19.08.1968

BIAFRA / VÖLKERMORDNur beten

(siehe Titelbild*) Einen Völkermord kann man erst beweisen, wenn er vollbracht ist. Biafra-Staatschef Ojukwu
Der Beweis ist beinahe erbracht. Zu Wasser, zu Lande, in der Luft blockiert, sterben in Biafra, der abtrünnigen Ibo-Provinz im Osten Nigerias, Stunde um Stunde 250, Tag um Tag 6000 Menschen den Hungertod, ist bei zwei Millionen Biafranern die chronische Unterernährung schon so weit fortgeschritten, daß keine Rettung mehr möglich scheint.
Anfang nächsten Jahres wird es, wenn die Hungerblockade andauert, in Biafra keine Kinder unter 15 Jahren mehr geben. "Genozid", so schrieb
* Biafra-Rekruten bei der Musterung.
** Vor der sowjetischen Militärmission. der Pariser "Monde", "ein oft mißbrauchter Begriff, hier ist er am Platz."
Ein ganzes Volk, mit 14 Millionen Menschen das sechstgrößte Afrikas, wurde zum Tode verurteilt -- und das Urteil wird vor den Augen der Welt vollstreckt. Erstmals wird ein Völkermord im Fernsehen gezeigt, wird die ganze Welt durch Filme, Photos und Berichte aus Biafra zum Zeugen des Genozids.
Bilder von Skelett-Kindern mit aufgedunsenen Bäuchen, rötlich verfärbtem Kraushaar und leblosen Augen, "Bilder, schlimmer als aus Belsen" -- so die Londoner "Times" -- haben die Welt wachgerüttelt. Menschen, die Biafra vor wenigen Monaten noch für ein neues Waschmittel hielten, spenden und demonstrieren für die Ibo-Republik, einige riskieren sogar ihr Leben.
Noch nie haben Hilfsappelle ein solches Echo gefunden. Ein Häftling der britischen Strafanstalt Dartmoor, der fürs Tütenkleben wöchentlich sechs Shilling erhält, spendete 20 Shilling für Biafras hungernde Kinder. Gunter Sachs spielte auf "Sylt Wohltätigkeits-Fußball für Biafra.
Sammy Davis jr. gab im Londoner Playboy Club ein Wohltätigkeitskonzert -- und auch die Club-Häschen opferten eine Tagesgage für die leidenden Afrikaner.
Ein Londoner Rentner vermachte seine Lebens-Ersparnisse von 4000 Mark der Biafra-Hilfe. Im Schweizer Snob-Kurort Gstaad setzte ein Hotelier seinen Gästen Würstchen statt Steaks vor und überwies die Differenz -- 4656 Franken -- der Biafra-Hilfe. In Deutschlands Kasernen spendeten die Soldaten; die Bundeswehr bot 20 Lastwagen und zehn "Noratlas"-Flugzeuge für den Transport der Hilfsgüter an.
In Hamburg und Bonn marschierten am letzten Wochenende Tausende für eine Anerkennung der schwarzen Spalter-Republik. In Hunderten von Briefen an die Britenbotschaft in Bonn beschimpften Deutsche die Engländer -- die Nigerias Bundesregierung mit Waffen gegen Biafra versorgen -- als "Mordgesellen" und "Schweine, schlimmer als die Nazis".
Priester und Ärzte aus ganz Europa fliegen unter Flak-Beschuß der Nigerianer ins blockierte Ibo-Land. Ludwig Lillig, Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. forderte gar den Papst auf, er solle selbst nach Biafra gehen: "Verhüten Sie, daß man wiederum einem Stellvertreter Christi vorwirft ..., daß er nicht alles versucht hat, um Menschen vor dem sicheren Tode zu retten.
