20.02.2006

„Mein Job ist die Wahrheit“

Die Staatssekretärin im Außenministerium und Bush-Vertraute Karen Hughes, 49, über weltweiten Anti-Amerikanismus und ihren Versuch, das Ansehen der USA zu verbessern
SPIEGEL: Madam Under-Secretary, Ihr Job ist es, "Public Diplomacy" zu betreiben - also Amerikas Image in der Welt aufzupolieren. Fühlen Sie sich nicht manchmal wie Sisyphos?
Hughes: Ich weiß noch, wie ich dem Vizepräsidenten über den Weg lief, nachdem George W. Bush die Personalie verkündet hatte. Dick Cheney schaute mich an und sagte: "Herzliches Beileid, Karen, du hast den härtesten Job in der Regierung übernommen." Es ist eine riesige Herausforderung. Aber es ist auch eine große Ehre, weil ich glaube, dass wir in einem wunderbaren Land leben.
SPIEGEL: Aber schauen Sie sich an, was allein in den vergangenen Tagen passierte: Es gibt einen Aufruhr wegen der neuen Folter-Fotos aus Abu Ghureib. Und ein Bericht der Vereinten Nationen verlangt die Schließung des Lagers von Guantanamo - das sei ein Gefängnis in rechtsfreiem Raum.
Hughes: Diese Fotos sind widerlich, und ehrlich gesagt: Als Amerikanerin ist es mir peinlich, dass Menschen weltweit diese Bilder mit unserem Land in Verbindung bringen. Aber die Bilder sind alt, und sie stehen für Verbrechen, für die viele Menschen bereits bestraft wurden; einer der Verurteilten sitzt derzeit eine zehnjährige Haftstrafe ab. Wir möchten nicht über diese Fotos definiert werden. Die Bilder stehen nicht für Amerika.
Im Fall Guantanamo ist die Frage schwierig, wie man mit Terroristen umgeht, die unschuldige Amerikaner, Deutsche oder andere Menschen töten wollen. Wir glauben, dass der Uno-Bericht grundlegend fehlerhaft ist. Die Autoren des Papiers haben nicht einmal unser Angebot angenommen, Guantanamo zu besuchen.
SPIEGEL: Sie hatten ihre Gründe dafür.
Hughes: Unsere Regierung hat lange gerungen, wie man mit Terroristen umgeht, die keine Uniform tragen, keinen Staat repräsentieren und deshalb unter keine völkerrechtlichen Verträge oder Konventionen fallen.
SPIEGEL: Sie könnten ihnen zumindest einen fairen Prozess gewähren.
Hughes: Wir haben diesen Individuen eine faire Untersuchung gegeben, und wir haben diejenigen freigelassen, von denen unserer Meinung nach keine Gefahr mehr ausgeht für die USA und ihre Alliierten. Es ist die erste Aufgabe einer Regierung, ihre Bürger zu schützen. Aber wir hören uns natürlich sehr gern konstruktive Vorschläge an, was wir mit über 400 Terroristen anfangen sollen, die sich schlicht weigern, von ihrem erklärten Ziel abzurücken - nämlich Amerikaner und andere Menschen zu töten. Ich muss feststellen, dass einige der Freigelassenen leider in den Kampf zurückgekehrt sind.
SPIEGEL: Warum macht die US-Regierung nicht reinen Tisch und veröffentlicht einfach sämtliche Abu-Ghureib-Fotos?
Hughes: Eine Veröffentlichung der Bilder würde die Welt nur noch mehr in Flammen setzen - eine Welt, die, wie wir im Streit um die Mohammed-Karikaturen gesehen haben, ohnehin höchst angespannt ist. Und das würde noch mehr Leben in Gefahr bringen.
Ich habe eine Aufgabe vor mir, die vielleicht Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird: Wie erklären wir, dass Terror nicht rechtens ist? Wie machen wir den Leuten klar, dass es niemals angebracht ist, sich in die Luft zu sprengen und damit Unschuldige zu töten - egal wie groß der eigene Groll sein mag? Wir müssen den Terror genauso angehen wie einst die Sklaverei: Die war früher weit verbreitet - jetzt ist sie weltweit undenkbar geworden.
SPIEGEL: Nach dem 11. September 2001 stand fast die ganze Welt hinter den USA. Inzwischen ist die Stimmung umgeschlagen, Anti-Amerikanismus beherrscht die Menschen wie selten zuvor. Wie konnten Sie Ihr Kapital so schnell verspielen?
Hughes: Auch Umfragen aus der Zeit vor dem 11. September zeigten, dass viele Menschen nicht gerade zufrieden waren mit den USA. Wir sind eine Großmacht, das führt zu einigem Ärger. Aber es ist natürlich keine Frage: Wir müssen uns mehr öffnen, wir müssen besser zuhören. Deswegen hat mich der Präsident ja auch gebeten, diesen Job zu übernehmen - als jemand, der ein enger Freund von ihm ist, der um die Welt reisen und zuhören kann. Und der ihm dann erzählt, was die Leute da draußen sagen.
SPIEGEL: Was hören Sie denn in der islamischen Welt? Warum gibt es dort so viel Hass auf Amerika?
