19.08.1968

ZEITGESCHICHTE / KRUPPHeilige Kuh

Alfried Krupp lebte noch, und sein legendärer Konzern florierte noch, als sich Autor William Manchester vor Ort begab: Im Krupp-eigenen Touring-Hotel, 1000 Meter von der düsteren Villa Hügel entfernt, quartierte sich der Amerikaner ein, um den Mann und die Macht in Augenschein zu nehmen, "für die es in den Vereinigten Staaten keine Parallele gibt".
Schon am ersten Tage begann eine Kette von Vorfällen und Zufällen, die Manchester als mysteriös empfand. Ein Photohändler redete den unbekannten Käufer nach einem geheimnisvollen Telephonat im Hinterzimmer mit "Herr Manchester" an, deutsche Polizeibeamte holten ihn zu einer dreistündigen Vernehmung ab, und sein Hotelzimmer wurde, wie Manchester behauptete, tagtäglich durchsucht -- einmal sogar, während der Amerikaner sich zu einem Mittagsschlaf hingestreckt hatte. Als Manchester vom Geräusch raschelnder Papiere hochgeschreckt wurde, floh eine junge Unbekannte aus seinem Zimmer.
"Wenn sie gehofft hatte, lesbare Aufzeichnungen zu finden", tröstete sich Manchester, "mußte sie enttäuscht sein, denn schon sehr früh in meinem Berufsleben hatte ich begonnen, meine Aufzeichnungen in Geheimschrift anzufertigen."
Stets auf der Hut vor Spionen und Verfolgern, arbeitete sich Manchester durch 20 Zentner photokopierter Dokumente, las 14 000 Seiten Protokoll der Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse, interviewte Dutzende
* Von rechts: Claus (im Krieg gefallen), Gustav und Bertha Krupp von Bohlen und Halbach, Eckbert (im Krieg gefallen), Waldtraut, Harald, Alfried, Berthold und Irmgard.
von Kruppianern und dinierte bei Kerzenlicht im 140-Zimmer-Schloß der Krupps mit dem Schloß- und Konzernherrn selber.
Was Manchester während seiner Recherchen und Gespräche in Kode-Schrift notierte, sollen Millionen Amerikaner, Engländer und Deutsche in diesem Herbst in Klar-Text lesen: die umfangreichste Biographie, die je über das Haus Krupp und seine Herren geschrieben wurde (854 Seiten).
Manchesters Buch ("The Arms of Krupp") erscheint verspätet. Wenige Monate nachdem Präsident Kennedy in Dallas erschossen worden war, hatte der Autor seine Arbeiten am Krupp-Buch unterbrechen müssen: Der Kennedy-Clan trug dem ehemaligen Reporter der "Baltimore Sun", der sich schon zuvor mit einer wohlwollenden Kennedy-Biographie ("Porträt eines Präsidenten") als Anhänger ausgewiesen hatte, die Offerte an, ein Buch über den Tod des Präsidenten zu schreiben. Als Manchester drei Jahre später ein 647-Seiten-Werk vollendete, empfand die "New York Times" das süffig geschriebene Drama von Dallas als "den erregendsten Bericht des Jahrzehnts". Harvard-Historiker Schlesinger lobte: "Ein bedeutendes und eindrucksvolles Buch."
Aber Manchester war auch so weit in die Intimsphäre der Eheleute Kennedy gedrungen, daß es schon beim Vorabdruck des Buches zum Eklat kam. Der Autor erklärte sich schließlich bereit, 1600 Wörter aus Jacqueline Kennedys Intimbereich zu streichen.
Während sein "Tod eines Präsidenten" zum Welt-Bestseller wurde (1,3 Millionen Auflage in zwölf Sprachen, etwa eine Million Dollar Tantieme), nahm er seine Krupp-Recherchen wieder auf und, mehr noch als bei den Kennedys, ließ er diesmal keinen Ziegel auf dem Dach.
Hatte er einst die Schwächen der Kennedys geschildert, so sah er die Krupps als die Bewohner einer Lasterhöhle, beschrieb homoerotische Neigungen des wilhelminischen Kanonen-Königs Fritz Krupp auf Capri, die Senilität des Hitler-Aufrüsters Gustav Krupp" die Ehegewohnheiten des letzten Krupp-Chefs Alfried und die Vorliebe des Alfried-Sohnes Arndt für geselliges Beisammensein mit feinfühligen Männern.