Schwedens Flieger-Veteran Carl Gustaf Graf von Rosen durchbrach vergangene Woche mit einer DC-7 zweimal in halsbrecherischem Tiefflug die nigerianische Flak-Sperre an Biafras Küste, um 14 Tonnen Lebensmittel ins Hunger-Land zu bringen. Ex-Fremdenlegionär Major Rudolf Steiner aus Deutschland, der hoher Entlöhnung wegen als Söldner nach Ostnigeria gekommen war, ficht seit Januar ohne Sold.
Jedoch -- obwohl so viele helfen, droht die Gefahr, "daß Auschwitz und Buchenwald hinter der ungeheuerlichen Menschenvernichtung in Biafra verblassen" (so der evangelische. Pfarrer Kühl, Biafra-Helfer in Lissabon).
Denn so leidenschaftlich sich die Bürger vieler Staaten für ein vom Tod bedrohtes Volk einsetzen, so unterkühlt reagierten bisher Regierungen und internationale Organisationen auf den Völkermord in Afrika.
Die Tragödie am Niger spielt sich fern von jenen Stätten ab, an denen die beiden Weltmächte unmittelbar interessiert sind. Nachkoloniale Einflüsse, kapitalistische und kommunistische Intentionen, religiöse und nationalistische Anliegen, Lücken des Völkerrechts und diplomatische Rücksichten haben sich im nigerianischen Bürgerkrieg zu einem Knäuel verfilzt, das von außen unentwirrbar scheint.
Für die nigerianische Bundesregierung streitet eine unheilige Allianz. Ägyptische Piloten lenken sowjetische "Iljuschin"-Bomber, britische Majore kommandieren nigerianische Mannschaften an Geschützen made in England. Doch der Weltgendarm Amerika -- in Europa, Asien und Südamerika überengagiert blieb so abseits wie die unterengagierte Uno.
Die Weltorganisation ließ Biafras Hilfe-Appelle bisher ohne Antwort. Denn der Bürgerkrieg in Afrika ist für die U-Thant-Mannschaft ein "inneres Problem" Nigerias -- in das die Vereinten Nationen aufgrund ihrer Statuten nicht eingreifen können.
Nicht immer legen die Uno-Diplomaten ihre Rechte so sparsam aus. Die Vollversammlung der Vereinten Nationen debattiert stets über die Apartheid in Südafrika und die Verletzung von Menschenrechten in Diktaturen, sie verurteilte die Niederwerfung des Volksaufstandes in Ungarn, intervenierte mit Soldaten Im zypriotischen Bürgerkrieg und schickte eine 18 000-Mann-Armee an den Kongo.
In den letzten Wochen debattierte der Weltsicherheitsrat in New York viele Stunden lang über ein paar Dutzend Tote bei Scharmützeln an Israels Grenzen. Aber zu den mindestens 300 000 Toten und den Millionen Todgeweihten in Biafra wußten die Diplomaten der Weltorganisation bisher nichts zu sagen -- obwohl es legale Möglichkeiten für ein Eingreifen gibt.
Denn was in Biafra geschieht, hat die Uno selbst als strafrechtlichen Tatbestand deklariert. Der Völkermord der Nazis an den Juden veranlaßte die Weltorganisation 1946, Genozid zum internationalen Verbrechen zu erklären. Zwei Jahre später verpflichteten sich alle Uno-Mitglieder, Völkermord unter Strafe zu stellen.
In der Praxis freilich ist der Uno-Beschluß gegen Völkermord nach Ansicht des deutschen Völkerrechtlers Georg Dahm "ein Hieb in die Luft". Denn noch gibt es kein internationales Gericht, das einen Völkermörder zur Verantwortung ziehen könnte. Noch sind laut Uno-Beschluß für das Delikt die nationalen Gerichte jener Staaten zuständig, in denen es passiert. Über den Völkermord-Vorwurf gegen Nigeria hätte demnach ein nigerianisches Gericht zu rechten.
Die Dritte Welt der farbigen Völker, in den Vereinten Nationen der größte geschlossene Block und stets leidenschaftlich, wenn es gegen Untaten von Weißen geht, verfolgt das Massenmorden zwischen Schwarzen nur mit verhaltener Anteilnahme.
