29.07.1968

STÄDTEBAU MÜNCHENBlindes Treiben

Wo immer Münchens Stadtväter eine Baustelle einrichten, lassen sie ein Schild in den Boden rammen: "München wird schöner."
Viele Bürger der Bayern-Metropole sehen das anders. Nicht nur beim Münchner Stadtvolk, auch bei kritischen Architekten und Städteplanern wächst die Überzeugung: München wird immer häßlicher.
Von den rund 500 000 Restbewohnern bei Kriegsende hat Deutschlands heimliche Hauptstadt seine Einwohnerzahl innerhalb von 20 Jahren um 800 000 Menschen (davon 400 000 Zugereiste) mehr als verdoppelt. Aber die Chance, auf dem Schutt das Weichbild neu zu ordnen, wurde vertan. Die "städtebaulich eher verschlafene Landeshauptstadt" ("Süddeutsche Zeitung") erstand in alter Brauhaus-Gemütlichkeit und biedermeierlicher Enge.
Noch 1960, als die Einwohnerzahl schon die Millionengrenze überschritten hatte, gab es in München keine U-Bahn. Und auch der städtebauliche Kraftakt, mit dem von 1960 an die einstmals behäbige Residenz doch noch zur modernen Metropole umgeformt werden sollte, geriet zu einem chaotischen Lehrstück der Fehlplanung.
Den Grund für die Baumisere suchen die meisten Kritiker, so beispielsweise Paulhans Peters, Chefredakteur des Fachblattes "Baumeister", vor allem bei der Münchner "Obrigkeit"; sie habe nach "Vorstellungen aus Opas Steinbaukasten" geplant, und das dilettantische Flickwerk ·der beamteten Architekten habe "die Innenstadt versaut".
In der letzten Woche nun formierte sich eine Art Bürgerwehr gegen den Übermut der Ämter. Bewohner der Isar-Stadt bildeten ein Bau-Tribunal' das hinfort jeden Plan oder Beschluß der Baumeister öffentlicher Kritik unterziehen soll. Unter dem Namen "Münchner Forum" wurde das Nothilfe-Gremium, dem Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft, Behörden und Gewerkschaften, aber auch Studenten und Verwaltungsbeamte angehören, am Dienstag letzter Woche gegründet.
Fachleute wie Professor Gerd Albers von der Technischen Hochschule München oder Paulhans Peters vom "Baumeister" wollen mit Behördenvertretern wie dem Münchner Stadtbaurat Edgar Luther und Kritikern wie Hans Heigert vom Bayerischen Fernsehen über Straßenbau und Stadtrandsiedlungen, Fußgängerbereiche und Finanzierungen diskutieren.
In keiner anderen deutschen Stadt wird gegenwärtig so viel gebaut und gebuddelt wie in München. Baukrater für die 14 Kilometer U-Bahn-Strecke klaffen zwischen Feldherrnhalle, Frauenkirche und Stachus und zwingen Autos wie Trambahnen durch ein Labyrinth von Umleitungen. 400 Hektar bayrischen Boden durchwühlen Bagger und Planierraupen auf dem geplanten Olympia-Gelände Oberwiesenfeld. 1000 Hektar Bauland frißt die Trabantenstadt Perlach im Südosten Münchens.
Noch immer sind Stadt und Landkreis München von der Wohnungsnot betroffen wie kein anderes Areal in der Bundesrepublik. Weniger als zehn Prozent aller Münchner sind zufrieden mit ihren Behausungen. Annähernd 60000 gelten als dringende Wohnungssuchende. Und jedes Jahr wandern durchschnittlich 25000 neue Münchner zu.
Daß dennoch zahlreiche Neubauwohnungen leerstehen, liegt an dem krassen Mißverhältnis zwischen Arbeitnehmer-Einkommen und Münchner Immobilienpreisen. Eigentumswohnungen sind nicht unter 40000 (für ein Zimmer), 90000 (für zwei Zimmer) und 120 000 Mark (für drei Zimmer) zu haben.
Die Spekulanten kamen ins Geschäft, als der "Weltstadt mit Herz" der Herzinfarkt drohte -- als die Versäumnisse des ersten Nachkriegsjahrzehnts das Stadtleben bedrohten; seit Anfang der fünfziger Jahre stiegen die Münchner Grundstückspreise um 900 Prozent.
Zwar machte München einen Plan. Im Juli 1963 wurde ein städtebaulicher "Entwicklungsplan" verkündet. Doch selbst Bürgermeister Vogel hält die -- starr auf 30 Jahre ausgerichtete -- Städteplanung für "nicht der Weisheit letzten Schluß". Und die meisten Planungsfachleute, so etwa der Baukritiker Peter M. Bode, nennen ihn "schon jetzt überholt".
