19.08.1968

MALEREI / RICHTER

Wenn's knallt

Alle vier Wochen schickt Tante Lenchen aus Oldenburg dem Künstler ein Bündel alte Illustrierte.

Die Drucksachen-Sendung braucht der Düsseldorfer Maler Gerhard Richter, 36, als Arbeitsvorlage; denn er mißtraut der Phantasie und auch dein Studium der Natur. "Glaubwürdiger" erscheint es ihm, nach Presse-Photos und eigenen Lichtbildern zu malen, die er vergrößert und verwischt in Öl auf Leinwand imitiert.

Mit dieser unscharfen Dokumentar-Kunst hat sich Richter einen eigenen Stil in Pop-Nähe und einen Vorderplatz in der deutschen Mal-Avantgarde reserviert. Seine besten Bilder -- darunter das 1965 gemalte lebensgroße Konterfel eines Küchenstuhls -- steigern die Effekte der Augentäuschung zu einer unheimlichen Ding-Gegenwart.

Für den Stuhl bekam der Photo-Kopist 1967 den bedeutenden Recklinghauser Kunstpreis "Junger Westen"; nun, ein Jahr später, wird sein Werk in breiten Retrospektiven gezeigt. Nachdem im Frühling die Baden-Badener Kunsthalde Ihre Ausstellungsreihe junger Deutscher mit Richter-Arbeiten eröffnet hatte, dokumentiert derzeit die Kölner Galerie Zwirner mit einer Einzelschau die Produktion des Malers seit 1963.

Es ist ein Potpourri disparater Motive, das Richter, unkontrollierten Reizen folgend, aus Tante Lenchens Bilderblättern ("Scheich mit Frau"), aus Zeitungen ("Prinz Sturdza" mit dem gemalten Photovermerk "dpa"), der eigenen Kamera ("Dolomiten") und neuerdings auch aus dänischen Pornographie-Heften ("Osterakte") entnommen hat.

Bunt jedoch ist nur die Themenauswahl; die Bilder selbst sind meistens grau. Schwarzweiß-Vorlagen nämlich beläßt der Künstler auch in der Reproduktion ohne Farben, und selbst Farbphotos setzt er manchmal auf diese Weise um -- so "fasziniert" ihn die Entdeckung, "daß Bilder grau sein dürfen".

Mit der Farbigkeit hat Richter außer der erdachten Komposition noch ein -- ihm unerwünschtes -- subjektives Element aus seinen Bildern ausgetrieben. Dem dritten, dem persönlichen Pinselduktus, entgeht er mit seiner Spezial-Technik: Die Photo-Motive, per Bildwerfer auf die Leinwand projiziert und dann säuberlich nachgemalt, werden, noch feucht, durch Wischer mit dem Schwamm oder durch kreisende Pinselbewegungen verfremdet. Das Resultat gleicht Aufnahmen einer falsch eingestellten Kamera.

Der Umgang mit Photo-Material ist Richter seit langem vertraut. Mit 16 mußte er als Laborant daheim in der Lausitz die Urlaubsfilme von Amateuren entwickeln -- noch heute schätzt er derlei Liebhaber-Bildwerk höher als das "ästhetische Gefummel" der Kunst-Photographie.

Nach dem Labor-Dienst malte Richter dann in VEB-Auftrag Reklameschriften und lieferte dem Stadttheater Zittau auch den Dekor für verschiedene Bühnenwerke, so für den "Faust", für "Tiefland" und "Gräfin Mariza". 1951 bezog er die Dresdner Kunstakademie, wo er fünf Jahre später diplomierte -- mit "Szenen aus dem gesunden Leben", einem 25 Quadratmeter großen Wandbild im Hygiene-Museum der Sachsen-Metropole.

Das Studium nahm der Diplom-Maler nach der Republikflucht 1961 für zwei Jahre in Düsseldorf noch einmal auf. Beim duldsamen Tachisten Karl Otto Goetz arbeitete er gegenständlich, doch in zunehmend glatter Stilisierung, bis er "abrupt" sein angemessenes Verfahren entdeckte: Er kam auf die Idee, ein Zeitungs-Photo abzumalen, das den Entertainer Vico Torriani im Kreis von Partygästen zeigte.

Die Photo-Imitation war dem Studenten noch nicht Kunst genug: Deshalb versah er sie noch mit Messerschnitten und Klecksen aus rotem Lack. Doch bald erkannte er, daß solche Manipulationen überflüssig waren. Er verließ sich fortan auf seine unpersönliche Maltechnik, die "nicht so sehr nach Malerei aussieht", und auf den Dokument-Charakter der Motive, den er bisweilen noch durch mitgemalte Unterschriften betonte.

Über diesen Wirklichkeits-Wert hinaus soll das Gemalte wenig besagen. Ein Bomber-Bild zum Beispiel, den Super-Comics Roy Lichtensteins verwandt, zeugt nicht von kritischem Engagement, sondern allenfalls von unbeschwerter Lust an -- Explosionen. Richter: "Das hat mich immer interessiert, wenn's knallt."

So unbeteiligt ist der Künstler auch, wenn er fremde Auftraggeber porträtiert -- er will die Kunden gar nicht sehen, ein Photo aus dem Familienalbum genügt ihm. Selbst seine Frau darf ihm nicht sitzen. Auch sie malte er nach einer Vorlage -- und zwar als erstes Modell nach einer eigenen Aufnahme. Titel des ausnahmsweise bunten Bildes: "Akt, eine Treppe herabsteigend".

Von eigenen Photos wagte sich Richter, der ein Drittel seiner Werke als mißlungen zu vernichten pflegt, dann auch gelegentlich zu simplen Motiven vor, die zwar photoähnlich jedoch erfunden sind: so zu einem gleichmäßig gewellten "Vorhang" und einer Folge von fünf angelehnten Türen. Auf anderen Wegen allerdings, auf denen er dem Schematismus entfliehen wollte (mit geometrischen "Farbtafeln" und neuerdings mit Landschaften in Corinth-Manier), geriet er unter sein Niveau.

Richters Türen und sein Treppen-Akt jedoch kommen ins Museum. Der Schokolade-Fabrikant und Kunst-Sammler Peter Ludwig hat die sechs Spitzenwerke zu Preisen zwischen 1000 und 4000 Mark für das Suermondt-Museum in Aachen erstanden.


DER SPIEGEL 34/1968
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 34/1968
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MALEREI / RICHTER:
Wenn's knallt