Kein Zweifel, Manchester macht aus seiner Krupp-Phobie keinen Hehl: In gewisser Weise reiche die Entstehungsgeschichte seines Buches 35 Jahre zurück: "Ich wurde hellhörig, als die Nazis an die Macht kamen."
Damals war Manchester elf Jahre alt. Sobald er genug Deutsch gelernt hatte, begann er, die Kurzwellensendungen des deutschen Rundfunks abzuhören. Manchester: "Ich war überzeugt, daß Hitler nur aufzuhalten war, wenn man ihn umbrachte." Weil das US-Marinekorps im Ersten Weltkrieg in Frankreich gegen die Deutschen gekämpft hatte, meldete er sich nach Pearl Harbor zu diesem Truppenteil. Aber Manchester durfte nicht gegen Hitler zu Felde ziehen. Er geriet ("Zu meinem größten Kummer") auf den Kriegsschauplatz im Pazifik. So Ist es verständlich, daß weite Strecken seines Buches mit antideutschen Ressentiments durchwirkt sind.
Gleich in der Einleitung klagt der Chronist den letzten Krupp der profitgierigen Ausbeutung von "Sklaven" an, weil er im Zweiten Weltkrieg 97 952 Zwangsarbeiter, darunter viele Juden aus den Konzentrationslagern, in seinen Betrieben beschäftigte. Manchester zieht daraus den Schluß: "Er unterhielt 138 private KZ-Lager, eines sogar für Kinder."
Seitenlang attackiert Manchester den ehemaligen US-Hochkommissar John McCloy, weil er Alfried Krupp, der in Nürnberg als Kriegsverbrecher zu zwölf Jahren Kerker und Vermögensentzug verurteilt worden war, nach 30 Monaten Haft begnadigte und das Urteil kassierte. Krupp habe diese Milde nicht verdient.
Alfried Krupp sei keineswegs, wie oft behauptet, als Symbolfigur, stellvertretend für seinen schwerkranken und nicht mehr zurechnungsfähigen Vater Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, auf die Anklagebank gesetzt worden. Der Junior habe selbst schwere Schuld auf sich geladen und die Hauptverantwortung für die Konzernpolitik während des Krieges getragen.
Vater Gustav sei schon bei Kriegsausbruch -- wie Goebbels es nannte -- "gaga" gewesen. Sein Leben lang habe er sich als Prinzgemahl der Bertha Krupp wie "eine Parodie preußischer Steifheit" benommen.
"Gustav, der selbst mit bemerkenswerter Gewandtheit und Schnelligkeit aß, meinte, daß Tischgespräche wertlos seien. Leistung war seine Religion. Eines seiner merkwürdigsten Hobbys * Krupp-Hochöfen In Rheinhausen. war das Lesen von Fahrplänen, um Druckfehler zu entdecken. Wenn er einen gefunden hatte, griff er zum Telephon und beschimpfte die Eisenbahn."
In seinen besten Jahren war Gustav Krupp aber keineswegs "gaga", sondern ein kühler Rechner, der selbst nach Versailles noch aus dem verlorenen Ersten Weltkrieg Kapital schlug. Er verlangte von seiner englischen Konkurrenz Vickers 120 Millionen Mark Lizenzgebühren für die Millionen Granaten, die Vickers den Alliierten geliefert hatte. Denn in allen diesen englischen Granaten hatten Zünder nach Krupp-Patent gesteckt.
Der britische Waffengigant, der mit dem ominösesten Merchant of Death, Basil Zaharoff, liiert war, einigte sich mit Krupp, nachdem ein Rechtsstreit schon einen Zipfel des Zusammenspiels der Internationalen Rüstungskonzerne bloßgelegt hatte.
Als Hitler die Macht ergriff, habe sich Gustav Krupp, so Manchester, als "Obernazi" entpuppt, der sich mit dem Goldenen Parteiabzeichen brüstete. Nachdem sein Sohn Claus während des Krieges mit einem Kampfflugzeug abgestürzt war, habe er erklärt: "Mein Sohn hatte die Ehre, für den Führer zu sterben."
Ende 1942 sei der Senior aber so hinfällig gewesen, daß "er gelegentlich in seine Hosen urinierte und es unterließ, sie zu wechseln", so Manchester.