Zwar schrieb die Stadt München viele Architekturwettbewerbe aus -- aber sie kamen, wie die "Süddeutsche Zeitung" konstatierte, "immer zu spät" und dienten meist nur "zum Zwecke des Alibis", So wurden beispielsweise Wettbewerbe ausgerufen: >für das Zentrum der Entlastungsstadt Perlach -- als bereits Straßenführung und Fluchtlinien von Wohnbauten festgelegt waren,
* für den Wiederaufbau des Schwabinger Zentrums "Münchner Freiheit" -- als schon die Abluftschächte für die U-Bahn angelegt waren,
* für den neuen Fußgängerbereich in der City -- als den wetteifernden Architekten kaum mehr übrigblieb, als Fahnenstangen und Pflanzentröge, Brunnen und Bänke umherzurücken.
Daß gelegentlich Respektables entstehen kann, wenn Architekten von den Möglichkeiten moderner Beton- und Fertigteilbauweisen sinnvollen Gebrauch machen, beweisen vereinzelte Musterbeispiele wie etwa die (preisgekrönten) Apartment-Häuser "Max und Moritz" in der Parkstadt München-Solln, entworfen von Jürgen Freiherr von Gagern.
Der avantgardistische Architekt, zugleich Mitinitiator des neuen Kritik-Forums, brachte in jeweils 13 Geschossen mäßig teure Eigentumswohnungen unter, die gegenüber dem üblichen Zwei- und Drei-Zimmer-Wohnungsbau einen entscheidenden Vorteil aufweisen: Variable Trennwände in den Geschossen erlauben es, die Wohneinheiten jeweils für die Bedürfnisse eines Junggesellen oder einer kinderreichen Familie herzurichten.
Demgegenüber erscheint etwa die neuerbaute Wohnmaschine "Arabella-Park" -- Netto-Mieten: 10 bis 12 Mark je Quadratmeter -- eher als gigantischer Bunkerbau inmitten einer Steinwüste. In dem zentralen Wohnbau wird auf einer Grundfläche von 20 mal 150 Meter Beton zu einer 22stöckigen Gebirgswand aufgehäuft.
Deprimierende Klötzchen-Architektur -- graue Betonwände zwischen winzigen Grünflächen -- bietet auch die Wohnsiedlung "Hasenbergl" im Norden Münchens. Nach Art eines Gettos wurden für 25 000 Menschen -- durchweg Angehörige einer sozial minderbegünstigten Schicht -- Wohnwaben auf einem ehemaligen Exerzierfeld aufgetürmt. Baukritiker Dieter von Schwarze über das "Hasenbergl": "Schlechteste Trabantenstadt Deutschlands -- einfach beschissen."
Kaum gelinder werden die 100 000 Münchner urteilen, die in der "Entlastungsstadt" Perlach Quartier beziehen sollen. Denn was bislang von Perlach zu erkennen ist, scheint so berüchtigte Bausünden wie die "Neue Vahr" in Bremen oder die "Gropius-Stadt" in West-Berlin an Häßlichkeit noch zu überbieten.
Nicht nur, daß eine designierte Wohnsiedlung genau in die Einflugschneise des Flughafens München-Riem placiert wurde. Der Lärmqual wird sich -- 40 Jahre nach Zille -- auch noch Geruchsbelästigung zugesellen. Drei Jahrzehnte, nachdem Hochhaus-Architekten den Müllschluckschacht erfanden, stellten die Perlach-Architekten überquellende Mülleimer in kleinen Betonhäusern wieder ins Blickfeld der Bewohner und Besucher: direkt an den Straßenrand, neben die Hauszugänge.
Solche abschreckenden Beispiele von Fehlplanung schon im Reißbrettstadium abzuwenden, hat sich das nunmehr begründete "Münchner Forum" streitbarer Bürger zum Ziel gesetzt. Daß solche Kritik sich nicht allein gegen mangelnden Einfallsreichtum der Architekten zu richten hätte, scheint immerhin dem Münchner Stadtoberhaupt' SPD-Mitglied Hans-Jochen Vogel, mittlerweile deutlich.
Auf der "Forum"-Gründungsversammlung ließ Münchens Oberbürgermeister erkennen, daß er vernünftige Bauplanung und kapitalistische Baugrundspekulation für unverein hat halte, Vogel: "Die Zeit ist überreif, daß wir mit der Sozialbindung des Eigentums Ernst machen."
* Rechts: Oberbürgermeister Vogel.

DER SPIEGEL 31/1968
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