Hughes: Hass ist nicht das richtige Wort. Ich glaube, sie sind dort sehr besorgt. Viele sehen den Krieg gegen den Terror als einen Krieg gegen den Islam. Aber das ist die Botschaft unserer Feinde, und sie ist schlicht falsch. Den Terror und seine Hass-Ideologie zu bekämpfen - das ist ein gemeinsames Anliegen von Menschen aller Glaubensrichtungen und Nationalitäten. Die Terroristen wollen eine Tyrannei errichten. Es ist interessant, dass die Menschen mit dem besten Wissen über Extremisten - das Volk von Afghanistan - deren Agenda am deutlichsten ablehnen.
SPIEGEL: Ihnen geht es darum, einen moderateren Islam zu schaffen?
Hughes: Ich werde anderen Menschen nicht vorschreiben, wie sie ihren Glauben ausüben sollen. Aber ich möchte jene Stimmen in der islamischen Welt verstärken, die den Islam als eine Religion des Friedens darstellen und nicht als eine der Gewalt. Wir müssen Extremisten marginalisieren und ihre Versuche untergraben, den Islam für ihre Zwecke in Beschlag zu nehmen. Ich habe intensiven Kontakt zu unserer muslimischen Gemeinschaft hier in den USA gesucht, weil ich glaube, dass sie eine sehr wichtige Brücke ist.
SPIEGEL: Und Sie schicken Ihre namhaftesten Muslime nun als Botschafter rund um die Welt?
Hughes: Sie haben eine viel größere Glaubwürdigkeit, solche Religionsfragen zu diskutieren, als eine Christin wie ich. Unsere Gegner wollen alles zu einer Glaubensfrage erklären, in Wirklichkeit geht es aber um eine politische Ideologie. Alle Weltreligionen sehen das Leben als etwas ganz Besonderes an; niemand sollte Unschuldige töten.
SPIEGEL: Reisen Sie jetzt nach Deutschland, weil dort die Abneigung gegen die Bush-Regierung möglicherweise besonders ausgeprägt ist?
Hughes: Wir erleben gerade eine vielversprechende Phase in unserer historischen Freundschaft mit Deutschland. Sie haben eine neue Bundeskanzlerin, sie hatte einen wunderbaren Besuch hier bei uns in Washington. Die Amerikaner mögen ihre direkte, offene und ehrliche Art. Als jemand, der hinter dem Eisernen Vorhang aufgewachsen ist, versteht sie die Bedeutung von Freiheit. Deutschland ist für uns ein wichtiger Partner, um die Demokratie zu verbreiten.
SPIEGEL: Auch Angela Merkel kritisiert Guantanamo.
Hughes: Eine Meinungsverschiedenheit über den Umgang mit 490 Terroristen sollte unsere beiden Länder nicht spalten. Wir können unsere Außenpolitik nicht allein durch die Furcht vor gemeinsamer Bedrohung definieren. Wir müssen unsere gemeinsamen Interessen und Werte im Auge behalten.
SPIEGEL: Die Mehrheit der US-Bürger würde einen Militärschlag gegen Iran als letztes Mittel wohl unterstützen, um den Bau einer Atombombe durch die Mullahs zu verhindern. Die Europäer sind darüber höchst besorgt. Fürchten Sie, dass dadurch neue Risse entstehen könnten?
Hughes: Wir haben sehr eng mit den drei EU-Partnern zusammengearbeitet, die die Verhandlungen mit Teheran führten, und setzen auf eine diplomatische Lösung. Wir sind uns da einig. Die Europäer sollten jedoch verstehen, dass ein amerikanischer Präsident die militärische Option niemals ausschließen kann.
SPIEGEL: Ihre Regierung stellt 75 Millionen Dollar bereit, um iranische Oppositionsgruppen zu unterstützen und zum Beispiel Radiosender zu finanzieren. Im Kalten Krieg hat man so etwas Propaganda genannt. Wie nennen Sie das heute?
Hughes: Es geht darum, mit den Menschen in Iran unmittelbar zu kommunizieren. Wir möchten ihnen deutlich machen, dass wir ihre Sehnsucht nach Frei-
heit unterstützen. Wir hoffen, dass die
Iraner eines Tages die Regierung bekommen, die sie verdienen. Aber was meinen Sie mit Propaganda?
SPIEGEL: Den Versuch, ein fremdes Volk und dessen Regierung über Radio- und TV-Ausstrahlungen zu beeinflussen.
Hughes: Das Wort "beeinflussen" mag ich nicht, dies ist auch nicht meine Aufgabe. Nicht Karen Hughes spricht zur Welt - darum geht es hier nicht. Karen hört zu, unsere Regierung hört zu. Natürlich möchte ich mein Land ins beste Licht setzen. Aber mein Job ist die Wahrheit. Deswegen mag ich das Wort Spin Doctor nicht. Es klingt, als würden wir uns die Sachen zurechtlegen. Ich möchte die Wahrheit kommunizieren.
SPIEGEL: Glauben Sie manchmal, dass die Europäer mit Ihrem Freund, dem Präsidenten, zu kritisch umspringen?
Hughes: Ich kenne ihn privat so gut, dass ich über sein Zerrbild in Teilen der Presse mitunter sehr erstaunt bin. Er ist warmherzig, nachdenklich und anständig. Die Menschen liegen ihm am Herzen, er ist ein wunderbarer Führer.
INTERVIEW: FRANK HORNIG, GEORG MASCOLO
* Nach der Parlamentswahl im Dezember 2005.
Von Frank Hornig und Georg Mascolo

DER SPIEGEL 8/2006
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