Denn in den Savannen und Regenwäldern Nigerias finden sich alle Probleme Afrikas wieder. Englands frühere Muster-Kolonie, die auch als souveräner Staat zum Muster werden sollte, sank schon nach wenig mehr als einem halben Jahrzehnt Unabhängigkeit in die politische Katastrophe.
Den Keim legten die britischen Kolonialherren, als sie ihre Niger-Besitzungen 1914 zum künstlichen Einheitsgebilde "Kolonie und Protektorat Nigeria" zusammenfügten. In der Reißbrett-Kolonie lebten 250 verschiedene Stämme mit verschiedenen Dialekten, Religionen, Lebensgewohnheiten und Gesellschaftsformen.
"Die nigerianische Einheit", stellte Nigerias erster Premier, Sir Abubakar Tafawa Balewa fest, "ist nur ein britischer Wunschtraum."
Balewa selbst stammte aus dem mohammedanischen Norden Nigerias, wo fast drei Fünftel der Bevölkerung des Landes in den beiden Hauptstämmen Haussa und Fulani leben. Im küstennahen Süden siedelten die Yorubas mit hoher kultureller Tradition und die Edos, deren Königreich Benin der älteste Staat auf nigerianischem Boden war, im Osten die Ibos, die sich zwar niemals über die Dorfgemeinschaften hinaus organisiert hatten, aber zu den gelehrigsten Schülern der Kolonialherren und der Missionare wurden.
Sie überrundeten Yorubas und Haussas, und bald begann sich Im Osten eine Art nigerianischer Nationalismus zu regen.
Sein Verkünder war Nnamdi ("Zik") Azikiwe, ein Missionsschüler, der ein Jahrzehnt lang an amerikanischen Universitäten studiert und gelehrt hatte. 1944 gründete Heimkehrer Azikiwe Nigerias erste politische Partei, das "National Council of Nigeria and the Cameroons" (NCNC).
Die Partei sollte ein Sammelbecken der Nation werden. Aber mochten Häuptlinge und Emire anderer Stämme "Zik" auch als überragende Persönlichkeit akzeptieren -- in seiner Partei sahen sie nur den Versuch, über ganz Nigeria die Herrschaft der Ibos zu etablieren.
Yorubas und Haussas rüsteten zur Ibo-Abwehr. Sie gründeten eigene Parteien, die vor allem Stoßtrupps der jeweiligen Stammesinteressen waren.
Für die Yorubas hob der Jurist Obafemi Awolowo die "Action Group" (AG) aus der Taufe, für die mächtigen Haussas schuf der Sardauna (Feldmarschall) von Sokoto, Alhaji Ahmadu Bello, den "Northern People's Congress" (NPC).
Zwar standen bei den Parlamentswahlen von 1959 (im Jahr vor Nigerias Unabhängigkeit) die Namen von politischen Parteien auf den Wahlzetteln, aber AG, NCNC und NPC waren letztlich nur Synonyme für die drei größten Stämme des Landes.
Und genau nach der Bedeutung ihrer Stammesanhängerschaft gestaffelt, schnitten die Parteien bei den Wahlen ab: Die Haussas siegten vor Ibos und Yorubas.
Immerhin begannen Nigerias Parteien nach demokratischen Regeln zu regieren. Der Haussa-NPC und der Ibo-NCNC schlossen sich nach den Wahlen von 1959 in Lagos zu einer Koalition zusammen, die Yoruba-AG ging in die Opposition.
Als das Land am 1. Oktober 1960 von den Briten in die Unabhängigkeit entlassen wurde, hatte es eine demokratisch gewählte Regierung und überdies 20 000 Absolventen. britischer Hochschulen, 37 000- geschulte Beamte, 800 einheimische Arzte, über 600 Rechtsanwälte und Hunderte in England gedrillte Offiziere.