Nach Absprache mit seiner Mutter Bertha ersuchte Alfried den Führer um ein Sondergesetz, das Ihm -- unter Umgebung des deutschen Erbrechts und der Erbschaftssteuer -- den gesamten Konzern wie einen Erbhof übertrug. Hitler genehmigte eine Lex Krupp und gestattete dem neuen Regenten, den Namen Krupp vor dem Adelsprädikat zu führen.
Am 15. November 1943 dankte Gustav offiziell ab. Während der feierlichen Machtübergabe, an der Gene-Admiräle und hohe Parteifunktionäre teilnahmen, saß der Greis, von zwei Wärtern behütet, in der Nähe einer Toilette.
Nachfolger Alfried, förderndes Mitglied der SS und Standartenführer des Nationalsozialistischen Fliegerkorps, wird als introvertierter Traditionshüter geschildert, der auch Im Krieg eine Camel nach der anderen rauchte. Angeblich hatte er sich rechtzeitig einen riesigen Vorrat angelegt.
Mit einer Sondermaschine der Luftwaffe kurvte er laut Manchester über Europa -- stets auf der Jagd nach beschlagnahmten Industriebetrieben. Manchester: "Bevor die Nazi-Flut verebbte, beherrschte Alfried einen wirtschaftlichen Koloß, der sich über zwölf Länder erstreckte, von der Ukraine bis zum Atlantik, von der Nordsee bis zum Mittelmeer ... Hitlers Eroberungen hatten Ihn zum größten Mogul in den Chroniken der Weltwirtschaft gemacht", aber in der Rüstungsproduktion sei er von den Sowjets übertroffen worden.
Der Autor wagt sogar die Hypothese, wenn Krupp souveräner operiert hätte und nicht immer nur nach den Befehlen Hitlers" dann hätte Deutschland den Krieg gewinnen können. Der inferiore Großindustrielle habe sich den Befehlen des Gigantomanen Hitler gebeugt, der Prestige-Waffen wie das Eisenbahngeschütz "Eiserner Gustav" verlangte und die Massenproduktion schlagkräftiger Panzerwagen vernachlässigte.
Nachdem die Feuerwalze ins Rollen gekommen war, geriet das Reich bei Krupp tief in die Kreide. Mit Ordensverleihungen ließ sich der senile Semor zunächst abspeisen. Später wurden die Schulden vorwiegend mit Reichsschatzanweisungen bezahlt; 1942 lag bereits ein Stapel im Nennwert von 200 Millionen Mark bei den Krupp-Banken. Davon konnten bis Kriegsende 162 Millionen Mark Staatswechsel verkauft werden.
Durch das ganze Buch ziehen sich die Greueltaten des Kruppschen Werkschutzes und der SS-Wächter, die rund 100 000 Juden, verschleppte Russen, Polen, Franzosen und Belgier zur Arbeit antrieben. Romanhaft breit berichtet der Amerikaner über den Ausbruch zweier junger tschechischer Jüdinnen, Elisabeth und Ernestine Roth, aus dem Essener Lager Humboldtstraße kurz vor dem Zusammenbruch des Hitler- und "Krupptums".
Rüstungs-Chef Alfried Krupp von Bohlen und Halbach saß bald darauf in Untersuchungshaft. Ein Vernehmungsoffizier fragte ihn: "Sind Sie ein Nazi?"
Krupp: "Ich bin Deutscher."
Krupp sträubte sich zunächst, als er sein Einkommen angeben sollte: "Muß ich das sagen?" Die Amerikaner bestanden darauf. Zögernd antwortete Krupp: "400 000 Mark im Jahr."
Seine Pläne nach Kriegsende umschrieb der Häftling so: "Ich hoffe, die Fabriken wieder aufzubauen und neu produzieren zu können."
Dieser Wunsch, so utopisch er 1945 klang, ging schon nach sechs Jahren in Erfüllung. Am 3. Februar 1951 wurde Alfried Krupp aus dem Kriegsverbrecher-Kerker Landsberg am Lech entlassen. Zehn Jahre später besaß er, so behauptet Manchester, über vier Milliarden Mark Privatvermögen.
In seiner privaten Sphäre blieb der Milliardär jedoch ein freudloser Melancholiker, der unter einem düsteren Ahnenerbe und der Gehorsamspflicht gegenüber einer Schimäre -- der Familientradition -- litt.
Die Familien-Chronik beginnt wie Manchesters Buch mit dem Jahre 1587. Schon im Dreißigjährigen Krieg habe ein Urahn" Weinkaufmann Anton Krupp, jedes Jahr 1000 Kanonen verkauft, übertrieb der Biograph. Es waren nur Gewehre.
