -- Freudenhäuser. In den Kaufhäusern preisen Lautsprecher "Pilger-Schuhe", "Pilger-Bier" und Pilger-Kleider mit "Soutanen-Look" an.

Doch das große Geschäft und der von der Regierung erhoffte Dollarregen blieben aus. Eine Million Pilger, so hatte die Regierungspresse noch im Frühsommer versprochen, wollten aus aller Welt nach Bogotá eilen.

Mitte letzter Woche waren nur die von den Kongreßdelegierten besetzten Luxushotels ausverkauft, die Vorstadthotels standen zur Hälfte leer, die Gaststätten blieben auf ihren Vorräten sitzen. Dem Pilgerbüro der deutschen katholischen Gemeinde Sankt Michael waren Tausende deutschsprachiger Pilger aus Europa avisiert worden. Doch nur 350 kamen. "Das waren alles lateinamerikanische Zahlen", erläutert Rektor Pater Stehle. "Wir haben nie daran geglaubt."

Die Schuld am träge fließenden Pilgerstrom geben die Regierungsbürokraten der "mala prensa": der schlechten Presse, die Kolumbien im Ausland gehabt hat. Die "Bosheit und Infamie unanständiger Reporter", erregte sich Bogotás größte Zeitung "El Tiempo", sei so weit gegangen, daß ein italienisches Blatt seinem Vorbericht aus Kolumbien den Titel gab: "Der Papst in der Hölle."


DER SPIEGEL 35/1968
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