29.07.1968

„Auch Christus hätte zum Gewehr gegriffen“

Dies ist die Geschichte einer Reportage, die mich sieben Monate lang quer durch den lateinamerikanischen Kontinent führte, auf der Suche nach dem argentinischen Arzt Ernesto Guevara de la Serna, genannt "Che", der am 14. März 1965 unter geheimnisvollen Umständen in Kuba verschwand. Ich hatte ihn als "Leitfaden" für eine Enquete über diesen Kontinent besonders deshalb erkoren, weil er bereits ein Mythos wurde und mich Mythen stets mehr verlockt haben als Ideen.
Ich habe den kleinen, zarten und zugleich robusten Mann immer geachtet, diesen ironischen und naiven, mutigen, beharrlichen, ehrgeizigen, aber oft verzweifelten Arzt, der seit seiner Kindheit an schweren Asthma-Anfällen litt und der, da er sich nicht pflegen und heilen konnte, die Welt durch Gewalt vom Elend befreien wollte.
Auf den Spuren dieses "Vagabunden der Revolution", den der Husten schüttelte, habe ich überall in Lateinamerika die Nähe einer unvermeidlichen Revolution empfunden. Wie Guevara, war sie naiv und grausam, mehr romantisch und überschwenglich als realistisch, mehr anarchistisch als marxi-
(C) 1968 Bertelsmann Sachbuchverlag Reinhard Mohn. Auszug aus dem in Kürze erscheinenden Buch "Querillas oder der vierte Tod des Che Guevara".
stisch und noch hispanischer als alles übrige.
Es fiel mir manchmal schwer zu verstehen, was die in der lateinamerikanischen Oligarchie gborenen Zwanzigjährigen dazu bringen konnte, sich den "querrilleros" (Partisanen) anzuschließen, um diese Oligarchie zu vernichten, manchmal sogar mit dem heimlichen Einverständnis ihrer Eltern; was Priester wie Camilo Torres bewog, einer Untergrundbewegung beizutreten und In Ihr mit der kaum verhüllten Erlaubnis ihres Bischofs zu sterben.
Das versetzte mich wieder In die rauhe Wirklichkeit des Indochinakrieges, der jenseits des Pazifik weitertobt. In Vietnam hatte meine Recherche begonnen, damals vor zwei Jahren.
Vor seinem Oberst hatte ein Leutnant der "Green Berets", der amerikanischen Spezialtruppen, In einem französischen Restaurant In Da Wang zu mir gesagt: "Nach Indochina werden auch wir unser Algerien haben. Es wird Lateinamerika sein. Wir denken oft daran." Der Oberst aber wollte mir beweisen, daß weder Mittelamerika noch Südamerika, das er gut kannte, jemals das Algerien der Vereinigten Staaten werden würde. -- Womit er auch diese Behauptung belegte -- er konnte mich nicht überzeugen. Kam es daher, daß der Wein, den man uns servierte, in Algerien an den Hängen des Haras gewachsen war und mich unaufhörlich daran erinnerte, wie vergeblich es ist, sich gewissen Strömungen der Geschichte widersetzen zu wollen, wenn sie, wie Wellen im Meer, auf der Höhe ihrer Kraft sind? Alle Wogen und alle Revolutionen breiten sich schließlich sanft am Strand aus und lecken jenen die Füße, die sie ertränken wollen. Man muß nur warten -- und warten können.
Eine Streife der Militärpolizei verjagte uns aus dem Café. Wir hatten einen schweren Kopf, weil wir uns verzweifelt bemüht hatten, einander zu verstehen und die eigene Haltung zu erklären. Aber das war unmöglich. Ich kam von einem Kontinent, der sich schon allzu lange mit seinen Niederlagen abgefunden und sie mit philosophischem Gleichmut zu betrachten gelernt hatte; er, der Amerikaner, gehörte einem jungen Volk an, das noch nie besiegt worden war.
Aber einige Tage später las ich folgende Erklärung Bob Kennedys: "Eine Revolution In Lateinamerika ist unvermeidlich. Die Vereinigten Staaten können nichts weiter tun, als dafür zu sorgen, daß sie möglichst schmerzlos verläuft." Da faßte ich den Plan zu dieser Reise. Wer hatte die Wahrheit gesagt -- der Leutnant oder der Oberst?
Ich bin erst zwei Jahre später aufgebrochen. In sieben Monaten habe ich alle heißen Punkte dieses Kontinents aufgesucht, vom Watts-Viertel in Los Angeles, wo es gerade zu heftigen Rassenunruhen gekommen war, bis zum bolivianischen Hochland. In Panama fand ich meine "Green Berets" im Southern Command und in der Escuela de las Americas wieder.
Sie trainierten die Kader aller lateinamerikanischen Armeen und hatten 22 000 Offiziere ausgebildet, aber vor allem waren sie bereit, an jedem Punkt des Kontinents in kleinen "Sticks" von sieben Mann einzugreifen, wenn die Subversion plötzlich zu einer ernsten Gefahr würde.
Alle sprachen perfekt Spanisch und kannten sich in den modernsten Methoden des Nachrichtendienstes, des Partisanenkrieges und des Gegenterrors aus. Ihre ersten Lektionen hatten sie in Indochina erhalten. Die lateinamerikanischen Guerillas bemühten sich, ihre Sache ebensogut zu machen wie die Vietcong.
Aber ihr Mangel an Disziplin, ihr sehr hispanischer Dünkel, ihre Ablehnung jeglicher Autorität machten sie oft zu einer leichten Beute für die Spezialisten aus Panama. Sie begannen indessen zu lernen, wie man schweigen mußte und wie man kämpfte.