Der erste Industrielle dieser alten Händler-Sippe hieß Friedrich Krupp. Er baute 1811 in Essen eine Gußstahlfabrik, deren Produkte nicht befriedigten. Nachdem er bei technischen Experimenten 80 000 Taler eingebüßt hatte, starb er, 39 Jahre alt.
Sein Sohn Alfred übernahm mit 14 Jahren das heruntergewirtschaftete Unternehmen. Er war -- nach seinen eigenen Worten -- "Prokurist, Korrespondent, Kassierer, Schmied, Schmelzer, Nachtwächter beim Zementofen und sonst noch viel dergleichen mehr". Sein Aufstieg begann mit der Herstellung der ersten Geschütze aus Gußstahl.
Der erste Großauftrag -- 300 Kanonen -- kam 1859 von Preußen. Gleichwohl rüstete der Waffenschmied auch die russische, englische, spanische und österreichische Armee mit treffsicheren Geschützen aus. Das Essener Werk wuchs in einem Tempo, das den anderen Stahlkochern im Ruhrgebiet den Atem verschlug. Für "den Krieg 1870/71 konstruierte Krupp die erste Flak -- Steilfeuergeschütze, mit denen die preußische Artillerie französische Fesselballons über Paris abschoß.
Auf "Alfred den Großen" folgte sein sensibler Sohn Friedrich Alfred, genannt Fritz. In seiner Jugend ständig von Asthma geplagt, mußte er in einem Raum über den Pferdeställen schlafen, in den die Ammoniakdämpfe der Roßäpfel geleitet wurden. Sie sollten nach einem Doktor-Eisenbart-Rezept die Atemnot lindern.
Strenge Erziehung und wilhelminischen Zeitgeist trugen dazu bei, daß aus dem schwächlichen Knaben später ein erfinderischer Homoerotiker wurde. Seinen Neigungen gab er sich vor allem auf Capri hin. Seine Spielgefährten waren junge Fischer, die er in eine Grotte -- "Eremitage Fra felice" -- einlud. Er zog ihnen Franziskaner-Mönchskutten an und belohnte sie großzügig, wenn sie sich ihm ergaben. 1902 gerieten sich zwei seiner Lieblinge voller Eifersucht in die Haare. Nachdem der Unterlegene seinen Rivalen bei der Polizei angeschwärzt hatte, begann eine peinliche Untersuchung.
Manchester behauptet, die Regierung Viktor Emanuels 11. habe den deutschen Kanonenkönig aufgefordert, da"s italienische Territorium zu verlassen und niemals zurückzukehren. Das entspricht nicht der historischen Wahrheit, aber italienische Zeitungen und der sozialdemokratische deutsche "Vorwärts" deckten das Privatleben des Gastes brutal auf, der sich rühmen konnte, ein Freund Wilhelms II. zu sein.
Schließlich kam auch heraus, daß Krupp dem Chef des Berliner Feudalhotels Bristol, Kommerzienrat Conrad Uhl, junge Italiener geschickt hatte, die der Hotelier zum Schein als Kellner einstellen mußte. Den Lohn zahlte Fritz Krupp. Dafür verlangte der hohe Bristol-Stammgast aber, daß seine Favoriten nach einem genau festgelegten Plan verpflegt wurden und mindestens einmal in der Woche ein Bad nahmen.
"Die Begeisterung der wilhelminischen Kultur für das Männliche züchtete eine Generation von Perversen", urteilt Manchester. Mit spießerhaftem Behagen verweilt er bei dem Thema, denn: "Im Ausland wurde gleichgeschlechtlicher Verkehr delikaterweise als "Das deutsche Laster' bezeichnet. Die männlichsten Männer schrieben einander überschwengliche Briefe."
"Unter den erfahrensten Praktikern des analen und oralen Sex waren drei Grafen, alle Adjutanten des Kaisers -- der Privatsekretär der Kaiserin, der Oberkammerherr und der engste Freund des Allerhöchsten, Philipp Fürst zu Eulenburg und Hertefeld ...
"Der König von Württemberg machte Liebe mit einem Mechaniker, der König von Bayern mit einem Kutscher und der Erzherzog Ludwig Viktor, Bruder des österreichischen Kaisers Franz Joseph, mit einem Wiener Masseur, der ihm den reizvollen Kosenamen Luzi-Wuzi gab."
