22.07.1968

FISCHEREI / ABWRACKPRÄMIENLetzte Reise

Mit 1800 Korb Rotbarsch, Seelachs und schwarzem Heilbutt kehrte der 542-BRT-Trawler "Franken" von der Fangreise aus dem Gebiet der Färöer-Inseln nach Cuxhaven zurück. Nicht einmal der Kapitän wußte, daß es die letzte Reise gewesen war. Im Heuerbüro ihres Arbeitgebers, der "Cuxhavener Hochseefischerei", erfuhren der Skipper Karl Bauer, 39, und seine 18 Mann Besatzung, daß ihr Schiff stillgelegt werde. Am Schwarzen Brett lasen die Seeleute den Abrüstungsbefehl: "FD Franken, Schiff liegt auf".
Die Franken-Order ist in der deutschen Hochseefischerei der 46. Befehl zur Einmottung eines Schiffes seit Mitte vergangenen Jahres. Der Vorsitzende des Verbandes der deutschen Hochseefischereien Marx-Henning Rehder, von Beruf Direktor der Unilever-Tochter "Nordsee" Deutsche Hochseefischerei GmbH, meldete für seine Branche die "schwerste Krise seit Kriegsende",
Ursache der Misere: Deutschlands Hochseefischer fangen mehr Fisch, als deutsche Mägen verdauen wollen. Allein in den ersten fünf Monaten 1968 konnten sie von 73 200 Tonnen Frischfisch in der Bundesrepublik nur 52 500 Tonnen absetzen. 11 200 Tonnen mußten mit Preisabschlägen bis zu 50 Prozent exportiert werden. Für 9500 Tonnen blieb selbst dieser Ausweg versperrt, die Fischer verramschten sie für zwei bis drei Pfennig pro Pfund an die Fischmehlfabriken.
Bis kurz nach der Währungsreform ging der Fischverbrauch in der Bundesrepublik steil in die Höhe. 1948 aß jeder Deutsche 14,9 Kilogramm Fisch. ein Jahr später 15,2 Kilogramm. Schon 1950 jedoch wandte sich der Normalverbraucher exquisiteren Speisen zu: Der Fischverbrauch pro Kopf sackte auf 10,8 Kilogramm.
Zuletzt wurde der Verzehr von Kabeljau, Rotbarsch und Seelachs vor allem durch Eier und Geflügel gedämpft. Die in Hühnergroßfarmen am Fließband gemästeten Hähnchen sind so billig, daß die Fischtage der Deutschen selbst in katholischen Gegenden immer seltener werden.
Durch ihre liberale Importpolitik versetzte die Bundesregierung der Hochseefischerei einen weiteren Schlag. Mitte der fünfziger Jahre hob Bonn alle Einfuhrbeschränkungen für Fisch auf. Rehder: "Seitdem ladet die ausländische Konkurrenz ihre Überschüsse in der Bundesrepublik ab."
Hatte die Hochseefischerei 1955 noch 250 000 Tonnen Frischfisch an inländische Verbraucher verkauft, so nahmen ihr die Deutschen 1967 weniger als die Hälfte ab: ganze 110 000 Tonnen.
Überdies verdarb eine neue Technik den Hochseefischern auch noch die Preise. Immer mehr Schiffe rückten mit tiefgefrorenem Fisch zu den Märkten an. Um Platz zu sparen, wurde filetierte Ware gleich in ganzen Eis-Blöcken angeboten. Die Verpacker brauchten sie nur noch hausfrauengerecht zu zersägen. Allein 1967 betrugen die Anlandungen von sogenanntem Frostfisch 66 000 Tonnen.
Auf den Fischmärkten in Hamburg, Cuxhaven, Bremerhaven und Kiel purzelten die Frischfisch-Preise. Seelachs zum Beispiel, für den die Fischer noch Ende 1967 einen Mindestpreis von 22 bis 32 Pfennig je Pfund verlangten, ist seit Anfang des Jahres nur noch für 12 bis 24 Pfennig abzusetzen. Der Mindestpreis für Kabeljau sackte von 34 auf 23 Pfennig.
