22.07.1968

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9. Fortsetzung und Schluß
Das deutsche Funkspiel mit Moskau Nach seiner Verhaftung bei Dr. Maleplate war Rote-Kapelle-Chef Leopold Trepper von seinen beiden Verfolgern, dem Kriminairat Karl Giering und dem Abwehr-Hauptmann Harry Piepe, in die Rue des Saussales zu SS-Sturmbannführer Boemelburg gebracht worden, der die Gestapo im besetzten Frankreich leitete. Boemelburg rief, als er Trepper erblickte: "Nun haben wir den russischen Bären doch erwischt!"
Die sensationelle Nachricht wurde sofort nach Berlin telephoniert, dann verfrachtete man den Gefangenen in ein Auto und brachte ihn in das Gefängnis von Fresnes. Dort blieb er nur eine Nacht, und er wird wohl einige Mühe gehabt haben. Schlaf zu finden, denn Giering hatte angeordnet, allen Mitgliedern der Roten Kapelle seien die Hände auf dem Rücken zu fesseln.
Am nächsten Morgen holte man Trepper in die Gestapo-Zentrale zurück, in deren Erdgeschoß eine provisorische Zelle eingerichtet worden war. Zweieinhalb Monate blieb er dort. Niemand hat sich an ihm vergriffen.
Er wurde gut verpflegt, mit Zigaretten versorgt, und weil er herzleidend war, besuchte ihn alle drei Tage ein deutscher Militärarzt. Als Trepper sich über Langeweile beklagte, bekam er Wörterbuch, Papier und Bleistift, da.. mit er seine Deutschkenntnisse vervollständigen konnte.
Die Verhöre wurden ausgesprochen freundlich geführt. Sie fanden erst nach dem Mittagessen statt, da die Mitglieder des von der Gestapo gebildeten "Sonderkommandos Rote Kapelle" vormittags häufig unter einem "Kater" litten. Sie waren eine vergnügte Clique, die fest zusammenhielt -- hart in der Arbeit, unermüdlich in der Freizeit.
Der Kriminalrat Giering hatte den Reigen der Verhöre eröffnet. "Sie haben verspielt", sprach er Trepper an. "Sie haben nicht nur das Spiel gegen uns verloren. Sie sind auch für Moskau ein erledigter Mann. Schon seit langem glaubt man Ihnen dort nicht mehr. Seit den Verhaftungen In Brüssel im Dezember 1941 wirft man Ihnen vor, daß Sie beim geringsten Anlaß die Nerven verlieren, Wir besitzen das Vertrauen von Moskau -- nicht Sie. Wenn ein Mann Ihres Formats zusehen muß, wie seine Leute gefaßt werden, egal, was er unternimmt, dann begreift er, daß der Gegner mit seinen eigenen Vorgesetzten in Verbindung steht. Und so liegen die Dinge auch
© 1968 Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg.
wirklich. Hier sind einige Funksprüche, die wir mit Moskau gewechselt haben: Sie sehen daraus, daß wir Herr der Lage sind."
Aufmerksam las der Grand Chef die zwischen umgedrehten "Pianisten" (Funkern) und Moskau gewechselten Funksprüche; dann gab er sie zurück. Giering fuhr fort: "Sie möchten sicherlich wissen, was mit Ihnen geschieht. Ob wir von Ihnen die Namen weiterer Mitarbeiter erfahren wollen? Nein, daran sind wir nicht interessiert. Ihr Netz war eine schöne Leistung, das gebe ich gerne zu, aber es existiert nicht mehr. Hier der Beweis ..."
Giering las dem Gefangenen eine Liste mit den Namen der bereits enttarnten Mitglieder der Roten Kapelle vor. Die Liste war vollständig; aus ihr ging nicht nur hervor, wer bereits unter Beobachtung stand und jeden Tag verhaftet werden konnte, sie enthielt außerdem auch die Namen von Personen, die im Verdacht standen, für die Rote Kapelle zu arbeiten.
Giering: "Sie sehen, wir brauchen Sie nicht, um mit Ihrem Apparat aufzuräumen. Wir verfolgen einen weit größeren Plan, bei dem es darum geht, zwischen Deutschland und Rußland einen Separatfrieden herbeizuführen, damit diesem sinnlosen Krieg ein Ende gesetzt wird. Sie können sich natürlich weigern, uns zu helfen. Das würde uns, offen gesagt, nicht sehr stören. Sie wissen, daß wir über genügend umgedrehte Sender verfügen, und die Funksprüche haben Ihnen bewiesen. wie gut die Sache läuft. Der Kontakt mit Moskau ist hergestellt.
"Auch ohne Ihre Mithilfe können wir mit dem Dialog beginnen. Aber natürlich wäre es einfacher, wenn Sie mit uns zusammenarbeiten würden. Sollten Sie sich weigern, dann müssen Sie sozusagen zweimal sterben. Hier werden wir Sie als Spion erschießen. Und Moskau werden wir glaubhaft machen, daß Sie Verrat begangen haben und zu uns übergewechselt sind."
Trepper antwortete: "Hier erschossen zu werden, damit habe ich gerechnet. Und ob man mich in Moskau für einen Verräter hält, ist mir gleichgültig. Bleibt die Sache mit dem Friedensschluß, und die ist nicht uninteressant, das gebe ich zu.
Er schloß mit der Warnung: "Bisher ist es Ihnen geglückt, der Zentrale das Umdrehen einiger Funker und einiger unwichtiger Leute wie
Die Diskussion dauerte bis in die frühen Morgenstunden. Trepper hatte eine Zusammenarbeit nicht direkt abgelehnt, sondern sich darauf beschränkt, die praktischcn Schwierigkeiten eines solchen Zusammengehens hervorzuheben. Er wußte jetzt, daß er in Giering einen gefährlichen Gegner vor sich hatte,
Der Plan der Gestapo bestürzte Trepper. Dieser Funkspielplan (gleichbedeutend mit dem Versuch. durch Kontakte zu den Sowjets die Einheit der west-östlichen Anti-Hitler-Koalition aufzubrechen) mußte zum Scheitern gebracht werden, Zwei Möglichkeiten gab es: Trepper konnte Moskau alarmieren, oder er konnte sich des Sonderkommandos bedienen und von innen her störend in den Mechanismus eingreifen. Beide Gegenzüge aber verlangten, daß der Gefangene seine Position umgehend stärken mußte. Er brauchte Bewegungsfreiheit.
