20.02.2006

SATIRE„Die Arbeitslosen entlassen“

Ein erfundenes SPIEGEL-Gespräch aus dem Jahr 2009 mit einem Bundeskanzler als Chefsanierer
Am vorvergangenen Samstag bedankte sich der CDU-Politiker Friedrich Merz, 50, für den Orden wider den tierischen Ernst beim Aachener Karnevalsverein mit einer Büttenrede, die in Teilen einem Beitrag aus dem satirischen Internet-Magazin "zyn!" entspricht. Der "zyn!"-Text, ein fiktives SPIEGEL-Gespräch aus dem Jahr 2009 mit einem Bundeskanzler namens Heinrich von Pierer (dem ehemaligen Siemens-Chef), wurde von der Bielefelder Universitätssekretärin Monika Rieboldt verfasst. Auszüge:
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SPIEGEL: Herr Bundeskanzler, Kritiker werfen Ihnen vor, Sie seien bei der Sanierung Deutschlands übertrieben brutal vorgegangen.
Pierer: Das sehe ich nicht so. Als mich das überparteiliche Bündnis fragte, ob ich Kanzler werden möchte, um Deutschland vor dem Konkurs zu retten, habe ich erklärt, dass ich das Land so sanieren werde, wie ich Siemens saniert habe: streng marktwirtschaftlich. Siemens und Deutschland gleichen sich in gewisser Weise: zwei Gemischtwarenläden mit sehr unterschiedlichen Komponenten, die einen leistungsfähig, die anderen weniger. Ich habe nur das gemacht, was ich auch bei Siemens gemacht habe: unproduktive Unternehmensteile abgestoßen.
SPIEGEL: Sie sprechen von den neuen Bundesländern?
Pierer: Nicht von allen. Thüringen und Sachsen haben sich ja als sanierungsfähig erwiesen, die haben wir behalten. Für Mecklenburg-Vorpommern konnten wir nichts mehr tun - Totalverlust. Da kam uns das Angebot der Bush-Administration recht, das Land als Atomtestgelände zu kaufen.
SPIEGEL: Polen hat Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt sogar kostenlos bekommen.
Pierer: Richtig. Sie dürfen aber nicht vergessen, dass sich Polen im Gegenzug verpflichtete, drei Millionen der ärmsten Rentner dort anzusiedeln. Von 300 Euro Rente kann in Deutschland keiner leben, aber in Polen, wegen der geringeren Lebenshaltungskosten. Mit diesem Befreiungsschlag haben wir die Sozialhilfekosten massiv reduziert und den Kommunen wieder auf die Beine geholfen.
SPIEGEL: Den Bundeshaushalt haben Sie durch einen Verkauf der deutschen Schulden an US-Pensionsfonds saniert. Es gab Kritik daran, dass Sie als Sicherheit die Alpen, den Schwarzwald, den Kölner Dom, die Rüdesheimer Drosselgasse sowie Rothenburg o. d. Tauber und das Oktoberfest verpfändet haben.
Pierer: Verpfändet ist nicht verkauft. Die Bevölkerung kann diese Liegenschaften weiterhin ungehindert nutzen.
SPIEGEL: Bei den Arbeitslosen sind Sie einen neuen Weg gegangen ...
Pierer: ... den am Anfang auch wieder keiner begriffen hat. Erst hieß es, es sei widersinnig, die Arbeitslosenzahl durch Entlassungen senken zu wollen. Aber das macht jeder Manager, der zu viele Leute hat, die zu viel Geld kosten. Er entlässt sie einfach! Wir haben zwei Millionen Arbeitslose aus der deutschen Staatsbürgerschaft entlassen und aus Deutschland ausgewiesen.
SPIEGEL: Wohin?
Pierer: Nicht wenige sind mit einer "Blond Card" als Straßenkehrer in Indien untergekommen. Andere haben sich als Soldaten in afrikanischen Bürgerkriegsländern verpflichtet.
SPIEGEL: Was sind Ihre nächsten Pläne, Herr Bundeskanzler?
Pierer: Wir haben noch circa 2,5 Millionen Arbeitslose in Deutschland. Ich beabsichtige, durch weitere Entlassungen endlich Vollbeschäftigung herzustellen. Außerdem müssen wir uns noch stärker auf unsere Kernkompetenzen konzentrieren. Ich habe an den Universitäten unsinnige Studienfächer wie Sozialpädagogik streichen und deutsche Kernfächer wie Ingenieurwissenschaften stark ausbauen lassen.
SPIEGEL: Durchaus mit Erfolg. Wird Deutschland durch Zukäufe wachsen?
Pierer: Das halte ich nicht für ausgeschlossen. Wie Sie sicher wissen, befinden wir uns seit einigen Wochen in Verhandlungen mit Frankreich, weil wir das Elsass kaufen wollen. Obwohl wir den Franzosen einen fairen Preis gemacht haben, sträuben sie sich noch. Aber ich glaube nicht, dass sie diesen Kurs noch lange durchhalten können. Schließlich hat es Frankreich im Gegensatz zu Deutschland versäumt, 5 vor 12 mit einem streng marktwirtschaftlichen Kurs das Ruder doch noch herumzureißen. Das hat dazu geführt, dass Paris von marodierenden Afrikanern aus den ehemaligen Kolonien zur Hälfte niedergebrannt wurde und in Marseille jetzt ein islamischer Kalif regiert. Frankreich braucht Geld, es wird uns das Elsass verkaufen. Ich will nicht verhehlen, dass wir auch Interesse an der Champagne und dem Bordelais haben.
SPIEGEL: Duce Berlusconi, der Führer des weitgehend bankrotten Italiens, soll Deutschland Südtirol zum Kauf angeboten haben?
Pierer: Das stimmt. Südtirol würde in unser Portfolio passen. Allerdings müssten die Italiener zunächst die Altlasten entsorgen.
SPIEGEL: Altlasten?
Pierer: Na, die in Südtirol lebenden Italiener. Die muss der Duce zurücknehmen.
SPIEGEL: Es gibt Gerüchte, Großbritannien habe Deutschland eine Fusion angeboten.
Pierer: Dazu möchte ich jetzt nur sagen, dass Großbritannien wie wir gut am Markt positioniert ist. Eine Fusion könnte durchaus die Phantasie der Anleger wecken. Diese müsste allerdings auf Augenhöhe erfolgen. Eine feindliche Übernahme wird es nicht geben.
SPIEGEL: Herr Bundeskanzler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Pierer: Gern geschehen. Und vergessen Sie nicht, am Ausgang die Gebühren für das Interview in die Staatskasse einzuzahlen. Ach ja, und bevor ich's vergesse: Dieses Interview was powered by Coca-Cola light.

DER SPIEGEL 8/2006
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