In Lateinamerika mußten die Amerikaner die Zeitungen bestechen und ihren ganzen Einfluß aufbieten, damit man nicht nur von ihren Niederlagen in Vietnam berichtete. In den Vereinigten Staaten begegnete man manchmal jenem Krieg im Gang eines Zuges ...
Ich habe dieses Bild noch vor Augen. Es war zwischen New York und Chicago. Unter Anführung eines Militärpolizisten mit umgeschnallter Pistole gingen zehn aneinandergefesselte junge Männer durch den Mittelgang unseres Waggons in den Speisewagen. Nur der letzte war ein Schwarzer. Alle hatten kurzgeschorenes Haar, waren frisch rasiert und gut gekleidet, Es waren keine Beatniks oder für Gewaltlosigkeit schwärmende, von einer Droge berauschte bärtige Hippies, sondern Studenten, die sich geweigert. hatten, in Vietnam zu kämpfen.
Der Krieg war auch in einer Weihnachtsnacht in Los Angeles in dem großen roten Zelt gegenwärtig, in das uns der reiche Komponist von "West Side Story" eingeladen hatte. Der Vietnam-Krieg drückte auf die festliche Stimmung und versetzte uns, die kleine Gruppe von Franzosen, ein wenig in jene Anklägerrolle, die Amerikaner 1954 uns gegenüber gespielt hatten, als wir mit so wenigen Mitteln und mit so viel Mühe den "Kolonialkrieg" in Indochina führten.
Vietnam bleibt gewiß ein Beispiel für alle Länder Lateinamerikas, aber welches von ihnen wäre bereit, ein weiteres Vietnam zu werden, wie es Che Guevara ("Schafft zwei, drei, viele Vietnams") in einer seiner geheimnisvollen Botschaften forderte? Diese Botschaften kamen gleichsam aus dem Nichts, aber immer zur rechten Zeit, um den Reden Fidel Gastros mehr Gewicht zu geben:
"Wir können uns nicht vorstellen, wir dürfen es nicht, daß die Freiheit kampflos gewonnen wird. Diese Kämpfe können nicht einfache Straßenkämpfe sein, in denen man Steine gegen Tränengas wirft, nicht friedliche Generalstreiks. Es wird auch nicht der Kampf eines wutentbrannten Volkes sein, das in zwei oder drei Tagen der Unterdrückung durch die Machthaber der Oligarchien ein Ende macht.
"Es wird ein langer und harter Kampf sein, und die Front wird durch die Schlupfwinkel der Guerillas, durch die Städte, durch die Häuser der Kämpfenden gehen, in denen die Truppen der Unterdrücker leicht zu greifende Opfer stichen werden, durch die vom Feind zerstörten Dörfer und Städte. Wir müssen den Krieg überall dorthin tragen, wo sich der Feind befindet.
"Es wird ein totaler Krieg sein. Der Feind darf auch nicht einen einziger
* Vor ihrem Führer Oberst Reque Teran in Fort Choreti.
Augenblick der Ruhe oder des Verschnaufens haben. Wir müssen ihn angreifen, wo er auch sei, ihm das Gefühl geben, wohin er sich auch begibt, ein gejagtes, gehetztes Tier zu sein. Dann wird seine Moral sich zu verschlechtern beginnen. Er wird noch scheußlicher werden, und wir werden die Zeichen seines Verfalls erscheinen sehen."
Einen solchen Krieg zu führen, verlangt totale Disziplin, Gehorsam gegenüber dem Führer und bescheidene Zurückhaltung dem Mitkämpfer gegenüber.
In Vietnam werden Kinder wochenlang, manchmal monatelang gedrillt, immer eine bestimmte Schrittlänge einzuhalten. Dann schickt man sie eines Tages als Stiefelputzer in einen amerikanischen Stützpunkt. Sie gehen und zählen dabei die Schritte von einer Unterkunft zur anderen, zwischen jeder Geschützstellung und jedem Wall aus Sandsäcken. Die Frauen, die den GIs die Wäsche waschen, gehen ebenfalls in genau bemessenen Schritten und zählen sie vom Befehlsstand bis zur Wache, die ihn schützt.
Die Zahlen werden an den Stab gemeldet, wo Männer sie sorgfältig berechnen und schließlich einen vollständigen Plan des Stützpunktes anfertigen. In diesen Plan werden fortlaufend alle Veränderungen eingezeichnet. Er verwandelt sich in eine genaue Karte, nach der Spezialtruppen wochen- oder monatelang ausgebildet werden.
Alles wird fast auf die Sekunde berechnet, und eines Tages findet der Angriff statt, ohne daß etwas dem Zufall überlassen worden ist. Das Geheimnis wird dank dem geradezu unheimlichen Hand-in-Hand-Arbeiten der Stiefelputzer und des Stabs der Vietcong-Zone völlig gewahrt. Der Vietcong hat über das ganze Land ein dichtes Netz gespannt, und selbst das winzigste Fädchen zuckt bei der kleinsten Information.
In Lateinamerika sind wir davon noch weit entfernt. Wir befinden uns hier freilich in einer ganz anderen, nicht mit allen Wassern gewaschenen, aber sehr viel beruhigenderen Welt, weil sie der unseren verwandt ist. An Mut fehlt's auf diesem Kontinent nicht, aber die Freude an der Unordnung, der Egoismus, die Liebe zur schönen Geste, die Donquijoterie, die Lust an großen Worten und eine gewisse Menschlichkeit lähmen diesen Mut.