Trepper hatte Gierings Plan erraten. Der Chef des Sonderkommandos wußte durch (den ebenfalls in deutsche Dienste getretenen Sowjetagenten) Kent, daß die wichtigsten Meldungen des Grand Chef über die Sender der Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF) gefunkt wurden. Daher mußte Giering alles daran setzen, an die Funkverbindungen der Partei heranzukommen. Gelangg ihm das, so trügen seine Meldungen nach Moskau den Stempel absoluter Glaubhaftigkeit: auf diesem Wege würde er auch erfahren können, ob Moskau Treppers Verhaftung bekannt war.
Der Weg zur Partei führte über zwei Männer: über Trepper und über den Direktor. Ende November 1942, einige Tage nach Treppers Verhaftung, zeigte Giering ihm einen von der Moskauer Zentrale an Kent gerichteten Funkspruch, in dem der Direktor einen Treff zwischen Trepper und "Michel", dem Hauptverbindungsmann zur Partei anordnete; Tag, Stunde und Ort waren genau angegeben.
Giering hatte keineswegs die Absicht, Michel verhaften zu lassen; er wollte sich bloß auf seine Fährte setzen und so den Weg zur Partei ausfindig machen. Doch Michel kam nicht. Er hatte mit Trepper vereinbart, bei einem vom Direktor angeordneten Treff immer zwei Tage und zwei Stunden vor dem angegebenen Zeitpunkt zu erscheinen.
Nun aber mußte der Grand Chef Moskau warnen. Tagsüber machte er sich Notizen, unter den gleichgültigen Blicken der Wächter, die ihn Tag und Nacht nicht allein ließen; ihnen war auch verboten, mit dem Gefangenen zu sprechen. Nachts neigten die Wachen dazu, dieses Verbot zu übertreten. Bis ein Uhr morgens fiel kein Wort, aber sobald alles im Gebäude schlief, wurde bis zwei oder drei Uhr diskutiert.
Hatte der Wachtposten sich endlich schlafen gelegt, wartete Trepper noch eine halbe Stunde, bevor er sein Bett anhob und aus einem der hohlen Metallbeine eine Papierrolle hervorzog: seinen Bericht für Moskau.
Er begann mit einer Fülle von Einzelheiten. Seit Monaten hatte Trepper Warnung über Warnung an die Zentrale gerichtet, ohne jede Wirkung, Diesmal mußte man ihm glauben. Es war die letzte Chance. Er berichtete peinlich genau über Ort, Tag und Stunde seiner Verhaftung, über die Zeit in Fresnes und seinen Rücktransport in die Rue des Saussaies und gab mit voller Namensnennung die Personen an, die ihm gegenübergestellt worden waren, wobei er genau vermerkte, wo und wann das stattgefunden hatte.
Das waren Einzelheiten. die überprüft werden konnten. Einigermaßen sicher, daß die Zentrale ihm nun seine Verhaftung glauben würde, stellte er eine Liste auf mit den Namen aller Mitarbeiter, die bereits verhaftet waren, und nannte vor allem die von Giering beobachteten oder stark verdächtigten Personen.
Dann erklärte er den Sinn des Gestapo-Spiels; er beschrieb, welchem Ziel es diente und mit welchen Mitteln man arbeitete. Er bewies auch, was durch Umdrehen von Pianisten zu erreichen war; er zitierte die Funksprüche, die der Chef des Sonderkommandos vorgelesen hatte, und dazu Gierings Kommentare. Er schloß mit verschiedenen Plänen für eine Flucht; die besten Erfolgschancen bot seiner Meinung nach ein Café mit doppeltem Ausgang am unteren Ende des Boulevard Samt-Michel.
Als er den Bericht abgeschlossen hatte, hielt Trepper den Zeitpunkt für gekommen, seine Chance gegen Giering wahrzunehmen. Die Gestapo hatte inzwischen herausgefunden, wer das erste Glied in der Kette war, die zur Partei führte: Juliette, ein langjähriges Mitglied der KPF. Sie arbeitete in einer Süßwarengroßhandlung in der Nähe vom Châtelet.
Trepper hatte gehofft, daß Giering ihn zu Juliette schicken würde, doch der Kriminairat wählte (den für die Gestapo tätigen ehemaligen KP-Agenten) Raichman dafür aus, der vor mehr als einem Jahr mit Juliette Verbindung gehabt hatte. Der Grand Chef protestierte: "Sie verschwenden Ihre Zeit. Juliette wird so tun, als kenne sie Raichman nicht."
Er behielt recht. Denn er hatte einige Monate vorher mit ihr abgemacht, daß sie nur ihn selbst oder den Trepper-Intimus Katz empfangen sollte; jeder andere, der mit ihr Verbindung aufnehmen wolle, müsse als Erkennungszeichen einen kleinen roten Knopf tragen. Giering und Raichman kannten diese Absprache nicht.
Daraufhin schlug der Grand Chef vor, man solle Hillel Katz zu Juliette schicken. Die Nachricht von der Verhaftung seines Mitarbeiters Katz hatte er nicht ohne Erleichterung aufgenommen. Daß er erleichtert war, hing mit den ungewöhnlichen Qualitäten dieses Mannes zusammen: Gemeinsam würden sie die Partie leichter spielen können.
Von der Gestapo zur Mitarbeit aufgefordert, brutal gefoltert, wiederholte Katz seit seiner Verhaftung immer nur: "Trepper ist mein Chef. Und das bleibt er für mich bis zum letzten Atemzug. Ich werde nur tun, was er von mir verlangt, und nichts anderes." Katz würde auch zu Juliette nur gehen, wenn ihn der Grand Chef selber dazu aufforderte; deshalb ließ Giering-Gehilfe Willy Berg die beiden zusammenbringen.
Der Grand Chef hielt Katz einen Vortrag, in dem er ihn aufforderte, sich dem Willen des Sonderkommandos zu unterwerfen; er befahl ihm, zu Juliette zu gehen, erteilte ihm höchst wortreich Ratschläge, wie er sich zu erkennen geben solle -- ganz überflüssige Ratschläge. denn Juliette würde Katz in jedem Fall empfangen. In diese lange Rede mischte der Grand Chef hebräische Brocken, die das Wachpersonal nicht verstehen konnte und die aneinandergereiht folgenden Sinn ergaben: "Sie soll antworten, daß sie versuchen wird, einen Kontakt herzustellen, daß sie aber nichts versprechen kann."