Afrikas volkreichster Staat, so schien es, war für die Selbständigkeit besser gerüstet als jede andere Kolonie auf dem Schwarzen Kontinent. Nigeria, so hofften die Koloniallehrer -- und ihre farbigen Schüler --, würde zum Musterstaat des Erdteils werden.
Aber schon nach zwei Jahren wurde der Reißbrett-Staat vom Stammesneid erschüttert. Die Yorubas fanden wenig -Gefallen an der Opposition. Sie wollten auch an der Schüssel sitzen, an der Ämterpatronage der beiden Regierungsparteien teilhaben, die ihren Stammesbrüdern alle lukrativen Posten zuschanzten.
Die "Action Group" brach auseinander. Yoruba-Häuptling Akintola gründete eine eigene Partei, die "United People's Party" (UPP), deren erklärtes Ziel baldige Teilnahme an der Regierung war.
Offen brachen die Stammes-Zwistigkeiten mit der Volkszählung von 1962 aus, die Grundlage für die Mandatsverteilung im neuen Parlament werden sollte. Für den Zensus verbündeten sich Ibos und Yorubas zu einer Zahlen-Allianz gegen die Haussa-Übermacht.
Im Süden entdeckten Volks-Zähler täglich neue, bislang angeblich unbekannte Dörfer. Die Süd-Bevölkerung wuchs auf dem Papier in schwindelnde Höhen, bis die Regierung den Zensus für ungültig erklärte und eine neue Zählung anordnete.
Sie kam 1963. Diesmal addierten auch die Haussas emsig -- die Machtverhältnisse blieben, wie sie waren. Und bei den Wahlen von 1964 manövrierten die Haussas ihren bisherigen Koalitionspartner mit beispiellosem Wahlterror aus.
Ibo-Kandidaten wurden als Landstreicher verhaftet oder ermordet, bestenfalls verweigerten Haussa-Beamte den gegnerischen Wahlwerbern die Genehmigung für Versammlungen.
Die Ibos riefen daraufhin ihre Anhänger zum Wahlboykott. Am Wahltag blieben die Abstimmungslokale in der Bundeshauptstadt Lagos und in Ostnigeria geschlossen. Im Norden und Westen aber wurde gewählt, und allein im Norden sicherten sich die Haussas mit 162 Sitzen, die absolute Parlamentsmehrheit. Vergebens fochten die Ibos die Wahl an; schließlich stimmten sie Nachwahlen in Lagos und Im Osten zu, erreichten aber nur die Hälfte der Haussa-Sitze.
Über Regionalwahlen In Westnigeria hofften sie, zumindest im Senat zu dominieren. Aber Terror und Fälschungen waren schlimmer als je zuvor, Ibo-Feind Akintola machte sich wieder zum West-Premier, das Yotuba-Land verfiel der Anarchie.
Ibo-Infiltranten und Yoruba-Rebellen massakrierten Tausende von Akintola-Parteigängern. Gewalttaten, Steuerstreiks und Fraktionsfehden verwandelten die Yoruba-Gebiete in Nigerias Wilden Westen.
Medizinmänner wie Minister prophezeiten bösen Zauber für Nigeria; bald, so unkten sie, werde "etwas passieren
Es passierte am 15. Januar 1966. Dem Beispiel vieler anderer früherer Kolonien folgend, beschlossen Nigerias Offiziere, im zerrütteten Haus für Ordnung zu sorgen. Ein Militärputsch brachte den General Aguyi-Ironsi an die Macht.
Ironsi war Ibo und umgab sich ausschließlich mit Ibo-Beratern. "Was die erste wahrhaft nigerianische Regierung werden sollte", erläuterte der britische Afrika-Experte Walter Schwarz, "degenerierte zur Herrschaft einer Ibo-Clique, die keinerlei Kontakt mit den anderen Teilen des Landes hatte."