Ebenso detailliert widmet sich Manchester auch der Intimsphäre seiner Hauptfigur. Alfried Krupp war nie sehr glücklich; seine Liebesehe mit der Hamburger Kaufmannstochter Anneliese Bahr scheiterte vor dem Kriege an den Vorurteilen seiner Mutter, Bertha Krupp, die der Schwiegertochter nie die Hand reichte, weil die Hainburgerin eine geschiedene Frau war.
Nach der Haftentlassung heiratete Alfred Krupp die schon dreimal geschiedene Deutschamerikanerin Vera Hossenfeldt alias von Langer, Wysbar und Knauer. Oft allein und ungetröstet, verließ die lebenshungrige Globetrotterin 1956 Krupp und die Villa Hügel, weil er "die ehelichen Pflichten versäumt und ihr die Mutterschaft verweigert" habe.
Väterliche Zuneigung empfand Alfried Krupp zwar zu seinem einzigen Sohn Arndt, aber der Sproß aus der ersten zerbrochenen Ehe rebellierte gegen die Diktatur der Familientradition und fand Gefallen daran, "Spielgefährte der westlichen Welt" zu sein. Er pendelte zwischen seiner brasilianischen Ranch ("achtmal so groß wie Capri") und den Paradiesen des Jet-Set.
Seine Partys sind extravagant. Manchester berichtet, daß einmal homosexuelle Modezeichner aus ganz Deutschland und eine Gruppe aus London "daran teilnahmen.
An seinem 28. Geburtstag habe der Krupp-Kronprinz die größte Geburtstagsparty Nachkriegs-Deutschlands veranstaltet: "Kaviar wurde in Kilobüchsen serviert -- wie in einem Hollywood-Film, in dem russische Großfürsten zu Tische sitzen. Das Reich hat seit dem 50. Geburtstag des Führers so etwas nicht mehr erlebt."
Manchester: "Arndt F. A. von Bohlen und Halbach war an der Spitze der Snobiety. Geschützt von einer verstehenden Mutter, gestützt auf vier Milliarden Mark, Besitzer eines eigenen Flugzeugs, das leicht seinen "maßgefertigten' Rolls-Royce im Gepäckraum aufnehmen könnte, und Inhaber von Urkunden über Häuser in Brasilien, Deutschland, Frankreich und im Libanon, schien er vor der Presse viel sicherer zu sein, als Fritz Krupp es seinerzeit gewesen war. Aber der Pfau in ihm wollte sich nicht zähmen lassen."
Je tiefer der Autor in die letzten Phasen des Krupp-Regimes eindrang, desto stärker kamen seine Krupp-Phobie und sein antideutsches Trauma zum Durchbruch.
Er nennt Alfried Krupp den mächtigsten Mann der EWG und zählt ihn neben dem amerikanischen Ölmagnaten J. Paul Getty und dem Nisam von Hayderabad zu den reichsten Männern der Welt. Manchester: "Krupps Kapitalanlagen waren so international, daß er einen Pfahl in jeder ausländischen Volkswirtschaft hatte," Tatsächlich aber baute Alfried Krupp seine zu 72 Prozent ausgebombten oder demontierten Betriebe vorwiegend mit Krediten und reinvestierten Gewinnen wieder auf. Wie hoch er sich dabei verschuldete, zeigte sich erst 1987.
Unsinnig ist auch Manchesters Behauptung, Krupp sei mit etwas über
* Bertha und Alfried Krupp als "Gräfin Helfenstein und Sohn" bei der Probe eines Festspiels zum 100jährigen Firmenjubiläum; Gustav Krupp von Bohlen und Halbach als Rittmeister d. R. im Leibgarde-Husarenregiment Potsdam.
fünf Milliarden Mark Umsatz "eine der zwölf größten Firmen der Welt". Auf der internationalen Weitrangliste stand der Essener Konzern 1966 erst an 74., In Europa erst an 18. Stelle. Heute liegt er noch tiefer im mittleren Feld.
Von exakten statistischen Daten scheint Manchester nicht viel zu halten. Er schreibt, Zahlen seien wie Plastik und würden häufig zurechtgebogen, Er nimmt es aber auch mit den Fakten nicht sehr genau und behauptet zum Beispiel:
Als die EWG gegründet wurde, "waren die deutschen Schlotbarone dazu bestimmt, die Wirtschaftsgemeinschaft zu beherrschen, Keiner von ihnen nahm die französischen Ansprüche ernst.,. Krupp und seine Satelliten-Schlotbarone produzierten die Hälfte der Kohle, die von den sechs EWG-Ländern benötigt wird".