Das Treffen mit Juliette fand an einem regnerischen Dezember-Nachmittag statt. Polizisten in Zivil patrouillierten durch die Straßen und um das Châtelet herum, Männer des Sonderkommandos standen in einer Nebenstraße unweit der Süßwarenhandlung bereit. Man ließ Katz allein in das Geschäft gehen: Er kam mit der von Trepper diktierten Antwort zurück.
Acht Tage später schickte Giering ihn erneut zu Juliette. Entsprechend Treppers Anweisungen brachte Katz folgende Antwort: "Der Kontakt konnte hergestellt werden, aber der Chef muß persönlich kommen." Diese neue Forderung bereitete Giering einiges Kopfzerbrechen: Wollte die Gegenseite Zeit gewinnen oder ihn in eine Falle locken?
Trepper beruhigte ihn: "Nein, Nein! Es liegt nur daran, daß durch mein plötzliches Verschwinden die anderen unruhig geworden sind. Nicht umsonst habe ich Ihnen immer wieder gesagt: Solange mich draußen niemand sieht, wird man annehmen, ich sei verhaftet, aber damit fällt Ihre ganze Geschichte ins Wasser."
Giering konnte nicht mehr zurück. Im Grunde hatte er mit der Verhaftung des Grand Chef alles auf eine Karte gesetzt. Nur über Trepper und über die Funkverbindungen der Partei konnten die Meldungen des Funkspiels absolut glaubwürdig werden. Wurde dagegen seine Verhaftung bekannt, mußte Moskau erkennen, daß Treppers Warnungen berechtigt gewesen waren. Das hätte das Ende des Funkspiels bedeutet.
Der Chef des Sonderkommandos beschloß, Trepper einzusetzen. Dieses Mal wurde das Quartier sorgfältig abgeriegelt, Polizisten in Zivil wurden auf den Kreuzungen postiert -- sie sollten die Zugangsstraßen zum Châtelet überwachen. Die Gestapo und ihre französischen Helfer hielten sich in unmittelbarer Nähe bereit.
Giering hatte seinen Gefangenen beauftragt, Juliette eine angeblich von Trepper stammende Mitteilung zu übergeben, die sie an den Verantwortlichen der KPF weiterleiten sollte mit dem Auftrag, die Botschaft nach Moskau durchzugeben. In dieser Mitteilung hieß es, der Apparat habe große Schwierigkeiten gehabt, sei aber nicht zerstört worden. Der Grand Chef schlage vor, die Verbindung mit Moskau für einen Monat zu unterbrechen, bis sich der Sturm gelegt habe. Das Zeichen für die Wiederaufnahme der Verbindung solle von der Zentrale gegeben werden: in Form des traditionellen Glückwunschtelegramms an den Grand Chef zum Jahrestag ·der Roten Armee.
Die Frist von einem Monat war eine Idee von Trepper. Er hatte Giering gesagt, daß die an seine vorsichtige Art gewöhnte Zentrale einen derartigen Vorschlag erwarte. In Wirklichkeit wollte er der Zentrale Zeit lassen, seinen Bericht zu prüfen, vor allem aber jede weitere Initiative des Kommandos verhindern.
Willy Berg begleitete Trepper in die Süßwarenhandlung. tat aber so, als interessiere er sich nur für die ausgestellten Waren. Trepper ging auf Juliette zu, übergab ihr ein kleines Päckchen, in dem außer Gierings Mitteilung auch sein eigener Bericht für Moskau verborgen war. Außerdem reichte er ihr einen Brief an den französischen Kommunistenführer Jacques Duclos, der mit folgenden Worten begann: "Lieber Genosse Duclos, bitte versuche alles Menschenmögliche, diesen Bericht an Dimitroff und das Zentralkomitee weiterzuleiten. In Moskau stimmt etwas nicht. Es ist sogar möglich, daß sich ein Verräter in unsere Reihen eingeschlichen hat."
Wortlos nahm Juliette das Päckchen an sich, während Trepper murmelte: "Verschwinden Sie sofort, nachdem Sie alles weitergereicht haben. Kommen Sie auf keinen Fall wieder hierher." Dann ging er hinaus.
Was ihn betraf, so war der Plan gelungen. Mitten aus dem Sonderkommando heraus hatte er Verbindung mit Moskau aufgenommen. Jetzt hing alles allein von einem Mann ab: vom Leiter der Moskauer Spionage-Zentrale. Sollte er dem Bericht keinen Glauben schenken, würde den Deutschen ihr Funkspiel gelingen.
Ein Monat Wartezeit -- das war zu lang für Giering. Nach drei Tagen schickte er einen Mann zu Juliette, der im Namen des Grand Chef fragen sollte, ob die Weitergabe der Papiere an die Parteileitung gelungen sei. Juliette war nicht da. Sie habe ein paar Tage Urlaub genommen, sagte die Chefin. Eine Woche später war sie noch immer in Urlaub. Und nach weiteren acht Tagen erfuhr Gierings Beauftragter, daß Juliette ganz plötzlich zu einer kranken Tante gerufen worden sei und voraussichtlich nicht so bald zurückkomme.
Als Giering daraufhin eine Erklärung von Trepper verlangte, verzog der Häftling das Gesicht und brummte: "Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, daß Sie weiter nichts als Mißtrauen erwecken, wenn Sie mich hier eingeschlossen halten."
Man ließ ihn heraus. Im Auto, gefolgt von zwei weiteren Fahrzeugen, fuhr er mit den Leuten vom Sonderkommando zu verschiedenen Läden, in denen, wie er behauptete, Mittelsmänner von ihm beschäftigt seien. Seine Bewacher ließen ihn allein in die Geschäfte gehen, überwachten aber sorgfältig die Umgebung.
Am 23. Februar 1943, dem Jahrestag der Roten Armee, kam das vom Direktor an den Grand Chef gerichtete Glückwunschtelegramm, das vereinbarte Signal für die Wiederaufnahme der Funkverbindung mit Moskau, das Startzeichen für das Gestapo-Spiel. Das Telegramm der Zentrale war für Giering der Beweis, daß Moskau nichts von Treppers Verhaftung wußte: Seine Autorität konnte das Funkspiel decken.