Vier Monate nach dem Putsch ging Ironsi daran, die bisherige Föderation Nigeria abzuschaffen. per Viel-Stämme-Staat sollte zur Einheitsnation mit straffer Zentralregierung umgewandelt werden. Für die bis zum Januar-Putsch dominierenden Nord-Moslems war dieser Plan der letzte Beweis einer Ibo-Verschwörung zur Übernahme ganz Nigerias.
Im Haussa-Territorium begann ein Pogrom gegen Ibos, die sich noch unter britischer Herrschaft als Beamte, Offiziere, Lehrer und Handwerker über ganz Nigeria verbreitet hatten.
Aufgehetzt von ihren Imams, "den Koran an die Küste zu tragen", massakrierten Haussa-Muselmanen die überwiegend christliche Ibo-Elite. Am 29. Juli fiel auch Ober-Ibo Ironsi einer Rebellion von Haussa-Offizieren zum Opfer. Nach zwölf Stunden Meuterei gab es außerhalb Ostnigerias keinen lebenden Ibo mehr in den Kasernen.
Und einem neuen Massenpogrom im Norden fielen 30 000 Ibo-Zivilisten zum Opfer. Zwei Millionen in Nord- und Westnigeria verstreute Ibos treckten in Eilmärschen heim ins Stammland Ostnigeria.
In Lagos übernahm Armee -- Stabschef Oberstleutnant Yakubu Gowon die Macht. Der Militärgouverneur des Ostens, Oberstleutnant Odumegwu-Ojukwu, fühlte sich als dienstältester Offizier von seinem ehemaligen Duzfreund Gowon übergangen. Er werde eher die Föderation verlassen, drohte er, als Gowons Regime zu akzeptieren. Die Bundesregierung stellte die Gehaltszahlungen an geflüchtete Ibo-Beamte ein, die Ostregion, Nigerias reichste Provinz, zahlte keine Steuern mehr an Lagos.
Gowon entwarf eine Neuordnung für den Staat: An die Stelle der vier Regionen hallte eine Föderation von zwölf Bundesstaaten treten,
Die neue Landkarte ddr Föderation sah die Aufteilung allein der übermächtigen
Nordregion in sechs Länder vor. Aber auch das Ibo-Land sollte dreigeteilt werden: Vorn eigentlichen ibo-Gebiet zwackte Gowon Nigerias reichsten Boden ab: die Südostprovinz mit den vermUtlich reichsten Erdölfeldern Afrikas, aus denen 1966 bereits 20 Millionen Tonnen schwefelfreien Öls gefördert wurden. Auch der Ibo-Zugang zum Meer mit dem Hafen und Industriezentrum Port Harcourt sollte abgetrennt werden.
Auf diese beabsichtigte Amputation des Ibo-Landes antwortete Ojukwu mit Sezession. Am 30. Mai 1967 proklamierte der Oxford-Zögling und Millionärssohn im Gouverneurspalast von Enugu die Republik Biafra -- so benannt nach einem historischen Reich am Nier.
Aber so rosig sich Biafra seine Zukunft malen mochte -- für Rest-Nigeria bedeutete der Abfall der Ostprovinz die Bedrohung seiner Existenz, für Afrika, falls das Beispiel der Stammes-Emanzipation Schule machte, die Balkanisierung.
So kam denn auch kein afrikanischer Staat den Ibos zu Hilfe, als Gowon eine Polizeiaktion gegen Biafra befahl, um die abtrünnige Provinz "binnen 48 Stunden" wieder heim in die Föderation zu holen. Kein Land erkannte zunächst den Staat der Sezessionisten an.
Aber aus der beabsichtigten Zwei-Tage-Aktion wurde ein Bürgerkrieg, der nun schon 14 Monate dauert, eines der blutigsten Massaker in der Geschichte Afrikas.
Denn anfangs war Ojukwu für den Konflikt viel besser gerüstet als Gowon. Die -- von Ibo-Offizieren entblößte Bundesarmee zählte zum Zeitpunkt der Sezession nur 15 000 Mann.
