22.07.1968

PERSONALIENWilly Brandt, Eugen Gerstenmaier, Arthur Rathke, Maud Sacquard de Belleroche, Leo Wagner

Willy Brandt, 54, Vizekanzler, posierte in seinem Amtszimmer für den Düsseldorfer Prominenten -- Photographen Charles Wilp vor Luftballons mit dem Aufdruck SPD. Der Außenminister, der 1964 als Berliner Bürgermeister für ein "Stern"-Titelphoto eine Hantel gestemmt hatte und sich heute noch über dieses Gag-Bild ärgert, lehnte Wilps Bitte, für die Aufnahme Glaskugeln in die Hand zu nehmen, kategorisch ab: "Nein, anfassen will ich nichts." Gegen das Ballon-Arrangement im Hintergrund hatte Brandt keine Einwände: "Das interessiert mich nicht weiter." Nach der Aufnahme erzählte der SPD-Vorsitzende seinem Partei-Geschäftsführer Wischnewski: "Ich bin da doch tatsächlich von einem Verrückten photographiert worden. Jetzt bin ich gespannt, was daraus wird.
Eugen Gerstenmaier, 61, Bundestagspräsident aus dem schwäbischen Kirchheim/Teck, machte vorletzten Sonntag von Bonn aus eine Blitz-Reise nach Leinsweiler an der Weinstraße. Zweck des Abstechers: Der Christdemokrat wollte vor ausgeflogenen Altersgenossen aus seinem Heimatort sprechen. Um schnell zu seinen Freunden und zurück zu kommen, ließ sich der Präsident in einem Bundesgrenzschutz-Hubschrauber vom Typ Alouette zum Sportplatz von Eschbach fliegen. Dort wartete bereits Gerstenmaiers vorausgeschickter Dienstwagen, ein Mercedes 300 (Kennzeichen BD-1--1), brachte den Politiker zum einen Kilometer entfernten "Leinsweiler Hof " und nach zwei Stunden wieder zurück zum Hubschrauber auf dem Sportplatz.
Arthur Rathke, 48, CDU-Pressechef und Dr. med., zitierte am vorletzten Freitag auf dem Münchner CSU-Parteitag vor Bekannten Personenbeschreibungen des Schriftstellers Erich Mühsam im Berlin der zwanziger Jahre: "Gerhart Hauptmann sieht aus wie eine alte Frau, die aussieht wie ein alter Mann; Heinrich Mann sieht aus wie jemand, der im Kino in der ersten Reihe ganz links sitzt; Mathias Wieman sieht aus, als ob er nicht darüber hinweggekommen sei, daß er nicht bei Langemarck gefallen ist." Dann reicherte Rathke Mühsams Urteile um eigene Charakteristika an: "Felix von Eckardt siebt aus wie ein Herrenreiter, der aussieht wie ein Jockei; Axel Springer sieht aus wie Curd Jürgens in der Rolle von Asher Ben Natan."
Maud Sacquard de Belleroche, 44, Baronin aus dem vornehmen 16. Pariser Arrondissement. veröffentlichte unter dem Titel "L'Ordinatrice" (Verlag: "Editions de la Jeune Parque") eine autobiographische Zwischenbilanz ihres Liebeslebens, das ihr außer drei Ehemännern 80 Liebhaber bescherte. deren Vornamen sie in ihrem Werk aufzählt. Obwohl sich die genußfreudige Aristokratin vorzugsweise im standesgemäßen Milieu mit Verehrern versorgte, erwählte sie bisweilen auch Angehörige niederer Stände zum Liebesdienst, so einen mittellosen russischen Tänzer, einen per Anhalter reisenden Priester und einen von Männerfreundschaften lebenden italienischen Gigolo, dessen Bekehrung ihr freilich mißlang. Detailgetreu wie die wechselnden Partner und Schauplätze schildert die für ein früheres Werk von der Académie Française preisgekrönte Autorin in ihrer Sex-Beichte herkömmliche und außergewöhnliche Liebesspiele aus 30jähriger Praxis in Boudoirs, Sportwagen, auf normannischen Wiesen und sogar unter Wasser mit einem Tauchlehrer des Club Méditerranée. Als Klosterschülerin von siner Nonne zu ersten körperlichen Wonnen erweckt, empfand die Verfasserin auch in reiferen Jahren zärtliche Neigungen für das gleiche Geschlecht, denn "die Frau bedarf der Frau, um ihren Appetit auf Männer aufzufrischen". Von den 45 000 Exemplaren der Erstauflage des Liebes-Werks sind bereits 35 000 verkauft. Hans. Jürgen Wischnewski, 45, neuer SPD-Bundesgeschäftsführer, ließ sich in seinem noch unvollständig möblierten Arbeitszimmer in der Bonner SPD-Baracke photographieren, als er zwei Stühle vor die Tür stellte. Befragt, ob dies eine symbolische Geste sei, antwortete der Minister, nach dessen Berufung in die Parteispitze der SPD-Informations-Direktor Fried Wesemann fristlos gekündigt hatte: "Ja. Ich bin nötigenfalls bereit, noch weitere Stühle vor die Tür zu setzen, so wie ich es in einem Falle ja schon deutlich praktiziert habe.
Leo Wagner, 49, Parlamentarischer Geschäftsführer der CSU-Bundestagsgruppe, fragte am vorletzten Donnerstag beim Kegeln mit Parteifreunden im Münchner "Hackerbräu" Ex-Postminister Richard Stücklen "Weißt du, wie man einen Preußen vorm Ertrinken reitet?" Antwort: "Nein." Wagner: "Na, dann ist es ja gut." Nach diesem Witz fühlte sich auch Stücklen zu einer Kostprobe bayrischen Humors verpflichtet; als er beim Kegeln alle Figuren bis auf den linksaußen stehenden Kegel umgeworfen hatte, nahm er eine Kugel und kündigte an: "So, jetzt geht es auf den Wehner." Nelson A. Rockefeller, 60, republikanischer Bewerber um die US-Präsidentschafts-Kandidatur, muß im Wahlkampf sparen. Grund: Die Familie des Millionärs, dessen Vermögen vom US-Wirtschaftsmagazin "Fortune" auf 200 bis 300 Millionen Dollar (800 Millionen bis 1,2 Milliarden Mark) geschätzt wird, will für "Rockys" Wahlkosten nur einen festgelegten Betrag aufwenden. Ein Helfer des Kandidaten: "Es ist eine recht beachtliche Summe, aber sie ist nicht unbegrenzt." Von Anhängern erwartet der Gouverneur von New York keine starke finanzielle Unterstützung. Nelson Rockefeller: "Es ist nicht leicht, die Leute zu überreden, einem Rockefeller Geld zu geben." Erste Sparmaßnahme: Auf Stimmenfang-Reisen muß die Rockefeller-Crew Doppelzimmer beziehen.

DER SPIEGEL 30/1968
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