Man darf vermuten, daß beim Sonderkommando über diesen Erfolg große Freude herrschte. Auch Trepper profitierte von der allgemeinen Hochstimmung: Noch am selben Abend brachte man ihn in ein streng bewachtes, aber luxuriös eingerichtetes Gästehaus in Neuilly, während Kent in der Rue des Saussaies bleiben mußte. Sie waren in zwei nebeneinander liegenden Zeilen eingeschlossen gewesen und hatten einige Worte miteinander wechseln können.
Kent: "Ich bin überzeugt, daß du nicht wirklich für sie arbeitest. Du versuchst nur, sie zu überspielen."
Trepper: "Aber nein. Ich mache ehrlich mit. Was bleibt denn anderes übrig? Du siehst doch, daß alles verloren ist."
Die Überführung in das Luxusgefängnis von Neuilly war Belohnung und Vorsichtsmaßnahme zugleich. Von Tag zu Tag war Gierings Mißtrauen gegen die in der Rue des Saussaies stationierten französischen Polizeibeamten gewachsen. Grollend sagte er zu seinen Leuten: "Jedesmal wenn wir mit diesen Kerlen zusammenarbeiten, geht etwas schief." Er hielt es für besser, den Gefangenen fortzuschaffen, zumal der Grand Chef den Verdacht durch einige Bemerkungen über die guten Beziehungen zwischen der Résistance und der französischen Polizei noch verstärkt hatte.
Sehr aufmerksam hörte Giering auch zu, als Trepper ihn darauf hinwies, daß er weder Papiere noch Geld in Händen habe. Was würde geschehen, wenn Treppers Auto einmal bei einer Straßenkontrolle angehalten würde? Wie würden sich die französischen Polizisten einem Individuum gegenüber verhalten, das weder Papiere noch Geld besaß? Kein Zweifel, sie würden den Mann verhaften. Diese Überlegungen leuchteten Giering ein; er ließ dem Grand Chef Papiere und Geld aushändigen.
Die nächsten sechs Monate, in denen nun die Deutschen mit ihrem Funk-Gegenspiel Moskau irritierten, waren für Trepper ausgefüllt mit Spaziergängen im Garten von Neuilly. Das Sonderkommando holte den Grand Chef nur zu Besprechungen allgemeiner Art; die praktische Arbeit beim Funkspiel war Kents Sache. Er setzte die Meldungen auf: seine eigenen auf französisch, die von Trepper auf russisch -- und chiffrierte sie.
Katz hatte nichts zu tun und wanderte ruhelos umher. Auf Drängen des Grand Chef war er nach Neuilly gebracht worden, und auch den Trepper-Mitarbeiter Grossvogel hatte man am Leben. gelassen, weil er sich für das Funkspiel, wie Trepper immer wieder versicherte, bestimmt noch als unentbehrlich erweisen würde.
Otto Schumacher hingegen, den man in Lyon verhaftet hatte, wurde von seinen Freunden gemieden; sie hielten ihn für einen Spitzel. Immer wieder fragte er Katz: "Ist es wahr, daß der Grand Chef für sie arbeitet? Er treibt doch sicher ein doppeltes Spiel. Glauhst du nicht auch? Mir will es einfach nicht in den Kopf, daß er Verrat begangen haben soll." Mit hochgezogenen Augenbrauen pflegte Katz zu antworten: "Du träumst wohl? Natürlich ist er umgefallen."
Seltsam war eines: Kent, der nach seiner Verhaftung völlig umgefallen war, schien sich langsam wieder zu fangen. Nachdem auch er in Neuilly einquartiert worden war, sagte er immer wieder zu Trepper, er glaube nicht an dessen Verrat, und aus mancher Bemerkung ging hervor, wie sehr er den eigenen Umfall bereute.
Dennoch wußte Trepper, daß er sich vor Giering unter keinen Umständen eine Blöße geben durfte. Er atmete auf, als der schwerkranke Giering im Sommer 1943 abgelöst wurde, und er nahm die Ankunft eines neuen Sonderkommando-Chefs befriedigt zur Kenntnis: des Kriminalrats und SS-Hauptsturmführers Heinz Pannwitz. Er war überzeugt, ein Wechsel könne nur vorteilhaft für ihn sein. Und das erwies sich in verschiedener Hinsicht als richtig.
* Sitz des Gestapo-Sonderkommandos "Rote Kapelle" in der Pariser Rue de Courcelles.
Pannwitz brachte Trepper von Anfang an volles Vertraue entgegen. Trepper erfuhr, daß man ihm bald in Paris eine Wohnung einrichten werde; auch solle er sich, nur diskret bewacht, nach eigenem Gutdünken bewegen können. Doch mitten in diese Harmonie platzte im Sonderkommando eine noch von Giering gelegte Zeitbombe. Giering wird von seinem letzten Triumph wahrscheinlich nichts mehr erfahren haben, denn zu dieser Zeit lag der Krebskranke bereits in Landsberg im Sterben.
Die Geschichte mit Juliette hatte Giering keine Ruhe gelassen. Warum war sie plötzlich spurlos verschwunden? Spätestens nach dem Glückwunschtelegramm vom 23. Februar hätte sie wieder auftauchen müssen. War das Telegramm ernst gemeint, so stand Juliettes Rückkehr zu ihrer Arbeit nichts im Wege.
Daß sie nicht kam, deutete darauf hin, daß Moskau den wahren Sachverhalt durchschaut und das Telegramm nur geschickt hatte, um das Kommando irrezuführen. Es gab nur eine Möglichkeit, sich Gewißheit zu verschaffen: Ein weiteres Glied in der zur Parteileitung führenden Kette mußte herausgebrochen werden.
Von Raichman hatte Giering gehört, daß Fernand Pauriol als Sonderkurier der Roten Kapelle zwischen Juliette und dem Zentralkomitee der KPF fungierte. Durch seine Verhaftung würde sich nicht nur das Rätsel um Juliette, sondern auch die Frage lösen. ob die obersten Instanzen der Partei -- also Moskau -- dem Funkspiel aufgesessen waren oder nicht.