Ojukwu aber hatte damals bereits 16 000 Soldaten für den von ihm erwarteten Waffengang gedrillt; seit Monaten waren nachts Flugzeuge ohne Internationale Kennzeichen in Port Harcourt gelandet und hatten Kisten mit Waffen und Munition ausgeladen. Gowon wußte davon nichts. Er verspottete Ojukwus Streitmacht als "Federfuchser-Armee".
Die Federfuchser wehrten anfangs nicht nur den Angriff der Bundestruppen ab. Sie besetzten im Handstreich auch den gesamten Mittelwesten Nigerias und kamen bis hundert Kilometer an die Hauptstadt Lagos heran.
Ein biafranischer B-26-Bomber, geflogen vom rhodesischen Leib-Piloten Ojukwus, griff mehrmals Lagos an -- bis er über der Hauptstadt abstürzte.
Aus seiner verdunkelten Kapitale wandte sich Gowon hilfesuchend an die einstige Kolonial-Mutter England und an Moskau.
Die Sowjets sahen die Chance, nach vielerlei Mißerfolgen wieder in Afrika Fuß zu fassen. Sie schickten sogleich Flugzeuge, Bomben, Geschütze und Techniker. Die Migs und Iljuschins wurden mit ägyptischen Piloten bemannt.
Nun bangte London um seinen Einfluß in seiner einstigen Musterkolonie, deren Erdöl seit der Blockierung des Suezkanals für England noch an Bedeutung gewonnen hatte.
Eilends stellte sich die Labour-Regierung an die Seite Gowons und lieferte -- so London -- "Verteidigungswaffen": Gewehre, Flak, Haubitzen, gepanzerte Fahrzeuge der Typen "Ferret" und "Saladin".
Britische Kolonialobersten arbeiteten die Operationspläne gegen Biafra aus, britische Majore befehligten die Stoßtruppen. Nigerianische Marschkolonnen rückten entlang den Grenzen Biafras vor, bis Ojukwus Staat von allen Seiten eingeschlossen war. Nachschub für Biafra kam fortan nur noch auf einer Piraten-Luftlinie aus dem 7000 Kilometer entfernten Portugal. Der Transport jeder Patrone kostete ein Vielfaches ihres Preises.
Zwar erwiesen sich die cleveren Ibos als Meister der Improvisation. Technik-Studenten bauten aus Eisenrohren, Taschenlampen-Batterien und Schwarzpulver Raketen und Mini-Stalinorgeln. Traktoren und Bulldozer wurden mit geradegehämmerten Pipeline-Stahlplatten zu Behelfspanzern umgerüstet. Die Ibos preßten Stahlhelme und bastelten Panzerfäuste.
Nur Munition konnten sie nicht selbst herstellen. Ojukwus Soldaten mußten mit fünf Patronen je Mann In die Schlacht ziehen.
Die Nigerianer hingegen erhielten um so mehr Material, je länger der Krieg dauerte. In wenigen Monaten verfünffachte Gowon seine Streitmacht auf 80 000 Soldaten. Er heuerte britische Offiziere und Krieger aus der Tschad-Republik als Söldner an. Die vorrückenden Bundestruppen massakrierten viele Ibos, oft genug auch Frauen und Kinder.
Die Lagos-Luftwaffe bombte die Ibo-Städte. Bevorzugte Ziele waren Märkte, Kirchen, Spitäler. Die Biafraner stellten ihren Tagesrhythmus um: Märkte, Veranstaltungen, Messen fanden vor sieben Uhr morgens oder nach fünf Uhr abends statt. Denn die Bomben kamen nur am Tag.
Vor den mordenden, plündernden und sengenden Bundestruppen und vor den Brand- und Sprengbomben der Bundesluftwaffe brachen die Ibos zu neuen Flüchtlingstrecks auf. In der Hauptstadt Enugu blieben nach dem Einmarsch der Gowon-Soldaten von über 100 000 Einwohnern nur 400 zurück, in Port Harcourt von fast einer halben Million 2000.