Und dann ist da immer noch und immer wieder der Dünkel. Alle Revolutionäre träumen davon, die "übertadores", die Befreier ihres Kontinents, zu werden: von Fidel Castro, den an seine Insel Gefesselten, bis Che Guevara, vom Guerillaführer, der noch gestern nur ein aufsässiger Bauer war, dem Straßenräuber, der sich politisch engagiert, bis zum zwanzigjährigen Studenten, der sich mit dem Titel "comandante" schmückt und mit seiner Uniform in der Universität von Caracas umherspaziert.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem ehemaligen Guerilla, der von der Armee festgenommen worden war, aber trotzdem nach Mexiko hatte entkommen können, denn seine Familie hatte mächtige Beziehungen. Er war so etwas wie ein politischer Berater geblieben, geistiger Vater und Repräsentant einer revolutionären Bewegung seines Landes im Ausland.
"Unsere Revolution", sagte er, "soll nicht national sein, sondern sich auf alle Länder ausdehnen. Wir wollen den Traum Bolivars wieder aufnehmen und in einem original-sozialistischen Rahmen die Vereinigten Staaten Lateinamerikas neu schaffen. Aber wir haben nichts mit Marx, mit Mao und den Vietnamesen zu tun. Wir sind in Wirklichkeit die einzigen wahren Revolutionäre, die einzigen, die eine Revolution geistig vorzubereiten vermögen, die für unsere Länder die richtige ist.
"Wir allein werden die Vereinigten Staaten von Amerika auf die Knie zwingen können. Wenn wir unser Ziel erreicht haben, werden wir auch euch in Europa befreien, auch euch in Frankreich. Ihr seid zu materialistisch, zu skeptisch, zu blasiert geworden. Ihr lebt in den verschimmelten Trümmern eurer alten Revolution von 1789. Wir werden euch neues Blut und neue Ideen bringen. Ja, von uns wird die neue Weltrevolution ausgehen."
Dieser junge Mann war ehrlich. Wie seine spanischen Vorfahren, die Konquistadoren, hielt er alles für möglich -- auch dies: mit 300 Studenten Mexiko und mit 100 Guerillas Peru zu erobern. Die Realität der komplizierten Wirtschaftsprobleme und die Gefühle der Stadt- und Landbevölkerung kümmerten ihn nicht. Das Volk würde sogar meistens eine selbst langsame Evolution einer brutalen, radikalen und blutigen Revolution vorziehen, deren größte Last es wieder einmal selbst tragen müßte und die wie in Mexiko nur eine alte Oligarchie durch eine dynamischere und gierigere ersetzen würde.
Der junge Mann wollte nichts davon wissen, daß der Yankee-Imperialismus stärker war als das Reich der Azteken oder das der Inkas. Selbst wenn die Amerikaner keine neuen Ideen brachten, die Yankees würden alle anderen Völker mit einer bestimmten Lebensart anstecken, die überall an Boden gewann und die Revolution zu überrunden drohte.
Seine Vorfahren, die spanischen Bauern aus Galicien oder Kastilien, die nach "Indien" aufbrachen, glaubten bereits, es genüge, die Planke zu überschreiten, die das Festland mit der Karavelle verband, um Hidalgos und Konquistadoren zu werden. Wie die spanischen Einwanderer glaubte auch der junge Aufrührer: Wenn man sich auf dieser neuen Karavelle, Revolution, einschiffte, werde alles möglich sein; so sah er sich schon alle Rechte gewähren.
In Panama, einem Staat, der gar keiner ist und den in allem und jedem die Vereinigten Staaten geschaffen haben, erträgt man immer weniger die Yankees, die gestern noch die "guten Alliierten" waren. Heute nennt man sie offen Besatzer.
Die Hauptstadt Panama und ebenso die Stadt Colón am anderen Ende des Kanals sind nur noch Ketten von Läden, in denen man zu niedrigen Preisen Transistorgeräte und Kameras bekommt. Alle Banken der Welt haben dort Niederlassungen. Man handelt mit allem, Waffen, Frauen und Rauschgift.
Auf manchen Inseln, die in Straflager umgewandelt worden sind, wird Marihuana angebaut, vielleicht, um den Sold der Polizisten aufzubessern. Ich erinnere mich an eine Gasse mit Holzhäusern, in der ein zwölfjähriger
* Während des Partisanenkrieges gegen Kubas Diktator Batista In der Sierra Maestra. 1958.
Junge mir für fünf Dollar seine kaum zwei Jahre ältere Schwester anbot und in der an allen Fenstern dicke Frauen Lind betrunkene Männer dem Handel gleichgültig zusahen.
Wenige hundert Meter von diesem pittoresken Schmutz entfernt, der nach Gewürzen und Zucker roch, sah man hinter einem Eisengitter grüne Rasenflächen und die weißen Häuser und chromblitzenden Autos der amerikanischen Soldaten, die den Kanal schützen und über ganz Mittelamerika und Südamerika wachen. Mit ihnen leben dort die Beamten der Kanalverwaltung und Funktionäre der Nachrichtendienste, die Verschwörungen anzetteln und Staatsstreiche aufziehen.
Aber in den "fincas" (Gütern) und in den umliegenden Sierras üben sich Männer im Pistolen-, Gewehr-, Maschinengewehrschießen und im Werfen von Handgranaten, manchmal unter den Augen ihrer Richter und Pfarrer. Meistens sind es keine Kommunisten. sondern Nationalisten. Die Bevölkerung von Panama hat schon 1959 und 1964 wegen einer Fahnenfrage revoltiert, und diese tüchtigen Kaufleute werden es wieder tun, so gern sie Handel treiben und so ungern sie Geld verlieren.