Die Gestapo erhielt den Befehl, Pauriol in Frankreich zu suchen. Vergeblich. Der Mann blieb unauffindbar. Monate vergingen, aber Giering vergaß ihn nicht. Er wollte Pauriol haben. Und um ihn zu fassen, setzte er einen diabolischen Plan ins Werk:
Eines Tages fiel der Sender aus, über den das deutsche Spielmaterial für Moskau durchgegeben wurde. Zwar verfügte das Gestapo-Kommando über eigene Techniker, um eine solche Panne zu beheben; doch Giering schickte über Kents Sender einen Funkspruch an die Zentrale, meldete die Störung und bat dringend um Zuweisung eines Funkspezialisten. Der Direktor in Moskau nannte einen kommunistischen Experten mit dem Decknamen "Jojo". Seine Eltern besaßen eine Bar in Saint-Denis. Er selbst hatte eine Werkstatt, in der er Sender baute und reparierte.
Nichts ließ darauf schließen, daß von Jojo eine Spur zu Pauriol führte, aber das Sonderkommando schickte seine Spürhunde los: Das Glück war auf ihrer Seite. Es ist die immer gleiche Geschichte von Folterungen und Namen, die herausgeschrien werden, wenn der Körper die Schmerzen nicht länger ertragen kann. Jojo verriet Auguste, der seinerseits Marc verriet, und Marc verriet Michel. Über Michel führte die Spur zu Francis -- oder François der sich in der Nähe von Bordeaux versteckt hielt, und von dort zu Pauriol.
Und Fernand Pauriol alias Duval war in Bordeaux. Man lockte ihn unter einem Vorwand nach Paris und verhaftete ihn am 13. August 1943. Kein Wort war aus ihm herauszubringen, und es dauerte drei Wochen, bis die Gestapo ihn identifizieren konnte.
An einem der ersten Septembertage stürzte Berg in Treppers Zimmer mit dem Ruf: "Jetzt ist es soweit! Wir haben Duval!" Der Grand Chef war schwer getroffen. Zum erstenmal glaubte er, der Kampf sei verloren. Doch Fernand Pauriol blieb stumm. Er wurde unmenschlich gefoltert, aber er sagte nichts.
Kaum hatte der Grand Chef sich von seinem Schrecken erholt, traf ihn eine neue Hiobsbotschaft. Am 12. September 1943 erfuhr er von seinem Bewacher Berg, daß er in den Süden gebracht werden sollte, wo die Funkabwehr einen kommunistischen Sender ausgehoben und Durchschriften aller empfangenen und abgesandten Funksprüche beschlagnahmt hatte. Der bekannte "Kode-Brecher" Vauck war bereits auf dem Weg dorthin, um die Archive auszuwerten, aber das Sonderkommando zeigte sich schon jetzt überzeugt, daß der ausgehobene Sender die Juliette anvertraute Meldung nach Moskau gefunkt hatte.
Bald würde man also wissen, ob die Zentrale den Empfang bestätigt, ob sie Fragen gestellt hatte und wie diese Fragen lauteten. Trepper mußte mitkommen, möglicherweise würde er gebraucht werden.
Der Grand Chef überlegte: Wenn dieser Sender tatsächlich die Meldung der Gestapo nach Moskau gefunkt hatte, lag es nahe, daß von dort aus sein Bericht durchgegeben worden war und daß Vauck ihn bald entziffern würde. Trepper ging freilich von einer falschen Voraussetzung aus: Der aufgedeckte Sender hatte Gierings Meldung nicht nach Moskau durchgegeben. Jacques Duclos hatte ein so wichtiges Dokument wie den Bericht des Grand Chef nicht dem Äther anvertraut, sondern ihn durch einen Kurier nach London bringen und von dort aus nach Moskau weiterleiten lassen,
Das konnte Trepper nicht ahnen. Für ihn stand fest, daß er in kürzester Zeit durchschaut sein würde. Er hatte nur noch wenig Spielraum: Die Reise war für den übernächsten Tag geplant. Sechs Monate lang hatte er Zeit gehabt, sich mit der Umgebung und mit den getroffenen Sicherheitsmaß-. nahmen vertraut zu machen. Ein Fluchtversuch würde wahrscheinlich im Kugelhagel der Wachtposten enden; aber was blieb ihm anderes übrig, als dieses Risiko auf sich zu nehmen?
Noch am selben Abend vertraute er Katz seinen Plan an, aber der Freund weigerte sich mitzumachen. Seine Frau und seine Kinder wurden vom Kommando als Geiseln festgehalten. Er war gewarnt worden: Wenn er nicht pariere, würden sie erschossen werden.
Trepper änderte seinen Plan. An einen Gewaltakt hatte er nur gedacht, weil er seinen Freund nicht zurücklassen wollte. Allein konnte er es vermeiden, sich dem Kugelhagel der Wachtposten auszusetzen. Er besaß Papiere und Geld, er konnte sich Bergs Trinkerleiden zunutze machen.
Gleich am nächsten Tag, am 13. September 1943, schlug er ihm vor, zur Bailly-Apotheke zu gehen. Daß der Deutsche im Auto bleiben würde, hatte der Grand Chef nicht geahnt. Er hatte sich vorgenommen, ihn in der Apotheke niederzuschlagen und zu flüchten. Sollte Berg schießen wollen, so würden die anwesenden Kunden ihm das Zielen erschweren, vielleicht würde sogar der eine oder andere Berg in den Arm fallen.
Und nun war alles ganz einfach: Trepper brauchte nur durch eine Tür hinein- und durch eine andere wieder hinauszugehen. Ein paar Schritte -- und der gefangene Grand Chef war seinen deutschen Wächtern entronnen.
Willy Berg alarmierte sofort seine Dienststelle und löste eine Panik aus. Pannwitz setzte den gesamten Polizeiapparat in Bewegung. Die Gegend um den Gare Saint-Lazare wurde abgeriegelt, herumstehende Passanten wurden aufgegriffen, die Räume der Bailly-Apotheke von oben bis unten durchsucht. Von Trepper keine Spur.
Am späten Nachmittag zog Pannwitz das Polizeiaufgebot zurück. Erst danach wagte sich der Grand Chef in den Bahnhof; er nahm einen Zug nach Saint-Germain-en-Laye.
