29.07.1968

IRAK PUTSCH

Beten wir

Eine Stunde bevor Bagdads Muezzins von den Minaretten zum Morgengebet riefen, rollten 22 Sowjet-Panzer und 18 amerikanische Jeeps mit montierten Raketenwerfern vor den Palast des irakischen Staatspräsidenten Abd el-Rahman Mohammed Arif, 52. Unter Kommando des Oberstleutnants Saadun Ghaidan umstellten die Truppen die Residenz.

Eine Staffel Jagdflugzeuge britischer Produktion zog im Tiefflug über die Hauptstadt des Zweistromlandes. Zwei Stoßtrupps zwangspensionierter Offiziere besetzten "Radio Bagdad" und die städtische Telephonzentrale.

Es war -- am vorletzten Mittwoch -der zwölfte Staatsstreich seit Bestehen des Irak.

Er verlief unblutig. Geschossen wurde nur an der Residenz des Präsidenten. Dessen Sohn Kais feuerte mit einer Maschinenpistole auf die Panzer der Meuterer. Eine Granate zerschmetterte das Hauptportal, Maschinengewehrgarben löcherten die Decke im großen Empfangssaal.

Schon nach den ersten Salven winkte ein Pyjama-bekleideter Mann mit einem weißen Bettlaken aus einem Fenster im Oberstock: "Schießt nicht!" Zum Alleinkämpfer Kais: "Hör auf,.. es hat keinen Zweck."

Ein Zugführer der Präsidentenwache öffnete die hohen Gittertore zum Palmengarten -- der Anführer der militärischen Ruhestörer war sein Bruder. Auch der Kommandeur der Präsidenten-Leibgarde, Oberst Ibrahim Abderrahman Daud, kam zum Gruß ans Tor: "Ahlan wa-sahlan" herzlich willkommen,

Im Schlafzimmer des Staatspräsidenten klingelte unterdessen das Telephon. Am Apparat: Ex-General Ahmed Hassan el-Bakr, 56, der schon König Feisal und Staatspräsident Kassim stürzen half: "Ich rufe aus (dem fünf Kilometer vom Palais entfernten Militärlager) Waschasch an. Gib auf oder ich schicke mehr Panzer!" Arif: "Wie kommst du zu diesem Gaunerstück?" Putschprofi Bakr: "Im Auftrag des Revolutionsrates"

Arif wählte die Nummer seines obersten Leibwächters Daud, doch der plauderte mit den Putsch-Freunden im Palmengarten. Vergebens rief der bedrängte Staatschef nun bei Abderrassak el-Naif, dem stellvertretenden Sicherheitschef, an. Der antwortete nicht. Statt dessen schaltete sich Bakr ein: "Unterschreibe deine Abdankungsurkunde ... Daud wird sie dir bringen." Darauf der Staatschef: "Gut, und was bietet ihr?"

Bakr: "Wir garantieren deine Sicherheit. Du kannst hingehen, wohin du willst. Du erhältst deine Pension." Arif: "Ich komme."

Im Verteidigungsministerium traf der geschaßte Staatschef seinen Nachfolger Bakr und dessen Kabinett. Gemeinsam plauderten die Offiziere über vergangene Zeiten, Arif aber sprach vor allem vom Geld: "Ich habe nicht genug, um in London zu leben." Der Gebetsruf des Muezzins unterbrach die Devisen-Debatte. "Beten wir zuerst", befahl der neue dem alten Staatschef.

Vor zehn Jahren hatten sie noch gemeinsam gekämpft. Als General Kassim und der Oberst Abd el-Salam Arif am 14, Juli 1058 König Feisal ermordeten, sicherte Bakr den Flugplatz Habbania, Hauptmann Arif, ein Bruder des Putsch-Obersten, die nördliche Zufahrtstraße nach Bagdad.

Ein Jahr später paktierte Bakr, der "ein sehr frommer Mann ist und sich fünfmal am Tag in Richtung Mekka verneigt" ("Al-Dschumhuria"), mit Nasseristen gegen Freund Kassim. Der Coup mißlang. Im Zuchthaus freundete er sich mit dem ebenfalls in Ungnade gefallenen Oberst Abd el-Salam Arif an. Zu Hausarrest begnadigt, putschten die Ex-Zuchthäusler 1963 gemeinsam gegen Kassim. Arif ernannte sich selbst zum Feldmarschall und Staatschef, seinen Freund Bakr beförderte er zum Ministerpräsidenten,

Nachfolger des Marschalls Arif, der bei einem mysteriösen Helikopter-Absturz im April 1966 tödlich verunglückte, wurde aber dessen Bruder Abd el-Rahman Arif. Mit der Protektion seines Bruders war er inzwischen vom Hauptmann zum Generalstabschef der irakischen Streitkräfte avanciert.