Dabei war Krupp. Anteil an der Kohlenproduktion der Montan-Union bescheiden. Seine Kumpel hackten jährlich nur etwa 5,5 Millionen Tonnen Steinkohle los (Gesamtförderung an der Ruhr 120 Millionen Tonnen), die vorwiegend der Selbstversorgung seiner Betriebe dienten. Seine Zechen förderten kaum mehr Brennstoff als die" französische De-Wendel-Gruppe an der Ruhr.
Manchester behauptet sogar, die Essener Zentrale sei in der EWG so mächtig, daß sie "theoretisch von jeweils vier Schiffen, die Rotterdam anlaufen oder verlassen, drei stoppen könnte" -- wie und warum, bleibt des Autors Geheimnis.
Er vermerkt zwar, daß der letzte Essener Konzernchef sich 1951 geschworen habe, keine Waffen mehr herzustellen, aber durch eine Hintertür sei Krupp jetzt sogar in das Atom- und Raketengeschäft eingedrungen: "Irgendwo in Norddeutschland, nicht weit von Meppen, bauten seine Wissen-
* Als Hobbykoch beim Barbecue.
schaftler seine erste dreistöckige Rakete ... "
Dann berichtet Manchester von seinem Besuch "der ersten Krupp-Atomstation" in Jülich. Nachdem er "die strengen Kontrollen der Sicherheitszentrale passiert hatte, sah er "einen Reaktor, der das vertraute Firmenzeichen, die drei Ringe, trägt ... Herr Krupp mit seiner umfassenden Ingenieurausbildung schien von dem Projekt magnetisiert zu sein". Diese angeblich so geheimnisvolle Atomanlage ist schlicht eine Gemeinschaftsgründung des schweizerischen Elektrokonzerne Brown, Boveri & Co. und des Krupp-Konzerns.
Zusammen mit Euratom und der staatlichen Kernforschungsanlage erarbeitet die Brown, Boveri/Krupp Reaktorbau GmbH die wissenschaftlichen Grundlagen für einen neuen Reaktortyp (Kugelhaufen-Thorium-Hochtemperaturreaktor). Der Bau des Prototyps, über den schon viel geschrieben wurde, entbehrt jeder Geheimniskrämerei und steht an der Spitze des dritten deutschen Atomprogramms 1968/72.
Fehler häufen sich vor allem In den Kapiteln, die den Niedergang der Weltmacht Krupp erklären sollen. In grober Vereinfachung wirft Manchester alle schweren Nachkriegspleiten mit der Krupp-Krise in einen Topf: "Als sich die Rezession (1966/67) vertiefte, wurde des Geld knapper. Die Bayerischen Motoren Werke, Borgward, Hugo Stinnes und die großen Henschel-Lokomotiv-Werke in Kassel folgten Willy Schlieker in die Vergessenheit (oblivion)."
Willy H. Schlieker aber ging bereits 1962 mit seinem Industriekonzern in Konkurs, Henschel war sogar schon 1957 -- also zehn Jahre vor der Krupp-Krise -- in Schwierigkeiten geraten und wurde dann saniert. Borgward hatte 1961 Pleite gemacht; Hugo Stinnes mußte seinen Konzern 1968 liquidieren (damals übernahm Krupp mehrere Stinnes-Betriebe).
Die Bayerischen Motoren Werke AG sind nicht nur nicht in die "Vergessenheit" entschwunden; im Gegenteil: BMW konnte seine neuen Modelle so gut verkaufen, daß der Umsatz (1967: 955 Millionen Mark) um 34 Prozent stieg.
Gleich hinter diesem Schnitzer schildert Manchester, daß im November 1966 das Gewitter über dem Konzern heraufbraute: "Zu spät nahm Krupp Einschränkungen vor. Im Jahr zuvor, während des eiskalten Winters (1965/ 68), hatte Zentraleuropa unter außerordentlicher Kälte zu leiden, so daß jede Tonne Kohle hochbegehrt war. Aber nun war das Wetter für die Jahreszeit ungewöhnlich mild. 40 Prozent der Kohleförderung blieben liegen."