Er hatte damit gerechnet, daß die Gestapo das Stadtviertel durchkämmen würde. Von der Apotheke aus war er zum nächstgelegenen Metro-Eingang gestürzt, in den ersten einlaufenden Zug gestiegen und bis zur Endstation gefahren. Von dort war er in kleinen Etappen ins Stadtzentrum zurückgekehrt und hatte schließlich für die letzte Strecke bis zum Bahnhof einen Autobus benutzt.
Der Vorortzug hielt in Le Vésinet, aber Trepper stieg nicht aus. Er wußte nicht, ob seine Lebensgefährtin Georgie de Winter noch in der Rue de la Borde wohnte. Trepper verließ den Zug erst in Saint-Germain-en-Laye und klingelte an der Tür einer Familienpension, die von einem Schwesternpaar geleitet wurde; Georgie hatte dort einmal ihren Sohn Patrick eine Zeitlang untergebracht.
In dieser Nacht hatte Georgie in Lé Vésinet einen Traum: Auf dem Bahnsteig von Rueil, dort, wo sie das letzte Mal vergebens gewartet hatte, traf sie ihren Freund wieder. Das Klingeln des Telephons riß sie aus dem Schlaf -- sie nahm den Hörer auf und erkannte die Stimme einer der beiden Pensionsinhaberinnen.
"Kommen Sie bitte sofort!" "Ich? Warum? Was ist los?" "Ich kann Ihnen nichts sagen, aber Sie müssen sofort kommen."
Hastig kleidete sie sich an, fuhr nach Saint-Germain, klingelte am Eingang zur Pension -- Trepper machte ihr auf. Sie fielen sich in die Arme. Immer hatte sie gewußt, daß sie ihn wiedersehen würde: "Menschen wie du und ich kommen überall durch."
Sie beschlossen, sich vorläufig in Le Vésinet zu verbergen. Bevor er die Pension verließ, schrieb Trepper einen Brief an Pannwitz, in dem er ihm mitteilte, daß er nicht an Flucht gedacht habe; es sei aber ein unvorhergesehenes Ereignis eingetreten: Als er in der Bailly-Apotheke das Medikament für Berg kaufen wollte, habe ihn ein kommunistischer Agent angehalten, ihm das richtige Erkennungswort gesagt und ihm zugeraunt, er sei in großer Gefahr und müsse sofort verschwinden. Um keinen Verdacht zu erwecken und das Spiel ·der Gestapo nicht zu gefährden, sei ihm nichts anderes übriggeblieben, als dem Mann sofort zu folgen. Vermutlich wolle man ihn in die Schweiz bringen; diese Zeilen schreibe er beim Aufenthalt in Besançon.
Eine der beiden Schwestern war bereit, nach Besançon zu fahren und den Brief dort einzustecken. Wie Pannwitz gab sich auch der Grand Chef, wenn auch aus entgegengesetzten Gründen, alle erdenkliche Mühe, das deutsche Funkspiel zu retten. Er war überzeugt, daß Moskau den größten Nutzen daraus ziehen konnte.
In den folgenden Tagen lief Georgle de Winter durch Paris, um einen Kontakt mit der KPF herzustellen. Am 17. September gelang es ihr. Der Grand Chef verließ seinen Schlupfwinkel und traf einen Verbindungsmann der Partei, von dem er erfuhr, daß sein Bericht nicht über den im Süden aufgeflogenen Sender weitergeleitet wurde, sondern auf anderem Weg sicher nach Moskau gelangt ist. Das Sonderkommando konnte also in den beschlagnahmten Funksprüchen keinen Beweis dafür finden, daß es hintergangen wurde. Das Spiel konnte weitergehen.
Trepper bat die Partei, der Zentrale seine Flucht zu melden, seine Gründe dafür darzulegen und hinzufügen, daß seine Flucht wahrscheinlich nichts an den Plänen des Sonderkommandos ändern würde. Der Verbindungsmann händigte ihm eine verlangte Zyankali-Kapsel aus: Beim zweitenmal wollte Trepper nicht lebend gefaßt werden und womöglich, wenn er unter der Folter sprechen sollte, alles in Frage stellen.
Endlich erreichte ihn die Antwort aus Moskau. Die Mitteilung über seine Flucht war eingetroffen; der schroffe, trockene Ton des Funkspruchs aber schnürte ihm das Herz zusammen: "Wir sind froh für Sie. Jetzt müssen Sie alle Verbindungen abbrechen und untertauchen." Warum dieser eiskalte Ton? Sollte ihm der Direktor immer noch mißtrauen? Trepper erinnerte sich an die Worte Gierings: "Selbst wenn es Ihnen gelingt, uns zu entwischen und Moskau zu benachrichtigen, wird man Sie dort als Verräter ansehen."
Doch nun setzte sich Pannwitz auf die Spur des Flüchtlings. Kent war Treppers Unterschlupf, die Pension in Saint-Germain, bekannt. Er sagte Pannwitz, daß sich der Geflohene möglicherweise dort versteckt halte. Er wußte freilich nur, daß es in Saint-Germain eine Pension gab, die Adresse war ihm unbekannt. Das Kommando brauchte eine Woche, um sie herauszufinden. Man schickte Kent zu den beiden Schwestern, aber die taten, als verstünden sie seine Fragen nicht.
Pannwitz ließ die beiden Frauen verhaften. Trepper erfuhr es sofort. Wieder war es soweit: Er mußte fliehen. Zwei Probleme hatte er nun zu lösen: Er mußte Pannwitz beruhigen, und er mußte versuchen, mit der KPF Verbindung aufzunehmen. Die Verhaftungen in Saint-Germain brachten das deutsche Funkspiel in Gefahr: Wenn Pannwitz erfuhr, daß der in Besançon aufgegebene Brief von einer der Schwestern dorthin gebracht worden war, würde ihm klarwerden, daß Trepper zumindest in diesem Fall gelogen hatte, und das könnte den Kriminairat ein für allemal mißtrauisch machen.
Trepper schrieb ihm deshalb ein zweites Mal. Daß dieser Brief einen Pariser Poststempel trug, erklärte er damit, die rote "Gegenspionage" hätte im letzten Augenblick umdisponiert und ihn statt in die Schweiz nach Paris zurückgebracht. Er kritisierte scharf die vom Sonderkommando nach seiner Flucht vorgenommenen Verhaftungen. Tatsächlich hatte Pannwitz alle Inhaber und Angestellten jener Läden festnehmen lassen, die Trepper während seiner Haftzeit als seine angeblichen Mittelsleute aufsuchte,
Dieser Brief konnte natürlich nicht die Hauptschwierigkeit lösen, die ein Geständnis der beiden Schwestern hervorgerufen hätte. Trepper konnte nur versuchen, die Fäden noch mehr zu verwirren. Er wußte, wie sehr der Kriminairat sich an die Hoffnung klammerte, das Funkspiel könne nach wie vor gelingen.