Sie können es nicht mehr ertragen, daß ihr Territorium durch die amerikanische Kanalzone in zwei Teile geteilt ist. Vor dem Denkmal Ferdinand de Lesseps' und seiner Gefährten, auf der Place de France, erklärte mir dies Pfarrer Herrera, der schon lange einen bedeutenden Pfarrbezirk der Stadt verwaltete. Er hatte ein eckiges Gesicht, einen kupferfarbenen Teint und breite Schultern. Bestimmt floß Indianerblut in seinen Adern.
"Der Kanal hat aus uns und unserem Land eine amerikanische Kolonie gemacht, und alle Länder Lateinamerikas betrachten uns als eine Kolonie, selbst wenn sie selber kaum etwas anderes sind", sagte er mir. "Aber vor allem haben wir keine wirtschaftliche Unabhängigkeit. Als der Kanal gebaut wurde, hat er uns 250 000 Dollar eingebracht. Heute belaufen sich die Gebühren auf jährlich 1,9 Millionen Dollar. Aber das mindert nicht das Unbehagen, das uns die Anwesenheit der Amerikaner hier empfinden läßt.
"Durch sie sind Prostitution, Schmuggel und Rauschgifthandel bedeutend angewachsen. Wir können uns nicht auf den guten Willen der Amerikaner verlassen. Nur die Gewalt kann uns von diesem Übel befreien. Aber wir haben hier in Panama keine militärische Tradition. Es ist sehr schwer, hier eine Untergrundbewegung zu gründen, denn unser Land ist sehr klein, und die Amerikaner, haben es vollständig besetzt. 50 000 Amerikaner leben hier. Sie kennen das Land in- und auswendig, und die Nationalgarde, unsere einzige Truppe, wird von ihnen streng kontrolliert.
"Sie haben in Panama eine große Verwirrung damit gestiftet, daß sie der Bevölkerung einredeten, alle Nationalisten seien auch Kommunisten, weil sie sich den Amerikanern widersetzten. Mehrmals bin ich bezichtigt worden, Kommunist zu sein, nicht nur von den Amerikanern, sondern auch von den Behörden, die ihnen zu Diensten sind. Meine kirchlichen Oberen wissen dennoch sehr gut, daß es sich bei mir nicht um Kommunismus, sondern um wahres Christentum handelt."
Pfarrer Herrera sagte all das laut, was viele Bürger Panamas ganz leise wiederholten. Manche von ihnen, wie der ehemalige Präsident Arias, der mit großer Mehrheit gewählt und zweimal von den Amerikanern gestürzt wurde, haben mir das gleiche in anderen Worten gesagt.
Arias ist ein Abenteurer eigener Prägung, ein zynischer Tribun, der auf die Massen geradezu magnetisch wirkte; stets begann er seine Reden so: "Schweig doch, dummes Volk." Man konnte ihn kaum als Kommunisten bezeichnen. Während des Krieges beschuldigte man ihn sogar, Faschist zu sein, und das war nicht ganz unrichtig. Aber er war vor allem ein Antiyankee.
Der spanische Schriftsteller Salvador de Madariaga, Wortführer und Verteidiger des Hispanismus, kritisiert wie viele Lateinamerikaner die Monroe- Doktrin*, durch die neuerdings der amerikanische Kontinent immer mehr zu einem Jagdgebiet der Vereinigten Staaten wird.
"Jeder Amerikaner, den ich kenne, weiß, was das ist. Keiner von ihnen aber würde zulassen, daß man daran rührt", so formulierte Madariaga. "Ich schließe daraus, daß diese Doktrin keine Doktrin, sondern ein Dogma ist, denn sie hat die beiden Eigenschaften, an denen man ein Dogma erkennt. Aber wenn ich sie genauer betrachte, merke ich, daß es sich nicht um ein Dogma, sondern um zwei handelt: das Dogma der Unfehlbarkeit des Präsidenten der Vereinigten Staaten und das der Unbefleckten Empfängnis der amerikanischen Außenpolitik."
Er bemerkte schon 1960 den heftigen Antiamerikanismus aller Eliten Lateinamerikas, vor allem der akademischen. Denn der Kontinent, auf dem die Obersten Staatsstreiche machen oder jene verhindern, die nicht von ihnen gemacht werden, bleibt zugleich das Gelobte Land des "licenciado", des Professors und Doktors.
Oft stehen Akademiker an der Spitze der Staaten. Während jedoch die Militärs sich ziemlich oft von der Stärke der Organisation und von der Tüchtigkeit der Vereinigten Staaten beeindrucken lassen, kann der Licenciado nicht umhin. sie im Namen seiner Kultur, seiner spanischen Vergangenheit, seiner Sprache zu verabscheuen, selbst wenn seine Interessen sich mit denen der "gringos" (Fremden) decken.
Dieser Antiamerikanismus kommt nach Ansicht Madariagas aus gekränktem Stolz und einer subtilen Ungerechtigkeit. Aber der spanische Schriftsteller sagt auch, wie bequem es ist, seine eigenen Fehler den Vereinigten Staaten in die Schuhe zu schieben, sie für Trägheit. Wankelmut und Egoismus verantwortlich zu machen. die den herrschenden Klassen eigen sind, aber auch den Leuten aus dem Volk.
Sieben Jahre später habe ich feststellen können, daß dieses Gefühl sich noch verstärkt hat. Die Gringos werden selbst von jenen gehaßt, die ihnen dienen. Noch mehr als früher identifiziert man die Nordamerikaner mit allen Arten der Ausbeutung und Unterdrückung. Man sieht in ihnen Stützen der unbeliebtesten Caudillos von der Art Trujillos und Batistas, der Somozas und des "Papa" Duvalier.
Man vergißt, daß die Vereinigten Staaten nicht wie Rußland oder China totalitäre Staaten sind, in denen nur eine Politik gilt. Die Industriekapitäne haben Mittel, die Bemühungen des State Department zu durchkreuzen. Sie können sich ihre Handlanger, ihre Obersten und Caudillos kaufen, um wirtschaftliche Privilegien aufrechtzuerhalten, die nicht mehr zu verteidigen sind.
