29.07.1968

WAFFENLeichter Schuß

Es ist Zeit, den Morden an Vätern und Söhnen Einhalt zu gebieten. Es ist Zeit, Amerika zu entwaffnen", forderte die "Bruderschaft für Versöhnung" in ganzseitigen Anzeigen in der "New York Times".
Der Oberbürgermeister von San Francisco, Joseph Alioto, rief seine Stadt zur "Woche der Schußwaffen-Ablieferung" auf. In Los Angeles gaben 680 Schüler der Crescent-Heights-Grundschule 150 Spielzeugpistolen ab. Im New Yorker Stadtteil Queens legten 1000 Kinder ihre Plastikwaffen nieder.
Das Versandhaus Sears, Roebuck stoppte den Post-Verkauf von Waffen, die Warenhäuser Macy's und Alexander's und die Geschäftskette Jordan Marsh bieten keine Schießeisen mehr an.
"Wie viele Präsidenten und wie viele Männer wie Martin Luther King müssen noch ermordet werden, bevor der Senat einschreitet?" hatte der demokratische Senator Thomas Dodd noch im Mai seine Kollegen im Senat gefragt. Sein Plädoyer für ein strikteres Waffengesetz war damals ungehört verhallt.
"Wo bleibt der öffentliche Aufschrei nach einem Waffengesetz?" hatte auch Senator Robert Kennedy wissen wollen. 105 Gesetz-Entwürfe waren seit der Ermordung seines Bruders John F. Kennedy im November 1963 vorgelegt worden. Stets hatte der Kongreß Änderungen abgelehnt.
Nach den tödlichen Schüssen auf Robert Kennedy aber stimmten Repräsentantenhaus und Senat erstmals seit 30 Jahren einer Gesetzesvorlage zu, die Amerikas schrankenlose Waffen-Freiheit beschnitt. Im Juni unterzeichnete Präsident Johnson das neue Gesetz, qualifizierte es aber sogleich als nur "halbe Maßnahme".
Denn allein der Postversand von Faustfeuerwaffen und Munition, der Verkauf von Schießeisen an Jugendliche unter 21 Jahren sowie die Abgabe von Waffen an Bürger aus anderen Bundesstaaten sind jetzt verboten. Gewehre, Panzerabwehr-Kanonen und Maschinenpistolen können die US-Bürger weiterhin innerhalb eines Bundesstaates per Post bestellen. Gesetzesanträge, wonach künftig alle Schußwaffen oder zumindest Faustfeuerwaffen registriert werden sollten, lehnte das Repräsentantenhaus am vorletzten Freitag ab.
Zwar dürfen jetzt Kriminelle, Geisteskranke, illegale Einwanderer und unehrenhaft aus den Streitkräften entlassene Soldaten keine Waffen mehr besitzen -- doch schon heute wird das Arsenal der US-Bürger auf 50 bis 200 Millionen Waffen geschätzt. Ein Senats-Untersuchungsausschuß ermittelte beispielsweise, daß von 4000 Waffen, die ein Versandhaus von Los Angeles nach Chicago geschickt hatte, 1000 in den Besitz von Kunden mit Vorstrafenregister gelangt waren. "Allein In Los Angeles gibt es mehr Waffen als in Saigon", klagte ein Negerführer -- mindestens drei Millionen Stück. 6500 US-Bürger wurden im letzten Jahr durch Schüsse aus Privat-Waffen ermordet, 10 000 erschossen sich selbst. 100 000 Zivilisten erlitten Schußverletzungen.
Seit Beginn dieses Jahrhunderts starben mehr Amerikaner durch private Schußwaffen als in den Kriegen der Nation: fast 800 000 gegenüber etwa 630 000 Kriegsopfern.
Rund drei Millionen Waffen setzen die Händler pro Jahr ab. Zwei Millionen davon kommen per Post Ins Haus, "so einfach", sagte US-Präsident Johnson, "wie ein Korb mit Früchten oder eine Schachtel Zigaretten".
Im Bundesstaat Massachusetts verkauften 1100 Waffenhändler im letzten Jahr genug Waffen, um damit eine Armee von 56 000 Mann auszurüsten. In Chicago nahm die Polizei 1293 Jugendliche und Kinder, darunter einen Achtjährigen, fest, weil sie mit Schußwaffen ausgerüstet waren. 70 Tonnen Munition und Waffen, darunter eine Kanone, entdeckte die Kriminalpolizei von San Francisco in einem Privat-Arsenal der Familie William Thoresen.
Für unbeschränkte Schieß-Freuden kämpft vor allem die "National Rifle Association" (NRA), die als inoffizieller Sprecher der florierenden amerikanischen Waffenindustrie gilt. Ihr Slogan: "Nicht Waffen töten Menschen, Menschen töten Menschen". Mindestens zwei Dutzend Kongreßabgeordnete sind Mitglieder der NRA.
182 Rechtsexperten der NRA in Washington und den Hauptstädten der Bundesstaaten bekämpfen jegliche Waffen-Gesetzesänderung.
30 Jahre lang war der Schieß-Verband mit seinen 800 000 Mitgliedern erfolgreich. Jede Forderung nach strengerer Waffenkontrolle qualifizierte der Schützenverein als eine Verschwörung mit dem Ziel, "amerikanische Bürger zu entwaffnen".
"Wir leben noch Immer", so glaubt der Kriminal-Psychologe Dr. Abrahamson vom "Institut zur Erforschung der Gewalttätigkeit" in Massachusetts, "in der Legende des Wilden Westens, wo die Tat die einfachste Lösung war." Die "National Rifle Association" will diese Schieß-Tradition erhalten.
In einem zweiseitigen Schreiben an die NRA-Mitglieder rief der Schützen-Chef Harold Glassen zum schriftlichen Widerstand gegen jede weitere Gesetzesänderung auf. Die Schützen sollen den Kongreßmitgliedern in einem organisierten Write-in ihren Willen demonstrieren.
Kontrollen, so behaupten die Waffenbrüder, würden die amerikanische Wirtschaft treffen. Allein im vergangenen Jahr setzten etwa 50 000 Händler Munition und Waffen im Wert von rund 350 Millionen Dollar um. 16 000 US-Firmen produzieren Jagd- und Waffenzubehör, mehr als 20 000 Amerikaner sind in der Privatwaffen-Produktion beschäftigt. 15 US-Zeitschriften berichten ausschließlich über Schießeisen und Jägerei.
Insgesamt, so errechnete NRA-Chef Glassen, setzen Waffenindustrie und Zubehörhandel der USA 2,5 Milliarden Dollar im Jahr um. Nicht der Tod John F. Kennedys, nicht die Ermordung des Nobelpreisträgers Martin Luther King und auch nicht das Attentat auf Robert Kennedy hinderte bislang die Waffen-Händler, für ihre Produkte in geschmacklosen Zeitungsanzeigen zu werben.
"Wollen Sie eine Maschinenpistole zum Vatertag" oder die Nachbildung jener Derringer-Pistolen, "mit denen zwei Präsidenten der Nation, Abraham Lincoln und William McKinley, erschossen wurden?" fragten Waffenverkäufer in Anzeigen.
"Mit dieser Waffe können Sie selbst aus weiter Entfernung auf Rehe und Bären, Autos und Lastwagen und -- falls Sie einen sehen -- auch auf Panzer schießen", lobte unlängst ein US-Waffenhändler sein "ideales" Produkt -- eine Panzerabwehr-Kanone zum Sonderpreis von 398 Mark.

DER SPIEGEL 31/1968
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