Der Winter 1965/66 war tatsächlich streng, aber dennoch wuchsen gerade in dieser Zeit die Halden unverkaufter Steinkohle in der Bundesrepublik höher als je zuvor: im Jahre 1965 von 10,209 Millionen Tonnen auf 17,747 Millionen Tonnen; während des harten Winters bis Ende 1966 sogar auf 22,889 Millionen Tonnen, denn während dieser Zeit drängten die amerikanischen Ölkonzerne stärker als je zuvor mit Heizöl auf den deutschen Markt. Mit Kampfpreisen wurde der Verbrauch gesteigert -- von Anfang 1965 bis Ende 1966 um 30,3 Prozent -, während sich der Kohleverbrauch um 16,7 Prozent verringerte.
Weiter fabuliert der Autor: Da Krupp angeblich noch Erbschaftssteuer für seinen Sohn Arndt aus den laufenden Einkünften habe zahlen müssen, sei er vom Fiskus hart geschröpft worden. Früher habe sich "die Dynastie" unter Berufung auf das preußische Landrecht von 1794 sowie auf Wilhelms II. und Hitlers Lex Krupp der Erbschafts- und Schenkungssteuer entziehen können, aber "jetzt hoben die Richter die Entscheidungen ihrer Vorgänger auf, jetzt war diese Immunität erloschen. Und jetzt eskalierte die Katastrophe".
Einige Seiten später schreibt Manchester selbst, daß Alfried Krupps Sohn Arndt auf sein Erbrecht verzichtete. Warum die Familienfirma dennoch Erbschaftssteuer zahlen sollte, bleibt unverständlich.
Als Hauptschuldigen am Niedergang des verteufelten Konzerns bezeichnet Manchester schließlich den Mann, den Alfried Krupp in seiner melancholischen Verklemmung an die Spitze des ganzen Unternehmens stellte -- den ehemaligen Generalbevollmächtigten Berthold Beitz. Der selbstherrliche Starmanager wird als "hoffnungsloser Angehöriger der unteren Klasse" charakterisiert; seine Personalpolitik sei dubios gewesen: "Unverhohlen bevorzugte Beitz die Gesellschaft draufgängerischer, serviler Emporkömmlinge: "Das sind meine Boys.'" Er prahlte damit, daß er Krupp in das 20. Jahrhundert einführe.
"Die Schwägerinnen seines Arbeitgebers reagierten darauf mit der sarkastischen Bemerkung: "Herr Beitz hat Ellbogen aus Stahl -- mit Spitzen aus Wolfram."
Für Alfrieds Geschwister sei der ehemalige pommersche Feldwebel Luft gewesen; "Berthold und Harald erklärten ihrem Bruder, sie bezweifelten, ob Beitz ernst zu nehmen sei ... Gesellschaftlich sei der Mann ein Klotz und geschäftlich ein Visionär."
Diese Kritik bezieht sich vor allem auf seinen Drang nach Osten: "In Polen, Rumänien, in Bulgarien, in Ungarn, in Albanien, in der Tschechoslowakei und selbst in Rußland bauten dieselben Kruppianer, die Anfang der vierziger Jahre hinter der Wehrmacht hergezogen waren, Ölraffinerien, Gießereien und Textilfabriken ..."
"Beitz bot den Ostblockländern vorteilhafte Konditionen. Er räumte den Kommunisten 15-Jahres-Kredite zu nur 4,5 Prozent Zinsen ein, Um mit neuen kommunistischen Kunden ins Geschäft zu kommen, drückte Beitz seine Preise um 20 bis 40 Prozent. Er wickelte nun jährlich Ostgeschäfte in Höhe von 800 Millionen Mark ab, und sie brachten ständig Verluste ..." Nach den Geschäftsberichten des Essener Konzern. betrug der Ostumsatz jedoch nur rund 100 Millionen Mark pro Jahr.
Den Kern des Krupp-Debakels -- die Strukturkrise des Ruhrreviers, das seine Rolle als Hauptproduzent der mitteleuropäischen Grundstoffindustrie ausgespielt hat -- läßt Manchester unberührt. Für ihn ist das Ruhrgebiet immer noch die Hochburg der teutonischen Macht, die sich dort zwischen den Wäldern "wie eine gigantische Wolfsgestalt aus germanischer Vorzeit" zusammenballt.
Als der Konzernherr trotz der Strukturkrise noch mehrere hundert Millionen Mark in Zechen und Stahlwerke steckte, schadete das der Konzernbilanz mehr als Schulden des Ostblocks. Viel größer sind außerdem die Außenstände der Entwicklungsländer.