Aber neben die Militärs, Akademiker und Yankees trat nun eine neue Macht: der Guerilla, der Partisan. Von Land zu Land machte er sich bemerkbar, hinterließ er seine Handschrift und immer wieder hörte man dann den Namen Che Guevara.
Kolumbien erhielt nach der Ermordung des Parteiführers Jorge Gaitán einen Präsidenten. der erklärte, das Volk sei seiner Regierung überlegen, 20 Jahre Gewaltherrschaft hätten das Land fast 400 (100 Opfer gekostet, die auf scheußliche Weise umgebracht worden seien. Zum erstenmal änderte sich die Art des Regierens. Konservative und Liberale hatten einander blutig bekämpft, indem sich beide bandoleros" (Banditen) kauften oder die in ihrem Solde stehenden Obersten benutzten; jetzt schlossen beide Parteien ein Bündnis -- eine gewisse Ruhe war wieder eingekehrt.
Aber kubanische und chinesische Instrukteure haben die demobilisierten Bandoleros, die weiter Frauen vergewaltigten und Kinder an Scheu-
* Erklärung des US-Präsidenten James Monroe vom 2. Dezember 1823, die besagte, Washingtoner werde Süd- und Mittelamerika vor allen Einmischungsversuchen außeramerikanischer Mächte schützen.
nentoren kreuzigten, gelehrt, daß man den Gewalttaten mindestens einen politischen Sinn geben müsse. Diese "Missionare" hatten oft Pech und wurden ihrerseits hingemetzelt, weil man sie langweilig oder zu redselig fand.
Allmählich entstand jedoch zugleich im Norden und Süden des Landes eine Guerilla, die nicht nur solche Gewaltakte verübte. Im Norden waren es vor allem Studenten, Castristen, wie man sie nannte; im Süden operierten Bauern und ehemalige Bandoleros, die man als Moskowiter bezeichnete.
Kurz nach meiner Ankunft in Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens, fand zum erstenmal eine gemeinsame Aktion der beiden gegensätzlichen Gruppen statt. In Bacaramangua, In der Provinz Santander, wurde ein Zug in die Luft gesprengt, und eine Patrouille der Armee geriet in Huila im Süden in einen Hinterhalt und verlor 15 Mann, Es bedurfte gar nicht mehr der Meldung in allen Zeitungen, daß der Mann, der alle Widerstandsgruppen unter einem einzigen Kommando vereinigt hatte, Che Guevara war.
Kolumbien ist das Land, in dem die katholische Kirche von jeher die größte Macht und die größten Reichtümer besessen hat. Aber auch in Kolumbien wurde im vorigen Jahr ein aus einer sehr bedeutenden Familie stammender Priester, Camilo Torres, ehemaliger Universitätsseelsorger, als Mitglied der Untergrundbewegung in Santander getötet. Camilo Torres sagte.: "Wäre Christus nach Kolumbien gekommen, hätte auch er angesichts alle Ungerechtigkeiten ein Gewehr ergriffen und wäre der Untergrundbewegung beigetreten."
Anders war die Lage in Venezuela, dort herrschte im revolutionären Lager größte Verwirrung. Castristen unter ihrem Führer Douglas Bravo und die orthodoxen Kommunisten unter den Funktionären Machado und Hector Mujica exkommunizierten sich gegenseitig um die Wette, jeder im Namen seines Mekka. Das eine war Moskau, das andere Havana. Sie verrieten sich und knallten einander manchmal ab.
In Caracas erzählte man mir die Geschichte eines sehr seltsamen Ausbruchs aus dem Zentralgefängnis, bei dem die kommunistischen Führer Petkoff, Ponce und Marqués, Feinde des Castrismus, entkamen. Sobald sie aber in Freiheit waren, nahmen sie ihre Truppen wieder in die Hand, um dem castristischen "Abenteurertum" ein Ende zu machen. Ich habe diesen gewaltsamen und endgültigen Bruch miterlebt, der den Mythos der Einigkeit der Revolutionäre zerstörte.
Die schärfsten Angriffe gegen Fidel Castro kamen von seinen "Freunden" im sozialistischen Lager. Man nannte ihn verächtlich "nino", das Kind, ihn, der mit der Hitzigkeit des Abenteurers und des von sich eingenommenen Caudillo erst vor kurzem zu Karl Marx gestoßen war. Zwei Monate später landeten kubanische Offiziere mit Waffen und Dollars heimlich an der Küste und wurden festgenommen, als sie aus ihren Schlauchbooten ausstiegen.
Man zeigte die Häftlinge der Presse, und dann erhängten sie sich, einer nach dem anderen, in ihren Gefängniszellen. In Havana wurden die Kommunisten sofort beschuldigt, die Kubaner ausgeliefert zu haben. Gewisse Abrechnungen zwischen Kommunisten erinnern stark an das, was in Verbrecherkreisen geschieht, wo man sich der Polizei bedient, um den Gegner auszumerzen.
In Peru wiederum war die Partie von den Guerillas gespielt und verloren worden. Die Guerillas wollten die Indianer befreien, und gerade sie waren es, die sie verrieten. Die Indiane' mißtrauten allem, was von den Weißen kam, und die Guerillas waren Söhne von Spaniern. Aber wie manches Rückfallfieber, verschwindet die Guerilla manchmal und kehrt dann plötzlich wieder, zumal wenn keine Reform durchgeführt ist, um das Übel zu heilen.