Allerdings durfte es Trepper sich jetzt nicht mehr leisten, zu verschwinden und alle Verbindungen abzubrechen. Moskau hatte ihm zwar den Befehl dazu gegeben, aber die Verhaftungen in Saint-Germain konnten die Lage von Grund auf ändern. Trepper mußte sich bereithalten, um die Zentrale über die kommende Entwicklung informieren zu können.
Das verwirrende Versteckspiel ging weiter, Woche um Woche. Von der Gestapo gesucht, von der Moskauer Spionage-Zentrale gemieden, irrte der Grand Chef durch das deutschbesetzte Frankreich. Pannwitz war die Geduld ausgegangen -- er wollte jetzt den Flüchtling, der sich inzwischen in einer Pension in Bourg-la-Reine versteckt hatte, um jeden Preis In seine Gewalt bringen. Am 17. November 1943 erreichte alle französischen Polizeidienststellen folgendes Fernschreiben: "Fahndung nach Jean Gilbert. Hat Polizeiapparat für Zwecke der Résistance unterwandert. Mit Unterlagen geflüchtet. Alle Mittel einsetzen für Festnahme. Berichte an Lafont." Es folgten Personenbeschreibung und ein Photo von Trepper alias Jean Gilbert. Eine Kopfprämie war ausgesetzt. Sie wurde im Laufe der Monate dreimal erhöht.
Der Wortlaut des Fernschreibens war sorgfältig überlegt; mit keinem Wort wurde die Gestapo darin erwähnt. Im Gegenteil, alles deutete darauf hin, daß es sich um eine interne Angelegenheit der französischen Polizei handelte.
Gleichzeitig erhielten alle Haupt- und Nebenstellen der Gestapo, alle Abteilungen und Unterabteilungen der Abwehr und alle Büros der Besatzungsmacht, ob sie den Militärbehörden oder der Zivilverwaltung angehörten, einen Steckbrief mit dem Photo des Grand Chef und dem Hinweis: "Entflohen. Sehr gefährlicher Spion."
Zwei Monate nach Treppers Flucht wurde die deutsche und die französische Polizei von Pannwitz auf den Flüchtling gehetzt. Aus welchem Grunde? Pannwitz glaubte nicht mehr daran, die Absichten des Grand Chef ergründen zu können. Hatte er das Sonderkommando verraten oder verriet er weiterhin Moskau? Niemand wußte es. Solange Trepper nur unbestimmte Briefe schrieb, würde diese Unsicherheit bestehen bleiben. Er konnte das Funkspiel mit Moskau nach seinem Gutdünken entweder beleben oder blockieren.
Die Initiative lag in seiner Hand, und das konnte Pannwitz sich nicht länger bieten lassen. Allerdings: Auf Trepper alle deutschen und französischen Polizeidienststellen zu hetzen, konnte ernstliche Folgen haben. Durch Tausende von Anschlägen auf allen Dienststellen, durch die zahllosen Steckbriefe wurde der Gegner natürlich alarmiert.
Pannwitz wußte das, entfesselte aber dennoch diese Suchaktion. Lag ihm denn so viel daran, daß der Grand Chef aufgegriffen wurde? Natürlich lag ihm daran, aber das allein konnte ihn nicht zu seiner Fahndungsaktion bewogen haben. Der Plan von Pannwitz zielte weniger auf eine Gefangennahme als auf eine sichere Isolierung des Grand Chef.
Kents Sender war im Süden geblieben. Man hatte ihn dort lassen müssen, denn er sollte für das Funkspiel eingesetzt werden, und es war jederzeit damit zu rechnen, daß Moskau bei einer technischen Überprüfung den Standort kontrollierte. Pannwitz war überzeugt, daß der Direktor nichts von Kents Anwesenheit in Paris ahnte. Die Zentrale mußte annehmen, der Petit Chef befände sich noch immer im Süden bei seinem Sender.
Diesen Irrtum wollte Heinz Pannwitz ausnutzen. Er schickte der Zentrale ein von Kent gezeichnetes Telegramm, in dem der Petit Chef um die Erlaubnis bat, nach Paris fahren zu dürfen: Er habe den Eindruck, das Netz funktioniere nicht richtig, und er wolle nach dem Rechten sehen.
Die Erlaubnis wurde erteilt. Daraufhin funkte Pannwitz einen Spruch, in dem Kent seine Verwunderung ausdrückte: "Was ist mit Trepper los? Ich sehe überall seinen Steckbrief. Ist er aus einem deutschen Gefängnis entwichen?" Antwort aus der Zentrale: "Meiden Sie Trepper. Die Partei soll ihm jegliche Unterstützung verweigern. Die Partei soll ihm kein Stück Brot geben. Er ist ein Verräter."
Pannwitz hatte sein Ziel erreicht: Er hatte die Initiative wieder an sich gerissen. Trepper konnte nicht mehr drohen, das Funkspiel aufzudecken. Was er auch sagen und tun mochte,
* Bei der Festnahme durch französische Widerstandskämpfer, 1944.
Moskau glaubte ihm nicht mehr. Der Kriminairat hatte mit seinem riskanten Streich Trepper ganz einfach ausgeschaltet. Trepper war mattgesetzt.
Alle vom Sonderkommando inhaftierten Verdächtigen wurden freigelassen. Sie waren nur im Wege. Jetzt, wo Pannwitz das Heft wieder fest in der Hand hielt, konnte er dem Grand Chef diesen Gefallen gerne tun. Auch wenn die Zentrale nicht mehr auf Trepper hörte, war es doch besser, daß er über das deutsche Funkspiel nichts verlauten ließ.
Ein neuer Brief des Grand Chef bestätigte Pannwitz die Richtigkeit seiner Überlegungen. Die Zeilen klangen mutlos: "Ich bin müde, ich habe genug und gebe auf. Solange Sie nicht wieder anfangen, Leute zu verhaften, können Sie unbesorgt weiterspielen. Ich verspreche Ihnen, mich nicht mehr einzumischen."