Je mehr Rest-Biafra schrumpfte, desto dichter drängte sich seine Bevölkerung. Heute leben und sterben auf einem knappen Drittel des ursprünglichen Territoriums der Rebellen-Republik fast so viele Menschen wie vorher in ganz Biafra: 13 Millionen -- auf einem Landstrich von der Größe Hessens.
Die vor Kriegsbeginn gestapelten Vorräte schwanden binnen weniger Wochen dahin, die Preise auf Schwarzmärkten schnellten empor: Schon im Mai kostete ein Kilo Salz 80 Mark, eine Zigarette eine Mark, ein mageres Huhn 30 Mark, eine Flasche Bier neun Mark.
Seit dem Frühjahr griff in Biafra der Hunger um sich wie im Mittelalter in Europa die Pest.
Zunächst gab es noch Knollenfrüchte, Yam-Wurzeln, Kassava, Bananen, Mais (Lunch-Ration eines Soldaten: ein Maiskolben), Kokosnüsse, Ananas. Aber es gab kein Fleisch, keinen Fisch, keine Eier, keine Milch -- somit kein tierisches Eiweiß.
Die Protein-Mangelkrankheit "Kwashiorkor" erfaßte zuerst die Kinder: Sie brauchen mehr Eiweiß-Aufbaustoffe als Erwachsene und bekamen weniger. Denn bei Nigerianern -- essen die Eltern zuerst, die Kinder zuletzt.
Im Juni starben nach Schätzungen von Ärzten, Missionaren und Flüchtlingsbetreuern bereits täglich 200 Kinder an Unterernährung. Die Zahl stieg von Woche zu Woche. Zur Zeit fallen schätzungsweise 6000 Menschen pro Tag der Hunger-Blockade zum Opfer.
Blockade des Feindes galt von jeher als eines der wirksamsten Kriegsmittel. Nicht zuletzt Hunger besiegte die Juden zur Römerzeit in ihrer Bergfeste Masada, Hunger zwang die von den "Deutschen belagerten Pariser 1871 zur Aufgabe,
Mit Hungerblockade kämpfte die Entente im Ersten Weltkrieg gegen das Deutsche Reich -- und rächte sich auch noch nach dem Ende des Kampfes: Die Blockade blieb noch acht Monate nach dem Waffenstillstand wirksam. Mit dem Mittel der Blockade versuchte Stalin noch 1948, Berlin zu pflücken.
Berlin aber zeigte die Grenzen dieses Kriegsmittels im Sputnik-Zeitalter. Die Luftbrücke der Alliierten machte Stalins Waffe stumpf.
Eine Luftbrücke könnte auch das Todesurteil über die Ibos aufheben, den Völkermord in Biafra abwenden.
Doch bisher hat niemand den ersten, entscheidenden Schritt getan, der das Massaker aufhalten könnte.
Nigeria will die Chance nützen, den bereits todwunden Feind möglichst schnell zu erledigen. Lagos hat sogar das Argument für sich, daß um so wirksamer geholfen werden kann, je rascher der Krieg beendet wird.
Biafra will nach den Worten Ojukwus lieber kämpfend untergehen als sich der Gnade eines bisher unerbittlichen Feindes ausliefern.
England will nicht in letzter Minute seinen Schützling Gowon im Stich lassen, weil dann sein ganzes -- dubioses -- Engagement im schmutzigen Buschkrieg vergeblich gewesen wäre und London den letzten Kredit in seiner einst wichtigsten Afrika-Besitzung einbüßen würde.
Die Sowjet-Union will ihren mit teurer Waffenhilfe erkauften Brückenkopf in Afrika nicht wieder aufgeben.
Die Uno scheut die Intervention in einen Bürgerkrieg, die zu einem Super-Kongo eskalieren könnte -- und hat auch bisher kein Mandat von ihren Mitgliedern.