In Bolivien wurde durch einen Zufall eine entstehende Guerillabewegung vier Monate ehe sie in Aktion treten wollte, entdeckt. Ihr Führer, ein gewisser Kommandant Ramón, war kein anderer als unser geheimnisvoller Che Guevara. Diese von Kuba ferngesteuerte Guerilla sollte der schlagende Beweis dafür sein, wie begründet die Thesen Fidel Castros und Che Guevaras waren.
Ein Theoretiker brachte die ziemlich verworrenen Ideen der beiden Männer in eine klare Form, wurde in einem Hotel in Muyupampa verhaftet und löste einen Eklat aus. Es war der junge französische Akademiker Régis Debray, der sich mit der Behauptung verteidigte, er habe als Journalist Che Guevara interviewen wollen und habe ihn gesprochen. Seine von einem Anwalt verbreiteten Enthüllungen überstürzten die Dinge.
Die Affäre wurde so ernst, daß man die "Green Berets" aus Panama in Santa Cruz landen sah. Es waren freilich keineswegs 1000 Mann, wie man in Frankreich ein wenig voreilig schrieb, sondern in den ersten Tagen 17 und dann 30. Das genügte, um "die Truppen zu beraten", die gegen eine Guerilla von höchstens 100 Mann kämpfen mußten.
Die bolivianische Regierung wollte nach dem Vorbild anderer Regierungen diese Krise nutzen, um die Vereinigten Staaten zu "schröpfen" und die miserable Bewaffnung ihrer Armee zu verbessern. Sie übertrieb auch die Zahl der Guerillas. Der Oberbefehlshaber der bolivianischen Armee, General Ovando, behauptete, es seien 400 Mann gewesen.
Alle Fäden, an denen Ich zog, oft gerissene und Immer schlaffe Fäden, führten mich endlich nach Kuba. Der Mann, von dem man am meisten sprach, bald als von einem Robin Hood, bald als von einem zynischen Mörder, war der kleine argentinische Arzt Ernesto Guevara. Man hatte ihm den Spitznamen Che gegeben, weil er die Angewohnheit hatte, seine Sätze mit dem Ausruf "ehe" (he!) zu spicken.
Er gehörte zu den zwölf Überlebenden der "Granma", jener Jacht, die Castro 1956 gechartert hatte, um seine kleine Truppe von Mexiko an die kubanische Küste zu transportieren. Nachdem er einer der historischen Führer des Castro-Aufstandes in Kubas Sierra Maestra und einer der umstrittensten kubanischen Minister geworden war, verschwand Guevara im Frühjahr 1966 unter geheimnisvollen Umständen von der Bildfläche.
Er war totgesagt worden, aber plötzlich auferstand er überall wieder, ein neuer allgegenwärtiger Lazarus, das menschliche Symbol der Revolution gegen den amerikanischen Imperialismus und die Regierungen, die mit ihm zusammenarbeiteten.
Da ich wissen wollte, wie es mit der Revolution in Lateinamerika stand, habe ich den Che überall gesucht. Wenn es irgendwo in der Welt keine Geheimnisse gibt, dann auf jenem Kontinent. Man weiß dort alles, man findet jeden. Alles geschieht in einer brüderlichen Indiskretion, und in dem Untergrundkampf fehlt es völlig an den notwendigen elementaren Vorsichtsmaßnahmen.
Der Che war nicht in Kolumbien, wo er, als Pfarrer verkleidet, agiert haben sollte, ehe er die Führung der Untergrundbewegung in Santander und dem Gebiet von Huila übernahm. Er war auch nicht in Peru, im Tal der Concepión, wo ein ehemaliges zerstörtes Guerillanest aus der Asche wiedererstand. Ebensowenig war er bei den Guerillas in Guatemala oder in der Sierra de las Minas, wo Freunde sein Grab suchten.
"40 bis 50 Gräber sind im Nordwesten von Guatemala binnen weniger Tage geöffnet worden", berichtete eine Zeitung Guatemalas. "Die Bauern der Gegend glauben, diese makabre Arbeit hätten Guerillas der revolutionären Streitkräfte verrichtet, die, wie sie sagten, die Leiche des Che suchten. Der Che soll kürzlich nach Guatemala gekommen sein, um die Rückkehr des nach Kuba geflüchteten Expräsidenten Jacobo Arbenz vorzubereiten. Bei einem Zusammenstoß zwischen der Armee und seiner Leibwache ist er angeblich getötet worden. Die Leibwache habe seine Leiche versteckt, um zu verhindern, daß die Regierung etwas von diesem Tod erfuhr und ihn propagandistisch ausschlachtete. Aber die Leiche war so gut versteckt, daß die Guerillas sie nicht wiederfanden; daher die Suche nach ihr."
Die Zeitung "Der Globus" in Rio de Janeiro behauptete wiederum, der brasilianische Abgeordnete Altino Machado habe von einem katholischen Priester namens Pelegrini erfahren, daß Che Guevara sich in dem "Regenwald" (Selva) am Amazonas unweit der Grenze zwischen Brasilien und Bolivien aufgehalten habe. Der Priester habe den Che mit einer Gruppe von 20 Männern gesehen, die Waffen nach Bolivien transportierten.
Che Guevara soll, wie es in der Zeitung weiter hieß, schon früher in diesem Gebiet gewesen sein, um als Arzt die Lepra der Eingeborenen zu studieren. Das war 1952, im Jahr der bolivianischen Revolution. Rojo del Rio bekräftigte uns diese These; er ist Argentinier wie Che und wie er einer der Kämpfer der Sierra Maestra.
Rojo del Rio hat den Kopf eines Bauern aus Estremadura, ein durchtriebenes Gesicht und den besonderen Humor der Argentinier, der recht boshaft sein kann. Dieser ehemalige Pilot ist so etwas wie ein Vagabund der Revolution gewesen. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, "die Oligarchie zu vernichten und die Tyrannen zu stürzen".