Der Brief entsprach der Wahrheit: Trepper war am Ende. Es wird ohne ihn weitergehen. Wen nimmt es wunder, daß er die nächsten Monate schwerer ertrug als die Jahre fieberhafter Tätigkeit, die seiner Verhaftung vorausgingen, als die angstvollen Monate, die dann folgten? Nun, wo die Spannung plötzlich nachließ, war er deprimiert und ratlos.
Eine elementare Sicherheitsregel verbot es der Partei, ihn anderweitig einzusetzen. Alle in Frankreich operierenden Polizeiorganisationen machten Jagd auf ihn, er war ein Aussätziger. Man unterstützte ihn mit etwas Geld, doch das war alles. Die Banknoten waren neu -- zu neu -, und der Grand Chef verbrachte viele Stunden damit, sie einzeln zwischen den Fingern zu zerknüllen.
Trepper erwachte erst aus seiner Lethargie, nachdem die Westalliierten im Sommer 1944 in Frankreich gelandet waren. Der Zusammenbruch der deutschen Front im Westen ließ auf eine baldige Beendigung des Krieges schließen. Da entwickelte der Grand Chef einen kühnen Plan: Er wollte das Sonderkommando angreifen, dessen Flucht verhindern und alle Mitarbeiter gefangennehmen. Es wäre ein schöner Abschluß gewesen, wenn er zu guter Letzt jene Deutschen gefangengenommen hätte, die ihn jahrelang verfolgt und Ihm so viele Mitarbeiter geraubt hatten.
Mit Hilfe des KP-Mannes Kowalski hatte er einen Stoßtrupp von 30 gut bewaffneten Männern zusammengestellt. Den Angriffsplan arbeitete Alex Lesovoy aus. Er legte für das Gelingen seine Hand ins Feuer: "Sie können uns nur entkommen, wenn sie Selbstmord begehen." Doch der Grand Chef hatte lachend geantwortet: "Keine Angst, die bringen sich nicht um, verlaß dich drauf. Selbstverständlich mußte Moskau dem Plan zustimmen. Eine entsprechende Meldung war durchgegeben worden. Trepper wartete auf Antwort.
Während die Panzer des französischen Generals Leclerc auf Paris zurollten, packten die Männer des Sonderkommandos ihre Koffer. Sie brachen am 26. August auf. Paris glich einem Hexenkessel. Die waffenstarrenden Autos Wurden von Panzerspähwagen begleitet. Sie umfuhren verbarrikadierte Straßen, kamen ohne Schwierigkeiten durch die Vorstädte, stießen auf die zurückflutenden Truppen und rollten nach Osten in Richtung Deutschland.
Da aus Moskau keine Antwort gekommen war, hatte Trepper seinen Angriffsplan In eine Schreibtischschublade versenkt und seine 30 Partisanen Kowalski wieder zur Verfügung gestellt. Er verließ sein Versteck und erwartete, was kommen mußte: die direkte Begegnung mit seinen sowjetischen Auftraggebern.
Im Oktober 1944, zwei Monate nach der Befreiung, kam eine sowjetische Militärmission nach Paris und richtete sich zunächst in den Räumen der ehemaligen litauischen, dann In der früheren estländischen Botschaft am Boulevard Lannes ein. Geleitet wurde die Mission von einem Oberstleutnant Nowikow, mit dem sich der Grand Chef unverzüglich in Verbindung setzte.
Es wurde vereinbart, daß er mit dem ersten Transport nach Moskau fahren sollte. Die Wartezeit konnte lang werden, denn die Deutschen hatten nach ihrem hastigen Rückzug aus Frankreich am Rhein wieder festen Fuß gefaßt und den alliierten Vormarsch zum Stehen gebracht.
Ende November ließ Nowikow dem Grand Chef ausrichten, Stalins Provatflugzeug sei in Le Bourget gelandet, und er habe ihm für den Rückflug einen Platz reserviert; das Flugzeug hatte den französischen KP-Chef Maurice Thorez, der während der letzten Jahre in Moskau gelebt hatte, nach Frankreich zurückgebracht.
Aber Trepper mußte noch weiterwarten. Die Flugzeugbesatzung fand so viel Gefallen am Leben und Treiben in Paris, daß ein komplizierter Motorschaden nach dem anderen den Rückflug verhinderte, bis schließlich ein ultimatives Telegramm aus dem Kreml die Motoren startbereit sein ließ.
Am 6. Januar 1945 um neun Uhr morgens startete die Maschine mit dem Grand Chef an Bord in Richtung Moskau. Das Flugzeug sollte eigentlich russische Kriegsgefangene in die Heimat transportieren, aber von den acht Passagieren waren die meisten Diplomaten oder Mitglieder der Zentrale, die zurückbeordert worden waren.
Die Kriegshandlungen zwangen zu langen Umwegen. Die Maschine mußte in Marseille, Castel-Benito, Kairo, Teheran und Baku zwischenlanden, bevor sie am 14. Januar nachmittags um vier Uhr auf einem kleinen Flugplatz in der Nähe von Moskau landen konnte. Sechs Jahre waren vergangen, seit der Grand Chef Rußland verlassen hatte. Sechs an Freud und Leid, an Trauer und Triumph reiche Jahre. Sechs Jahre härtesten Kampfes. Stolz auf die vollbrachte Arbeit kehrte er zurück.
Am Flugplatz wartete ein Auto auf ihn. Er wurde in die Snamenskistraße zur Zentrale gefahren und sofort zum Direktor geführt. Die Unterredung war kurz. Der Direktor empfing ihn mit der Frage: "Was haben Sie für Pläne?"
Trepper: "Bevor wir über die Zukunft sprechen, sollten wir vielleicht von der Vergangenheit reden! Warum haben Sie mir nicht von Anfang an geglaubt? Wieso haben Ihnen so dumme Fehler unterlaufen können? Hatte ich Sie nicht hinreichend gewarnt?"
"Sind Sie zurückgekommen, um Rechenschaft zu fordern?" "Warum nicht?"
"Dafür ist mein Büro nicht der richtige Platz!"
Der Grand Chef wurde sofort ins Lubjankagefängnis überführt. Er sollte zehn Jahre lang dort bleiben. Ende

DER SPIEGEL 30/1968
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