Um aus den roten Zahlen herauszukommen, entschlossen sich Deutschlands Fischreeder, ihre schon einmal reduzierte Flotte drastisch zu verkleinern. Von insgesamt 150 Schiffen (50 Fangfabrikschiffe und 100 Frischfischfänger) wollen sie 30 Schiffe abwracken. Verbandschef Rehder: Es geht jetzt ums Überleben."
Vorerst haben die Reeder ihre arbeitslosen Schiffe aber nur an die Kette gelegt. Obwohl sie das pro Schiff und Jahr für Kapitaldienst, Versicherung, Wartung und Löhne rund 100 000 Mark kostet, lassen sie die Schrotthändler warten. Der Grund: Im Bundeshaushalt 1968 hat ihnen Bonn 7,4 Millionen Mark Struktur- und Konsolidierungsbeihilfen versprochen. Der Betrag enthält auch Abwrackprämien von 400 Mark je Bruttoregistertonne.
Schon einmal hatte sich der Bund daran beteiligt, die aufgeblähte Fischereiflotte abzutakeln: Die erste Abwrackaktion von 1962 bis 1967 verkleinerte die deutsche Hochseefischerei um 90 Fischdampfer und kostete den Steuerzahler 18 Millionen Mark. Zwei Drittel der Schiffe waren erst nach dem Kriege auf Kiel gelegt worden.
Niedersachsens Landwirtschaftsminister Wilfried Hasselmann hält außer der zweiten Abmagerungskur ein zusätzliches Rationalisierungsrezept parat: Anstelle der vier deutschen Seefischmärkte (Hamburg, Kiel, Bremerhaven, Cuxhaven) soll es künftig nur einen einzigen Markt geben. Als Anlandungsplatz mit den modernsten Einrichtungen und den "denkbar günstigsten Standortvoraussetzungen" schlägt er Cuxhaven vor. Hasselmann: "Den Luxus in der Bundesrepublik Deutschland, vier Seefischmärkte für den Umschlag der Anlandungen zu unterhalten, können sich die Küstenländer nicht mehr lange leisten."
Überleben möchten freilich alle Seefischmärkte und die an sie gebundenen Reedereien. Eifersüchtig wachen sie deshalb darüber, daß der Status quo nicht zu ihren Ungunsten verändert wird. Als zum Beispiel die in Hamburg beheimatete Cranzer Fischdampfer AG im Herbst vergangenen Jahres vor dem Konkurs stand, eilte der Hainburger Staat für Fischmarkt und Fischindustrie mit 4,5 Millionen Mark zu Hilfe.
Für den fünfstündigen Anmarschweg seiner Fischdampfer auf der Elbe zahlt Hamburg den Reedern sogenannte "Revierfahrikosten". Zuschuß je Schiff und Fahrt: 4000 bis 6000 Mark.
Jetzt fürchten die Ernährungsminister der Küstenländer. die Hochseefischerei könne ähnlich wie die Landwirtschaft Subventionen ohne Ende schlucken. Deshalb mahnen sie die Fischwirtschaft zur Kooperation. In Cuxhaven gründeten die Reeder bereits eine Dispositionsgemeinschaft" die den Einsatz ihrer Flotten koordinieren soll.
Hamburgs Ernährungssenator Wilhelm Eckström geht noch einen Schritt weiter. Ende Juli will er mit Schleswig-Holstein eine Vereinbarung über den Zusammenschluß der landeseigenen Hochseefischerei Kiel GmbH und der Cranzer Fischdampfer AG treffen. Fusionieren sollen auch die Verkaufsorganisationen. Eckström: "Ohne Rücksicht auf Verluste wird dann niemand mehr unterbieten können."

DER SPIEGEL 30/1968
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