Mit seinem alten Flugzeug versorgte er Anfang 1958 Fidel Castros kleine Kampfgruppe in der Sierra Maestra mit Waffen. Bei einer schwierigen Landung ging seine Maschine zu Bruch, Er teilte das harte Leben der Guerillas und führte überall sein Maschinengewehr spazieren, an dem er aus eigener Machtvollkommenheit andere ausgebildet hatte. Mit dieser Waffe trotzten Castro und seine Männer den Batista-Anhängern in ihren ersten offenen Feldschlachten.
Rojo del Rio erzählte uns, wie er Che kennengelernt hatte: "Man hatte mir gesagt, es sei schon ein Argentinier dabei, ein gewisser Dr. Ernesto Guevara, den sie alle den Che nannten. Ich habe ihn zum erstenmal in Naranjo gesehen. Er starrte vor Schmutz, war erschöpft von seinem langen Rückzug, nachdem er den Männern des Kommandanten Mosquera, eines der wenigen Harten in der Armee Batistas, die Stirn geboten hatte.
"Die Kubaner, die mit ihm zusammen waren, sagten mir, er sei ein guter Kamerad, auf den man sich verlassen könne. Ich hatte den Eindruck, einen sehr besonnenen Mann, einen kühlen Rechner, vor mir zu haben, der weit in die Zukunft sah und den das Kalkül geradezu berauschte. Er war eine sehr starke Persönlichkeit, und viele standen in seinem Bann. Er galt schon als Kommunist, aber nicht als irgendeiner, sondern als jemand, der sich in seiner Doktrin wirklich auskannte.
"Alle, die ihn umgaben, waren mehr oder weniger Kommunisten. Es war da noch ein anderer Kommunist bei uns: Camilo Cienfuegos (ein Sohn spanischer Flüchtlinge des Bürgerkrieges, der unter nie ganz geklärten Umständen aus Kuba verschwand, als er in der Artillerieschule mit der Ausbildung politischer Kommissare der Armee betraut war), aber weder seine Worte noch seine Gesten ließen das erraten. Dennoch war er ein Kommunist der alten Schule.
"Alle brüsteten sich und erzählten von Ihren Heldentaten in der Untergrundbewegung. Nicht Che. Er sprach nie von sich. Er lächelte nur ein wenig verächtlich. Er galt als selbstbewußt.
"Sobald das möglich war, bin ich nach Costa Rica zurückgekehrt, um mir weitere Waffen zu beschaffen, aber inzwischen hatte die Revolution gesiegt. Ich wurde in den Stab der neuen kubanischen Armee gerufen, der sich damals in der Cabana befand. Che war Stabschef. Es war der 8. Januar 1959.
"In der Cabana wurden alle bedeutenden Leute Batistas und die Chefs seiner Armee erschossen. Che sah vom Balkon aus zu. Der Kommandant, den man soeben exekutiert hatte, war nicht richtig getroffen worden und starb langsam. Einer der Männer des Pelotons fragte Che: "Soll man ihm den Gnadenschuß geben?' Er antwortete: "Nein, er hat schon genug Blut verloren.' Und man ließ ihn ganz allein sterben und sich auf dem Boden vor Schmerz winden.
"Che Ist nicht empfindsam gewesen. Camilo Cienfuegos war gerade mit seinem Flugzeug abgestürzt. Es war ein Unfall. Ich diente bei der Luftwaffe und habe die ganze Küste abgesucht. Verärgert über die Aufregung wegen
* Im Licht von Scheinwerfern geparkter VW.
Camilo, sagte Che mir: "Hör mal, gib mir Bescheid, aber erst, wenn du ihn gefunden hast. Und er ging schlafen. Es hatte immer eine gewisse Rivalität zwischen den beiden comandantes bestanden. Jeder war eifersüchtig auf den Ruhm des anderen. Che pfiff durchaus nicht auf Ruhm.
"Dann habe ich Ernesto als Präsidenten der Nationalbank wiedergefunden. Stellen Sie sich vor, ein Mann, der Arzt ist und Bankier wird! Zwischen dem Manipulieren von Millionen Pesos des Staates und dem Arztberuf liegt eine ganze Welt. All das war völlig verrückt. Auf solche Verrücktheiten verstand sich Che freilich. Man erzählte sogar, er sei Psychiater gewesen. Als Minister nützte ihm das wenig. Zum Glück hatte er Mitarbeiter, und das waren fähige Leute, Zum letztenmal habe ich ihn im August 1959 gesehen, als wir eine Expedition vorbereiteten, um den Diktator Trujillo in Santo Domingo zu stürzen. Ich gehörte zum Stab. Aber die Landung in Constanza mißlang. Dann bin ich auf und davon."
Warum aber hatte sich Guevara schließlich von Castro getrennt? Rojo del Rio wußte dies: "Es hat oft Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und Fidel gegeben. Che hat vielleicht eine pro-chinesische und anti-sowjetische Haltung eingenommen und hinsichtlich der Revolution seine eigene Ansicht gehabt. Ich glaube, Che hat schließlich die Revolution mit anderen Augen gesehen als Fidel, und er ist aus Kuba weggegangen, um sie so zu machen, wie er sie verstand, seine Revolution.