Ein "Revolutionsrat" ernannte ihn zum provisorischen Staatschef auf ein Jahr. Arif versprach, wie eine "Klammer" die "auseinanderstrebenden Kräftegruppen des Irak zusammenzuhalten" und ihre egoistischen Politiker "in einem demokratischen Parlament zu gemeinsamer Arbeit" anzuhalten.

Doch die von ihm eingesetzten Ministerpräsidenten Bassas und Nadschi Taub stellten ihre Ämter zur Verfügung, "weil die Armee zuviel dreinredete".

Zweimal bot Arif selbst dem Verteidigungsrat seinen Rücktritt an. Doch die zerstrittenen Araber forderten ihn auf, im Amt zu bleiben, "bis unter einer neuen Verfassung ein neuer Präsident gewählt wird". Seit dem Militär-Putsch gegen den Haschemiten-König Feisal ist das Land verfassungslos.

Nasseristen, sozialistische Baathisten, die "Soziale Union", "Arbeiterpartei", "Arabische Sozialistische Union", "Arabische Nationalisten", Kommunisten sowjetischer und chinesischer Färbung, ein Mosaik ethnischer Gruppen, Schiiten, Sunniten, Christen und Feudalisten kämpften unter dem schwachen Staatschef um die Macht. Jede Konzession an eine Gruppe provozierte den Protest anderer.

Arif begnadigte potentielle Umstürzler und entdeckte später zuweilen, daß die Armee sie aus "Sicherheitsgründen" wieder eingesperrt hatte.

Anfang Juli demissionierte der Minister für Landwirtschaft Farhan. Vergebens versuchte der Ministerpräsident eine Umbesetzung des Kabinetts: Die von ihm gewählten Kandidaten wurden stets telephonisch bedroht, "nicht in das Korruptions-Kabinett einzutreten". Bevor die Anrufer auflegten, verabschiedeten sie sich mit dem Ruf: "Es lebe das Kommando des Revolutionsrates,"

Gamal Abd el-Nasser, der Herr vom Nil, der einst selbst durch einen Putsch an die Macht kam, wollte seinen Präsidenten-Kollegen vor der drohenden Revolution warnen. Am 16. Juli meldete sich Ägyptens Botschafter im Auftrag Nassers bei Arif,

Der aber hatte keine Zeit für den Emissär: Der Staatschef spielte mit seinem Außenminister Trictrac, ein arabisches Würfelspiel. Erst zwei Stunden später, als die Partie beendet war, empfing er Kairos Mann.

Nasser empfahl Arif dringend, sich von Premier Jahja zu trennen und statt dessen den irakischen Botschafter in Moskau -- Hussein el-Habib -- zum neuen Regierungschef zu ernennen. Der Präsident war einverstanden. Der wegen zahlreicher Korruptionsaffären vom Volk als "Dieb von Bagdad" bezeichnete Premier sollte geopfert werden. Der amtierende Außenminister Khairallah gab die Order telephonisch weiter. Den Funkspruch nach Moskau aber fing das irakische Abwehrbüro ab und verriet Ihn an den Revolutionsrat. Nassers Rat, auch den stellvertretenden Stadtkommandanten von Bagdad sowie den Vize-Chef des Nachrichtendienstes abzulösen, weil sie "geheime Mitglieder einer prowestlichen und von der CIA bestochenen Verschwörergruppe" seien, ignorierte der Staatschef: "Ich kenne meine Freunde besser als Nasser, der sitzt weit vom Schuß."

Am vorletzten Dienstag bat Leibwächter-Oberst Daud den Staatschef Im Auftrag einer Gruppe junger Offiziere um ein "väterliches Gespräch". Ultimativ forderten die Soldaten kriegsgerichtliche Untersuchungen von Korruptionsfällen, die sofortige Ablösung des Ministerpräsidenten und die Umbildung des Kabinetts nach den Wünschen der Militärs.

Arif lehnte ab. Er befahl den Offizieren, ihre "Finger von der Politik zu lassen" und sich "ausschließlich dem Truppendienst zu widmen".

Einen Tag später leisteten sie Truppendienst: Ihre Panzer umstellten den Palast, und Arif ließ die Finger von der Politik. Er bestieg ein Flugzeug nach London.


DER SPIEGEL 31/1968
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