20.02.2006

Die Nacht mit den Gringos

Von Glüsing, Jens

Global Village: In Brasiliens berühmtester Discothek träumen die Mädchen von 100 Dollar und manchmal auch von Schwalbach am Taunus.

Fernanda mag die Deutschen. "Sie sind treuer als die Italiener", sagt sie und zeigt ihren Terminkalender. Darin hat sie mit ihrer Kinderschrift eine Adresse in Schwalbach eingetragen. Schwalbach am Taunus.

Dort, in diesem erbarmungslos nüchternen Frankfurter Vorort, dem immer noch seine ländliche Vergangenheit anzusehen ist, lebe ihr Bräutigam, sagt Fernanda. Sie lebt noch in Rio de Janeiro, diesem mörderischen, sinnlichen Moloch. Das soll sich ändern, wenn der Bräutigam aus Schwalbach wieder im "Help" auftaucht, wenn er sich an sein Heiratsversprechen erinnert, wenn er treu ist. Viele Wenns.

Im "Help" sind sie einander nahegekommen. Der Flachbau am Strand der Copacabana ist Rios berühmteste Discothek, der größte Kontakthof, der sich in Lateinamerika finden lässt.

In der Hauptsaison, zwischen Weihnachten und dem Karneval Ende Februar, strömen Mädchen aus ganz Brasilien ins "Help", um sich einen Gringo zu angeln, für eine Nacht oder fürs ganze Leben.

Fernanda ist rank, hochgewachsen, 28 Jahre alt, eine charmante Mulattin, über dem prallen Silikonbusen spannt sich ein selbstgeschneidertes Minitop aus Tüll. "Ich habe kein Geld für Markenklamotten", sagt sie. Wie die meisten Mädchen umkreist sie die Straßenkneipe vor der Disco, in der Hoffnung, dass sich einer findet, der sie einlädt. Wenn sich keiner der Gringos dazu herablässt, bettelt sie um 20 Real, rund 8 Euro, so viel kostet der Eintritt.

Es gibt die besseren Mädchen, sie fahren im eigenen Auto vor, sie tragen Designerkleider, sie stöckeln die Stufen zur Disco hoch, gefolgt von den neidvollen Blicken der Fernandas. Sie sprechen Spanisch oder Italienisch, sie haben in Madrid oder Mailand gearbeitet.

Fernanda träumt von Schwalbach, dem 15 000-Einwohner-Städtchen, das kaum mehr ist als eine Frankfurter Schlafstadt, aber allemal besser als São Cristóvão, das verfallene Altbauviertel hinter Rios Zoo. Dort lebt sie mit ihrer kleinen Tochter. Eigentlich sei sie Krankenschwester, sagt sie, im "Help" arbeite sie nur "auf Teilzeit", nebenher büffelt sie Deutsch.

Wie an jedem Abend zuckt das Neonlicht auf dem "Help". Alle stehen sie vor der Kasse Schlange: Europäer und Amerikaner, Latinos und Asiaten. Malocher aus Turin sitzen neben deutschen Managern, schwarze Amerikaner baggern deutschstämmige Blondinen aus dem Süden Brasiliens an, die Japaner ziehen zierlich gewachsene Mädchen aus dem Nordosten vor. Die Brasilianer bleiben weg, ihnen sind die Mädchen zu teuer, 100 Dollar kostet ein "Programm".

Das "Help" ist seit 20 Jahren eine Institution in Rios Nachtleben, es widerstand allen Kampagnen, die sich der Staat einfallen ließ, um den Sextourismus ein bisschen zu bekämpfen. Anfangs war die Disco ein Treffpunkt der Schickeria, dann mischten sich Gelegenheitsprostituierte unter das Publikum, heute sind die meisten weiblichen Gäste professionelle Huren.

Natürlich wahrt das "Help" den Schein. Die Preise sind zivil, Männern in Shorts bleibt der Eintritt verwehrt, die Mädchen arbeiten auf eigene Rechnung, Zuhälter gibt es nicht. Bodyguards wachen darüber, dass Schlägereien gar nicht erst ausbrechen, am Eingang steht ein Metalldetektor, Waffen müssen abgegeben werden. Es herrscht Ordnung.

Der weltberühmte Posträuber Ronald Biggs hielt hier hof, ehe es ihn, krank und alt, nach England zurückzog. Kumpane des Reemtsma-Entführers Thomas Drach suchten Anschluss im Spotlight, Unterweltgrößen vom Hamburger Kiez treten regelmäßig in Erscheinung.

Aber auch der ehemalige "Richter Gnadenlos" Ronald Barnabas Schill, für ein paar Jahre Star in Hamburgs politischem Leben, ward an diesem Ort gesichtet. Hier im "Help" suchte der VW-Manager Klaus-Joachim Gebauer die Mädchen aus, die den Betriebsräten Spaß bringen sollten. Sogar Bundeskanzler Gerhard Schröders Besuch beim Gipfeltreffen in Rio hat das "Help" beeinträchtigt: Drei Besatzungsmitglieder seines Regierungsflugzeugs waren in einen schweren Autounfall verwickelt - nach längerer Verweildauer in der Discothek.

Es ist 0.30 Uhr, in der Bar vor dem "Help" tobt das Leben, Fernanda hängt sich an einen Schweizer, sie erprobt ihre Deutschkenntnisse. Straßenkinder, Ganoven und Taxifahrer belagern das Lokal, koreanische Straßenhändler preisen Elektro-Nippes an, ein Fotograf mit einer Polaroidkamera lichtet die Pärchen ab. Eine Kaugummiverkäuferin schiebt sich durchs Gedränge, ihre "Chiclets" sind in Wahrheit Kokain, wer etwas davon haben will, reibt sich die Nase.

2.00 Uhr. Der Schweizer hat Fernanda eingeladen, sie lehnt an der Bar, schlürft an ihrer Caipirinha und wirft den vorbeiziehenden Männern begehrliche Blicke zu. Die Freier haben die Wahl unter Hunderten von Mädchen. Techno-Musik wummert aus Lautsprechertürmen.

4.30 Uhr. Das "Help" leert sich allmählich, wer jetzt keinen Begleiter hat, bekommt keinen mehr. Fernanda bemüht sich um einen schwankenden Amerikaner, der Schweizer ist mit einer Blondine abgezogen.

Die Nacht verfliegt und mit ihr der Traum vom 100-Dollar-Schein. Als über der Copacabana die Sonne aufgeht, steht Fernanda an der Bushaltestelle. Die ersten Badegäste ziehen mit Klappstuhl und Sonnenschirm an den Strand. Sie fährt nach São Cristóvão zurück.

Bleibt die Hoffnung auf Schwalbach. Schwalbach am Taunus. JENS GLÜSING


DER SPIEGEL 8/2006
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