"Ich erinnere mich noch an die Sierra. Wir diskutierten oft mit Che darüber, wie wir die Revolution auf dem Kontinent fortsetzen und die Oligarchien verjagen könnten. Ernesto sagte zu mir: "Ich habe einen Plan. Wenn ich eines Tages auf dem Kontinent Revolution machen muß, werde ich mich in der Selva an der Grenze von Bolivien und Brasilien niederlassen. Ich kenne die Gegend recht gut, denn ich bin dort Arzt gewesen. Von dort aus kann man seine Tätigkeit auf drei oder vier Länder ausdehnen (Argentinien, Bolivien, Paraguay, Brasilien), und wenn man sich die Grenzen und den Wald zunutze macht, kann man's schaffen, daß man nie gefaßt wird. Wenn Che irgendwo ist, dann dort."
Das erzählte uns Raja del Rio Im Februar 1967, drei Monate ehe der Guerillakrieg in Bolivien begann, der Krieg des Che Guevara im Dschungel. Aber während er längst gegen den Feind marschierte, rätselte die Welt darüber, wo der Partisanenchef war, ja ob er überhaupt nach lebte. Ernesto Che Guevara wurde zum Phantom.
Da hieß es, Che sei im Oktober 1966 in Buenos Aires und in Misiones, wo er aufgewachsen ist, gesehen worden. Mitglieder der peronistischen Gewerkschaften hätten ihn versteckt und dann einen Bericht über seinen Aufenthalt und seine Tätigkeit geschrieben. Dieser Bericht sei General Perón, dem einstigen Diktator Argentiniens, nach Madrid geschickt worden.
Perón hatte schon im April 1966 kurz nach Guevaras Verschwinden ein Exemplar des letzten Guevara-Buches "Der Sozialismus und der Mensch auf Kuba" erhalten. In der Widmung tat Guevara öffentlich Abbitte. Er gab zu, sich über die Persönlichkeit und die Ziele des argentinischen Ex-Diktators getäuscht zu haben, und bat ihn, zugleich mit seinem Bedauern das Buch als Beweis seiner Bewunderung entgegenzunehmen.
Meinte Che das ehrlich oder bereitete er schon seine Rückkehr nach Argentinien vor? Wenn er sich In einer Stadt verstecken wollte, konnte er das nicht ohne Hilfe der Peronisten.
Andere behaupteten, Che sei in Santa Domingo gestorben. Aus Kuba verjagt, von Castro verstoßen, habe er dort einen heroischen Tod im Kampf gegen die amerikanischen Marine-Infanteristen gesucht. Er sei am zweiten Tage der Erhebung getötet worden. Ein kubanischer Offizier wollte Ches Leiche gesehen haben, ehe man sie in einem Massengrab versenkte und es dann mit ungelöschtem Kalk bedeckte.
"Nein, er ist nicht in Santo Domingo getötet worden", sagte man mir in Emigrantenkreisen. "Aber die Castristen wollen, daß man das glaubt. In Wirklichkeit ist er von Castro liquidiert worden, weil er damit den Russen eine Freude machen wollte oder weil sie es gefordert hatten."
Schon In jener Zelt schien es schwer, dieser Hypothese zuzustimmen. Man konnte sich schlecht vorstellen, daß Fidel Castro einen seiner ältesten Gefährten den Russen zuliebe liquidierte, wo er doch im Gegenteil sich so weit wie möglich von ihrem Einfluß zu befreien versuchte. Durch dieses Verbrechen wäre er für immer ihr Geisel geworden.
Es wäre für Fidel Castro zu gefährlich gewesen, mit der Leiche des Che ein häßliches Spiel zu treiben; man hätte eines Tages der Welt enthüllen können, daß er an dem Mord beteiligt war. Die Geheimdienste des Ostens konnten das Geheimnis lüften, wenn sie beschlossen hätten, sich des unfügsamen Führers der kubanischen Revolution zu entledigen,
Man hat mir auch versichert, Che sei in einem östlichen Land (in Polen zum Beispiel). Hatte er nicht vor seinem Verschwinden alle seine persönlichen Sachen dem polnischen Botschafter übergeben? Man behauptete auch, er sei in Rußland oder Vietnam. Er war überall. Er war nirgends.
Am 1. August 1966 wählte In Havana die lateinamerikanische Solidaritätsorganisation O. L. A. S. zum Ehrenpräsidenten "den Comandante Ernesto Che Guevara, der den revolutionären Kampf In Lateinamerika fortsetzt". Das war ein neuer Stein zum Bau des Mythos vom ewigen Revolutionär.
Als er verschwand, war Che in Kuba wenig beliebt. Man nannte ihn verächtlich den Argentinier. Er wurde zugleich vom Hof Fidels, der "pandilla", an der sich alles abspielt, und von der Revolution abgelehnt, die er sieh noch absoluter gewünscht hätte.
Dann aber wurde Castro aufsässig, verbannte die drei Bärtigen, Marx-Lenin-Engels, ins Magazin und ersetzte ihr Bild durch das immerhin anziehendere des Südamerika-Befreiers Bolivar, genierte sich nicht, den Russen die Wahrheit zu sagen, und schuf den neuen Organismus, der die lateinamerikanische Revolution lenken sollte.
Da er sich nicht selber zum Führer ernennen konnte, schob er Che vor. Aber abgesehen von ein paar kubanischen Regierungsbeamten, die in den Fluren des Hotels "Freies Havana" das Erscheinen des Che versprachen, glaubte keiner der Gäste mehr an Guevaras Zukunft.
Das Geheimnis wurde immer undurchsichtiger. Von Mal zu Mal ertönte die Frage lauter: Wo war Ernesto Che Guevara, der Erlöser aus dem Dschungel?
IM NÄCHSTEN HEFT
Che Guevaras Rebellion gegen das argentinische Establishment -- In den Händen der amerikanischen Fremdenpolizei -- Guevaras Aufstieg zum Partner und Rivalen Fidel Castro.

DER SPIEGEL 31/1968
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