Die allgemeine Ruhr-Misere führte schließlich dazu, daß Krupp. Banken, bei denen der Konzern mit 2,5 Milliarden Mark in der Kreide stand, die Bundesregierung zu Hilfe riefen. Um den Arbeitern die Werkplätze zu erhalten, verbürgte diese neue Kredite, allerdings unter der Voraussetzung, daß Krupp sein Vermögen opferte. Fünf Monate später starb der Konzernherr.
Am 29. November 1967 übernahm die gemeinnützige "Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Stiftung" alle Werte des Hauses Krupp und übereignete sie in diesem Jahr der neugegründeten Kapitalgesellschaft Fried. Krupp GmbH. Die jetzt von den Gläubiger-Banken beherrschte Gesellschaft besitzt nur noch 500 Millionen Mark Stammkapital und ging mit so großem Verlust in die neue Ara, daß sie mindestens vier Jahre lang keine Steuern zahlen kann. Gleichwohl behauptet Manchester beharrlich: "Privat blieb Alfried Krupp ein Milliardär."
Nur Krupps einziger Sohn Arndt zieht relativ hohen Nutzen aus der Neuordnung. Ihm muß die neue Gesellschaft für seinen Erbverzicht jährlich zwei Millionen Mark Apanage zahlen. Dieses Finale war dem amerikanischen Schriftsteller aber wohl zu nüchtern; er entwirft zum Schluß noch ein buntes Sittengemälde der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Hauptfiguren, sind alte Nazis und leitende Angestellte, die sich nach zotigen Herrenabenden mit den Prostituierten von Krupptown vergnügen.
Immer wieder bemüht er die teutonische Kulisse, vor der hochbusige Walküren, Pickelhauben, preußischer Militarismus, germanische Hybris und bestahlhelmte ("steelhelmeted") Übermenschen paradieren. So schließt denn auch das dublettenreiche Buch mit einem Rückblick in die germanische Vorgeschichte der Ruhrlandschaft. Dort war nach Manchester. Anthropologie die Wiege der "primitiven Arier", die andere Völker zwischen Rhein und Pyrenäen überfielen.
Manchester, letzte Erkenntnis ist fundamental und falsch: "Auch heute noch ist Deutschland zu über einem Drittel mit Wald bedeckt," (In Wirklichkeit sind es nur 28,5 Prozent.)
Der Kindler Verlag in München, der das -- durchaus flott geschriebene -- Buch in der Bundesrepublik herausbringt, will nach den Worten des zuständigen Lektors versuchen, durch geschickte Bearbeitung "das Beste daraus zu machen". Deshalb wird das Buch in Westdeutschland nicht wie geplant im September, sondern frühestens im November herauskommen,
Der Autor behauptet allerdings, in der Bundesrepublik sei bereits eine Kampagne gegen ihn gestartet worden; die Krupp-Familie wolle das Sündenregister unterdrücken. Wenn sie Gelegenheit hatte, sich den englischen Text zu beschaffen, wäre ein solcher Versuch verständlich, denn in so scharfer und unsachlicher Form wie in der Manchester-Chronik ist sie seit dem Capri-Skandal von 1902 nicht mehr angegriffen worden.
Als bösartigstes Krupp-Buch galt bisher die Biographie "Krupp -- Deutschlands Kanonenkönige" von Bernhard Menne. Der ehemalige Ruhrgebiets-Journalist (heute Chefredakteur der Springer- Wochenzeitung "Welt am Sonntag") hatte es 1936 während der Emigration in Prag geschrieben. 1948 diente es dem Nürnberger Militärtribunal als "basic information". Als die größte Essener Buchhandlung 1950 die Restauflage aus der Schweiz importierte, war der Lagerbestand schlagartig aufgekauft.
Obwohl Manchester in Amerika auf einen neuen Bestseller-Erfolg bauen kann, verdrießt ihn, daß bisher keine deutsche Massen-Illustrierte seine Abrechnung mit den Krupps und den Krupp-Deutschen zum Vorabdruck erworben hat, Dafür gibt es nach Manchesters Meinung nur die Erklärung: "In Deutschland ist diese Kuh zu heilig."
* Mit Gina Lollobrigida auf dem Jahrhundertball in Monte Carlo.

DER SPIEGEL 34/1968
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