Die USA sind zu sehr mit den verheerenden Folgen ihres Vietnam-Abenteuers beschäftigt, Präsident Johnson möchte nicht in seinen letzten Amtsmonaten die Nation mit einer neuen, kostspieligen und möglicherweise riskanten Intervention belasten; direkte US-Interessen sind zudem in Nigeria nicht berührt.
Diese Konstellation aber bedeutet, daß der Völkermord in Westafrika vor den Augen einer irritierten Welt fortdauern wird, daß in den nächsten Monaten zwei oder noch mehr Millionen Menschen sterben werden -- wenn es nicht gelingt, militärische und politische Routine zu durchbrechen.
Bisher aber geschah nichts. Während auf den Dächern von Krankenhäusern und Flüchtlingslagern im Ibo-Kernland Scharen von Geiern auf den Siechtod ausgemergelter Kinder harren, stapeln sich auf der nur 150 Kilometer von der Biafra-Küste entfernten spanischen Insel Fernando Poo 11 000 Tonnen Hilfsgüter: Stockfisch, Trockenmilch, Vitamine, Medikamente.
Bisher konnten sich Ojukwu und Gowon nicht darüber einigen, wie die Hilfe zu den Sterbenden gelangen soll: Gowon will einen Landkorridor vom Korridor ab -- weil er ein Lagos-Trick sei: Die Bundestruppen wollten damit nur eine Angriffs-Schneise schaffen. Gowon wiederum läßt auf jede Maschine schießen, die Biafra anfliegt, weil auch Waffen an Bord sein könnten. Er zwang damit -das Rote Kreuz zur Einstellung der -- sporadischen -- Hilfsflüge.
Nigerianische Frontoffiziere wollen keinerlei Hilfe zu den Belagerten lassen. Südfront-Kommandeur Oberst Adekunle (Spitzname: "Skorpion"): "Bei mir hier will ich kein Rotes Kreuz sehen!"
Die Kommandeure an der Biafra-Front drängten Staatschef Gowon letzte Woche vielmehr auf einer Stabsbesprechung in Lagos, den Befehl zum letzten Gefecht zu geben. Sie versprachen, Rest-Biafra rasch zu erledigen.
Bundesgebiet aus, Ojukwu eine Luftbrücke direkt nach Biafra.
Der Biafra-Chef lehnt einen Landkorridor im letzter Minute aber scheint Biafra noch einen späten Nothelfer bekommen zu haben. De Gaulles Frankreich, dessen staatliche Erdölgesellschaft Safrap beträchtliche Schürf-Interessen in Ostnigeria hat, bekräftigte das Recht der Ibos auf Selbstbestimmung. Seit zwei Wochen fliegen französische Militär-Transporter nachts Waffen und Munition aus der Gabun-Hauptstadt Libreville für Ojukwu ein.
Während Gowon auf den baldigen Endsieg, Ojukwu aber wie einst Hitler auf ein Wunder fünf
Minuten vor zwölf hofft, ermüden Unterhändler beider Regierungen in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba in vergeblichen Friedensgesprächen. Sie schleppen sich seit 14 Tagen ergebnislos hin, obwohl Äthiopiens Kaiser Haue Selassie, der die Bürgerkriegs-Gegner an den Verhandlungstisch gedrängt hatte, sie beschwor: "Sie müssen zu einem Ergebnis kommen, Sie haben keine andere Wahl."
Jeden Tag, den der Krieg andauert, sterben im Busch Biafras mehr Menschen als in zwei Wochen Vietnamkrieg. Jeden Tag wird ein Stück vom Todesurteil für das Ibo-Volk vollstreckt.
Als Papst Paul VI. den beiden Regierungen seine Vermittlung anbot, ließ Nigerias Gowon über seinen Botschafter bei der italienischen Regierung ausrichten, das sei nicht nötig.
Botschafter John Garba riet dem Papst, er solle sich aufs Beten beschränken.
Paul VI.: "Nur beten?"
Botschafter Garba: "Nur beten!"

DER SPIEGEL 34/1968
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